Timos Mutter
Man muss so aufpassen bei Müttern: Kaum schreit man mal rum - schon kommen sie ins Zimmer. Natürlich ohne anzuklopfen.

Lebenslauf mit Skorpionen

Geboren am 10. 11. 1483 in Eisleben. "Ein Skorpion - auch das noch", dachte Timo. Sein Erzfeind Sebastian Thile war auch Skorpion vom Sternzeichen. Ein Volldepp, ein echter Vollpfosten und eine wahrhaftige Plage. Aber er wollte nicht an Sebastian Thile denken. Nicht heute. Sonst käme er wieder in Rage wegen der Sache mit dem Klopapier.

Luther war wenigstens schon tot. Der konnte einen nicht mehr beleidigen. Wenigstens etwas! Und Eisleben? Wo bitte schön lag Eisleben? Timo kannte ja schon einiges, seit seine Eltern beschlossen hatten, den Kindern ein bisschen Kultur beizubringen. Aber Eisleben war bisher noch nicht dabei. Also ein kleiner Ausflug in Google Maps. Herr Wagner sollte ihm nicht nachsagen, dass er nicht recherchiert hätte.

Da! Im Osten. So weit rechts auf der Karte? "Da ist doch der Hund begraben. Wir waren neulich im Osten", dachte Timo. "Nix los, so weit das Auge reichte. Nur Landschaft." Reichlich viel Landschaft für seine Begriffe. "Zurück zu Natur", jubelte damals seine Mutter schon fast. "Das machen wir jetzt öfters!"

Na toll. Zurück zu Natur hieß: Camping mit schnarchenden Nachbarn im Nebenzelt. Kaltes Wasser im Waschhaus und Landschaft ohne Ende. Keine Zivilisation weit und breit. Dafür jede Menge Mücken. Und Nazis.

Eisleben also. Bei Erfurt. Da war er schon. Eine hübsche Stadt. Der Dialekt gewöhnungsbedürftig. Der Dom war riesig und die Brücke sehr überlaufen. Aber wenigstens waren sie in Erfurt nicht auf einem Campingplatz gewesen, sondern in einem Hotel, erinnerte sich Timo. Das machte ihm Erfurt doch sympathisch.
Er nahm einen seiner Stifte - immer den äußersten zuerst und immer drei nebeneinander. Da war er pingelig - und fing an zu schreiben.

Referat

Luther war ein Mann mit unterschiedlichen Frisuren. Wahrscheinlich gab es auch damals gewisse modische Ansprüche. Im Alter hatte er hängende Mundwinkel, aus nicht bekannten Gründen, weil Frau und Kind hatte er. Er ist aus dem ehemaligen Osten wo die Katze begraben ist und es viel Landschaft gibt, aber noch keine Nazis und er ist Skorpion.

"Ganz schön mager, mein Lieber", sagte da plötzlich eine Stimme.

Vor Schreck stieß er sein Saftglas um. "Tom - du Depp. Lass das", schrie Timo ganz automatisch. Tom war sein kleiner Bruder und die größte Nervensäge westlich des   Urals. Tom: ein Anschleicher, ein Zu-Tode-Erschrecker, ein Eltern-Einschleimer und das größte Unschuldslamm weit und breit. Keine Antwort. "Komm raus. Ich weiß, dass du da bist." Immer noch nichts.

Aber schon wieder diese Stimme: "Na na na, wer wird denn gleich."

"Tom. Hör auf damit."

Die Tür ging auf. Seine Mutter schaute ins Zimmer. "Kerl, was schreist du so, dein Bruder ist beim Fußballtraining. Brauchst du ihn?"

"Beim Fußballtraining?"

"Ja - wie immer am Donnerstag." Seine Mutter hat wieder diesen leichten: "Das-Kind-kapiert-aber-auch-leider-wieder-nix-ich-habs-aber-trotzdem-lieb"-Ton. Na super!

"Äh, nein - ich sag's ihm später", sagte Timo. Seine Mutter ging und machte die Tür hinter sich zu. Timo rutschte die Computermaus herum. Nein - Skype war aus. Der Lautsprecher war aus.

"Junge" - schon wieder diese Stimme. In fünf Schritten war er am Fenster. Zu. Keine Menschenseele war draußen unterwegs.

"Ach Junge - jetzt hab dich mal nicht so", sprach es schon wieder.

"Wer ist da", stammelte Timo.

"Dr. Martinus Luther", hörte er eine - so schien ihm amüsierte Stimme.

Luther? Aber das kann nicht sein! Die Tür ging wieder auf. Timo muss­te seiner Mutter unbedingt beibringen, anzuklopfen. Man weiß ja nie. Heute sind es fremde Stimmen, morgen die Liebste. Und seine Mutter kam immer rein, wie es ihr passte.

"Stimmt was nicht, Timo?", fragte sie.

"Alles gut, Mama, ich arbeite."

"Ach schön", sagte sie und ging wieder raus.

"Luther? Aber der ist doch schon lange tot."

Timo trank einen tiefen Schluck Saft. "Stimmen, in meinem Alter. Ich glaubte es nicht. Vielleicht sollte ich mal die Google Seite wechseln und nach einem Neurologen im Internet suchen. Oder nach einem Psychiater. Stimmen hören ist ganz schlecht. So wie bei Harry Potter, der mit Schlangen sprechen konnte. Das kam auch nicht gut an."

"Ja und", sagte die Stimme. "Ich mag ja vielleicht tot sein, aber immer noch unvergessen."

Timo schlug sich mit der Hand auf die Ohren.

"Alles gut bei dir, mein Junge?", fragte die Stimme ein bisschen besorgt.

"Nix ist gut. Ich höre Stimmen. Das ist nicht gut", sagte Timo.

"Ach - ich beiße nicht", lachte die Stimme.

"Was willst du?"

" Ich hab dein Referat gelesen - ich muss schon sagen, ich bin enttäuscht."

"Enttäuscht?", wollte Timo fast schon schreien, bis ihm einfiel, das Mama vielleicht noch draußen lauerte. "Enttäuscht? Was geht's dich an - du bist eine Stimme und tot."

"Ja schon", sprach es wieder in seinem Kopf. "Aber das, was du da geschrieben hast ist einfach nur Käse. Ich bin Martin Luther und nicht so ein hohles Geschwätz was du dir da zusammen schreibst."

"Was willst du?", stammelte Timo.

"Dir helfen. Außerdem hab ich grad Zeit und Langeweile."

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