Andacht: Die klare Kante

Und der Herr sandte Nathan zu David. Als der zu ihm kam, sprach er zu ihm: Es waren zwei Männer in einer Stadt, der eine reich, der andere arm. Der Reiche hatte sehr viele Schafe und Rinder; aber der Arme hatte nichts als ein einziges kleines Schäflein, das er gekauft hatte. Und er nährte es, dass es groß wurde bei ihm zugleich mit seinen Kindern. Es aß von seinem Bissen und trank aus seinem Becher und schlief in seinem Schoß, und er hielt's wie eine Tochter. Als aber zu dem reichen Mann ein Gast kam, brachte er's nicht über sich, von seinen Schafen und Rindern zu nehmen, um dem Gast etwas zuzurichten, der zu ihm gekommen war, sondern er nahm das Schaf des armen Mannes und richtete es dem Mann zu, der zu ihm gekommen war. Da geriet David in großen Zorn über den Mann und sprach zu Nathan: So wahr der Herr lebt: der Mann ist ein Kind des Todes, der das getan hat! Dazu soll er das Schaf vierfach bezahlen, weil er das getan und sein eigenes geschont hat. Da sprach Nathan zu David: Du bist der Mann! 

2. Samuel 12,1-7a

Das können wir gut: in Watte hüllen, mit Samthandschuhen anfassen. Eine heftige Tatsache verpacken wir gerne und kleiden sie in weichgespülte Worte. Unangenehme Nachrichten versuchen wir oft einfühlsam abzufedern, so dass der Mensch uns gegenüber, dem wir sie mitzuteilen haben, sie gut nehmen kann. Oft haben wir Angst, dass die Beziehung leiden könnte. Dann drucksen wir herum ...

Ganz anders geht der Prophet Nathan vor: Er hat etwas zu sagen, was Folgen haben wird. Er drückt sich nicht, sondern drückt seine Botschaft, die Botschaft Gottes an David, aus - und zwar so, dass David letztlich selbst erkennt, was Sache ist. Ein Handeln, das fast pädagogisch, ja seelsorgerlich anmutet und gleichzeitig konfrontativ ist. Nathan verhilft David zur eigenen Erkenntnis und hält ihm über eine Geschichte, ein Fallbeispiel, den Spiegel vor, dass er es ist, um den es geht. Dazu dann klare Worte: "Du bist der Mann!" - unmissverständlich, eindeutig und mit allen Konsequenzen.

Nathan zeigt "klare Kante"! Als textile Metapher könnte das meinen: Da ist kein ausgefranstes Gefasel, kein schwer zu fassendes fadenscheiniges Gewebe aus Worten. Vielmehr kommuniziert Nathan direkt, deutlich und durchdacht und verwendet Aufmerksamkeit darauf, als ob er ein Stück Stoff versäubern und mit einer klaren Kante versehen würde - mit einer wahrnehmbaren Fassung und Grenze.

Konfrontation heißt Gegenüberstellung, nicht an die Seite kuscheln und tuscheln. Dazu braucht es Abstand und Anstand, Klarheit und Distanz. Manchmal drückt gerade die "klare Kante" in der Sache aus, dass mich jemand wertschätzt und anerkennt als Person. Der Pädagoge Hartmut von Hentig beschreibt dies mit. "Die Menschen stärken, die Sachen klären". Nathan ermutigt uns, in schwierigen Situationen ein echtes Gegenüber zu sein, das Dinge klar, bestimmt und konsequent beim Namen nennt - im Familien- und Freundeskreis, im Beruf, im Ehrenamt.

                         Religionspädagogin Christine Ursel

Gebet:

Herr, gib uns Mut zum Reden, was Klarheit schenkt und Mut. Wir danken Dir, denn solches tut uns gut. Amen.

Lied 588:

Herr, gib uns Mut zum Hören

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