Serie: Frischer Wind, Teil 9

Church of Holy Communion
Die "Church of Holy Communion" ist vermietet und dient jetzt als eine Boutique und Fitnessstudio an der 5th Avenue in New York City. Foto: Groß

Ideen und Gedanken, wie Kirche auch aussehen könnte: Immobilien

Vieles lernen wir in unserer langen Ausbildung zu Pfarrerinnen und Pfarrern: Verkündigung, Seelsorge, Kirchenrecht und so vieles mehr. Als Generalisten sollen wir möglichst viel, ja eigentlich alles beherrschen, was Kirchengemeinden benötigen. Dass Immobilien ein solch dominantes und in weiten Teilen wichtiges Thema sein würde, war mir mit Ende zwanzig nicht bewusst gewesen. Doch schon bald wurde ich mit ­meiner Berufung im Hohen Norden Schottlands nicht nur Pfarrerin einer reformierten Inselgemeinschaft, sondern auch Immobilienmaklerin.Drei Kirchengebäude sollte ich in meinem ersten Dienstjahr veräußern. Sie würden nicht gebraucht werden. Der schottische Pragmatismus überraschte mich komplett. Nach drei Kirchenspaltungen und einem massiven Mitgliederrückgang mussten sich Gemeinden von überflüssigen Gebäuden befreien. Kirchenverkäufe waren für mich bis zu diesem Zeitpunkt Teil ferner Medienberichte gewesen.

Kirche für Menschen

Als ich mich im zuständigen Kirchenamt näher erkundigte, hieß es nach einigem Hin und Her: "Eine Kirche besteht aus Menschen und nicht aus Steinen."
Diese Perspektive leuchtete mir ein. Eine solch kleine Gemeinde benötigte schließlich auch nur ein Gebäude. Dieses galt es nun weise zu erhalten und zum Zentrum der reformierten Inselgemeinde zu machen. Denn "durch Weisheit wird ein Haus gebaut und durch Verstand erhalten, und durch ordentliches Haushalten werden die Kammern voll kostbarer, lieblicher Habe." (Spr 24,3)

Dieses Thema verfolgt mich immer weiter:  In München musste ich mich um die "Umnutzung" einer kleinen, wenig genutzten Kapelle kümmern. 

Nun, in New York, lerne ich eine neue Variante kennen: Nun sorge ich mich um den Erhalt unserer Kirche. Ohne dieses Gebäude wäre unsere Kirchengemeinde heimatlos.

Wirtschaftlichkeit

Im Gegensatz zu bayerischen Gemeinden muss sich hier ein Kirchengebäude wirtschaftlich rechnen. Da sich die Gemeinde aus Eigenmitteln erhält. Die Evangelische Kirche in Deutschland unterstützt die Auslandsgemeinde von St. Pauls nur mit  fünf Prozent der laufenden Kosten.

Da die Gemeinde im Strom des amerikanischen Kapitalismus mitschwimmen muss, ist der Druck groß. Die Einnahmen durch eigene Mitgliedsbeiträge sind gering. Die Kosten für das alte Gebäude sehr hoch. Eine große Einnahmequelle stellen daher die Vermietungen dar. Diese reichen von Freikirchen, über verschiedenste gemeinnützige Gruppen bis hin zu Filmaufnahmen in unseren kirchlichen Räumen.
Mit Sorge beobachte ich die Schicksale einiger benachbarter Gemeinden. Sie lassen sich nicht wie etwa in Schottland zusammenlegen. Sie verlieren ihre Kirchengebäude an den Markt. Und Gemeindemitglieder sind dann heimatlos.

Nur eine Immoblilie?

Wenn man ein Kirchengebäude nüchtern als Immobilie betrachtet und rein monitär bewertet, so werden rund zwölf Prozent für die Mieten verwendet. Doch als Pfarrerin, die eine Kirche im amerikanischen Kapitalismus erhalten soll, frage ich mich: Kann man ein Kirchengebäude wirklich nur aus wirtschaftlicher Sicht bewerten? Sind es die nackten Kennziffern der Immobilienbranche, die mich leiten sollten? Schließlich bin ich ja als Pfarrerin dazu berufen, das Evangelium zu verkündigen, Kranke zu besuchen und christliche Gemeinschaft zu fördern.
Es ist der Eckstein, als den sich Jesus bezeichnet hat, der dieses Gebäude zusammenhält. Ohne Ihn wäre unsere Gemeinde und damit ihr Zuhause zweckentfremdet.

Jesus sprach zu ihnen: "Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, der ist zum Eckstein geworden." (Mt 21,42). Es ist dieser Eckstein, der in all unserem Tun und Handeln für diese Gemeinde wichtig, ja grundlegend ist. Ohne ihn ist St. Pauls nur ein Gebäude unter vielen. Es ist ein Pfund, mit dem wir weise wuchern sollten und so manchem monitären Druck mutig stand halten. Unsere Kirche wäre sonst nur ein Gebäude unter vielen in dieser großen, wirtschaftlich orientierten Stadt, das man versucht zu erhalten.

Dieser Kampf um Kirchenheimat droht vielen Gemeinden in Bayern derzeit nicht. Noch haben alle Kirchengemeinden ein Zuhause. Manche müssen sich dieses vielleicht teilen, aber sie stehen nicht auf der Straße. Was ich in meinen Auslandsgemeinden erlebt habe und gegenwärtig erlebe, ist für Bayern "Zukunftsmusik". Noch.    

                         Miriam Groß

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