Auf dem Wege der Besinnung

Astrid Wilde (oben rechts in violetter Jacke) führt über den Kissinger Weg der Besinnung. Foto: Borée
Astrid Wilde (oben rechts in violetter Jacke) führt über den Kissinger Weg der Besinnung. Foto: Borée

Meditationspfade in ganz Bayern umkreisen Möglichkeiten zu vertiefter Wahrnehmung

"Schon oft bin ich in den vergangenen zwei Jahren diesen Weg gegangen, doch nun will ich ihn noch einmal geführt erleben." Die Erlöserschwester aus dem Würzburger Haus Amalie weiß, welchen Pfad sie am Rande des Kur und Heilortes Bad Kissingen in den kommenden zwei Stunden gehen wird. Weiteren Teilnehmerinnen dieser meditativen Führung geht es ebenso.

Dennoch sind sie aufgebrochen, um Neues zu entdecken. Ein Dutzend Frauen und ein Ehemann haben sich dabei zusammengefunden, um sich am Waldesrand von Bad Kissingen eine ökumenische Auszeit für die Seele zu gönnen. Zwölf Skulpturen aus Holz, Stein oder Edelstahl regen zum Nachdenken an.

Zwei gegenüberliegende Spiegel aus Edelstahl etwa reflektieren die Wanderer gleichzeitig von vorne und hinten bis ins Unendliche. An anderer Stelle scheinen Edelstahlkugeln gerade ihre Balance zu verlieren, von mächtigen Felsspalten erdrückt zu werden oder sind geborgen unter einer aufrecht stehenden Wurzel, die sie mit langen Armen zu behüten scheint.

Wohl den Höhepunkt der zwölf Stationen Weges bietet ungefähr in seiner Mitte die Statue des Gekreuzigten. Allerdings ist anders als üblich die Figur mit den erhobenen Händen aus der Metallplatte ausgespart und bietet quasi den Rahmen für die Aussicht den Hang hinab bis zum Ort. "Gerade kirchenchristlich geprägte Menschen haben Schwierigkeiten, die Figur zu sehen", erläutert der Künstler Helmut Droll aus dem Nachbarort Euerdorf, der den Weg gestaltet hat. Diese Figur war den Kirchen wichtig, so dass er sie während der Realisierung in den Weg eingebettet hat. Droll führt selbst auch Gruppen auf dieser "Gedankenwanderung".

Ihm bedeutet es viel, dabei mit Menschen ins Gespräch zu kommen, die sich sonst nie in Galerien verirren würden. Ortswechsel knapp 200 Kilometer weiter südlich: Hier erläutert Martina Widuch ebenfalls Meditationstafeln. Als "Babysitter" für den Besinnungsweg bei Aurach im oberen Altmühltal sieht sie sich. Nein, in Wirklichkeit sind es zwei Pfade, denen man dort nachspüren kann. Ein Rundweg von gut sechs Kilometern Länge führt zu zehn Stationen aus dem Sonnengesang des Franz von Assisi.

An jedem Haltepunkt finden sich selbstgestaltete Kacheln über einem Abschnitt aus dem "Sonnengesang". Eine weitere Tafel mit Anregungen zu Meditationsübungen ergänzt jeden Ruhepunkt dieses Weges entlang der weiten, hügeligen Felder.

Martina Widuch (rechts) vor der Mater-Dolorosa-Kapelle in Windshofen bei Aurach, einem Ausgangspunktdes Besinnungsweges zum Sonnengesang des Franz von Assisi.
Martina Widuch (rechts) vor der Mater-Dolorosa-Kapelle in Windshofen bei Aurach, einem Ausgangspunktdes Besinnungsweges zum Sonnengesang des Franz von Assisi.

Er kreuzt sich mit dem Pfad "Sinneslust", der auf gut drei Kilometern durch den benachbarten Forst führt: Mit allen Antennen des Körpers soll der Wald aufgenommen werden. Vergangenes Jahr gestalteten rund zwei Dutzend ehrenamtliche Helfer  Wege neu.

Ihre Möglichkeiten ergänzen sich oft, etwa wenn Widuch an der "Sonnenstation" des Franzikusweges das Gestirn aus Löwenzahnblüten formen lässt. "Im Wald kann man nicht barfuß laufen", so etwa erinnert sich Martina Widuch an das Kopfschütteln eines Schülers, "denn da liegt ja so viel Zeug auf dem Boden herum." Die Biologin und Naturpädagogin führt längst nicht nur Schulklassen und Kindergartengruppen entlang der Auracher Pfade.

Gerade bereitet sie eine Vollmondwanderung für Erwachsene vor, nachdem sie schon eine Waldwerkstatt organisiert hat. Denn sie will nicht bei bewährten Ideen stehenbleiben, sondern immer wieder neue Möglichkeiten ausprobieren. Noch einmal rund 200 Kilometer weiter südlich klingen Panflötenmelodien über die Berge und Felder des Allgäu nahe Kaufbeuren: Auch dem Ehepaar Gisela und Joachim Butz geht es bei ihren monatlichen meditativen Wanderungen besonders um Wahrnehmungsübungen in der freien Natur. Doch gibt es dort keinen festen Pfad.

"Schweigend lassen wir auch immer einen Psalmvers eine bestimmte Zeit auf uns wirken", erklärt die Gesundheitspädagogin Gisela Butz. Im Dekanat Kempten hat sie sich als "Meditationsleiterin für christliche Meditation" ausbilden lassen und wirbt für die Wanderungen unter anderem im örtlichen Gemeindehaus.

Zu ihrem Teilnehmerkreis gehören meist Menschen "aus dem näheren Umkreis" Kaufbeurens; manche sind regelmäßig bei den Wanderungen dabei, manche machen sich zum ersten Mal mit auf den Weg. Im Vergleich dazu ist der aufwändige Kunst-Besinnungsweg in Bad Kissingen fast ganz auf das besondere Klientel des Ortes eingestellt: "Die meisten unserer Teilnehmer sind Kur- und Rehagäste", erläutert Pfarrer Jochen Wilde.

In diesem Jahr fährt erstmals ein Shuttle-Bus – bezahlt von den Kirchengemeinden beider Konfessionen und dem Staatsbad – die Gäste zum Anfang des Weges und holt sie wieder ab. Neben Menschen, die sich von einem Hüftleiden kurieren, lernen viele andere mit ihrem Burn-Out-Syndrom oder mit psychosomatischen Erkrankungen umzugehen.

"Sie müssen dann häufig neue, tragfähige Lebensformen finden", so der Seelsorger. "Oft entwickeln sich zwischen den einzelnen Stationen zwischen ehemals Fremden intensive Gespräche." Dies beobachtet auch seine Ehefrau Astrid Wilde. Die Religionslehrerin gestaltet zweimal monatlich Führungen auf dem "Weg der Besinnung". Sie ergänzt: "Die Werke laden dazu ein, den Fragen des Lebens auf die Spur zu kommen." Dabei gibt sie meditative Impulse. Tafeln mit entsprechenden Bibelversen und kurzen Meditationsimpulsen finden sich da ebenfalls, jedoch bewusst abgesetzt vom Kunstwerk.

Denn es soll aus sich heraus wirken. Diese Beispiele sind längst nicht die einzigen: "Gegen den Strom" führt etwa in Ulsenheim bei Uffenheim ein Weg zur Gollachquelle. Beim schöpferischen Umgang mit den jeweiligen örtlichen Gegebenheiten lassen sich immer wieder neue Möglichkeiten entdecken.

Weitere Informationen im Internet
etwa unter
www. besinnungswegaurach.de
,
www.drolls.de
www.erloeserkirche. Info

 

 

Susanne Borée