Andacht: Reichtum lebendiger Traiditionen

Ich will euch dieses Geheimnis nicht verhehlen, damit ihr euch nicht selbst für klug haltet: Verstockung ist einem Teil Israels widerfahren, so lange, bis die Fülle der Heiden zum Heil gelangt ist; und so wird ganz Israel gerettet werden, wie geschrieben steht (Jesaja 59,20; Jeremia 31,33): "Es wird kommen aus Zion der Erlöser, der abwenden wird alle Gottlosigkeit von Jakob. Und dies ist mein Bund mit ihnen, wenn ich ihre Sünden wegnehmen werde." Im Blick auf das Evangelium sind sie zwar Feinde um euretwillen; aber im Blick auf die Erwählung sind sie Geliebte um der Väter willen. Denn Gottes Gaben und Berufung können ihn nicht gereuen. Denn wie ihr zuvor Gott ungehorsam gewesen seid, nun aber Barmherzigkeit erlangt habt wegen ihres Ungehorsams, so sind auch jene jetzt ungehorsam geworden wegen der Barmherzigkeit, die euch widerfahren ist, damit auch sie jetzt Barmherzigkeit erlangen. Denn Gott hat alle eingeschlossen in den Ungehorsam, damit er sich aller erbarme. 

Römer 11,25-32

Die Diakonie Wilhelm Löhes kennt in Franken zwar nicht mehr jedes Kind, aber Neuendettelsau ist bekannt als deren guter Ort. Und für mache Menschen gilt dort immer noch: "Mein Lohn ist, dass ich dienen darf." Die 'Diakonie' Israels ist selbst Frommen unbekannt, obwohl sie vom Heidenapostel an die Hauptstadt der damaligen Welt in einem besonderen Briefteil (Römer 9-11) hervorgehoben verkündigt wurde. Vor dem Schlussgebet seiner Israellehre (Römer 11,33.36) verrät der Apostel Paulus ein Geheimnis: Die Verhärtung Israels ist ein Dienst an der Heidenwelt.

Der Apostel gibt seiner prominenten Gemeinde, der Kirche in Rom auf, Israels Verhärtung und Erwählung zu bedenken und als Dienst zu begreifen. Und schließlich sollen die Christen dies als Geheimnis bewahren.

Das heißt für mich dreierlei. Zuerst: Demut statt Hochmut. In Israel durfte ich zwei Jahre das von uns so genannte Alte Testament studieren, Schabbat- und andere Synagogengottesdienste feiern und das Jüdische Jahr erleben. Die Tiefe und die Weisheit der Wortarbeit, der Reichtum der synagogalen Gebete und das Erleben der sinnenfreudigen Fest des Judentums machen mich demütig gegenüber dem Judentum. Gleichzeitig reizen sie mich, ebensolche Tiefe in meiner Beschäftigung mit dem Wort Gottes zu erstreben, die Spiritualität meiner Gottesdiensttradition neu zu entdecken und das Kirchenjahr über das bürgerliche Jahr regieren zu lassen. So bin ich sehr dankbar gegenüber diesem zweijährigen Dienst Israels in meinem Glaubensleben.

Ein Leben aus der Barmherzigkeit heraus, ist meine zweite Einsicht. Das gilt dankbar gegenüber meiner eigenen Errettung: Ich danke Gott, dass er mich in Jesus Christus auch erwählt hat. Und das gilt gegenüber Israel zuerst bußfertig, wenn ich auf die Geschichte der Unbarmherzigkeit und der Gewalt des Christentums gegenüber dem Judentum blicke. Der Apostel nennt den Schluss seiner Israellehre ein Geheimnis. Geheimnisse sind zu bewahren. Das ist das Dritte: Die 'Diakonie' Israels ist als Geheimnis unseres Glaubens zu achten. Philipp Melanchthon mahnt: "Die Geheimnisse der Gottheit sollten wir lieber anbeten statt sie ergründen zu wollen."  Und wir singen: "Lobt Gott den Herrn, ihr Heiden all! (EG 293)."

                         Pfarrer Johannes Wachowski, Klinikseelsorger Ansbach