Christoph-Maria Hörtner
Franziskaner-Bruder Christoph-Maria Hörtner

Brutale Franken?

Zimperlich war man damals nicht. Der merowingische Hausmeier Karlmann soll im Jahr 746 den allemannischen Adel nach Cannstatt einberufen haben. Die Chronisten berichten, Karlmann habe die Alemannen des Hochverrats bezichtigt und - mit oder ohne Prozess, da ist sich die Wissenschaft nicht einig - hinrichten lassen. Man sprach vom "Blutgericht zu Cannstatt". So wurde angeblich nahezu die gesamte Führungsschicht der Alemannen ausgelöscht und die Eigenständigkeit des alemannischen Herzogtums beendet. Die Franken setzten fortan Grafen, auch Nachkommen des alten Herzogshauses  aber auch Adlige aus der fränkischen Aristokratie zur Verwaltung Alemanniens ein.Frühes Mobbing

Genau in diese Zeit gehört die Episode mit Otmar, dem Abt, alemannischer Abstammung. Das Kloster des Otmar war den Franken ein Dorn im Auge. Doch Kirchengüter waren tabu. Sie unter die eigene Herrschaft zu bringen oder gar zu enteignen wäre ein schweres Sakrileg gewesen. Ein Gegner des allemannischen Klosters war Bischof Sidonius von Kons­tanz, ein Franke. Er wollte Otmar ­beseitigen und somit das St. Gallener Kloster unter seine und gleichzeitig fränkische  Gewalt bringen. "Das war mittelalterliches Mobbing", scherzt Bruder Christoph-Maria. "Die Vorwürfe sind so das 'Übliche', was man einem Geistlichen in dieser Zeit vorwerfen kann: Verhältnis zu einer verheirateten Frau, Sodomie, Völlerei", ergänzt der Thurgauer Historiker Dominik Gügel. 

"Es war eine regelrechte Verleumdungskampagne", weiß der Franziskanerpriester. "Man hat ihn gefangen vor Bischof Sidonius von ­Konstanz geführt." Doch Otmar schwieg: "Ich weiß was wahr ist, ich weiß was nicht wahr ist und Gott weiß es auch; dem Bischof bin ich keine Rechenschaft schuldig." Er wurde zum Hungertod verurteilt und in der Pfalz Bodman am Bodensee eingekerkert. "Aber er wurde begnadigt und auf die Insel Werd verbannt", weiß der Franziskaner.

"Man darf sich die Insel nicht so idyllisch vorstellen wie heute", warnt Historiker Gügel. "Damals war hier Wildnis, es gab keine Brücke, allenfalls eine einfache Hütte", beschreibt der Thurgauer Geschichtskenner die damalige Situation. Doch wird Otmar hier alles gehabt haben, was er zum Überleben brauchte. Vom heutigen Steg aus sieht man große Fischschwärme. "Alet", sagt Bruder Christoph-Maria, "eine hier verbreitete Weißfischart."

Otmar sei jedenfalls mit einem Lächeln auf den Lippen verstorben, sagt die Legende. Die Kapelle wird bald zur Wallfahrtsstätte. Nachweisbar ist heute eine Kapelle aus dem 10. Jahrhundert, die im 15. Jahrhundert umgebaut wird. Das Kirchlein steht der Überlieferung nach über dem Grab des Heiligen Otmar. Doch sein Leichnam soll dort nicht mehr ruhen.

Nimmer endender Wein

Etwa zehn Jahre nach Otmars Tod, so die Chroniken, hätten Mönche, die an der Verleugnung des Heiligen beteiligt waren, auf ihrem Sterbebett  gebeichtet, dass sie an der verleugnerischen Intrige gegen Otmar beteiligt waren. Darauf wurde sein unversehrter Leichnam auf der Insel Werd exhumiert und von Mönchen nach St. Gallen zurückgebracht.

Die Legende erzählt: Ein schlimmer Sturm kam auf dem Bodensee auf, konnte dem Boot aber nichts anhaben. Selbst die Kerzen, die um den Leichnam herum aufgestellt waren, wurden vom Wind nicht ausgeblasen. Und die Pilgerflasche mit Wein wurde nicht leer, obwohl die Mönche mächtigen Durst bekamen, da sie gegen den Sturm anrudern mussten.

Das Leben als Franziskaner

Die Franziskaner auf der Insel haben heute nicht mehr die himmlische Ruhe, die wohl einst der verbannte Otmar hier fand. "Es kommen viele Menschen zu uns, die etwas wollen: Bettler, Menschen die das Gespräch suchen, Menschen, die uns etwas bringen, Menschen die Lebensfragen umtreibt", berichtet Bruder Christoph-Maria. Seit 1953 sind die Franziskaner auf Werd. "Die Kapelle ist das Zentrum der Gemeinschaft, hier halten wir die Stundengebete und die Gottesdienste." Heute leben fünf Ordensleute hier. 

Warum Franziskaner und nicht ein anderer Orden? "Ich habe etwas gesucht, um einfach zu leben, dem Ursprung des evangelischen Lebens näher zu sein", bekennt der Bruder. "Schon Franziskus hat das gesucht und damit eine Bewegung in seiner Zeit ausgelöst." Als Sohn reicher Eltern sah er, dass Geld und Reichtum zu Hass und Krieg führen können. Daher hat er sich einem einfacheren Leben zugewandt. Dominikaner-, Karmelitten- und Franziskanerorden entstanden in dieser Zeit und sie waren alle Bettelorden. Sie gingen in die Städte, bzw. an den Stadtrand.

"Franziskaner haben keine 'stabilitas loci', keine Ortsbindung an ein bestimmtes Kloster", weiß der Bruder, der schon herumgekommen ist. Sie sind vom Ursprung her ein Bettel- und Wanderorden. "Ich war schon in den Kommunitäten von Näfels, Telfs, Fribourg und nun bin ich hier." Seit 13 Jahren ist er Franziskaner. Warum hat er sich für ein Leben als Priester und Ordensbruder entschieden? "Weil Gott es so will!", lautet seine Überzeugung. "Gott hat mit jedem Menschen etwas vor. Es ist unsere Lebensaufgabe die Möglichkeiten zu finden, die Gott jedem geschenkt hat. Dabei verlangt er nie etwas Unmögliches von uns."

Bruder Christoph-Maria vermittelt den Eindruck, dass er mit Werd und dem Kloster einstweilen seinen Platz gefunden hat: "Ich denke, dass Gott von mir will, dass ich Franziskaner bin und genau hier."

                                                Martin Bek-Baier