Luthers Wege
Der breite und der schmale Weg: der eine führt in das Fegefeuer und die Hölle - der andere Weg in die Ewigkeit Gottes. Luther wollte alles dafür tun, damit er nach seinem Tod nicht in der Hölle landen würde.

Sieht Timo Gespenster?

"Ja", krähte Tom, "du siehst aus wie ein Gespenst - nur nicht so durchsichtig."

"Wie ein Gespenst. Aha", wiederholte Timo und dachte an den Geist in seinem Kopf.

"Gehts dir nicht gut?", fragte seine Mutter. "Du solltest mal wieder raus an die frische Luft."

"Und das soll Gespenster vertreiben?", entgegnete Timo schnippisch.

"Dieser ganze multimediale Kram trägt nicht zu deiner Schönheit bei - wie man sieht. Immer nur in der Bude hocken und Computer spielen lässt einen eben wie ein Geist aussehen."

Sie reichte ihm einen Becher Kakao. Er war genau richtig - viel Milch und wenig Kakaopulver.

"Papa und ich haben uns überlegt: "Wenn er nächste Woche auch Urlaub hat, gehen wir campen."

"Au jaaa..."“, schrie Tom und warf dabei seine Milch um.

"Oh nein...", stöhnte Timo und rettete sein Nutellabrot in letzter Sekunde vor dem Milchsee.

"Campen", sagte plötzlich die Stimme in seinem Kopf. "Ist das die Sache mit dem Haus aus Stoff auf Flur und Feld?"

"Gib Ruhe Luther, campen ist doch das Letzte!"

"Luther?", fragte seine Mutter verwirrt. "Wieso soll Luther Ruhe geben wenn wir campen wollen?"

"Luther?", stotterte Timo. "Ich meinte doch, gib mir mal die Butter. Du hast dich bestimmt verhört." Er wischte mit seiner Serviette die Reste der Milchpfütze auf. Timo liebte Servietten. Eine überaus praktische Erfindung. So etwas gab es beim Camping auch nicht. Eine total serviettenlose Zeit stand ihm womöglich bevor.

"Camping, Camping, Camping ...", schrie sein kleiner Bruder, während Timo seinen Kopf in den Händen vergrub. Sein Leben konnte nicht schlimmer sein: Eine Stimme im Kopf, ein Bruder, der nur schrie und die komplette Familie mit der er möglicherweise zelten gehen musste.

Ein feste Burg ist unser Gott

Am Nachmittag lag Timo auf seinem Bett und starrte in die Luft. Seine Mutter hatte ihm verboten, seinen Laptop einzuschalten. Spazierengehen sollte er - doch das fand er doof. Sein Freund war verreist. Hätte er einen Hund gehabt - so wie er sich schon lange einen wünschte - wäre Rausgehen kein Problem. Aber so ohne Grund? Ohne Freunde, mit denen man sich treffen konnte? Er war ja noch kein Opa mit Spazierstock, der mal eben um den Block ging, um nach dem Rechten zu sehen. So lag er einfach nur da und schaute. In seinem Ohr ertönte das leise Summen einer Melodie.

"Herr Luther - bist du das?" Das Summen ging in ein Lied über. ".... Und wenn die Welt voll Teufel wär, und wollt uns gar verschlingen, so fürchten wir uns nicht so sehr...".

"Was singst du denn da?"

"Aus meinem Lied: Ein feste Burg ist unser Gott!"

"Hört sich an wie die Bachkantaten, die sich Mama immer anhört. Und ich muss mithören - zwecks der Allgemeinbildung, sagt sie immer."

"Ja. Johann Sebastian Bach hat sie später mal als Kantate komponiert. Hat er gut gemacht. Hat mir gut gefallen."

Eigentlich war Timo ganz froh, dass Luther mit ihm sprach. So musste er wenigstens nicht über sein schlimmes Leben und der drohenden Gefahr des Zeltens und sein hundeloses- und kumpelfreies Leben nachdenken.

"Du magst wohl nicht zelten gehen?", wurde er gefragt.

"Ich hasse Zelten! Kein Komfort, zuviel Natur, zuviel Familie und zu wenig öffentliche Klos, die weit weg sind. Ich habs gerne geordnet und behaglich", erklärte er.

"Das kenn ich", seufzte Luther. "So was wollte ich auch immer haben - das behagliche Leben. Ist mir aber selten gelungen.  Mein Haushalt war riesig. Ständig war jemand um mich rum, ruhige Minuten gab es kaum. Mein Herr Käthe hat oft mit mir geschimpft. Nur im Kopf hatte ich Ordnung."

"Herr Käthe?"

"Entschuldige. Meine Frau. Eine tüchtige und gute Frau. Ich hab sie sehr gemocht. Wir waren ein gutes Gespann. Manchmal hat sie ein bisschen viel geschimpft mit mir. Aber ich habs ihr ja auch nicht leicht gemacht. Die konnte vielleicht unser Haus gut bestellen - Junge ich sage dir. Und Bier brauen - s-a-g-e-n-
h-a-f-t", schwärmte die Stimme.
  
Sünden

"Sag mal - was meintest du eigentlich vorhin mit den Sünden. Gibt's denn so was überhaupt heute noch? Sind wir jetzt Sünder oder Menschen?", wechselte Timo das Thema. Er fand es fast ein bisschen peinlich, wie Luther über seine Frau schwärmte.  Außerdem fiel ihm dann wieder Luise ein. Bei dem Gedanken an sie fing sein Herz auf merkwürdige Art an zu klopfen. Es war ein schön-schreckliches Gefühl zugleich und ein bisschen beängstigend, weil er es so gar nicht kontrollieren konnte.  Luise war in seiner Parallelklasse. Und Gott-sei-Dank wusste keiner - noch nicht einmal sein bester Freund Christian - wie großartig, wie wunderhübsch und schlau er sie fand. Wenn das rauskam, wäre er geliefert. PEINLICH.

Dann lieber Sünden. Meinetwegen auch Chaos im Hause Luther. Aber keine Mädchengeschichten. Timo verschob Gedanken gerne in seine "Kammer des Schreckens", wie er die Hirnregion  - nach ­Harry Potter - für unliebsame Gedanken gerne nannte.

"Sünden war einmal eines meiner großen Themen. Der ganzen Bevölkerung sogar. Da gings nicht um ein Stück Torte zuviel. Ich hatte immer furchtbare Angst vor einem strafenden Gott. Einem Gott, der über mich Gericht hält. Der mich bestrafen würde mit ewigem Fegefeuer ­- weil ich so lebte, wie ich lebte. Ich ging sogar ins Kloster um vor Gott bestehen zu können. Was, wenn ich sterben würde, ohne vorher bereut zu haben?"

"Meine Relilehrerin sagt immer, 'Gott ist die Liebe'. Das war wohl damals nicht so?"
"Nein. Zu meiner Zeit hatten wir nackte Angst. So wurde es uns beigebracht. Du kannst nicht vor Gott bestehen. Es sei denn, du zahlst für deine Sünden. Keiner konnte damals gerecht werden vor Gott. Ich bin damals nicht gern und nicht aus Eifer ein Mönch geworden. Sondern weil mich oft die Angst und der Todesschreck - ja fast schon Panik - plötzlich überfiel. Nur aus diesem Grund bin ich ins Kloster eingetreten. Der Gedanke, unvorbereitet vor Gott zu treten, wenn ich sterben würde, hat mich - wie würdet ihr heute sagen: 'fertig gemacht!' Eine Frage zog sich durch die Zeit wie ein roter Faden: Wie kann ich gerecht werden vor Gott? Wie kann ich ihm gefallen? Wenn ich noch mehr bete, mehr Gutes tue, mehr Spenden gebe?"

"Echt - so hast du damals gedacht? Krass! Kann man denn so leben? Ein Leben so voller Angst - das ist doch doof. Da ist 'Gott ist Liebe' viel besser und einfacher - wenn ich denn daran glauben würde. Sünde und so ein Kram: Was kann das für ein Gott sein, wenn er den Menschen so Angst macht?"

Timo überlegt im Stillen für sich, dass die Kammer des Schreckens bei Luther damals wohl eher ein riesen Saal gewesen sein musste. Ach was - offensichtlich eine ganze Burg. Kam vielleicht daher das Lied: Ein feste Burg ist unser Gott? "Wie bist du aus der Nummer herausgekommen?"

"Mich hat ein Freund auf eine für mich ganz neue Idee gebracht."

"Wie hieß dein Freund?"

"Johann von Staupitz. Einmal hat er mir auf einen Brief geantwortet, als ich ihm von meinen Sorgen schrieb. Ich weiß es noch genau, was er geantwortet hat: 'Du willst ohne Sünde sein und hast doch keine rechte Sünde; Christus ist die Vergebung rechtschaffener Sünden, als die Eltern morden, öffentlich lästern, Gott verachten, die Ehe brechen, das sind die rechten Sünden. Du musst ein Register haben, darin rechtschaffene Sünden stehen, soll Christus Dir helfen; musst nicht mit solchem Humpelwerk und Puppensünden umgehen und aus einem jeglichen lauten Geräusch eine Sünde machen!' "

"Ah so. Kein Wort verstanden."

"Naja. Kurz gefasst: Nicht jeder Furz ist eine Sünde. Was hatte ich denn auch schon damals im Kloster für Sünden? Ich hab' keine Ehe gebrochen - denn verheiratet war ich nicht. Die restlichen Todsünden hab' ich im Kloster auch nicht begangen. Wie sollte ich auch. Ich war ja die ganze Zeit damit beschäftigt, gerecht vor Gott zu sein. Und für den Rest gilt die Vergebung durch unseren Herrn Jesus Christus. Das war neu für mich. Dann las ich in der Bibel wie Paulus an die Römer schreibt: 'Denn darin wird offenbart die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, welche aus dem Glauben kommt und zum Glauben führt; wie geschrieben steht: Der Gerechte wird aus dem Glauben leben. Und dann platzte für mich der Knoten im Hirn: Ich hab’ erkannt, dass Gott kein strafender Gott ist, wie ich bisher dachte. Sondern eher wie deine Lehrerin sagte. Gott ist die Liebe.' "

"Was sind Todsünden?" "Kindchen - du weißt ja gar nichts. Damals haben wir daran geglaubt. Hochmut. Wolllust. Geiz. Zorn. Völlerei. Neid. Faulheit."

"Das sind Todsünden? Also ganz schlimme? Ups. Dann bin ich auch ein Sünder."
Es kicherte in seinem Kopf.  "Ja - so ist das, wenn man mal das Nachdenken anfängt. Ich hatte Glück. Ich hatte meinen Glauben an Jesus Christus, der für meine Sünden gestorben ist. Da ist es bei dir wohl nicht so bestellt."

"Aber", unterbrach ihn Timo. "Um ein Sünder zu sein, muss man ja erst mal an die Sünden glauben. Und wenn einen das fertig macht, dann kann man ja immer noch Hilfe bei Gott und Jesus finden."

"Bisschen schlicht im Denken - aber so könnte man das auch sehen." Timo meinte, Luther grinsen zu hören.

"Was willst du dann eigentlich bei mir? Ich bin ja noch nicht mal Christ?"

"Aber du bist ein Kind Gottes. Der Rest kommt schon noch. Oder auch nicht. Dazu hat dir Gott einen eigenen Willen gegeben."

"Super, dass Gott mir einen eigenen Willen zugesteht. Meine Eltern offensichtlich nicht. Sonst würden sie mich nicht zwingen, mit zelten zu gehen. Da ist Gott viel fortschrittlicher als meine Eltern. "

"Ja - Gott ist sehr fortschrittlich! Da hast du Recht! Oder es ist der Segen deiner Jugend, Unschuld und Unglauben. Beneidenswert", und jetzt hörte es Timo wirklich kichern. Was daran jetzt so komisch war, konnte er sich nicht ganz erklären.

- Fortsetzung folgt -

                            Inge Wollschläger

Fortsetzung: Das Weihnachtswunder