Menschen helfen - Netze knüpfen

Eine Diakonisse der Kinderbewahranstalt mit ihren Schützlingen.
Familienhilfe um 1900: Eine Diakonisse der Kinderbewahranstalt mit ihren Schützlingen. Fotos: Innere Mission München

Die Innere Mission München feiert ihr 125-jähriges Bestehen

Von der "Kinderbewahranstalt" aus dem Jahr 1890 zum größten Diakoniekonzern in Oberbayern: Die Innere Mission München feiert 2009 ihr 125-jähriges Bestehen und ihren Gründervater, den ersten Münchner Stadtdekan Karl Buchrucker. Nur einen Steinwurf vom heutigen Münchner Hauptsitz entfernt liegen die Wurzeln der Inneren Mission München: In der Blutenburgstraße, wo noch heute das "Löhe-Haus" steht, öffnete 1890 die "Kinderbewahranstalt" ihre Pforten. Diakonissen versorgten hier Kinder aus prekären Familienverhältnissen – der Vater davongelaufen, die Mutter krank – mit Essen, Kleidung und Betten.

"Das war weit entfernt von pädagogischen Gedanken – man war froh, dass es einen Ort gab, wo diese Kinder untergebracht werden konnten", sagt Pfarrer Günther Bauer, Geschäftsführer der Inneren Mission. Die "Seelen vorm Verderben zu erretten, soviele wir können": Das war das erklärte Ziel von Karl Buchrucker. Am 26. März 1884 rief der gebürtige Oberfranke, der von 1863 an als Pfarrer in Nördlingen und ab 1873 dann als Dekan in München wirkte, den "Verein für Innere Mission in München" ins Leben. Die Armenfürsorge stand zunächst im Zentrum der Vereinsarbeit: Neben der Kinderbewahranstalt in München päppelte der Lindenhof im Murnauer Moos die Kinder aus der verrußten, beengten Großstadt in der "Sommerfrische" wieder auf. Buchrucker, der lange Zeit zwischen den beiden großen, verfeindeten Diakonie-Begründern Wichern und Löhe vermittelt hatte, war bei Vereinsgründung bereits 57 Jahre alt. Nur 15 Jahre lang konnte er seine Saat wachsen sehen, bevor er 1899 starb. Doch seine Nachfolger führten das Werk in seinem Sinne weiter und reagierten auf die gesellschaftlichen Herausforderungen der jeweiligen Zeit: So entstanden nach 1900 Hilfsdienste für "gefallene Mädchen, Trinker und Strafentlassene", nach dem Ersten Weltkrieg gründete die Innere Mission die "Evangelische Jugendhilfe".

Pfarrer Karl Buchrucker
Vereinsgründer: Der Münchner Pfarrer Karl Buchrucker.

Während des NS-Regimes zwischen 1933 und 1945 lavierten der Verein und sein damaliger Vereinsgeistlicher Friedrich Hofmann zwischen "anfänglicher Euphorie und baldiger Enttäuschung, zwischen vorsorgender Anpassung und verhaltenem Widerspruch" – so beschreibt es der Kirchenhistoriker Helmut Baier in seinem Buch "Liebestätigkeit unter dem Hakenkreuz". Das Leiden in der Nachkriegszeit versuchte die Innere Mission durch Volksküchen und Lebensmittelspenden zu lindern.

Heute ist aus dem beschaulichen Verein des 19. Jahrhunderts ein Sozialkonzern geworden, dessen Jahresumsatz bei über 70 Millionen Euro liegt; rechnet man das Diakoniedorf Herzogsägmühle – ein eigenständiger Geschäftsbereich der Inneren Mission – dazu, sind es 130 Millionen Euro. Die Angebote reichen von der Kindertagesstätte bis zum Altenheim, von der Jugendhilfe bis zur Sozialpsychiatrie. Obdachlose, Straffällige, Schuldner und Flüchtlinge finden hier Hilfe.

"Mit unseren Angeboten leisten wir einen Beitrag zum sozialen Frieden und zur wirtschaftlichen Prosperität des Landes", sagt Pfarrer Günther Bauer, der anders als seine Vorgänger nicht mehr den Titel des "Vereinsgeistlichen", sondern schlicht des Geschäftsführers trägt. Schwerpunkte für die nächsten Jahre seien der Ausbau der Kinder- und Jugendangebote sowie der Seniorenarbeit, um den "Vereinsamungstendenzen" in der Großstadt entgegenzuwirken. Auch in Bildung will Bauer investieren: "Das ist die entscheidende soziale Frage des 21. Jahrhunderts." Unter dem Festjahres-Motto "Menschen helfen – Netze knüpfen" finden in diesen Wochen Feste, Vorträge und Fachtagungen statt, dazu eine Gebets-Stafette durch die Münchner Gemeinden: Eine eigene Briefmarke wurde bei einem Wettbewerb gekürt, sie ziert nun die Einladungskarten für den offiziellen Festakt mit dem EKD-Vorsitzenden Wolfgang Huber und geladenen Gästen am Sonntag, 11. Oktober im Alten Saal des Münchner Rathauses.

Landesbischof Johannes Friedrich hält den Festvortrag "Bildung und soziale Arbeit", Grußworte sprechen Ministerpräsident Horst Seehofer und Diakoniepräsident Ludwig Markert (Nürnberg).

Susanne Petersen

Außerdem lesen Sie unter anderen in unserer gedruckten Ausgabe vom 16. Dezember 2018:

- Hoffnung auf aktiveren Umweltschutz auch im kirchlichen Rahmen

- Wenn Patchwork-Familien Weihnachten feiern, steppt oft der Bär

- Urlaub zum Arbeiten: Die Vierecks halfen beim Bau einer äthiopischen Schule mit

=> Interesse an diesen Artikeln der gedruckten Ausgabe?

Diese, die wöchentlichen Rätsel und vieles mehr können Sie bei unserem kostenlosen Probeabo entdecken

=> Gleich online bestellen

 

 

www.kirchenpresse.de - Evangelische Wochenzeitung im Internet