Sie standen zu ihrer Kirche

Kanzel der Matthäuskirche
Die Kanzel der Matthäuskirche: Von hier aus predigte Hans Meiser am 11. 10. 1934. NS-Gauleiter Wagner ließ das Gotteshaus 1938 abreißen, ein später Racheakt. Bilder: Schmerl

Im Oktober 1934 erreichte der Kirchenkampf in Bayern seinen Höhepunkt – Teil 2

"Gewalt in München" hieß die Überschrift einer Mitteilung der Evangelischen Pressestelle vom 11. Oktober 1934. Alle schlimmen Einzelheiten der Besetzung des Landeskirchenamtes durch den reichskirchlichen "Rechtswalter" Jäger wurden aufgeführt. Dann folgte der Bericht über den Gottesdienst in der Matthäuskirche. Landesbischof Meiser erklärte, nicht weichen zu wollen.

Der Bericht der evangelischen Pressestelle erschien selbstverständlich weder in den weltlichen noch in den kirchlichen Blättern. Dafür hatten die Funktionäre des Goebbels-Ministeriums für Volksaufklärung und Propaganda gesorgt. Doch hektographiert und in Abschriften kursierten die Nachrichten und verbreiteten sich über München hinaus im ganzen Land. Der polizeiliche Hausarrest des Landesbischofs in seiner Wohnung wurde als Gefangenschaft verstanden. Und die vom Rechtswalter verfügte Zerschlagung der Landeskirche nahm man mit Erbitterung und Zorn auf. Überall fanden Buß- und Bittgottesdienste statt. Oft wurden dabei zum Zeichen der Trauer die Altäre schwarz gedeckt und die Kerzen gelöscht. Die überwältigende Mehrzahl der Pfarrer versicherte dem Bischof ihre Treue. Und eine zehnjährige Gertraud schrieb: "Jeden Abend bete ich für Sie. Ich wünsche, dass Sie immer unser Herr Landesbischof bleiben und für unsere Kirche siegen."

Auch der Schriftleiter des Sonntagsblattes schickte einen Brief. Auf einer handgeschriebenen Karte antwortete Hans Meiser: "Dass mir gerade jetzt die Hände gebunden sind und das Wort verwehrt ist, ist nicht leicht zu ertragen. Aber vielleicht soll ich nur Kraft sammeln für neuen Kampf ... Gerade der Blick auf den Cruzifixus zeigt uns, dass man auch im scheinbaren Unterliegen siegen und durch Leiden stark werden kann. Ich befehle alles in Gottes Hand ..."

Das Sonntagsblatt hatte seiner Leserschaft schon am 30. September erklären müssen: "Wie uns die Landesstelle Mittelfranken des Reichsministeriums für Volksaufklärung und Propaganda mitteilt, dürfen wir über die jüngsten Vorgänge in unserer Landeskirche … keine Mitteilung machen." Am 14. Oktober stand im Blatt, "dass wir den wachsenden Unwillen unseres Kirchenvolkes über dieses Schweigegebot mit Sorge beobachten. Wenn dann besonders kirchlich interessierte Leute nach ausländischen Zeitungen greifen, um dort über die kirchliche Lage zu lesen, so ist das gewiss kein Idealzustand."

 

Botschaft aus dem Hausarrest
Botschaft aus dem Hausarrest: Hans Meiser bedankt sich beim Schriftleiter des Sonntagsblattes für dessen Segenswünsche.

Die Presse im Ausland erwies sich tatsächlich als gut informiert. So hieß es in den "Basler Nachrichten" am 17. Oktober 1934: "Der Schweizer Protestantismus steht fassungslos vor den kirchlichen Ereignissen im Deutschen Reich. Maßregeln von so unerhörter Schärfe wie die Absetzung der süddeutschen Landesbischöfe Wurm in Württemberg und Meiser in Bayern können wir kaum verstehen …". Ebenfalls auf wenig Verständnis stießen in ihren Gebieten die neu ernannten Kirchenführer. Sie fanden kaum Gefolgschaft. Darunter eine "schwarze Liste" mit den Namen von Personen, die aus dem Dienst zu entlassen seien. Auch der Schriftleiter des Sonntagsblattes gehörte dazu.

Auch ein Lehrer im Nürnberger Land schrieb folgendes an die Tafel und ließ es von seinen Schülern abschreiben und auswendig lernen: "Ich glaube an Reichsbischof Müller und verurteile den abgesetzten Landesbischof Meiser. Reichsbischof Müller hat das Vertrauen des Führers, Landesbischof Meiser nicht. Unser Landesbischof heißt Sommerer und nicht Meiser."

Bald rollte eine im Dritten Reich unerhörte und sicher auch einmalige Protestwelle an. Im Sonderzug oder privat fuhren evangelische Kirchenmitglieder nach München. Die Dienststelle des Landeskirchenrates wurde so etwas wie ein Wallfahrtsort, wo Landesbischof Meiser vom Balkon aus jeweils Hunderte oder Tausende grüßte. Dem Bischof wurde der Besuch des Sonntagsgottesdienstes verweigert. Daraufhin feierten die Münchner Protestanten mit ihm am Dienstsitz. Den dortigen nationalsozialistischen Machthabern aber wurde die Sache zunehmend unheimlich. Bald erschienen an den maßgeblichen Stellen Delegationen, vor allem aus den fränkischen Landesteilen, und protestierten gegen die Gewaltmaßnahmen.

Es stellte sich heraus, dass diese nur mit dem Gauleiter Wagner abgesprochen waren, nicht aber mit Ministerpräsident Siebert und Reichsstatthalter Ritter von Epp. Besonders auf diesen machte die Kirchentreue fränkischer Bauern Eindruck. Epp und Siebert fühlten sich übergangen und wiesen bei der Reichsregierung in Berlin auf die Unruhe in Bayern und das zunehmende Interesse des Auslands an der leidigen Angelegenheit hin.

Schließlich wurde Hitler selbst damit befasst. Angesichts des kirchlichen Scherbenhaufens ließ er seinen Vertrauensmann Müller mehr oder weniger fallen. Rechtswalter Jäger trat von seinem Posten zurück. Die Landesbischöfe Meiser und Wurm wurden am 26. Oktober aus ihrem Arrest entlassen und wenige Tage später vom Führer in Audienz empfangen. Dieser drückte allerdings kein Bedauern über die Vorfälle aus, sondern erklärte nur, dass der gut gemeinte Versuch einer umfassenden Reichskirche gescheitert sei.

Am 1. November 1934 kehrte in München die evangelische Kirchenleitung wieder in ihre Diensträume zurück. Sie erklärte, dass alle von den kommissarischen Bischöfen getroffenen Anordnungen wirkungslos seien. Tags darauf dankte Landesbischof Meiser den Gemeinden: "Was in diesen Wochen an Liebe zur Kirche, an Treue gegen das Erbe der Väter und an freudigem Bekennermut offenbar geworden ist, wird unvergessen sein." Am 4. November hielt er in der Nürnberger St. Lorenzkirche Gottesdienst. Ein Gemeindeglied berichtete darüber: "Man fragte sich, ob diese Kirche seit ihrem Bestehen jemals solche Massen beseelter, begeisterter, ergriffen hörender Besucher beherbergt hat. Es dürften 6.000 gewesen sein. Vor mir saß ein alter Mann, dem liefen die Tränen in den Bart. Menschen, die sich nie sahen noch je wiedersehen werden, reichten sich die Hände."

Christoph Schmerl