Serie: Frischer Wind, Teil 8

Jesus und Petrus
Jesus und seine Jünger in einer Kirche auf Amrum. Foto: Müller

Ideen und Gedanken, wie Kirche auch aussehen könnte: Einen Garten erschaffen

As ich vor vier Jahren in die Uckermark kam, erstellte ich zunächst eine demografische Kurve der Kirchgemeinde. Daraus ging hervor, dass unsere Gemeinde noch etwa ein Drittel der Bevölkerung der Kommune (zu der 20 Dörfer gehören) ausmacht. Der Altersdurchschnitt in der Kommune liegt bei etwa 70 Jahren, die Hälfte ist also älter. Die stärksten Jahrgänge: die Kriegskinder und die Fünfziger Jahre. Danach bricht es ab. Ich bin der einzige Mitarbeiter in der großen Gemeinde, dazu kommt stundenweise eine Katechetin. Was also tun?

Mehr als zwei Drittel der Einwohner haben jeden Kontakt zur Kirche verloren. In vielen Familien schon in der dritten Generation. Auch eine Folge von 40 Jahren DDR. Wir fangen also von vorn an.

"Volkskirche" gibt es schon lange nicht mehr. Wir brauchten also ein niedrigschwelliges Angebot. Ich prüfte Praxisberichte von Kollegen. Und verwarf sie, weil entweder Geld oder Personal für diese Ideen fehlte. Als ich nicht mehr nachdachte, kam der Einfall: Wir könnten einen Garten machen. Einen, an dem sich viele Menschen beteiligen können. Damit wieder ein Kontakt zur "Kirche" wachsen kann.

Aufruf zur Rosenspende

Also rief ich per Facebook zu Rosenspenden auf. Wer uns eine Rose stiftet, bekommt als "Gegenleistung" ein Foto von der Pflanzung und ein Namensschild vor jeder Rose, auf dem zu lesen ist, von wem und woher die Rose ist.

Zwei Tage später kam die erste Rose - aus Finnland. Und dann ging es Schlag auf Schlag: Stuttgart, Hamburg, Berlin, USA, Wien, Georgien. Das Internet machts möglich. Wir hatten noch gar keinen vorbereiteten Boden; ein Bauer half mit schwerer Technik, eine schon pensionierte Gärtnerin mit einem Pflanzplan. Geld für eine Hecke kam aus Köln, der Brunnen wurde von einer Firma gestiftet, die Bänke selber gebaut, eine Pergola wurde selbst errichtet.

Mittlerweile hat sich ein "Rosenclub" gegründet, der sich um die Pflege des Gartens kümmert. In diesem Jahr erwarten wir den 5.000sten Besucher in unserem kleinen Hundert-Seelen-Dorf, wo das Pfarrhaus steht.

Und im Internet verfolgen etwa 35.000 Menschen das Projekt.

Mittlerweile halten Busse aus Berlin, um den Garten zu sehen. Die Süddeutsche Zeitung war da und der Norddeutsche Rundfunk, der Berliner Tagesspiegel und die Berliner Morgenpost. Der Bayrische Rundfunk hat gesendet von jenem wundersamen Gärtchen, das mit einem Laptop aus der Taufe gehoben wurde und etliche andere Zeitungen haben auch geschrieben.Nun kommen nicht wenige Stifter von Rosen, um zu sehen, was da geworden ist. Und bleiben.

Nachfrage entsteht: Wo kann man hier was essen? Wo kann man übernachten? Was gibt es sonst noch so an Sehenswürdigkeiten? Nicht nur unsere Dörfer, die ganze Uckermark wird bekannt. Der Landrat freut sich, eine solche Werbung könnte er über eine Agentur gar nicht bezahlen.

Der Ansatz als Gemeinde

Wir sagen nicht: "Kommt her zu uns!", sondern wir haben uns gefragt: "Was können wir für das Dorf tun, für die Kommune, für die Gegend?"

Der Garten hilft. Und, wer diesen kleinen Garten besucht, der wird sehr schnell verstehen, dass da noch sehr viel mehr drin steckt, als gestiftete Rosen und viel ehrenamtliche Arbeit. Der wird nämlich finden, dass er vom "Paradiesgarten" erzählt und von den Hängenden Gärten Persiens. Der wird finden, dass er ein dialogischer Garten ist, der einen Dialog zwischen den Religionen unterstützt - denn die Rosen kommen ja ursprünglich aus muslimischen Ländern.

Der Garten ist inzwischen in 25 Ländern bekannt. Man redet von ihm in Hamburg und in Stuttgart (dorthin war ich zu einem Vortrag vor über 200 Unternehmern eingeladen, um von dem wundersamen Gärtchen zu berichten). Die Evangelische Akademie in Wien wollte wissen, wie wir das machen mit den Rosen und dem Internet. Also habe ich einen Vortrag gehalten - per skype. Das spart Zeit und Benzin. Auch für die Akademie eine neue Erfahrung.

Neue Wege gehen

Wir müssen und wir wollen neue Wege gehen, denn "Volkskirche" gibt es schon lange nicht mehr. Was aber da entsteht, ist wohl eine "Gemeinde des Volkes". Keine festen Mauern mehr, sondern ein Garten. Wie in den Zeiten, als das Volk Gottes keinen Tempel hatte, sondern ein Zelt. Die Erfahrung mit unserem Garten bringt uns ganz auf die Anfänge zurück.

Grundsätze 

Wir wollen keine "Fördermitte!" vom Staat, weil wir glauben: wenn die Idee wirklich gut ist, dann trägt sie und braucht keine öffentliche Förderung. Und unser zweiter Grundsatz: jeder ist willkommen, am Projekt mitzuwirken. Wir fragen nicht nach Mitgliedschaften. Was wir dabei vor allem lernen? Gottvertrauen. Denn oft wissen wir nicht, wie der nächste Tag weitergehen wird. Wir waren schon oft in einer solchen Situation.

Aber wir erfahren jeden Tag neu: Gott trägt dich!

Deine Aufgabe ist: geh los und tu, was du kannst.

Für das Übrige will ich schon sorgen. Der Garten ist unser großer Lehrmeister geworden. Und für viele andere auch.         

                         Ulrich Kasparick