Serie: Frischer Wind, Teil 5

Bibeln
Bibeln. Foto: Müller

Ideen und Gedanken, wie Kirche auch aussehen könnte: Die Sprache der Kirche

"Sorry, liebe Theologen, aber ich halte es nicht aus, wenn ihr sprecht. Es ist so oft so furchtbar. Verschrobene, gefühlsduselnde Wortbilder reiht ihr aneinander und wundert euch, warum das niemand hören will."

So beginnt ein Artikel des Kommunikationsexperten Erik Flügge, der zurzeit auf kirchlichen Plattformen im Internet und auf Facebook lebhaft diskutiert wird. Erik Flügge diagnostiziert Theologen - Pfarrerinnen und Pfarrern - in einer Art zu reden, die völlig an der Lebenswirklichkeit moderner Menschen vorbei geht. Selbst Alltagsbilder, die direkt der Bibel entnommen sind, sind heute oft nicht mehr verständlich.

Alltagsbilder

"Das Himmelreich gleicht einer kleinen Menge Sauerteig, die eine Hausfrau nahm und unter das Mehl mengte." Wer außer einem Bäcker versteht heute noch das Gleichnis vom Sauerteig? Wir kaufen unser Brot fertig, im Supermarkt oder beim Bäcker nebenan. Wer unbedingt selber Brot backen will, nimmt oft eine Backmischung. Erik Flügge schließt: "Jesus hat sich doch auch Mühe gegeben irgendwie verständlich zu sein. Er hat den Leuten etwas mit Bildern und Begriffen erklärt, mit denen sie etwas anfangen konnten."

Sprache verändert sich

Nun ist das mit der Sprache bekanntlich so eine Sache. Sprache ändert sich mitunter rasant. Als in den achtziger Jahren das Wort "geil" für "toll, super" aufkam, musste ich mir als Dreizehnjährige noch Standpauken darüber anhören, wie unanständig der Gebrauch dieser Vokabel doch sei - Eltern und Großeltern kannten das Wort zwar, aber aus einem völlig anderen Zusammenhang. Heute verwenden es Erwachsene meiner Generation völlig selbstverständlich - "geil" heißt soviel wie "toll, super". Sonst gar nichts. Die Jugend gebraucht zur Beschreibung desselben Sachverhaltes eher das Wort "krass".

Martin Luther forderte einst, man solle das Wort Gottes in dem Deutsch verkündigen, "das die Marktfrauen sprechen und verstehen". Daran muss ich oft denken, wenn im Gottesdienst Lesungen aus den Paulusbriefen in der Fassung der Lutherbibel von 1984 vorgetragen werden. Oft habe ich den Eindruck, dass nicht einmal der Lektor begreift, was er da liest. An der Gemeinde rauschen die Worte unverstanden vorbei. Selbst ich muss mich, trotz vierzehn Semestern Theologiestudium, oft stark konzentrieren.

Erik Flügge fragt: "Warum redet ihr Theologen denn auf der Kanzel nicht so, wie ihr das beim Bier in eurer Stammkneipe tut? Normalerweise kann man doch ganz vernünftig mit euch reden. Aber kaum steht ihr auf der Kanzel, schon vollzieht sich eine Verwandlung."

Wie am Stammtisch?

Soll, darf, kann man denn auf der Kanzel so reden, wie am Stammtisch? Muss man denn wirklich Alltagssprache gebrauchen, um überhaupt noch verstanden zu werden, wenn es um Glaubensfragen geht? Und ist der Gottesdienst nicht auch eine "heilige Handlung" gehört es sich denn, in der Gegenwart Gottes - verbal - die Füße auf den Tisch zu legen? Schließlich benehmen wir uns ja in der Kirche auch nicht wie in der Kneipe.

Pfarrer und Pfarrerinnen und jeder, der das Wort Gottes verkündigt, sollte unterscheiden zwischen der Liturgie und der Predigt. Die Liturgie wiederholt sich ja fast jeden Sonntag - die Predigt hoffentlich nicht. In der Liturgie ist es schön, einen Wiedererkennungswert zu haben - Worte wie das Glaubensbekenntnis, die Psalmen, das Kyrie Eleison oder das Confiteor entsprechen zwar nicht heutigem Sprachgebrauch. Aber durch die Wiederholung setzt es sich in das Bewusstsein einer Gemeinde.

Mit der Predigt ist es aber etwas anderes. Eine Predigt soll und muss verstanden werden. Man mag sich an ihr reiben, man mag anderer Ansicht sein - aber sie sollte so gehalten sein, dass man sie beim Zuhören versteht. Die Kunst besteht nicht darin, schwierige Dinge kompliziert zu erklären, sondern Theologie und Glaubenserfahrung in allgemein verständlicher Weise weiterzugeben. Und das dann auch gern in der Sprache, die im Dorf, in der Nachbarschaft, am Stammtisch oder im Sportverein gesprochen wird.

Geläufige Bilder

Ich erwähnte vorhin die Schwierigkeit einer Lesung im Luthertext von 1984. Dieser ist zwar den meisten evangelischen Christen vertraut. Ob er immer die beste Lösung ist, wage ich aber zu bezweifeln. Im Konfirmandenunterricht habe ich einen Jahrgang lang die umstrittene Übersetzung der Volxbibel von Martin Dreyer verwendet. Eine Bibelübersetzung in Jugendsprache, die laufend überarbeitet und in jeder Auflage weiter entwickelt wird. Am Palmsonntag, dem Konfirmationssonntag meiner damaligen Gemeinde, ging es um den Einzug Jesu in Jerusalem - auf einem Esel. In der damals aktuellen Ausgabe der Volxbibel zieht Jesus nicht auf einem Esel in Jerusalem ein, sondern auf einem klapperigem Fahrrad.

Traditionell geprägte Gemein­deglieder "jaulten" an dieser Stelle sicher innerlich auf. Aber die Jugendlichen freuten sich über dieses ihnen geläufige Bild. Man sah richtig, wie ein Schmunzeln durch ihre Reihen ging. Dass der historische Jesus auf einem Esel geritten ist, wussten sie natürlich. Aber ist es nicht reizvoll, sich zu überlegen: Wie würde die Geschichte denn heute erzählt werden? Und das dann auch zu tun - die Geschichte neu erzählen?    

                         Christiane Müller

Außerdem lesen Sie unter anderen in unserer gedruckten Ausgabe vom 24. Juni 2018:

- Der Ökumenische Rat der Kirchen wird 70 - ''Er ist genau das, was die Welt braucht!''

- Kein Frieden für alle in Sicht: Das ''Friedensgutachten 2018'' wurde in Berlin vorgestellt und kommentiert

- Versteinerte Psalmen: 25 Jahre Straße der Romanik in Sachsen-Anhalt

=> Interesse an diesen Artikeln der gedruckten Ausgabe?

Diese, die wöchentlichen Rätsel und vieles mehr können Sie bei unserem kostenlosen Probeabo entdecken

=> Gleich online bestellen

 

 

www.kirchenpresse.de - Evangelische Wochenzeitung im Internet

 

 

Das Evangelische Sonntagsblatt finden Sie jetzt auch auf der

=> "wertvollen" Facebook-Seite

 

Wertvoll-Logo