Wir sind nicht von denen, die da weichen

Bischof Hans Meiser
Kirchliche Blätter durften über die Ereignisse um die Absetzung des Bischofs Hans Meiser nicht berichten. Bilder: Schmerl

Im Oktober 1934 erreichte der Kirchenkampf in Bayern seinen Höhepunkt – Teil 1

"Es geht um die Zukunft unserer Kirche." Diesen Satz kann man gelegentlich hören, und irgendwie trifft er immer zu. Brennend aktuell war er vor 75 Jahren für die evangelischen Christen in Bayern. Im Oktober 1934 sollte ihre Landeskirche in eine dem Nationalsozialismus verpflichtete Reichskirche eingegliedert werden. Dabei ging es nicht nur um eine organisatorische Frage, sondern eine Sache des Bekenntnisses. Wer die Ereignisse verstehen will, muss einen Blick auf ihre Vorgeschichte werfen. Als Adolf Hitler am 30. Januar zum Reichskanzler ernannt wurde, erwarteten auch viele überzeugte Christen von ihm den Wiederaufstieg ihres Vaterlandes.

Schon 1932 hatte sich eine "Glaubensbewegung Deutsche Christen" gebildet. Ihre Mitglieder verstanden sich als "nationalsozialistische Kämpfer und Erfüller der lutherischen Reformation". Sie forderten ein "artgemäßes" Christentum. Vor allem aber glaubten sie an das "heilige" Deutschland und seinen Helden Adolf Hitler. Als "Schirmherr" dieser Bewegung hatte sich der Königsberger Militärpfarrer Ludwig Müller zur Verfügung gestellt. Persönlich mit Hitler gut bekannt, wurde er dessen Vertrauensmann in Angelegenheiten der evangelischen Kirche. Auch diese sollte in die unbeschränkte Herrschaft des "Führers" eingegliedert werden. Der bisherige lockere Zusammenschluss der 28 Landeskirchen im "Deutschen Evangelischen Kirchenbund", war nicht besonders tragfähig. Man wollte eine "Reichskirche".

Deswegen stimmte eine Mehrheit zu, als im Juli 1933 die übergeordnete "Deutsche Evangelische Kirche" ihre Verfassung bekam. Im gleichen Monat noch wurden für ganz Deutschland Kirchenwahlen angeordnet. Das war eine Überrumpelung, von der nur die "Deutschen Christen" profitierten. In den Wahllokalen erschienen viele sonst kirchenferne Parteigenossen und ganze SA-Abteilungen. So konnten die "Deutschen Christen" in den meisten Landeskirchen Zweidrittelmehrheiten bei den Kirchenvorständen und danach auch bei den Synoden erzielen. Kein Wunder, dass bald die Mehrzahl der Kirchenleitungen in den Händen der "Glaubensbewegung" war. Hitlers Vertrauensmann Ludwig Müller stieg zum Landesbischof der preußischen Kirche auf. Auf der ersten Nationalsynode im September 1933 wurde er auch noch zum Reichsbischof gewählt, sinnigerweise in der Wittenberger Stadtkirche.

Abschrift eines Informationsschreibens der Evangelischen Pressestelle
Abschriften eines Informationsschreibens der Evangelischen Pressestelle gingen daher von Hand zu Hand. Bilder: Schmerl

In Bayern und auch in Württemberg gingen die Uhren anders. Es gab zwar in vielen Gemeinden deutsch-christliche Mehrheiten bei den Kirchenvorständen. Doch in der bayerischen Landessynode zeigte sich, dass die Stellung der bisherigen Kirchenleitung nicht erschüttert war. Vor allem konnte der 1933 gewählte Landesbischof Hans Meiser seine Autorität wahren. Er überzeugte als Prediger und Redner und hatte einen starken Sinn für die praktische kirchliche Arbeit in der Diakonie. Vor allem wusste er sich dem evangelisch-lutherischen Bekenntnis verpflichtet. Den "Deutschen Christen" stellte er deutliche Bedingungenfür eine Zusammenarbeit. Sie fügten sich und ihr "Gauleiter", der Heidingsfelder Pfarrer Wolf Meyer-Erlach, ging nach Thüringen.

Bischof Meiser hatte bei der Wahl in Wittenberg zwar Ludwig Müller seine Stimme gegeben, doch ein Vertrauensverhältnis konnte nicht aufkommen. Dieser führte in der preußischen Kirche den berüchtigten "Arierparagraphen" für Pfarrer und Beamte ein. Eigenmächtig ließ er in einem Vertrag mit dem Reichsjugendführer Baldur von Schirach die evangelischen Jugendverbände in die Hitlerjugend eingliedern. Zusammen mit anderen Kirchenvertretern forderte Landesbischof Meiser den Rücktritt Müllers. Doch nach einem Gespräch mit Hitler sah man sich zum Nachgeben veranlasst. Dem Reichsbischof scherte es danach wenig, dass im Mai 1934 in Barmen eine Synode bekenntnistreuer Pfarrer und Laien getagt und eine wichtige Erklärung gegen jede Vereinnahmung des Glaubens durch den Nationalsozialismus verfasst hatte. Müller ging es vor allem um die Eingliederung der lutherischen Landeskirchen von Württemberg und Bayern.

In München tagte Ende August die Landessynode und sprach sich deutlich dagegen aus. Dem Landesbischof erklärte sie ihr Vertrauen. Wolf Meyer-Erlach, inzwischen Theologieprofessor in Jena, hatte schon im Mai ein Pamphlet herausgebracht. Darin warf er dem Landesbischof unter anderem vor, er rede gegen ein "artgemäßes" Christentum: "Im Namen der Wahrhaftigkeit erhebe ich Anklage gegen Herrn Dr. Meiser wegen theologischer Irreführung, wegen Missbrauchs von Bibel und Bekenntnis." Der Gipfel war dann ein perfider Aufruf in der von Gauleiter Streicher herausgegebenen "Fränkischen Zeitung". Hier hieß es: "Fort mit Landesbischof Dr. Meiser – Er ist treulos und wortbrüchig – Er bringt die evangelische Kirche in Verruf."

Meisers Gegner sollten sich täuschen. In seiner Heimatstadt Nürnberg kam es bei der evangelischen Bevölkerung zu einem Entrüstungssturm. Der Bischof predigte in den überfüllten Innenstadtkirchen. Landesweit fanden Hunderte von Bekenntnisgottesdiensten statt, in denen für den Erhalt der Landeskirche gebetet wurde. Die Leitung der Reichskirche in Berlin nahm das nicht ernst. Bischof Müller verließ sich ganz auf seinen "Rechtswalter" August Jäger. Der wollte die Eingliederung der Landeskirchen Bayern und Württemberg im Handstreich vornehmen. Am 11. Oktober gegen Mittag erschien er in München mit Beamten der Politischen Polizei am Sitz des Landeskirchenrats. Der Bischof war auf Dienstreise. Nun ließ Jäger die Oberkirchenräte im Sitzungszimmer zusammentreiben und erklärte sie des Dienstes enthoben sowie unter Redeverbot stehend. Da er eine alte Liste bei sich hatte, setzte er auch einen Oberkirchenrat ab, der schon vor eineinhalb Jahren verstorben war. Weniger lächerlich waren Jägers weitere Maßnahmen. Da wurde die bayerische Landeskirche in zwei "Kirchengebiete" aufgeteilt, an deren Spitze eigene Bischöfe stehen sollten.

Von der Reise zurück hielt Hans Meiser noch am Abend des 11. Oktober in der überfüllten Matthäuskirche einen Gottesdienst. Seiner Predigt legte er ein Wort aus dem Hebräerbrief zugrunde: "Wir aber sind nicht von denen, die da weichen und verdammt werden." Viele Teilnehmer begleiteten anschließend den Bischof auf dem Weg zu seiner Dienstwohnung. Dort wurde er unter Hausarrest gestellt, weil er seine Absetzung nicht gelten ließ.

Christoph Schmerl

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