Serie: Frischer Wind, Teil 1

Jesus und Petrus
Jesus und seine Jünger in einer Kirche auf Amrum. Foto: Müller

Pfarrerinnen und Pfarrer schreiben Ideen auf, wie Kirche auch aussehen könnte

Die Pfarrerin Christiane Müller ist seit einiger Zeit vom kirchlichen Dienst und dem Pfarramt in Coburg beurlaubt. Zu vieles gab es, womit sie nicht mehr leben wollte. Im Sonntagsblatt macht sie sich  - und einige ihrer Kollegen - in den nächsten Wochen Gedanken darüber, wie Kirche auch sein könnte. Welche Kreise frische Ideen ziehen könnten. Es sind keine "fertigen Modelle", sondern Anstöße, die zum Denken anregen wollen. Gedanken beim Kochen

Zehn Jahre lang war ich Pfarrerin in der evangelischen Kirche. Nun bin ich seit vier Monaten beurlaubt. In dieser Zeit meines Pfarramtes tat ich, was ich konnte und was ich gelernt hatte im Studium und im Leben. Ich hielt Gottesdienste, die  viele andere und ich selber stimmig fand. Ich hielt Taufen, Trauungen und Bestattungen auf eine Art und Weise, dass sich die Leute hinterher bedankten, weil ich es offensichtlich verstand, die Botschaft der Handlungen in Worte und Taten umzusetzen.

Einige Wochen nach meinem vierzigsten Geburtstag hatte ich jedoch ein Aha-Erlebnis. Ich weiß gar nicht mehr genau, was eigentlich der Auslöser war. Ich weiß nur noch, dass ich grade in der Küche stand und Zwiebeln schnitt, als auf einmal folgende Frage in meinem Kopf auftauchte: "Wenn du nicht zufällig Pfarrerin wärst - würdest du dann eigentlich in deiner eigenen Gemeinde in die Kirche gehen?"

Wie vom Donner gerührt stand ich da, denn die Antwort war sofort klar: "Nein!"

Warum nicht? Ich bin doch Pfarrerin! Ich müsste mich doch mit dieser Kirche voll und ganz identifizieren können! Das erwartet man doch von mir! Aber auf einmal begriff ich: Mein Leben, mein eigenes Leben, mal abgesehen vom Berufsalltag als Gemeindepfarrerin, hat absolut nichts mit dem zu tun, was in den allermeisten Kirchengemeinden eben als normaler Standard gesehen wird.

Vierzig. Ledig. Kinderlos.

Wie gesagt, ich war gerade vierzig geworden. Ledig. Kinderlos. Wo also sollte ich, wenn ich nun nicht Pfarrerin wäre und eben für die diversen Gruppen und Kreise dieses oder jenes Programm anbieten würde, denn eigentlich andocken?

Mutter und Kind Gruppe? Kindergarten? Krabbelgottesdienst? Das sind alles tolle Angebote, wenn man denn Kinder hat. Konfirmandenarbeit? Die machte mir immer Spaß - hätte ich daran aber kein berufliches Interesse gehabt, wäre ich da sicher nicht dabei gewesen. Im Frauenkreis treffen sich monatlich die Damen aus unserer Gemeinde - allerdings war ich immer geschätzt zwanzig Jahre jünger als die Jüngste von ihnen. Von Seniorenkreis einmal völlig abgesehen.
Alles gute Angebote - aber nicht für Leute wie mich. Ich fühlte mich auf einmal wie eine Außerirdische.

Die Kirche ist für alle da?

Nun bin ich ja mit meiner Lebenssituation - vierzig, ledig, kinderlos - bei weitem nicht alleine. Im Gegenteil, zwanzig bis fünfundzwanzig Prozent aller vierzigjährigen Frauen in Deutschland haben keine eigene Familie. Allerdings tauchen sie in unseren Kirchengemeinden eben überhaupt nicht auf.

Ebenso wenig wie alleinerziehende Mütter oder Väter, alleinstehende Männer oder Homosexuelle. Auch Vertreter bestimmter Berufsgruppen sind extrem selten in Kirchengemeinden anzutreffen. Wäre ich nicht zufällig Pfarrerin, sondern zum Beispiel Lehrerin für Deutsch und Englisch - es gäbe absolut nichts, was mich am Programm einer normalen evangelischen Gemeinde interessieren würde.
Oft habe ich sinngemäß gehört und diesen Satz vielleicht sogar selber gesagt: Die Kirche ist für alle da. Aber stimmt das denn überhaupt? Richtet sich das Programm unserer Kirchengemeinden nicht überwiegend an junge Familien und dann erst wieder an ältere Menschen? Und zwar auch nur an solche, die ganz bestimmten Traditionen verbunden sind? Und ist es dann eigentlich ein Wunder, dass so viele sich davon nicht angesprochen fühlen und irgendwann aus der Kirche austreten?

Inkognito enttäuscht

Aber was bräuchten diejenigen von uns, die zwar im Glauben verwurzelt sind, sich aber im Alltag einer Kirchengemeinde nicht wiederfinden?

Ehrlich gesagt glaube ich nicht, dass Kirchengemeinden so wie wir sie kennen für viele überhaupt das Richtige wären. Es bräuchte ganz neue Formen von Kirche. Zurzeit erlebe ich es ja wirklich am eigenen Leib. Ich bin nicht mehr aktive Pfarrerin. Trotzdem bin ich natürlich gläubig und würde meinen Glauben auch gern gemeinsam mit anderen leben. Aber mich irgendwie ehrenamtlich in eine vorhandene Gemeinde einzubringen reizt mich überhaupt nicht. Ich besuche in relativ unregelmäßigen Abständen diverse Gottesdienste und da die Leute mich da nicht kennen, erlebe ich momentan, wie es ist, wenn man als Fremder in eine Gemeinde kommt. Besonders überzeugend finde ich das, was ich da inkognito erlebe, nicht.

Eine Idee: "Freie Radikale"

Ich glaube, was ich wirklich gut fände, wäre, wenn es unabhängig von einer festen Kirchengemeinde Pfarrerinnen und Pfarrer gäbe, die ganz gezielt Veranstaltungen anbieten würden für Menschen, die eben nicht in das normale Raster einer Kirchengemeinde passen. Denn dann könnten auch Gemeindepfarrer und Kirchengemeinden sich ohne schlechtes Gewissen den Zielgruppen "junge Familien" bzw. "Senioren" widmen.

Ich nenne solche unabhängigen Theologen einmal provokant "freie Radikale": Theologinnen und Theologen, die mit Einverständnis der Kirche frei wären, außerhalb und ergänzend zu den bestehenden Kirchengemeinden etwas ganz Neues zu beginnen: Freie Seelsorge, Gesprächsrunden, Seminare, Vorträge, Gebetskreise oder anderes.

Besonders in größeren Städten wäre das sicher ein Angebot, mit dem auch ich Abtrünnige etwas anfangen könnte.   

                            Christiane Müller/iwo

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