Erste-Hilfe-Kurse gegen Gewalt

Friedensgruß
Symbolischer Friedensgruß beim Kongress "Kirche macht Frieden". Foto: Kuchenbauer

Initiativen zeigen Möglichkeiten auf, wie sich Aggressionen begegnen lässt

Für die Führerscheinprüfung gehört es zum Standard: Jeder angehende Autofahrer muss nachweisen, dass er oder sie einen Erste-Hilfe-Kurs absolviert hat. Zumindest gehört haben sollte man davon, dass es so etwas wie stabile Seitenlage oder eine Mund-zu-Mund-Beatmung gibt.

Eine andere Fähigkeit gewinnt zunehmend an Bedeutung: Wie entschärfe ich Konflikte? Diese Frage beherrschte den dreitägigen Kongress "Kirche macht Frieden" auf dem Hesselberg. Die Nürnberger Arbeitsstelle für konstruktive Konfliktbearbeitung (kokon) unter der Leitung von Pfarrerin Claudia Kuchenbauer organisierte ihn kürzlich zusammen mit dem Kain&Abel-Institut auf dem Hesselberg organisierte. Die 58 Dauerteilnehmer erhielten viele Denkanstöße, wie Frieden vor Ort oder ein Ausstieg aus dem Teufelskreis der Gewalt gelingen kann. Nach der Prügelattacke in München-Solln und nach dem Amoklauf von Ansbach stellt sich diese Frage mit neuer Schärfe. Anfang Oktober wurde nun auch in Landshut ein weiterer Bürger zusammengeschlagen, der sich vor einen bedrohten Jugendlichen stellte.

Deeskalation kann nicht bedeuten, sich bei gewalttätigen Konflikten ohne Bedenken dazwischen zu werfen, wie Diakonin Elisabeth Peterhoff von der Arbeitsstelle "kokon" ihre Erfahrungen erläutert. Folgenreich könne es etwa sein, wenn man einem gewalttätigen Menschen zu nahe kommt. Das kann er schnell als Grenzüberschreitung deuten und macht ihn aggressiver.

"Wichtig ist es, weitere Passanten direkt um Unterstützung zu bitten", bevor man eine Deeskalation versuche, so Stefan Maaß, der in der badischen Landeskirche das Projekt "Jugendliche werden Friedensstifter" aufgebaut hat. Also nicht: "Wer könnte mir eventuell helfen?" Sondern: "Helfen Sie mir!" Imperative wirken mehr als Konjunktive. Höflichkeit ist da weniger wichtig. Auch der Karlsruher stellte seine Initiative auf dem Hesselberg vor.

Möglichst flächendeckend arbeitet Sozialarbeiter und Religionspädagoge Maaß seit zwei Jahren daran, Anti-Gewalt-Trainer auszubilden. Diese leiten Konfirmandengruppen und Schulkassen dazu an, als Friedensstifter tätig zu sein. "Die Jugendlichen sollen erkennen, wo Grenzen zur Gewalt überschritten sind und wie sie einschreiten können", fasst Stefan Maaß sein Anliegen zusammen.

Besonders wichtig sei es, ergänzt Elisabeth Peterhoff, genau zuzuhören, welche Ebenen in einem Streit mitschwingen. Oft entzünde sich ein Konflikt an nebensächlichen Punkten, wesentliche Konfliktherde gerade emotionaler Natur treten nicht ans Tageslicht. "Wie bei einem Eisberg sind sechs Siebtel verborgen." Und die eigenen Bedürfnisse müssen genauso ernst genommen werdem. Was ist mir wichtig, wo kann man Kompromisse machen und wo wirken Verletzungen untergründig weiter?

Fachambulanz für Sexualstraftäter
Anna-Margareta Oldenburg, Leiterin der Nürnberger Stadtmission, die bayerische Justizministerin Beate Merk und Claudia Schwarze, die neue Einrichtungsleiterin bei der Einweihung der "Fachambulanz für Sexualstraftäter". Foto: Borée

Wenn man vom Hesselberg in die Niederungen eines leider noch immer aktuellen Alltags hinabsteigt und die Wurzeln der Ereignisse analysiert, zeigt sich folgendes: Da geriet der spätere Amokläufer von Ansbach offenbar vor rund sechs Jahren in eine Prügelei. Doch seine körperlichen Verletzungen waren offensichtlich nicht so schwerwiegend. Viele Jungen in seinem Alter hätten das wohl schnell wieder vergessen - nicht so der spätere Amokläufer. Fast unmöglich ist es natürlich festzustellen, bei wem es eine solche Wirkung entfachen könnte.

Mehr als 200 Drohungen für bayerische Schulen seien nach dem Amoklauf in Winnenden bei der Polizei eingegangen, so Innenminister Joachim Herrmann. Fünf bis zehn Fälle hätte man sehr ernst nehmen müssen. Und dann geschieht es ohne Ankündigung.

 

Verantwortung vor Ort

 

Gegen einen besonders extremen und verabscheuenswürdigen Auswuchs von Gewalt engagiert sich eine psychotherapeutische Fachambulanz der Nürnberger Stadtmission: Bei der Nachbetreuung von Sexualstraftätern, die ihre Strafe abgebüßt haben und nun wieder in die Gesellschaft eingeführt werden sollen. Das Projekt begann Anfang Oktober. Die Therapeutinnen Claudia Schwarze und Kerstin Müller stellen sich dieser wohl gewöhnungsbedürftigen Aufgabe. Doch weist Claudia Schwarze auf ihre bisherigen mehrjährigen Erfahrungen dabei hin. Es sei wichtig, den meist männlichen Tätern zu vermitteln, dass Frauen nicht nur Opfer sein müssen.

Bis zu 70 entlassene Sexualstraftäter sollen in Nürnberg gleichzeitig therapiert werden. Sie stehen nach Vergewaltigungen, Missbrauch oder sexueller Nötigung unter Bewährung oder Führungsaufsicht. Wenn jeder von ihnen wöchentlich eine Stunde betreut würde, müssten die beiden Therapeutinnen ohne Vor- und Nachbereitung oder Reflexionsphasen von einem zum anderen hetzen. Eine Stellenaufstockung wurde schon bei der Eröffnung von der bayerischen Justizministerin Beate Merk in Aussicht gestellt.

"Es gibt wenig Themen, die so polarisieren", gibt Anna-Margareta Oldenburg vom Vorstand der Nürnberger Stadtmission bei ihrem Grußwort zur Eröffnung der neuen Fachambulanz zu. Doch gerade aus christlicher Verantwortung heraus würde man sich dieser Aufgabe stellen. Die Erfahrungen der bisherigen Straffälligenhilfe - der Arbeitskreis Resozialisierung um Friedrich Leinberger feierte gerade sein 40-jähriges Bestehen - helfen der Stadtmission auch bei diesem Engagement.

Diese Beispiele zeigen: So buchstabiert sich Friedensarbeit vor Ort auf. Es bedarf manchmal auch eines unbequemen Engagements.



Susanne Borée