Ein Gegenbild zum Sorgen-Leben

Andacht zum Erntedankfest
Andacht zum Erntedankfest. Foto: wodicka

Eine Frau hat ihre Wohnung und Ihre Arbeit aufgegeben – um anderen Mut zu machen

Sehet die Vögel unter dem Himmel an: sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater nährt sie doch ... Und warum sorget ihr für die Kleidung? Schaut die Lilien auf dem Felde, wie sie wachsen: sie arbeiten nicht, auch spinnen sie nicht.

Ich sage euch, dass auch Salomo in aller seiner Herrlichkeit nicht bekleidet gewesen ist wie derselben eins. So denn Gott das Gras auf dem Felde also kleidet, das doch heute steht und morgen in den Ofen geworfen wird: sollte er das nicht viel mehr euch tun, o ihr Kleingläubigen? Darum sollt ihr nicht sorgen und sagen: Was werden wir essen, was werden wir trinken, womit werden wir uns kleiden? Nach solchem allem trachten die Heiden ... Trachtet am ersten nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch solches alles zufallen.

Darum sorgt nicht für den andern Morgen; denn der morgende Tag wird für das Seine sorgen. Es ist genug, dass ein jeglicher Tag seine eigene Plage habe.

Aus Matthäus 6,25-34 Nimmt dieser Text unsere Sorgen ernst? Soll es falsch sein, sich Gedanken um das eigene Leben oder das anderer Menschen zu machen? Ist Mitfühlen mit anderen etwa keine Tugend mehr? Sollen wir es Heidemarie Schwermer nachtun?

Sie hat ihr gut situiertes Leben aufgegeben, weil sie an den gesellschaftspolitischen Entwicklungen nicht mehr mitwirken wollte. Seit 1996 lebt die ehemalige Lehrerin, Motopädin und Psychotherapeutin ohne Geld und ohne feste Unterkunft.

So in der Öffentlichkeit zu stehen, war nicht ihr Plan. Aber offenbar bringt sie in den Menschen etwas zum Klingen: "Für viele Menschen bin ich eine Provokateurin, aber anderen diene ich als Mutmacherin. Sie fühlen sich gestärkt und können ein Stück von ihrer Angst ablegen. Mit meinem Leben ohne Geld gebe ich Denkanstöße." Sie hat nicht den Anspruch, alle Menschen zur Geldaufgabe zu bekehren. Es geht ihr darum, anderen Menschen Mut zu machen, umzudenken,  eigenen Weg zu entdecken und ihn dann Schritt für Schritt zu gehen. Was will uns also der Predigttext sagen? Was können wir von der Lebensentscheidung einer Heidemarie Schwermer lernen? Nehmen wir das Bild von den Vögeln. Es ist keineswegs so, dass sie gar nichts machen. Sie bauen ihr Nest, sie sorgen für Nahrung und machen sich rechtzeitig auf den  Weg, um im Süden zu überwintern.

Auch Heidemarie Schwermer lebt nicht einfach in den Tag hinein, sondern hat ein "Gib-und-nimm-Netzwerk" aufgebaut und organisiert ihr Leben. In der Aufforderung Jesu geht es für mich nicht darum, blauäugig in den Tag zu leben, die Hände in den Schoß zu legen und sich tatenlos treiben zu lassen. Er spricht davon, "dass ein jeglicher Tag seine eigene Plage habe".

Und er sagt: "Das reicht doch schon! Kümmert euch heute und sorgt euch nicht schon um morgen." Er will ein Gegenbild zeichnen zu einem Leben, in dem sich Menschen von ihren Sorgen erdrücken und fesseln lassen. Wenn Jesus vom Sorgen redet, dann meint er, dass Menschen sich abhängig machen und dadurch unfrei werden. Ein sich stets sorgender Mensch ist in sich gekehrt und kreist um sich selbst, sieht nicht, was um ihn herum geschieht. Jesu Aufforderung, sich keine Sorgen zu machen, in dem Vertrauen auf Gott, der für seine Kinder sorgt wie ein Vater und eine Mutter dies tun. Dieses Vertrauen ist es, das er uns mitgeben will. Es ist eine Aufforderung, unser Tagwerk - nur das und nicht mehr - im Vertrauen darauf zu erledigen, dass "einer wacht und trägt allein unsere Müh’ und Plag.

Er lässt keinen einsam sein weder Nacht noch Tag" wie es in dem Lied "Abend ward, bald kommt die Nacht" heißt.

Dorothea Eichhorn, Sozialarbeiterin
und Fortbildungsreferentin im
Diakonie Kolleg Nürnberg


Gebet: Guter Gott, dein Sohn sagt
uns "Sorgt euch nicht!". Das fällt
uns schwer, wenn Ängstlichkeit unser
Herz schwer macht. Schenke
uns die Gewissheit, dass du für uns
sorgst. Lass uns deine Nähe erleben,
damit wir nicht im Gefühl der
Einsamkeit versinken. Wir legen unser
Leben in deine Hände. Bleib uns
und allen Menschen mit deiner Fürsorgenah. Amen

Lied EG 631: "All eure Sorgen, heute und morgen bringt vor ihn"