Serie: Frischer Wind, Teil 15

Krankenhausseelsorge
Seelsorge im Krankenhaus wird immer häufiger durch Ehrenamtliche geleistet. Foto: Wolf

Seelsorge durch das Ehrenamt im Krankenzimmer

Dem Raum geben, was im Hier und Heute ist, das ist eine Aufgabe, der sich Menschen in der Seelsorge widmen. Geradezu unverzichtbar sind die ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen in der Krankenhausseelsorge geworden. Sie besuchen in der Regel einmal die Woche die Ihnen zugeteilte Station, gehen dort  von Zimmer zu Zimmer und bleiben, wo sie gerade nötig und willkommen sind. Als hauptamtliche evangelische Pfarrerin mit einer halben Stelle bin ich für vier Kliniken zuständig mit insgesamt mehr als tausend Betten. Vor meinem Dienstantritt vor mehr als fünf Jahren, konnte die Landeskirche für die gleiche Aufgabe noch eine ganze Stelle finanzieren. Das waren noch goldene Zeiten. Nun schultern wir diese Aufgabe mit unseren Teams von Ehrenamtlichen und erleben unglaublich große Resonanz auf deren Einsatz. Und die Mitarbeiter gehen meist selbst beschenkt von ihrem Dienst nachhause.

Eine von Ihnen schrieb über ihre Erfahrungen am Krankenbett: "In der partnerbezogenen Begegnung  kommen Gefühle zutage, an denen die meisten Menschen hin und wieder, manchmal mehr und manchmal weniger zu tragen haben: Zweifel, Schuld oder auch Sinnlosigkeit - des Lebens, der Krankheit. Ich fühle mich dann aufgefordert wahrzunehmen, wer ich bin und wer der andere ist und worunter er leidet. In diesen Momenten erlebe ich, dass Patienten, je nachdem, ob sie der kirchlichen Sozialisierung fern oder nah sind, in ihrem jeweiligen Kontext ansprechbar sind. Sie werden berührt, angerührt und ich kann 'Gott' als Chiffre für den Urquell göttlicher Hoffnung und Liebe ansprechen. Die Atmosphäre verändert sich dann spürbar, was ich nur mit der Zusicherung Jesu umschreiben kann 'Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen'."

Die Motivation für die Mitarbeit ist ganz unterschiedlich. Oft beginnt die Suche ein paar Jahre vor dem Ruhestand, wenn Menschen nach neuen Aufgaben Ausschau halten. Manchmal braucht jemand einen Ausgleich zu seiner beruflichen Tätigkeit, weil sie sie zu wenig in direkten Kontakt bringt zu anderen Menschen. Bei den meisten ist es die Dankbarkeit, dass es Gott und das Leben bisher mit ihnen so gut gemeint hat. Und schließlich motiviert immer wieder das Bewusstsein, eine Sendung zu haben, einen Auftrag, einen Ruf von höherer Stelle. Als bewusste Christin, sagte eine Ehrenamtliche, muss ich "meinen Glauben auch leben. Es reicht mir zum Beispiel nicht, den Gottesdienst zu besuchen, sondern ich muss mich auch um meinen Nächsten kümmern. Ich will im Kleinen das Licht hinaustragen in die Welt."

Und das bringt frischen Wind in die Krankenzimmer, wo so oft viele Stunden am Tag die Tür nicht aufgeht oder nur zu Untersuchungen oder wenn man zu Anwendungen oder weiteren Eingriffen woanders hingefahren wird. Die Tür geht auf und es kommt ein Mensch, der an Jesus Christus glaubt, Erfahrungen gemacht hat mit dem Gebet oder beim Lesen der Bibel und darüber spricht: ein Mensch der auch keine Angst hat vor Nähe.

In den Krankenhäusern finden wir ja gerade nicht nur die Kirchentreuen und die im Glauben fest Verwurzelten. Die auch, aber vor allem auch viele, die mit den verfassten Kirchen und Gottes Bodenpersonal ambivalente Erfahrungen gemacht haben, oder sogar tief verletzt wurden. Es sind viele Menschen suchend unterwegs und spirituell ohne Heimat. Sie sprechen gern mit einem sogenannten 'Laien'. Ein Gespräch von Mensch zu Mensch stellt keine zu große Hürde dar. Und wer durch seine Krankheit, einen momentanen schlechten gesundheitlichen Zustand in eine Krise gekommen ist, atmet auf, wenn endlich jemand ohne Absicht sich liebevoll zuwendet. "Endlich bin ich gesehen worden." Ohne Zurüstung soll aber niemand in dieses attraktive und anspruchsvolle Ehrenamt gesendet werden.

Ein sechsmonatiger Ausbildungskurs (wie er z.B. in München die Regel ist) vermittelt Grundlagen der Seelsorgearbeit aus Theologie und Bibelwissenschaft, aus Psychologie und Kommunikationstheorie. Im Anschluss daran schließt man sich einem Team von Ehrenamtlichen an, das unter Supervision einmal im Monat zusammenkommt, Erfahrungen austauscht, Probleme diskutiert und Gesprächsprotokolle bespricht.

Über das, was sie im ersten halben Jahr erlebt hat, schrieb eine neue Mitarbeiterin: "Ich bin sehr unterschiedlichen Kranken begegnet, mit völlig verschiedenen Biographien, Ist-Zuständen und Prognosen. Allen gemeinsam war, dass sie sich gefreut haben, Besuch zu bekommen, offen sprechen und sagen zu können, was sie wollten und wieviel sie wollten. Auch das bloße Da-Sein, die Nähe hab ihnen gutgetan." Und eine ­andere schrieb: "Während bei Medizinern in erster Linie das aktive Handeln gefordert ist, muss ich als Seelsorgerin zuhören, hineinhören und mich hineinfühlen können. Ich muss es aushalten, auch mal keine Lösung parat zu haben, nur da zu sein, still zu sein und Nähe zuzulassen."

Gott hat auf diesen Dienst seinen besonderen Segen gelegt, davon erzählt das Gleichnis Jesu (Matthäus 25, 31-40). Wenn Ehrenamtliche  am Krankenbett beten, ist es Ihnen manchmal, als ob ein Dritter, Stärkerer hinzukommt, der eine sorgenvolle Seele tröstet und durch seine Gegenwart das zu Tragende leichter werden lässt. Wenn ein Segenswort gesprochen oder mit einer schönen Karte weitergegeben wird, hilft auch das oft weiter. Auf einer Dankeskarte für die Seelsorge fasste ein Patient, der vor einer riskanten Operation besucht wurde, seine Erfahrung in diesem Satz zusammen: "Daheim ist man, wo man ohne Worte verstanden wird." Auch so kann also Seelsorge geschehen.

Wem kann diese Art von Mitarbeit in der Kirche empfohlen werden? Eine Mitarbeiterin schreibt: "Ich empfehle die Arbeit allen, die Freude am Umgang mit Menschen haben. Sie sollten offen sein für den Kranken. Sie müssen empathisch und eine gefestigte Persönlichkeit sein. Denn die Kranken befinden sich in einer Ausnahmesituation und reagieren gar nicht so selten anders als Gesunde. Aus diesem Grunde ist es auch wichtig, dass die Seelsorgerin nicht alles gleich persönlich nimmt, sondern eine gewisse Gelassenheit mitbringt. Ebenso unerlässlich ist ein tiefer Glaube, der trägt, besonders in schwierigen Situationen. Und eines ist sicher: Es ist nicht nur ein großes Geben, sondern auch ein Zurückbekommen in Fülle."  

                            Irmgard Wolf

Irmgard Wolf-Erdt (59 Jahre), evangelische Pfarrerin in der Krankenhausseelsorge in München, verheiratet, Mutter von drei erwachsenen Söhnen.

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