Jesus ergreift Partei

Jesus heilt
Was Gott zusammenfügt .... Bild: wodicka

Und Pharisäer traten zu Jesus und fragten ihn, ob ein Mann sich scheiden dürfe von seiner Frau; und sie versuchten ihn damit. Er antwortete aber und sprach zu ihnen: Was hat euch Mose geboten? Sie sprachen: Mose hat zugelassen, einen Scheidebrief zu schreiben und sich zu scheiden. Jesus aber sprach zu ihnen: Um eures Herzens Härte willen hat er euch dieses Gebot geschrieben; aber von Beginn der Schöpfung an hat Gott sie geschaffen als Mann und Frau. Darum wird ein Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen und wird an seiner Frau hängen, und die zwei werden "ein" Fleisch sein. So sind sie nun nicht mehr zwei, sondern "ein" Fleisch. Was nun Gott zusammengefügt hat, soll der Mensch nicht scheiden.

Markus 10,2-9

Risse gehen durch Familien. Kinder reagieren mit Schulschwierigkeiten. Freundeskreise werden gespalten. Scheidungen haben schon immer für Gesprächsstoff gesorgt. Das war zur Zeit Jesu nicht anders. Damals war das Scheidungsrecht Männern vorbehalten: ein Mann konnte seiner Frau einen Scheidebrief aushändigen; die Ehe galt damit als rechtsgültig geschieden. Voraussetzung hierfür war, dass der Mann "etwas Schändliches an ihr gefunden" (5. Mose 24, 1) hatte.

Über die Frage, welches Verhalten "schändlich" sei, gingen die Ansichten zwischen den Rabbinern auseinander: während die einen ausschließlich sexuelle Untreue damit meinten, galt es für andere bereits als schändlich, wenn eine Frau mit offenen Haaren auf die Straße ging oder mit einem fremden Mann sprach. Jedenfalls konnte damals jede Ehefrau von ihrem Mann verstoßen werden. Ein Zustand, den die meisten Frauen so fürchteten, dass sie lieber alles erduldeten, damit ihr Mann sie bei sich behielt. Das Resultat waren Beziehungen, wohl kaum von Gott zusammengefügt.

Zu diesem emotional aufgeladenen Thema fragen die Pharisäer nun Jesus. Sie wollen ihn aufs Glatteis führen. Denn egal, wie er antworten würde: die Antwort würde unbefriedigend sein. Jesus antwortet, wie er immer geantwortet hat auf Fragen, die ihn in die Enge führen wollten: mit einer großen Weite. Er lenkt den Blick weit hinaus über die Gesetze des Mose. Gesetze, sagt er, sind das eine. Worauf es eigentlich ankommt, ist etwas ganz anderes: der Blick ins Paradies, in den Anbeginn der Schöpfung, in den Zauber zwischen den beiden Menschen im Garten Eden, die sich so brauchten, einander anzogen und liebten. Das ist eine Erinnerung ans Erwachsenwerden, ans Loslösen vom Elternhaus, an körperliche Vereinigung und seelisches Aneinanderhängen. Solche Erinnerung kann für Paare heilsam sein.

Therapeuten nutzen diese Quelle manchmal, gerade in verfahrenen Situationen einer Beziehung: Schaut doch mal, Ihr beiden, wie war das früher? Als ihr euch noch richtig geliebt und begehrt habt, als ihr euch einig wart, dass ihr heiraten wolltet, als ihr an eure Zukunft geglaubt habt? Jesus lenkt den Blick weg von den Gesetzen hin zu den Anfängen, zu den "paradiesischen" Zeiten.

Und wenn das Paradies eben doch verloren ist? Dann heißt die Aufgabe wohl, zu leben mit dem Schmerz einer Trennung. Und möglichst achtsam umzugehen mit den Menschen, die darunter leiden. Aus dem Satz "Was Gott zusammengefügt hat, soll der Mensch nicht scheiden", dürfen wir deshalb kein neues, gnadenloses Gesetz machen. Jesus wollte die Frauen seiner Zeit mit diesem Satz vor der Willkür ihrer Männer schützen. Sein Anliegen heute umzusetzen, heißt: Ehepaare, die sich trennen (heute betrifft dies ein Drittel aller Ehen), nicht verurteilen und ausschließen, sondern im Gegenteil: Menschen mit Verwundungen, Fehlern und Schwächen besonders liebevoll willkommen heißen.

 

Ulrike Aldebert, Pfarrerin in Tutzing

Gebet:

Wir preisen dich, Gott, der du Frau und Mann zur Liebe füreinander geschaffen. Erwecke uns, Schöpfer der Liebe, stets wieder neu zur Lust und zur Treue. Amen. (Kurt Marti)

Lied (EG 295):

Wohl denen, die da wandeln

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