"Bete fleißig für mich"

Hermann Bertlein
Lydia Stier und Marga Hauer, die Töchter Leonhard Wagners, mit Hermann Bertlein und seinem Buch über die väterlichen Feldpostbriefe. Foto: Borée

Hermann Bertlein veröffentlicht Feldpostbriefe des Gollhöfers Leonhard Wagner

Ein Bild ist geblieben. Ansonsten erinnert nichts an Leonhard Bertlein. Mit 18 Jahren fiel er im Juli 1918 an der Westfront. Seine Mutter blieb lange über sein Schicksal im Ungewissen. Zunächst galt er als vermisst. Erst Leonhards Neffe Hermann Bertlein fand Jahrzehnte später sein Grab.

Der Erste Weltkrieg ließ Hermann Bertlein nicht mehr los. Auch nicht, nachdem er das Schicksal seines Onkels aufgeklärt hatte. Der 67-Jährige unterrichtete dreieinhalb Jahrzehnte lang in einer Uffenheimer Hauptschule. Immer wieder brachte er seinen Schülern an diesem Beispiel die Schrecken des Krieges nahe. Und nun sammelte er weitere Erinnerungen. Da die Amerikaner seinen Heimatort Gollhofen im April 1945 zu 90 Prozent zerstörten, gab es dort kaum noch Spuren vom Ersten Weltkrieg. Mit wenigen Ausnahmen.

Darunter fallen besonders die Feldpostbriefe und Kriegstagebücher Leonhard Wagners. Der am 29. November 1897 geborene Bauernsohn überlebte alle Schrecken des Ersten Weltkrieges. Insgesamt schick­te er rund 350 Feldpostkarten nach Hause. Und er führte vier eng beschriebene Kriegstagebücher, meist mit minutiösen Eintragungen, mit denen sich Hermann Bertlein für eine geplante weitere Veröffentlichung beschäftigt.

Nachdem er zuletzt als Krankenträger die Verwundeten aus den Schützengräben in die Lazarette brachte, kehrte Leonhard Wagner 1918 nach Gollhofen zurück und übernahm später den elterlichen Hof. Neben seinem lokalpolitischen Engagement war er von 1942 an als Lektor sowie später als Landessynodaler aktiv. Seine Erinnerungen an den Ersten Weltkrieg waren ihm immer wichtig. Er schrieb in den 1920-er Jahren seine Kriegstagebücher sauber ab. Und er rettete sie, die Feldpostbriefe sowie andere Erinnerungsstücke in einem Keller vor der Vernichtung im April 1945. Seinen beiden Töchtern Lydia Stier (* 1934) und Marga Hauer (* 1940) hinterließ er die Erinnerungsstücke. "Manchmal erzählte er später mitten bei der Feldarbeit", erinnert sich Tochter Lydia Stier, "dass heute der so und so vielte Jahrestag von Kämpfen des Ersten Weltkrieges sei."

Die beiden stellten Hermann Bertlein, der heute in Oberntief bei Bad Windsheim lebt, den umfangreichen Nachlass an Erinnerungen ihres Vaters zur Verfügung. In mühsamer Kleinarbeit erfasste der ehemalige Lehrer die Einträge auf den Postkarten und in den Tagebüchern. Auch sie sind trotz der Reinschrift des Verfassers nicht leicht zu entziffern. Die Sütterlin-Schrift fordert viel von heutigen Lesern. Sorgfältig ordnet er die Notizen in größere Zusammenhänge ein und kommentiert sich einfühlsam. Rechtzeitig zur hundertjährigen Erinnerung an den Ersten Weltkrieg erschien nun Bertleins umfangreicher Bildband mit den Feldpostkarten.

Es vermittelt die außergewöhnliche Persönlichkeit des Gollhöfer Bauernsohnes, der sich inmitten aller Gewalterfahrungen eine warme Seele bewahrte. So schreibt er etwa am 8. Dezember 1916 seinem Vater auf der Rückseite eines Postkartenmotivs mit einer zerstörten französischen Ortschaft: "Vergleich es einmal mit deinem Gollhofen, dann wirst du gleich sehen, was für ein Unterschied zwischen Krieg und Frieden ist." Auch zu einer anderen, leider undatierten Gelegenheit schickt er seinem Vater die Fotografie eines zerstörten französischen Dorfes mit dem Kommentar: "Was würden wir wohl dazu sagen, wenn statt dieser Ortschaft unser schönes Gollhofen so zugerichtet wäre? Ihr da draußen habt keine Ahnung, was Krieg ist und erst recht keine Ahnung davon, wie schön der Friede ist und was für eine Gottesgabe."

Sogar in den Briefen an seine Schwestern zeigt sich bei Leonard Wagner eine Reife, die weit über die Gedankenwelt eines 19-Jährigen hinauszureichen scheint: Seiner Schwester Lina schrieb er etwa am 25. Februar 1917: "Folge der Mutter und kämpfe gegen deine leichte Reizbarkeit im Gebet und arbeite fleißig. Hilf Vater und Mutter soweit du kannst." Und am 13. März 1917: "Sei nur recht fleißig und bete für mich. Lese in der Bibel, da kannst du dir deine Kenntnisse erweitern. Romane lesen ist dir schädlich, wie es auch bei mir war." An seine kleine, damals fünfjährige Schwester Reta gingen am 28. März 1917 folgende Zeilen: "Wenn ich wieder was haben kann, bekommst du auch sowas wie die drei großen Mädchen. Sei mir nicht böse. Bete fleißig für mich."

Leonhard Wagner war sein Gottvertrauen immer wichtig. Konfirmiert hatte ihn der Ortspfarrer Wilhelm Schmerl, der vor hundert Jahren als Großvater des heutigen Herausgebers Christoph Schmerl das Rothenburger Evangelische Sonntagsblatt drucken ließ. 30.000 kostenlose Exemplare gingen im Ersten Weltkrieg allein an die Frontsoldaten. "Das Sonntagsblatt von Herrn Pfarrer erhalt ich immer recht pünktlich", so ein weiterer Gollhöfer Nachbar, Leonhard Kistner, in einem Brief. Und weiter: "Ich lese es jedesmal von Anfang bis Ende." Und er gab es danach an andre Kameraden weiter.

Hermann Bertlein hat nicht nur die Kästen mit den alten Feldpostbriefen sorgfältig für die Leser seines Werkes erfasst. Nein, er ordnet weiter die Motive der Wagner'schen Feldpostkarten in den allgemeinen historischen und propagandistischen Kontext der Zeit ein. Durchhalteparolen, Besinnung auf patriotische Werte und Karikaturen des Feindes ziehen sich durch die Motive durch. Damit werden sie zu eindrucksvollen Zeitzeugnissen. Aber auch idealisierte Darstellung des Lebens in den Schützengräben, Etappenquartieren oder beim Marsch. Aber auch christliche Motive, besonders zu den großen Festen, und bewahrende Engel sollten den Durchhaltewillen stärken.

Für Leonhard Wagner gewann ein ganz irdischer Engel Gestalt: Als der Krankenträger selbst verschüttet war, half ihm rasch der Gefreite Kleinöder, bevor es für den Krankenträger zu spät war. Der Helfer wehrte den Dank von Leonhards Vater postwendend ab: "Was ich an Eurem lieben braven Sohn getan habe, halte ich als Christ und Kamerad für meine heilige Pflicht, weshalb ich ja keine Gabe verlangt hätte. Zufolge Eurer Liebenswürdigkeit und guter kameradschaftlicher Beziehung zu Eurem braven Sohn grüße und danke ich Euch alle nochmals vielmals."

                          Susanne Borée

Das Buch "Grüße von der Westfront" lässt sich über den Buchhandel in Uffenheim und Bad Windsheim, im Rathaus Gollhofen oder direkt beim Verfasser Hermann Bertlein (Telefon 09841/3325) zu 26 Euro beziehen.  


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