Serie: Frischer Wind, Teil 13

Jesus und Petrus
Jesus und seine Jünger in einer Kirche auf Amrum. Foto: Müller

Das offene Mikrophon - Sprache finden für den Glauben

Die Glocken läuten spät. Der Tag ist fast vergangen. Mit Geschäftigkeit für das, was unter der Woche liegenblieb. Mit Besuchen bei Familie, Freundin, im Freibad. Wer an diesem Abend in die Kirche geht, bringt viel mit. Für mich ein spannender Tag.Leere Kanzel

Denn die Kanzel wird heute leer bleiben. Im evangelischen Predigtgottesdienst, für den ich als Pfarrerin verantwortlich bin. In der Kirche des Wortes. Vor dem Altar steht ein Mikrophon. Das ist anders als sonst, wo mobil übertragen wird oder die Stimme der Pfarrerin durch den Raum trägt. Das Mikrophon ist offen. Das heißt: In der Kirche das Wort zu erheben, ist kein Privileg der Geistlichen. Manchen irritiert das im Vorfeld. Wollen Sie das wirklich riskieren, Frau Pfarrerin? Wie kann das denn gehen?, werde ich gefragt.

Ich freue mich über die Neugier. Auch über die Sorge im Blick auf das gepredigte Wort. Den Menschen ist wichtig, was in der Kirche gesagt wird. Und was wichtig ist, drücken sie mit der Sorge darüber aus, wer es sagt. Es geht darum, was gesagt wird. Und hilfreich und nützlich ist es, wenn gut ist, wie es gesagt wird. Ich weiß, dass die, die etwas sagen werden, dies sorgfältig überlegt haben. Die Worte gewählt und geübt. Denn wer allein mit Worten Menschen erreichen will, ohne Gesten, Requisiten und Lieder, überlegt sich, wie dies gelingen kann.

Predigkunst

Was geschehen wird, ist Kunst, Performance - Predigtkunst. Was leicht wirkt, ist sorgfältig erwogen. Von Menschen, die häufig auch gut improvisieren könnten. Und die Gottesdienstbesucher sind ganz dabei, solidarisch mit der Energie des Lampenfiebers und mit großem Respekt. Das Mikrophon ist offen. Wer wann spricht, hat das Los entschieden. Gemeinsam haben alle schon gesungen, die Pfarrerin hat ein Gebet gesprochen. Gespannte Stille. Aufmerksames Lauschen, als der Erste ans ­Mikrophon tritt. Erzählt, flott, in gereimten Worten. Danach: Zwei junge Mädchen haben gemeinsam Worte gefunden, um von ihrer Welt zu erzählen. Sichtlich haben sie Freude daran. Und die Alten staunen, was die Jungen sich trauen. Ein Dritter geht langsamen Schrittes darauf zu, Worte zu finden. Alle merken: In der Mitte der Kirche zu stehen und das Wort zu erheben, ist besonders. Diese Stille ist vielen ein Freiraum.

Ben sitzt im hinteren Drittel der recht gut gefüllten Kirche. Er ist froh, dass er sich an einer Säule anlehnen kann, Jahrhunderte älter als er selbst. Vor kurzem erst war er beim Poetry Slam, einer Art Dichterwettstreit. Jeder darf sprechen. Etwas Eigenes. Oft in gebundener Sprache, berührend, nicht länger als sieben Minuten. Das Publikum ist gespannt und aufmerksam. Wenn sich jemand traut, von dem zu erzählen, was ihn bewegt, was er verstanden hat vom Leben.

Ben hat dort gehört, dass es bald auch PredigtSlam in der Kirche geben würde. Das hat ihn neugierig gemacht, doch vorsichtshalber hat er seine Freunde mitgebracht. Zusammen sind sie weniger fremd. Die, denen der Kirchraum ganz vertraut ist, sind auch da. Sie schätzen die Kanzelrede am Sonntag. Die Lehre wird hier geliebt und die Poesie. Und doch wollen sie wissen und erfahren, was sonst noch so möglich ist. Pfarrerinnen und Pfarrer, Vikarinnen und Vikare experimentieren mit Sprache für die Predigt. Wie das, was in Kirchen gesagt wird, den gegenwärtigen Hör- und Erlebensgewohnheiten gerecht werden kann. Verständlichkeit wahrscheinlich zu machen, gehört zu den Grundanliegen reformatorischer Verkündigung.

Viel mehr als Sätze

Predigten können viel mehr sein als eine Reihe aus Haupt- und Nebensätzen. Und jeder kann etwas sagen. ­Etwas Eigenes. Gereimt oder Ungereimtes. Etwas, das Menschen bewegt, anregt und berühren kann. Auch das, wo das Leben und der Glaube nicht in einem Versmaß aufgehen. Das ist kein: Alles ist möglich. Alles ist beliebig. Es nimmt ernst, dass es hilfreich ist, wenn Menschen lernen, im Glauben zu sprechen. Es nimmt ernst, dass Kreativität lernbar ist. Dass jeder mehr kann, als er denkt. Was würde ich denn sagen?, fragt sich so mancher, der PredigtSlam erlebt. Auch gut unterhalten kann man in der Kirche sein. Es macht Spaß, da zu sein und zuzuhören.

Auch Ben merkt das. Er war schon lange nicht mehr in einer Kirche. Es ist ihm auch ein bisschen unheimlich. Da ist etwas größer als er selbst. Dieser Slam ist anders als die, die er aus kleinen Kellerkneipen kennt. Aber er merkt: Da wird meine Sprache gesprochen. Da kommen meine Themen vor.

Klang von Worten und dann auch Musik erfüllt den großen Kirchraum. Die Pfarrerin macht nicht mehr viele Worte. Vielleicht hat auch sie ohnehin schon einen Text vorgetragen. Dass Beten in die Kirche gehört, verstehen auch die, die es sonst nicht tun. Musik und Segen begleiten Menschen in einen lauen Sommerabend. Eine leichte Brise umweht sie vor der Kirchentür. Mancher schweigt angesichts so vieler verschiedener Worte, andere lachen, freuen sich, unterhalten sich noch eine Weile, bevor jede ihrer Wege geht. Frischen Wind haben viele wahrgenommen. Er hat das durchweht, was Du mitgebracht hast. Inmitten uralter Gemäuer, einer durchpredigten Kirche. Und auf dem Heimweg hörst Du die Glocken, die den Abend ausläuten. 

Am nächsten Tag malt das Kind in meinem Pfarrhaus ein Bild seiner Welt. "Schau mal, die Wolken fehlen noch, die hast Du noch nicht angemalt", höre ich mich sagen. "Nein", sagt der Junge mit seinen fünf Jahren, "von den Wolken ist die Farbe abgefallen. Damit Gott uns überhaupt sehen kann, und hier bei uns alles bunt ist." Ja, denke ich bei mir, so kann's gehen: eine Sprache finden für den Glauben.   

                            Friederike Erichsen-Wendt

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