Von Klöstern, Macht und Abstieg

Rhein
Steckborn am Rhein. Hier kam der fliehende Papst Johannes XXIII in einem einfachen Boot vorbei. Fotos: Bek-Baier

Die Flucht eines Papstes war der Anfang vom Ende der großen Kirchenspaltung

Die Mitra eines Abtes ist das Symbol des Thurgaus für das Jubiläum 600 Jahre Konzil von Kons­tanz. Nicht zufällig: Klöster waren lange Zeit bedeutende Träger von Kultur und Wirtschaft. Auch südlich von Konstanz, im heutigen Kanton Thurgau, spielten sie eine große Rolle und ermöglichten das Konzil. Zum Dank für seine Unterstützung verlieh Papst Johannes XXIII. dem Abt des Klosters Kreuzlingen das Recht eine Mitra zu tragen. Sie ist Prunkstück in der Ausstellung "Das Konstanzer Konzil 1414 - 1418" im Konstanzer Konzilshaus. Aber auch andere Klöster spielten historisch eine große Rolle. 

Ein einfaches Boot rudert nächtens hastig vom Bodensee den Rhein hinunter. In ihm ein vermummter Passagier. Ein gewöhnlicher Knappe? Es ist kein Geringerer als Papst Johannes XXIII. Später werden Gegner sich über diese erbärmliche Flucht aus Konstanz und dem Konzil - eines wahren Kirchenoberhauptes unwürdig - lustig machen.

Als Papst Johannes XXIII. flieht, ist die erste Etappe Steckborn. "Das heutige Hotel Feldbach in Steckborn war damals ein Zisterzienserinnen Kloster", weiß der Thurgauer Historiker Dominik Gügel. Er hat sich ausgiebig mit der Geschichte des Thurgaus und seinen Bezügen zum Kons­tanzer Konzil befasst. Auch hier im Kloster übernachteten Konzilsteilnehmer, wie Kardinäle und Kirchenbeamte, berichtet Gügel. "Hier im Kloster sind seine Gefolgsleute untergekommen." Der Papst wird bis Schaffhausen den Rhein befahren.

Die Flucht ist nur möglich, weil Johannes einen scheinbar mächtigen Gefolgsmann unter den weltlichen Fürsten hat, den Habsburger Herzog Friedrich. Er erhält zum Lohn den Titel eines Generalkapitäns der römischen Kirche. Sein Spitzname "Friedel mit den leeren Taschen" zeigt uns heute, dass der Habsburger dennoch auf die falsche Karte gesetzt hat. Nach der gescheiterten Flucht wird Friedrich stark bestraft. Ihm werden wertvolle Herrschaftsgebiete entrissen. Auch im Thurgau.

Von vorne: Die politische Situation zu Beginn des Konzils war sehr kompliziert. Es herrschten drei Päpste. Für die Gläubigen dieser Zeit eine untragbare Situation. Aber auch für König Sigismund. Wollte er Kaiser werden, brauchte er einen einzigen stabilen Papst, der die Kaiserkrönung vornahm. Also überzeugte König Sigismund Papst Johannes XXIII.

Die Mitra des Dankes

Auf der Reise nach Konstanz übernachteten Papst Johannes XXIII. und sein Gefolge vom 27. zum 28. Oktober 1414 im Kloster Kreuzlingen, um sich auf den prunkvollen Einzug in die Konzilstadt vorzubereiten. Als Dank für die gewährte Gastfreundschaft verlieh der Pontifex dem Abt Erhard Lind das Recht, Mitra und Stab zu tragen.

Bisher ging die Forschung davon aus, die Mitra sei in Italien gefertigt worden und als Geschenk von Papst Johannes XXIII. an den Bodensee gelangt. Durch Quellen lässt sich jedoch belegen, dass Papst Johannes XXIII. lediglich das Recht verliehen hat Mitra und Stab zu führen. Stilistisch sind die Goldschmiedeelemente der Mitra dem süddeutschen Raum zuzuordnen. Daher ist anzunehmen, dass Abt Erhard Lind den Auftrag zur Fertigung der Mitra  an eine lokale Goldschmiedewerkstatt in Konstanz vergab. "Er hat sich das gute Stück durchaus etwas kosten lassen", weiß Gügel. Man sieht es der prunkvollen Kopfbedeckung an, dass der Abt stolz darauf war, dass kein Geringerer als der Papst sein Gast war und ihm diese Mitra verliehen hat. "Das haben ihm seine Abts-Kollegen sehr geneidet."

Der Preis der Einheit

Dann beginnt das Konzil Anfang November. Im Dezember stößt der König dazu. Im Mittelpunkt stand die Frage nach der Einheit der Kirche. Der knapp 90-jährige zweite, in Rom residierende Papst, Gregor XII., schickte Vertreter nach Konstanz und signalisierte, dass er einer Abdankung offen gegenüber stände. Vorausgesetzt, seine Kontrahenten würden es ihm gleichtun. Johannes XXIII. dachte nicht daran und Benedikt XIII., der dritte "Inhaber des Stuhles Petri" aus der Avignon-Linie, ließ wissen, er wäre zu Verhandlungen mit dem König bereit, allerdings nicht in Konstanz, sondern nur in Südfrankreich.

Eine scheinbar verfahrene Situation. Hinter den Kulissen waren die Dinge aber in Bewegung: Zusammen mit dem König planten vor allem französische Kardinäle alle drei Päpste abzusetzen. Der Gedanke vom "papstlosen Konzil" machte die Runde; Johannes XXIII. erkannte, dass sich die Stimmung gegen ihn wandte. Entgegen seinen Absichtserklärungen, für die er auf dem Konzil gefeiert wurde, flüchtete er, zwecks Erhaltung seiner Macht, am 20. März 1415 heimlich und als Knappe verkleidet von Konstanz nach Schaffhausen. Gedeckt wurde die Flucht eben durch Herzog Friedrich von Österreich.

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