Timo
Stimmen im Kopf. Das will keiner haben. Es macht einen ganz wirr und ruiniert die Frisur!

Zeitvertreib in der Ewigkeit

"Du hast Langeweile?"

"Ja. Manchmal langweile ich mich. Ich dachte, du könntest ein bisschen Hilfe gebrauchen. Ich finde, ich komme bisher nicht gut weg." Noch ein tiefer Schluck aus dem Saftglas.

"Ihr Kinder von heute wisst einfach nichts über die Wissenschaft. Keine Ahnung von Arbeit am Text. Nichts. Ihr sehr nur Bilder und macht euch euren eigenen Reim. Alles Kokolores."

"Koko - was"

"Kokolores. Quatsch. Blödsinn."

"Aha."

Timo lehnte sich zurück und fasste im Geiste schnell noch mal zusammen - so wie es Herr Wagner, sein Klassenlehrer immer am Ende der Schulstunde machte. "Ich schreibe friedlich ein Referat über eine berühmte Persönlichkeit, höre Stimmen in meinem Kopf, die sich als eben diese Persönlichkeit angeblich herausstellen. Und darüber hinaus meckert diese Persönlichkeit auch noch rum und will mir letztendlich helfen.

"Ich brauche einen Arzt", schoss es ihm durch den Kopf. "Ein netter Arzt, der mit helfen kann. Einen Arzt mit Bart. Gütig und geduldig. Oder eine Pause. Eines von beiden. Ich brauche keine Stimme im Kopf, die mir sagt, dass ich Kokodings mache, keine Ahnung habe und Hilfe und Beratung brauche."

"Junge - alles ist gut mit dir. Alles in Ordnung. Ich helfe dir, vertreibe mir die Langeweile ein bisschen - die Ewigkeit ist ein bisschen arg lang. Dann hast du ein gutes Referat mit einer guten Note und alle sind glücklich."

"Alle sind glücklich", wiederholte Timo mechanisch.

"Alle sind glücklich", antwortete die Stimme.

"Jetzt ist es aber wieder gut", sagte Timo laut. "Ich geh jetzt aufs Klo, esse ein Salamibrot - wahrscheinlich habe ich Unterzucker, und erst dann ist alles wieder gut."

"Wenn du meinst" - gähnte die Stimme ein bisschen gelangweilt. "Aber ein Salamibrot kann mich nicht von meinem Plan abbringen."

"Was den für ein Plan?", schrie Timo schon fast.

"Dein Referat über mich!"

Timo schmiss den Stift auf seinen Schreibtisch und rannte aus dem Zimmer. Auf dem Klo war es still. Keine Stimme mehr. In der Küche schmierte er sich ein Salamibrot. Seine Mutter und seinen Bruder konnte er weder sehen noch hören.

"Gut so", dachte er.

Im Spiegel auf dem Klo hatte er ein bisschen käsig ausgesehen. So als wäre ihm der Heilige Geist begegnet. "Ha" - dachte Timo. "Der Heilige Geist kann nicht schlimmer sein."

Als er aufgegessen hatte, ging er wieder in sein Zimmer. Die Tür war nur angelehnt. Niemand war drinnen - das konnte er durch den Türspalt sehen. "Also - vielleicht war's ja doch der Hunger und die volle Blase", dachte er. Er ging wieder hinein und setzte sich an den Schreibtisch. Alles war noch genauso, wie er es verlassen hatte. Auf dem Schreibtisch lag immer noch der Einkaufs-Chip. Um den Chip leuchtete es ein bisschen. Oder bildete Timo sich das nur ein?

"Luther - meine Fresse", Timo grins­te. Er war sich jetzt ziemlich sicher, dass er einfach nur eine sehr blühende Phantasie hatte.

"Also gut - weiter im Text und in der Recherche, aber diesmal kein Kokodings", sagte er leise zu sich.

"Kokolores", sagte die Stimme wieder.

"Nein!", schrie Timo. "Geh weg, ich kann das alleine. Ich glaube nicht an Gespenster. Tom, du kannst rauskommen."

"Junge, jetzt mach nicht so einen Zirkus", sprach die Stimme in seinem Kopf. "Find dich ab. Ich bin jetzt da und du kannst dich glücklich schätzen, dass ich Kinder so mag und dir keine mit dem Rohrstock überziehen kann."

"Na klar" - murmelte Timo." Mit dem Rohrstock - aha.

"Ja - eine durchaus übliche kleine Art Aufmunterung zu meiner Zeit." Da waren die Lehrer nicht so zimperlich wie heute. Ich kann mich erinnern, dass ich einmal noch vor dem Mittagessen mehr als fünfzehn mal geschlagen wurde. Für nichts. Ich sollte Latein deklinieren und konjungieren, aber das hatte ich damals noch gar nicht gelernt. Ja Junge - das waren noch Zeiten. Finster - sag ich dir. Sehr finster. Obwohl, wenn ich mir heute so eure Wischiwaschi Schule ansehe. - Das ist doch der Lehrer nicht mehr als ein armer Hund."

"Armer Hund", wiederholte Timo. Und dachte an seinen Klassenlehrer Herr Wagner. Der hatte schon so manchmal seine Schwierigkeiten, sich gegen die Klassenmeute durchzusetzen. Aber er hatte auch ganz gemeine Tricks drauf, wie er sich rächen konnte. Wie mit diesem blöden Referat zum Beispiel. Aber ein Herr Wagner mit Rute in der Hand - das konnte er sich beim bes­ten Willen nicht vorstellen. Außerdem hätte er das sofort seinen Eltern erzählt und die wären bestimmt am nächsten Tag auf dem Schulamt gewesen.

Grusel und Brüder

Timo fragte sich, ob und wie sein kleiner Bruder wohl irgendwie an diese Informationen herangekommen sein könnte. Denn so recht glaubte er noch nicht an diese hartnäckige Stimme in seinem Kopf. Sein Bruder, überlegt er sich, interessierte sich für so einiges. Aber Geschichte gehörte definitiv nicht dazu. Wenn die Stimme ihm erzählt hatte, wie man sich anziehen soll, damit man super cool aussieht - gut, dann wäre es klar gewesen: Das ist Tom, die linke Bazille. Denn da kannte er sich aus. Ach, wenn die Stimme ihm zehn Tips gegeben hätte, was Mädchen mögen. Aber Geschichte von Lehrern die Schlagen und Latein können. Ein leichter Grusel durchschauerte ihn.

Timo überlegte wie das wäre, wenn es tatsächlich stimmte, was die Stimme in seinem Kopf ihm sagte. Was, wenn es tatsächlich Martin Luther wäre, mit einem Anflug von Langeweile in der Ewigkeit? Was, wenn er ihm wirklich helfen wollte. Was, wenn das wahr wäre?

Er fuhr sich durch seine Haare und atmete tief ein und aus. Seine Mutter sagte immer, das würde gegen Stress helfen. Den blöden Kram ausatmen und das Gute einatmen. Einfach alles wegatmen. Die ganze Beklommenheit und das Unbehagen. Noch einmal atmete er wieder ein. Und noch mal.

Fenster auf!

"Vielleicht solltest du ein Fenster öffnen, wenn du nicht genug Luft bekommst", sagte die Stimme. Es hörte sich an, als klänge sie ein biss­chen besorgt.

"Herr Gott noch mal", schimpfte Timo. "Ich atme. Ich habe Stress."

"Womit?", fragte die Stimme.

"Mit meiner Stimme im Kopf, die behauptet, Martin Luther zu sein."

"Verstehe", sagte die Stimme. "Tut mir leid. Ich hatte schon wieder vergessen, wie verweichlicht die Jugend von heute ist!"

"Verweichlicht?", empörte sich Timo. "War es etwa in ihrer Zeit normal Stimmen zu hören?"

"Na ja - vielleicht nicht unbedingt. Aber wir hätten nicht so ein Geschiss darum gemacht. Wir hätten damals gedacht, dass Gott uns irgendwas sagen will. Visionen nannte man das. Denk an Hildegard von Bingen oder Johanna von Orleans. Die hatten solche Stimmen auch und es hat ihnen nicht geschadet. Oder halt doch - das Ende von Johanna war ja nicht so schön. Auf alle Fälle waren es lauter Menschen, die sehr schlau und weise waren und wurden."

"Na danke schön auch", seufzte Timo. Ein bisschen schmeichelte es ihm schon, mit Hildegard von Bingen in einen Topf geworden worden zu sein. Er kannte die Heilige ein bisschen aus der Zeit, als seine Mutter den "Alternativen-Flash" bekommen hatte und nach den Kochbüchern der heiligen Hildegard gekocht hatte. "Nicht unbedingt lecker, aber gesund" - so hieß die Devise damals bei seiner Mutter, bis sie wieder die üblichen Spaghetti mit Tomatensauce auf den Tisch der meuternden Familie gestellt hatte.

"Langer Rede - kurzer Sinn", sagte die Stimmer erneut. "Ich bin da und ich hab alle Zeit der Welt." (Timo meinte ein verknarztes Lachen zu hören) "Lass es uns angehen. Ich helfe dir und du schreibst nicht so einen Mist über mich. Das ist ja empörend, was du das verzapft hast. Ich hatte ein langes und spannenden Leben - mit Höhen und Tiefen. Man sagt mir nach, ich habe die Kirche reformiert und du schreibst was über hängende Mundwinkel. Es ist ein Wunder, dass sie bei solchem Blödsinn nicht noch viel tiefer hängen."

"Naja", seufzte Timo. Irgendwie konnte er immer noch nicht so recht glauben, was er da so alles hörte. "Allein mir fehlt der Glaube. Woher soll ich wissen, dass sie es sind und nicht mein Bruder, der einen blöden Scherz mit mir treibt. Oder schlimmer noch - Sebastian Thile, der Volldepp! Kann ich das irgendwie bestätigt haben?"

Heimlich dachte er bei sich: "Wenn ich noch ein bisschen Zeit schinden kann, bekomme ich die Tricks vielleicht noch raus - und muss nicht am Ende dastehen, wie ein Idiot. Vielleicht war er ja auch nur ein bisschen krank? Wenn er mal wieder so richtig lange schlief, anstatt bis spät abends noch an seinem Rechner zu sitzen - vielleicht war dann die Stimme weg. Gut. Andererseits wäre das natürlich der Knüller, ein Referat mit Zeitzeugen zu schreiben. Einen authentischen Bericht. Aber dafür Stimmen im Kopf in Kauf nehmen? Und wenn es wirklich stimmte, dass das Luther sein sollte - das wäre ja der Hammer. Der helle Wahnsinn. Wer konnte schon behaupten, je mit Luther persönlich gesprochen zu haben.

Aber wenn nicht - dann wäre er der größte Depp aller Zeiten. Ein noch größerer Depp als sein Erzfeind Sebastian Thile. Wenn das rauskommen würde. Timo atmete ein und aus. Glauben oder nicht. Ein und aus. "Ja - der Glaube. Das ist eben etwas anderes, als Wissen", räusperte sich die Stimme im Kopf. "Ich kann nicht für dich glauben."

Morgen ist auch noch ein Tag

Timo fiel auf einmal der Spruch aus einem der Lieblingsfilme seiner Oma ein: "Vom Winde verweht" Da sagte immer die schöne Scarlett O'Hara: "Morgen ist auch  noch ein Tag."
Morgen könnte er noch mal überprüfen, ob es

a. noch eine Stimme in seinem Kopf gab nach genügend Schlaf und einer heißen Tasse Kakao oder

b.  hätte bis dahin die Tricks seines Bruder geknackt oder

c.  (hier seufzte er leise) hätte ein Zimmer in der geschlossenen Psychiatrie .

Also ein ganze Reihe von Möglichkeiten. Daher sagte er zur Stimme in seinem Kopf: "Wir werden sehen. Morgen ist auch noch ein Tag."

"Ha", sagte die Stimme. "Das kenne ich. Vom Winde verweht." Du kennst vom Winde verweht“, fragte Timo ungläubig. Insgeheim war das ja schon fast ein sicheres Zeichen, dass sein Bruder Tom nicht hinter der Stimme stecken konnte. Der würde eher seinen Kopf in Omas alten Gasherd stecken, als mit ihrdie ollen Schinken anschauen. Da war er eisern. Fernsehn mit Oma kam für ihn niemals in Frage.

"Also gut", sagte die Stimme "morgen ist auch noch ein Tag. Ich zieh mich ein bisschen in die Ewigkeit zurück. Gute Ruhe dir, Junge."

"Gute Nacht. Wie soll ich sie eigentlich ansprechen?", fragte Timo.

"Herr Luther würde reichen. Aber ich bin da nicht so. In der Ewigkeit ist man ganz entspannt. Früher war das anders. Aber hier relativiert sich so einiges."

"Aha", sagte Timo. "Dann gute Ewigkeit. Bis später. Ich brauche jetzt ein bisschen Privatsphäre - und ein Sudoku zum Ablenken."

Fortsetzung: Ein Morgen voller Überraschungen

                            Inge Wollschläger

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