Serie: Frischer Wind, Teil 7

Jesus und Petrus
Jesus und seine Jünger in einer Kirche auf Amrum. Foto: Müller

Ideen und Gedanken, wie Kirche auch aussehen könnte: Ein Wohlgeruch Christi sein

Gerüche sind etwas Faszinierendes: Der Duft des frisch gemahlenen Kaffees, der urplötzlich auf dem Weg durch die Stadt in der Luft liegt; der unverhoffte Schwall des blühenden Flieders, der sich vor meinem Auge versteckt hält; die Mischung aus dem längst schon verglühten Weihrauch und der kühlen Ewigkeit der Steine in der Wallfahrtsbasilika - Gerüche können mich augenblicklich in eine ganz bestimmte Stimmung versetzen, sie erinnern mich an Vergangenes, ohne dass mir das so richtig bewusst wird. Gerüche wehen oft ganz unverhofft an meine Nase: Das Leben riecht, zweifelsohne. Das Leben kann stinken

Und nicht immer gut und angenehm: Das Leben kann ganz schön stinken - und das nicht nur im übertragenen Sinn. Meistens dann, wenn ein Mensch im Dreck sitzt. Oft stinkt da was zum Himmel - himmelschreiendes Unrecht hat einen ganz eigenen Geruch: Es riecht nach Armut, nach schwärenden Wunden, nach all dem, über das wir nicht reden, nach dem, worauf wir nicht gerne schauen wollen, weil es "unfein" ist. Und da höre ich ein tiefes Seufzen: Was will man denn machen. Die Bedingungen sind eben so.

Da braucht es frischen Wind, den die ersehnen, die in dem Gestank sitzen, der entsteht, wenn Menschen wie Dreck behandelt werden, ihnen der Respekt verwehrt wird und ihre Würde und Rechte in Vergessenheit zu geraten drohen. Den frischen Wind, der lebendige Frische gibt, dort wo "die Bedingungen" und "die Strukturen" den Menschen die Luft zum Atmen nehmen.

Oft scheint es ja, als würde genau das fehlen. In der Gesellschaft. Und in der Kirche. Und da höre ich wiederum ein tiefes Seufzen, das sich nach diesem lebenspendenden Geist der Gerechtigkeit und des Trostes sehnt. Ein Seufzen, das nach Sauerstoff giert, nach der Luft zum Atmen.

Der Wohlgeruch Christi

Von den Christen heißt es, sie seien "der Wohlgeruch Christi" (2. Kor 2, 14): Kirche hat einen Geruch - und eben nicht nur nach Weihrauch, nach Salböl, nach Wachskerzen und nach den Bratwürsten beim Gemeindefest.

Dieser Geruch ist ganz anders als der der Räucherstäbchen der Pflaumenkuchenspiritualität, die g'rad so modern ist und in der die Allermeisten doch nur auf sich selbst schauen.

Seufzen ist wichtig: Tief Atem holen. Still den Kummer ausdrücken und sich des Beklagenswerten bewusst werden. Eine Atempause machen, um wieder Sauerstoff zu tanken und Kraft zu sammeln. Und dann: Mit der Nabelschau aufhören, die nur auf sich selbst schaut, auf die Schwierigkeiten in der Kirche, auf die Prob­leme, die die Gemeinden mit sich ­selber haben.

Hinsehen, wo es stinkt

Das Seufzen nutzen und einen Zug von der Frischen Brise des lebenschaffenden Geistes nehmen - und sich der Frage stellen nach der Aufgabe und dem Auftrag den Kirche hat in dieser Welt und in dieser Gesellschaft.

Das bedeutet auch: Hinschauen, wo es stinkt. Über das reden, was "unfein" ist. Wahrnehmen, wo es den "Wohlgeruch Christi" dringend braucht. Und das kann zu Orten führen, wo es wirklich stinkt. Und dort Menschen zu treffen, die sich trauen genau wahrzunehmen und sich nicht scheuen sich den unangenehmen Gerüchen der Armut und des Schmerzes auszusetzen.

Die Ökumenische Arbeitslosenberatung in Bamberg "Die Idee" ist etwa so ein Ort: In dem nahezu fensterlosen Bürogebäude riecht es nach Armut. Es ist schwer, Fenster zu öffnen. Oft sind die Lebenssituationen der Menschen, die hier Beratung suchen, verfahren und scheinen aussichtslos. Die Sozialgesetzgebung schafft Schicksale, die nach Unterstützung schreien. Die Betroffenen erhalten hier Hilfen beim Umgang mit Anträgen und Bescheiden der Behörden - aber eben auch Rückenstärkung, die Möglichkeit zum Austausch untereinander, zur Teilhabe an gesellschaftlichem Leben, die "nichts kostet". Das Erleben von Solidarität hier selbstverständlich und wesentlich.

"Wir sind ganz klar parteilich - für die Menschen, die ausgegrenzt sind aus der Gesellschaft", so erklärt Cornelia Lumpe die Arbeitsweise der Beratungsstelle. Die Studentin der Sozialen Arbeit an der Hochschule Coburg, die hier ihr Semesterpraktikum absolviert, schildert die Situation der Menschen, die das Angebot der Arbeitnehmerpastoral nutzen: Viele von Ihnen leben in prekären Verhältnissen, nicht etwa, weil sie nicht arbeiten würden und dem Klischee des RTL 2-schauenden Hartz IV-Empfängers entsprächen, sondern "obwohl sie sehr häufig Jobs haben, deren Bezahlung jedoch nicht zum Leben reicht. Diese Menschen sind angewiesen auf Sozialleistungen, um ihre Existenz überhaupt irgendwie zu sichern".

Im deshalb notwendigen Umgang mit Behörden - und auch in der Darstellung in den Medien - ­begegnet ihnen jedoch häufig ein Klima der Unterstellungen, des ­Unverständnisses und des Misstrauens. Und das hat oft massive Folgen für das Selbstwertgefühl und die psychische Verfassung der Betroffenen.

Mut machen

In der Beratungsstelle weht für die Betroffenen ein anderer Wind - hier macht Kirche Mut, hier strömt der Wohlgeruch des Tröstergeistes. Die Mitarbeiterinnen geben wieder Luft zum Atmen. Ansehen und Anerkennung für das, was die Betroffenen eben wirklich sind: Menschen.

Der Auftrag, den die Mitarbeiterinnen der Beratungsstelle zusammen mit Ihren Kollegen in anderen Städten erfüllen, hat noch einen zweiten, einen mehr politischen Aspekt: Die Öffentlichkeit informieren, mit Behördenvertretern ins Gespräch kommen, Initiativen vernetzen - damit sich an "den Bedingungen" und "den Strukturen" auch etwas ändern kann!

Den Dienst, den Kirche da tut, nutzt nicht nur den Adressaten der Beratungsarbeit: Er nutzt auch Kirche selbst, die darin ihren Auftrag klarer sehen und ihrer Berufung folgen kann - ein Wohlgeruch Christi zu sein.     

                         Heike Kellner-Rauch