Wenn die Presse zur Kanzel wird

Die Probenummer des Sonntagsblattes von 1831. Pfarrer Adolf Caselmann: der Vater des Rothenburger Sonntagsblattes.
Die Probenummer des Sonntagsblattes von 1831. Pfarrer Adolf Caselmann: der Vater des Rothenburger Sonntagsblattes. Bild: Schmerl

Aus der Geschichte des Sonntagsblattes – Teil 1

"Und nun geh’ hinaus auf die Wanderschaft, mein liebes Sonntagsblatt, und Gott gebe dir Gnade zu deiner Reise." Das schrieb Pfarrer Adolf Caselmann in Heuberg als Geleitwort für eine christliche Wochenzeitung, deren Probenummer am 7. September 1884 herauskam.

Was er da wie ein groß gewordenes Kind in die Welt schickte, trug den Namen "Evangelisches Sonntagsblatt aus Bayern". In der Pfarrerschaft hatte man schon seit längerem über das Für und Wider eines solchen Unternehmens diskutiert. Eine positive Stimme lautete: "Die Presse muss uns jetzt auch zur Kanzel werden. Wenn ich einen Zeitungsartikel schreibe oder ein gutes Blatt verbreite, so diene ich meinem Gott genauso gut wie wenn ich eine Predigt halte.

"Adolf Caselmann konnte eine Reihe von Kollegen zum Mitmachen ermuntern. Etwas länger dauerte es, bis sich ein Verlag fand, der das geschäftliche Risiko übernahm. Es war I. P. Peter in Rothenburg, wo das Blatt noch heute herauskommt. Auf die Probenummer folgte am 5. Oktober 1884 die erste Ausgabe.

Ein Jahr danach erhielt das "Sonntagsblatt" noch das Kopfbild, unter dem es Generationen von Lesern vertraut geworden und geblieben ist. Die Zahl der Abonnenten dürfte damals schon bei 10.000 gelegen haben. Pfarrer Caselmann schuf als verantwortlicher Redakteur auch die Anordnung des Inhaltes der jeweils acht Seiten. Auf der ersten stand die sonntägliche Betrachtung, im Grunde eine knapp gehaltene Predigt.

Es folgte eine Erzählung, die sich meist in Fortsetzungen über mehrere Nummern erstreckte. Berichte über kirchliche Begebenheiten, Nachrichten aus der Mission und Beiträge zu sittlichen Fragen füllten die Mitte des Blattes. Ein kurzer "Politischer Wochenbericht" informierte über wichtige Ereignisse der großen Welt.

Das Probe Sonntagsblatt
Das Probe Sonntagsblatt

Erbauung und Information

Über das Selbstverständnis des Blattes schrieb sein Schriftleiter bereits in der ersten Nummer: "Das bayerische Sonntagsblatt möchte nicht nur ein christliches Unterhaltungs- und Erbauungsblatt sein, sondern das Gemeindeblatt unserer evangelisch-lutherischen Landeskirche."

Pfarrer Caselmann erwähnte nicht, dass es schon früher in Bayern Unternehmungen mit dem gleichen Ziel gegeben hatte. Die erste war für das evangelische Deutschland pionierhaft. 1816 brachte Pfarrer Ludwig Pflaum in Helmbrechts das "Sonntagsblatt für acht evangelische Gottes und Christusverehrer" heraus. Jede Nummer umfasste nur wenige Blätter im Kleinformat und enthielt geistliche Betrachtungen sowie " Vermischte Nachrichten". Pflaums Anliegen war, "den Sinn für Religion neu aufleben zu lassen in Vieler Herzen."

Im 6. Jahrgang stellte das "Sonntagsblatt" sein Erscheinen ein, zugunsten von "Familienandachten" in Form vierteljährlich herauskommender Hefte. Erfolgreicher war der nächste Versuch mit einer evangelischen Kirchenzeitung für Bayern. Dieses "Sonntags=Blatt" kam ab 1831 im Nördlinger Verlag C. H. Beck heraus. Pfarrer Wilhelm Redenbacher  in Jochsberg übernahm für die ersten Jahre die Schriftleitung. Wöchentlich erschien eine Nummer mit vier Seiten mit biblischen Besinnungen, kurzen Erzählungen aus der Kirchengeschichte und Gedichten.

Neben seinen eigenen Beiträgen brachte Redenbacher auch mancherlei Lesefrüchte aus Büchern und Zeitschriften zum Abdruck. Mit dem Pfarrer Friedrich Wucherer in Nördlingen fand das "Sonntagsblatt" dann 1835 einen besonders geeigneten Herausgeber. Das Blickfeld wurde weiter und umfasste die neuen Anliegen der Kirche: Bibelgesellschaften, Sonntagsschulen, Rettungshäuser und Mission. Wucherer war der beste Freund Wilhelm Löhes und konnte ihn in den frühen 1840-er Jahren zur Mitarbeit bewegen. Dieser schrieb jede Woche eine kurze Betrachtung über das Sonntagsevangelium und gab gute Ratschläge für die Gestaltung des Blattes.

Friedrich Wucherer zeigte sich darin als gut informierter Beobachter des Zeitgeschehens in Kirche und Welt. Noch heute ist aufschlussreich, was hier über den berühmten bayerischen "Kniebeugungsstreit, die Revolution 1848 und die Seelsorge an den fränkischen Auswanderern in den Vereinigten Staaten berichtet wird. Kein Wunder, dass die Zahl der Abonnenten bis auf 10.000 anstieg, auch über die Grenzen Bayerns hinaus. Pfarrer Wucherer betreute den  "Sammelkasten" weiter, auch nachdem er 1847 die Redaktion an seinen Nördlinger Kollegen Leydel abgegeben hatte. Aus heute unbekannten Gründen stellte 1854 das Sonntagsblatt sein Erscheinen ein.

Es fand eine gewisse Fortsetzung in "Freimunds Kirchlich=Politischem Wochenblatt für Stadt und Land", für das wieder Friedrich Wucherer verantwortlich zeichnete. In Sachen eines Sonntagsblattes aber kam die bayerische Landeskirche ins Hintertreffen. Es gab zwar die Versuche mit örtlichen und überregionalen Zeitschriften, doch sie hielten keinen Vergleich mit der kirchlichen Presse anderer Landeskirchen aus. Das "Berliner Evangelische Sonntagsblatt" und das "Stuttgarter Sonntagsblatt" hatten im letzten Viertel des Jahrhunderts Auflagen von rund 100.000 Exemplaren.

Das 1884 in Rothenburg erscheinende "Evangelische Sonntagsblatt aus Bayern" war daher auch der Versuch, einen für die Landeskirche etwas ärgerlichen Rückstand aufzuholen. Dass die Angelegenheiten dieser Landeskirche im Blatt vorkamen, verstand sich von selbst. Schon im Oktober wurde über die Konferenz für Innere Mission in Bayern und die Notwendigkeit ihrer Bemühungen berichtet: "Der wirtschaftliche Zusammenbruch nach dem Kriege" – gemeint ist der von 1870/71 – "hat dazu beigetragen, eine große Bewegung in den Arbeiterkreisen hervorzurufen.

Hunderttausend kräftige Männer ziehen seit Jahren im Land umher ... meistens hatten sie Arbeit und Erwerb verloren ... eine große Gefahr und ein außerordentlicher Schaden für den Volkswohlstand." Auch ein innerkirchliches Problem kam schon 1884 zur Sprache: "Für Eingeweihte ist es längst kein Geheimnis mehr, wie unzureichend die Nürnberger Pfarrbesoldungen sind. Die Geistlichen sehen sich gezwungen, durch Erteilung von Unterricht auf mühsame Weise ihr Einkommen selbst aufzubessern. Dass dies nicht ohne Beeinträchtigung des Hauptberufs geschehen kann, ist einleuchtend."

Auch allgemein Nachdenkenswertes erfuhren die Leserinnen und Leser: "Die durchschnittliche Lebensdauer eines Menschen beträgt 33 Jahre. Ein
Viertel der Geborenen stirbt vor dem siebten Lebensjahr. Von hundert Personen erreichen nur sechs das Alter von sechzig Jahren, von fünfhundert wird nur eine achtzig Jahre alt."

Christoph Schmerl