Lässt sich Leiden kontrollieren?

SAPV
Sie kümmern sich engagiert um die Begleitung schwerstkranker kleiner Patienten (v. l.): Hospizleiterin Renate Flach, Achim Saar vom Ambulanten "Kinder- und Jugendhospizdienst", Kinderpalliativschwester Renate Flach und Chefarzt Michael Frühwald von der Kinderklinik Augsburg. Foto: Borée

"Bunter Kreis" durchbricht graue Hoffnungslosigkeit und hilft sterbenskranken Kindern

"Bringt mich endlich um!" Einmal in 20 Jahren ist es Michael Frühwald passiert, dass ein 17-jähriger Krebspatient diesen Wunsch immer wieder äußerte. Und zwar immer dann, wenn seine Schmerzen so unerträglich wurden, dass er nur noch schreien konnte. Ein Tumor im Rückenmark verursachte ihm diese Pein immer wieder ohne Vorwarnung. Professor Frühwald, Chefarzt an der Klinik für Kinder und Jugendliche in Augsburg und leitender Arzt am Schwäbischen Kinderkrebszentrum, war lange ratlos. Wenn er ihn bis an die Grenze mit Schmerzmitteln vollgepumpt hätte, wäre dieser aus einem Dämmerschlaf gar nicht mehr herausgekommen. Das ist eine Zwangslage der palliativen - also schmerzstillenden - Versorgung.

Auch das wollte der 17-Jährige nicht. "Endlich gaben wir ihm eine Pumpe mit einem Anästhetikum, das er sich selbst spritzen konnte", wenn die Schmerzen wieder unerträglich waren. Natürlich bestand die Gefahr, dass der Jugendliche sich zu viel von dem Medikament verabreichte. Doch das Gefühl, selbstwirksam mit seinen Schmerzen umgehen zu können und ihnen nicht länger ausgeliefert zu sein, stellte für den Jugendlichen alles andere in den Schatten. Er ging verantwortungsvoll damit um.

Was wollen uns todkranke Menschen sagen, wenn sie den Wunsch äußern, endlich sterben zu wollen? So fragt der erfahrene Mediziner weiter. "Es geht dann meist um die eigene Hilflosigkeit, das Gefühl, keine Kontrolle über das Leiden mehr zu haben." Frühwald  hat nach eigener Schätzung 200 bis 300 Kinder und Jugendliche begleitet, die keine Chance auf Heilung mehr hatten.

Er kümmert sich zusammen mit einem ambulanten Hospizteam um die Versorgung todkranker Kinder und Jugendlicher, die gleichzeitig unter unerträglichen Schmerzen oder Atemnot leiden. Dies geschieht im Rahmen der Spezialisierten Ambulanten Palliativversorgung (SAPV). Träger ist der Bunte Kreis in Kooperation mit der Klinik für Kinder und Jugendliche am Klinikum Augsburg.

Die Helfer in Schwaben lehnen gerade das jüngste belgische Gesetz zur aktiven ärztlichen Sterbehilfe an unheilbar erkrankten Kindern strikt ab. "Es wird gar nicht darüber gesprochen, was die aktive Sterbehilfe mit denjenigen macht, die sie ausführen", so Frühwald. "In Belgien gibt es im Gegensatz zu Deutschland nicht die Strukturen, um schwerstkranke Kinder gut zu versorgen", ergänzt Sozialpädagoge Achim Saar, der den "Ambulanten Kinder- und Jugendhospizdienst" in Augsburg koordiniert. Er hilft Eltern bei der Koordination der Pflege.

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