Serie: Frischer Wind, Teil 6

Jesus und Petrus
Jesus und seine Jünger in einer Kirche auf Amrum. Foto: Müller

Einmal eine ideale Gemeinde erlebt - verdorben für alle Zeiten?

"Ich kenne hier ja noch niemanden!" Und da sollte ich an einem ganzen Wochenende der Evangelischen Studierendengemeinde zur Einstimmung auf das neue Semester teilnehmen? Gerade erst war meinem damaligen Partner in die große, große Stadt gefolgt - und nun dies. Danach war nichts mehr wie vorher. Es war der Beginn einer wunderbaren Beziehung - zwischen mir und der Studierendengemeinde. Sie überlebte meine damalige real existierende Partnerschaft deutlich.

Wir kochten und meditierten in der Gemeinde zusammen und lasen Rilke. Besonders eindrücklich waren immer die Wochenschlussandachten am frühen Freitagabend. Sie waren ein Semester lang immer genau gleich - und niemals langweilig. Denn die Texte und Lieder arbeiteten intensiv mit uns. Dann gingen wir von "guten Mächten wunderbar geborgen" ins Wochenende.

Eine Sternstunde - es fügte sich alles zusammen, dass es für uns passte. Was genau? Schwierig. Jedenfalls lag es nicht an einem besonders charismatischen Pfarrer. Genauer gesagt, hatten wir faktisch gar keinen Seelsorger. Denn meiner Erinnerung nach war er ständig krank. Jeder und jede von uns wusste, unter welchem Stein der Schlüssel zu dem Haus der Studierendengemeinde lag. Niemand von uns hat diese Schlüsselgewalt in all den Jahren ausgenutzt, niemand unüberwindliches Chaos gestiftet, es kam nichts weg. Und wir putzten nach Veranstaltungen gemeinsam.

Dann war alles vorbei. Der alte Pfarrer war wohl endgültig dienstunfähig oder frühpensioniert. Sein Nachfolger hatte andere Vorstellungen von seiner Rolle als Seelsorger als wir. Er hielt es für ein Unding, das Gemeindehaus einfach für alle zugänglich zu halten. Ohne diese Offenheit kamen wir nicht mehr. Hoffentlich hat eine neue Generation dort wieder ihre Heimat gefunden!

Seitdem bin ich auf der Suche nach einer ähnlichen Heimat. Und nie fand sie sich. Als ledige Referendarin und noch bar jeden Kinderwunsches landete ich mal in einer Mutter-Kind-Gruppe einer Gemeinde. "Das ist ja Ihr Alter." Dann wieder geriet ich in einen Kreis, der Adventskränze wand. Ich!? Bei meinem Basteltalent! Erst nach einer halben Stunde gelang mir die Flucht.

Ja, ich weiß. In jeder Gemeinde gibt es bereits langjährige Traditionen. Wie aber kommen sie mit der Offenheit für Neuankommende und ihren Ideen nach gemeinschaftlichem Leben zusammen? Für mich wäre wohl so ein übergemeindliches, geistliches Zentrum nicht schlecht. Nur gibt's das in mehreren Dutzend Kilometern Umkreis um mich herum gerade nicht. Da bin ich wohl zu bequem, um mich auf den Weg zu machen. Internetgemeinde? Ich habe gern real existierende Menschen um mich.

Meine Arbeit brachte es lange mit sich, mobil zu sein. Langsam gewöhne ich mich gar an Weißwein zum Abendmahl oder die Lokalstrukturen im Kirchenvorstand. Nur vor dem Kirchenputz zur Konfirmation meines Sohnes graut mir jetzt schon.
Warum putzte ich freiwillig in der Studierendengemeinde? Weil mir darüber nicht der Staub von Jahrhunderten zu liegen schien. Ließe sich nicht in alten Gemeinden Offenheit verwirklichen?

Frischer Wind in Gemeinden - das hängt für mich nicht an bunt lackierten Fingernägeln. Oder am Herrenbesuch im Pfarrerinnenhaus. Sollen'se doch! Welches göttliche Gebot wird da genau verletzt? Aber an meinen Traum kann ich weiter glauben - und mich für das Glück preisen, ihn erlebt zu haben. Nur bin ich deswegen für alle Zeiten für eine "normale" Gemeinde verdorben?

Viele wollen offenbar, dass sich in den Gemeinden etwas ändert - aber es tut sich nichts! Vielleicht braucht man dazu besonders mitreißende Menschen oder eine Sternstunde, in der alles zusammenpasst. Vielleicht mag niemand bewährte Pfade verlassen - wer weiß schon, ob Veränderungen wirklich funktionieren? Lieber auf der sicheren Seite bleiben.

Getreu dem Motto "Sicher ist der Tod - das Leben aber ist unsicher" habe ich mich einst gegen den Kelch einer Beamtenlaufbahn entscheiden können. Da habe ich lieber Angst vor einer ungewisseren Zukunft und zahle mehr Abgaben. Ich habe mir bei meiner Entscheidung selbst versprochen, niemals darüber zu trauern. Bislang geriet ich noch nie in die Nähe der Versuchung dazu. Ich will nicht ausschließen, dass der Heilige Geist auch in sicheren Strukturen wirken kann - doch hat er es dort gewiss schwerer.

Was ich mir wünsche? Weder, dass sich Pfarrer oder Gemeinden verbiegen, noch dass sie sich aufreiben. Viele von ihnen leben in falsch verstandener Nachfolge Jesu ein Selbstbild als Opferlamm. Oder: Eine lateinische Fabel erzählte von Vater und Sohn, die zusammen einen Esel ritten. Das arme Tier, sagten die Leute. Auch dass nur der Vater oder der Sohn auf dem Esel ritt oder beide ihn führten - dagegen gab es immer Einspruch. Hinterher trugen beide das Tier. Es allen recht machen zu wollen, hat viel mehr mit Unsicherheit als mit Offenheit zu tun. Genauso ist es, hinter Phrasen Schutz zu suchen. Wenn Pfarrer schon so abgesichert sind - warum reiben sie sich da noch so auf, um es allen recht zu machen?

Wichtiger wäre es doch, offene Türen erlebbar zu machen. Auch beim Streuen von Informationen. Und auf Anliegen von Engagierten bereits schon beim dritten Mal aufmerksam zu hören. Wenn deren Leiden an der Gemeinde so lange vor sich hinlaufen, wie es irgendwie geht, explodiert es gerne. Ernst genommen zu sein, ist wohl am wichtigsten.

Offenheit gilt auch für Gemeindemitglieder. Selbst in kleineren Orten soll es ja durchaus möglich sein, dass viele mobil sind und neue Mitglieder von außen dazukommen. Eine unsichtbare, aber deutliche Grenze sagt: Du gehörst erst nach Jahrzehnten richtig zu uns. Meinetwegen gewöhne ich mich an Weißwein zum Abendmahl, auch wenn er mir so blutleer erscheint. Aber nicht an alle alten Strukturen als Selbstzweck.

Offenheit, Neugier gar auf andere Wege Gottes mit den Menschen um uns herum - das wäre gelebtes Christentum. Der nächste Sonntag heißt Exaudi, "brich auf". Dann kommt Pfingsten. Warum glauben wir nicht mehr an so etwas Altmodisches wie Aufbrüche durch den Heiligen Geist?   

                         Susanne Borée