Serie: Frischer Wind, Teil 12

Jesus und Petrus
Jesus und seine Jünger in einer Kirche auf Amrum. Foto: Müller

Ideen und Gedanken, wie Kirche auch aussehen könnte: Wir brauchen sie!

Ein Pedigerseminar vor etlichen Jahren: Unser Vikariatskurs hatte einen bunten Abend vorbereitet, bei dem viele Talente zur Entfaltung kamen. Eine Gruppe hatte einen Sketch kreiert: "Schulungskurs für angehende Oberkirchenräte", hieß er. Der Inhalt des Sketches: Die leitende Ebene soll ihr Handwerkszeug lernen, um auch in Zukunft der Pfarrerschaft gut vorzustehen.Wir brauchen Sie

"Ganz wichtig", so hieß es in dieser fiktiven Fortbildung, "ganz wichtig für einen angehenden Oberkirchenrat, eine angehende Oberkirchenrätin ist der Satz 'Wir brauchen Sie!' - dabei dem Delinquenten treuherzig in die Augen schauen und ihm so lange auf die Schulter klopfen, bis er einknickt!"

Am nächsten Tag bekam unser Kurs Besuch des "echten" Oberkirchenrates. Er setzte sich zu uns, um - wie er sagte - unsere Sorgen und Probleme wahrzunehmen. "Liebe Vikarinnen und Vikare, auch wenn es manchmal vielleicht im Alltagstrubel untergeht, ich möchte, dass Sie bitte eins mit nach Hause nehmen" - er warf aus seinen treuherzigen braunen Augen einen Blick in die Runde, dann fuhr er fort - "wir brauchen Sie!" Der ganze Kurs begann schenkelklopfend zu lachen.

Seit dem ist einige Zeit ins Land gegangen. Ich habe mein Vikariat absolviert und war dann zehn Jahre Pfarrerin in verschiedenen Gemeinden. Nun habe ich mich für zwei Jahre beurlauben lassen. Seitdem höre ich ihn wieder öfter, diesen Satz. Manchmal mit leisem Vorwurf: "Aber wir brauchen doch so dringend Pfarrerinnen wie Sie!" Wenn ich am Anfang des Monats das kirchliche Amtsblatt lese, bestätigt sich dieser Eindruck. Es quillt über vor vakanten Pfarrstellen. Es schreit förmlich auf jeder Seite: "Wir brauchen Sie!"

Stellenausschreibung

Ich lese da zwischen den Zeilen auch eine große Not: Keiner ist da, keiner kümmert sich um uns, seit drei Jahren wollte niemand zu uns. Wir brauchen Sie!
Aber seien wir mal ehrlich. Brauchen Sie, liebe vakante Gemeinde, wirklich mich? Oder laufen Sie, was Ihre Erwartungen an einen Pfarrer oder eine Pfarrerin betrifft, längst überholten Idealen hinterher? Ich lese zum Beispiel häufiger Sätze wie: "Wir freuen uns auf einen Pfarrer/ eine Pfarrerin/ ein Pfarrerehepaar, der/ die/ das das Dorfleben liebt." Es geht also nicht nur um gute Arbeit. Es geht um einen ganz bestimmten Lebensstil: Der Pfarrer, die Pfarrerin, idealerweise das Paar im Pfarrhaus als Vater und Mutter der Gemeinde. Väterliche und mütterliche Menschen, die mit und in der Gemeinde leben und in ihr aufgehen. Solche Formulierungen schrecken mich persönlich ab. Sie vermitteln mir schon im Vorfeld den Eindruck: Wenn ich in diese Gemeinde gehe, kann ich jegliches Privatleben vergessen! Hobbys und Freunde außerhalb der Gemeinde - ade! Brauchen Sie mich? Nein, Sie brauchen nicht mich, sondern "jemanden", der all das tut.
Aber vielleicht liegt das Problem auch an einer völlig anderen Stelle. Ich habe selten erlebt, dass bei Pfarrerinnen und Pfarrern darauf geschaut worden wäre: Was kann denn dieser Mensch besonders gut? Wo liegen seine Stärken und wo auch seine Schwächen? Welches berufliche und auch gesellschaftliche Umfeld braucht er oder sie denn, um wirklich segensreich wirken zu können?

Oft habe ich den Eindruck: Am allerliebsten sind Kirchenleitung und Gemeinden robuste, genügsame Pfarrerinnen und Pfarrer, die irgendwie alles können und die man auf jeder beliebigen Stelle einsetzen kann wie man will. Besondere Begabungen stören eher. Private Interessen oder Hobbys, die man nicht überall, auch im fernsten Winkel, pflegen kann, sind überflüssig. Der familiäre Hintergrund interessiert nur, sofern er für das Gemeindeleben förderlich ist. (Klar, die Kinder vom Herrn Pfarrer beleben den Kindergottesdienst. Aber was ist mit der Single-Pfarrerin, deren pflegebedürftiger Vater in einer anderen Stadt lebt?)

Neue Überlegungen

Zur Zeit laufen zum Glück Überlegungen, wie das Pfarrerbild der Zukunft aussehen kann, sodass auch wieder mehr Menschen diesen wunderbaren Beruf ergreifen und ihren Dienst gerne versehen. Ich hätte da schon ein paar Ideen. Die allerwichtigste: Lasst eure Pfarrerinnen und Pfarrer Menschen sein! Zum Mensch sein gehören familiäre Beziehungen, Freundschaften, ein soziales Umfeld das mir gut tut - und das ich auch außerhalb der Gemeinde pflegen kann. Hobbys. Freunde. Innere Freiheit. Freizeit. Und ganz banal die Wahl einer Wohnung, die zu meinem Lebensstil passt. Dazu bräuchte es die Aufhebung der Residenzpflicht. Warum eigentlich muss ein Pfarrer im Jahr 2015 unbedingt in dem Dorf wohnen, in dem seine Kirche steht? Mancher könnte sich sicher durchaus vorstellen, seinen Dienst in einer lange vakanten Dorfgemeinde zu versehen - aber er möchte halt nicht da leben, sondern dreißig Kilometer weiter in der nächsten größeren Stadt.

Was ist daran so verwerflich, dass man lieber eine Stelle dauerhaft vakant sein lässt, als diese Möglichkeit endlich einzuräumen? Ist ein Pfarrer ein schlechter Pfarrer, nur weil er kein Dorfmensch ist oder keine Familie hat, die gerne mit in ein Pfarrhaus zieht?

Pfarrerinnen und Pfarrer werden gebraucht? Stimmt. Aber auch Pfarrerinnen und Pfarrer brauchen etwas. Ich nenne es: Ein eigenes Leben in innerer und äußerer Freiheit, das ihnen die Kraft gibt, gerne Pfarrer oder Pfarrerin zu sein.  

                            Christiane Müller