"Klang aus einer anderen Welt"

Stadtarchiv
Installationen im Nürnberger Stadtarchiv

Stille Notizen und Massenkultur: Was formt unser Bild vom Ersten Weltkrieg?

"Patriotische Erhebung, Anfeuerung zum Kampf oder gar Aufpeitschung völkischer Leidenschaft": Das suchten Soldaten des Ersten Weltkrieges gerade nicht in den Feldgottesdiensten. So weit die Erfahrungen des fränkischen Feldgeistlichen ­Wilhelm Stählin (1883-1975), seit 1910 eigentlich Pfarrer in Egloff-stein zwischen Forchheim und Pegnitz. "Die Mehrzahl der Soldaten und gerade die Tieferempfindenden unter ihnen" hielten seinen Eindrücken nach Auschau auf "den Klang aus einer anderen Welt und das Bewußtsein, selbst auch in dieser anderen und besseren Welt daheim zu sein".

1917 berief ihn die Nürnberger St. Lorenz-Gemeinde als Pfarrer, bevor er nach einer wissenschaftlichen Karriere nach 1945 das Bischofsamt von Oldenburg erreichte. Das Stadtarchiv Nürnberg dokumentiert in seinem umfänglichen Ausstellungskatalog "Der Sprung ins Dunkle" unterschiedlichste Aspekte des Alltagslebens zur Kriegszeit ab 1914, darunter auch die Militärseelsorge.  Da bereitet es Erinnerungen auf.

Welche davon überdauern die Zeiten? Solche persönlichen Notizen oder Massenware? Ganz andere Klänge erreichten die Soldaten oft aus der Heimat. "Fürchtet Gott! Ehret den König!" Unter diesem vielsagenden Titel etwa veröffentlichte der Fürther Pfarrer Paul Fronmüller ein Gesang- und "Geleitsbüchlein für evangelische Soldaten". Und die Schwabacher Gemeinde schickte ihren Soldaten zu Neujahr 1915 einen "Heimatgruß in's Feld": "So schenke euch Gott der Herr im neuen Jahr Kraft und Gesundheit, Glück und Heil! So sei er euch Schutz und Schirm in aller Gefahr! So führ er euch zu Sieg und Frieden."

Stählin war jedoch kein Einzelfall. Ähnlich sah es auch Gottlieb Volkert (1879-1966), seit 1911 eigentlich Pfarrer in Obersteinbach und im Krieg ebenfalls Feldgeistlicher. "Ich habe mich bemüht, in meinen Predigten nicht nur christlichen Patriotismus zu predigen, sondern die Hörer immer wieder auf das Eine was not ist, hinzuweisen und die Gnade Gottes zu verkündigen der in Jesu Christo sich uns geoffenbart hat." Ab 1920 stieg er zum Dekan in Rothausen und später Windsheim auf.

Aus chaotischen Anfängen entwickelte sich die Feldseelsorge im Krieg. In Friedenszeiten waren die bayrischen Soldaten in ihre Garnisionsgemeinde integriert. Die erste Notlösung, ein protestantischer Pfarrer pro Division - das erwies sich sehr bald als völlig unzureichend. Pro Einheit sollten zwei zusätzliche evangelische Geistliche dazukommen. Diese mussten sich allerdings zunächst oft mit dem Gehalt und der Stellung eines Sanitäters begnügen. Und zu Hause fehlten sie als Gemeindepfarrer!

Je weiter sie sich zu den Schützengräben nach vorne wagten anstatt in den Offizierskasinos zu verkehren, desto höher stieg ihr Ansehen bei den Soldaten. Oft waren sie die ersten und einzigen Ansprechpartner der traumatisierten Soldaten. Die Geistlichen kümmerten sich aber auch um Verwundete in Lazaretten. Wilhelm Stählin sah die Gefahr, "daß die Stunden frommer Erhebung innerlich ganz losgelöst werden von dem Leben, das die Tage füllt, daß keine innere Beziehung mehr sich knüpft zwischen den Aufgaben, die der Krieg in Front und Etappe stellt, und der Welt Gottes, in die sich das misshandelte Menschenherz flüchtet".

Wie formten die Geistlichen ferner die Gedenkkultur? => weiter

Außerdem lesen Sie unter anderen in unserer gedruckten Ausgabe vom 24. Juni 2018:

- Der Ökumenische Rat der Kirchen wird 70 - ''Er ist genau das, was die Welt braucht!''

- Kein Frieden für alle in Sicht: Das ''Friedensgutachten 2018'' wurde in Berlin vorgestellt und kommentiert

- Versteinerte Psalmen: 25 Jahre Straße der Romanik in Sachsen-Anhalt

=> Interesse an diesen Artikeln der gedruckten Ausgabe?

Diese, die wöchentlichen Rätsel und vieles mehr können Sie bei unserem kostenlosen Probeabo entdecken

=> Gleich online bestellen

 

 

www.kirchenpresse.de - Evangelische Wochenzeitung im Internet

 

 

Das Evangelische Sonntagsblatt finden Sie jetzt auch auf der

=> "wertvollen" Facebook-Seite

 

Wertvoll-Logo