Fest der Liebe - Hochzeiten ohne Zwänge?

"Scheherazade" hilft jungen Frauen aus Bayern, Zwangsverheiratungen zu entkommen

Maryam* ist mitten in ihrer Ausbildung zur Kindergärtnerin. Doch ihre Eltern haben mit ihrer 19-jährigen Tochter andere Pläne. Sie soll dringend heiraten, ist sie doch bald schon zu alt dafür. Zum Glück gibt es aber noch die Verwandtschaft in der Türkei: Bald ist ein junger Mann gefunden, der doch genau zu ihr passt. Nur sechs Jahre älter ist er als Maryam. Und Jussuf* würde allzu gerne nach Deutschland kommen. Bislang wohnt er noch bei seiner Mutter. Denn es hat leider noch nicht geklappt, dass er auf eigenen Füßen ­stehen könnte. Ab und zu hilft er in der örtlichen Schreinerei aus - jedoch ohne wirklich darin ausgebildet zu sein.

Maryam lernt ihn kennen. Doch sie will niemanden ohne Deutschkenntnisse und eigene Ausbildung heiraten. Als sie sich gegen die Heirat wehrt, setzt ihre Familie sie massiv unter Druck. Sie reagiert nicht wie erwünscht - nun prasseln Schläge auf sie ein. Irgendwann wird ihre Berufsschullehrerin auf die vielen Verletzungen aufmerksam, woraufhin die Sozialarbeiterin der Schule Maryam an "Scheherazade" vermittelt.

Das ist ein Wohnprojekt in Bayern mit Krisenplätzen für junge Frauen, die von drohender oder erfolgter Zwangsverheiratung betroffen sind. Die Arbeit der Beratungsstelle mit Sitz in München entwickelte sich aus dem ökumenischen Hilfsprojekt "Jadwiga". Diese kümmert sich um Frauen, die von Zwangsprostitution betroffen sind. Zwangsheiraten sind da noch ein eigenes Feld, doch die Projektverantwortliche Juliane von Krause kennt beide Arbeitsgebiete.

"Die Frauen finden bei Scheherazade unbürokratisch und schnell Hilfe und Geborgenheit", so von Krause. Für Konfliktfälle bei Zwangsverheiratungen bietet die Hilfsorganisation drei Wohnplätze an einem geheim gehaltenen Ort. Bis zu zehn Wochen können die jungen Frauen zwischen 18 und 21 Jahren dort Unterschlupf finden. Denn sie gehören nicht mehr zur Zielgruppe, der entsprechende Jugendhilfe gewährt werden kann. Andererseits sind sie unverhältnismäßig oft von Zwangsverheiratung betroffen. Und sie haben sich oft noch nicht von ihrer Familie abgenabelt.

Wichtig sind für Scheherazade aber auch die guten Kontakte zu Vertrauenspersonen und Helfern. Denn die Frauen wenden sich nur äußerst selten selbst an das Projekt: Häufig nehmen Hilfsorganisationen, die Polizei oder auch Schulvertreter oder Freunde den Kontakt zu Scheherazade auf. Viele der Schützlinge von Scheherazade sind in Deutschland geboren oder aufgewachsen - doch  mit familiärem Bezug in die Türkei oder Afghanistan. Oder sie stammen aus Pakistan, Somalia und vom Balkan.

Doch nicht nur muslimische Frauen sind von Zwangsheirat betroffen. Dies spielt auch im hinduistischen Indien eine große Rolle. Da ist es vielen traditionellen Familien oft wichtig, ihre Töchter möglichst bald unter die Haube zu bekommen. Nur gibt es wohl in Deutschland solche Familienverbände vergleichsweise selten. Arrangierte Heiraten - bei denen bei fehlendem Einverständnis der Braut Zwang nicht fern liegt - können aber auch bei Familien mit einem orientalischen christlichen oder einem jesidischen Hintergrund durchaus eine Rolle spielen.

Ein Jahr nach Gründung zieht das bayerische Wohnprojekt Scheherazade positive Bilanz zu erfolgreicher Hilfestellung: "Seit August 2012 fanden Frauen hier insgesamt 513 Nächte Sicherheit. Bei der Hälfte der Frauen, denen Scheherazade bislang helfen konnte, war eine Zwangsverheiratung konkret geplant und konnte verhindert werden." Fast alle weiteren Frauen suchten Schutz, weil ihre Verwandten sie im Namen der so genannten "Ehre" bedrohten. Eine Frau war bereits zwangsverheiratet worden.

Von den unterstützten Frauen kehrten knapp 40 Prozent nach einer intensiven Gefahrenabschätzung durch Scheherazade in die Herkunftsfamilie zurück, so Juliane von Krause. Oft seien die Eltern ja auch froh, dass ihre verschwundenen Töchter unversehrt wieder auftauchen, so Juliane von Krause. Wichtig sei aber, dass die Familie Abstand von der Zwangsverheiratung nimmt. "Eine Kontaktperson verfolgt die weitere Entwicklung." Ebenso viele Frauen entschieden sich für eine räumliche Trennung von der Herkunftsfamilie: für eine eigene Wohnung, die Unterbringung in einem Frauenhaus oder in einem Ausbildungs- oder Studierendenheim. Viele haben eine neue Identität angenommen. Dies ist gerade für deutsche Behörden nicht immer leicht zu akzeptieren. Gerade bei Erbschaftsangelegenheiten suchen sie intensiv nach den verschwundenen Töchtern.

Andere Frauen fanden einen sicheren Unterschlupf bei Verwandten oder Freunden.
Und Maryam? Auch sie suchte einige Wochen lang Schutz im Wohnprojekt. Ihr Ausbilder zeigt Verständnis und bietet ihr eine Auszeit an. Da sich Maryam langfristig einen Bruch mit ihrem Elternhaus nicht vorstellen kann, werden weitere Vertrauenspersonen einbezogen: Über die Vermittlung durch eine Tante und eine Großmutter wird die Hochzeit in der Türkei abgesagt, Maryam kehrt nach einigen Wochen zu ihren Eltern zurück. Die Schulsozialarbeiterin war lange weiterhin mit ihr in Kontakt. Inzwischen ist Maryam mit einem Deutschen aus der Nachbarschaft verheiratet und schwanger.    

Notruf-Nummer: 0800/4151616 (vom Festnetz und mobil kostenfrei). E-Mail: kontakt@scheherazade-hilft.de. Weiteres online unter: www.Scheherazade-hilft.de 

*= Namen geändert

                          Susanne Borée

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