Evangelisches Sonntagsblatt aus Bayern
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(Heft 20)

Mystik am Rand: Johannes Scotus Eriugena

Der frühmittelalterliche Theologe war schon zu Lebzeiten umstritten

Evangelisches Sonntagsblatt
 
Das Grab von Johannes Scotus in der Kölner Minoritenkirche.      
Foto: KNA
   

Johannes Scotus Eriugena lebte im frühen Mittelalter, etwa von 810-878. Der Schotte war, wie der von ihm gewählte Beiname besagt, geborener Ire. Damit stand er auf dem Boden der keltischen Kultur. Was von der altkirchlichen Theologie an Dogmen überkommen war, musste daher auf ihn in vieler Hinsicht fremdartig wirken. Umso mehr aber galt es ihm als Niederschlag göttlicher Offenbarung und als ehrwürdiges Traditionsgut. Dass es sich freilich in seinem Denken mit geistigen Einflüssen des Keltentums vermischte, lag nahe. Die aber trugen die Farben einer heidnisch, näherhin druidisch geprägten Religiosität: Eine Vielzahl von Göttern und die betonte Einheit im Göttlichen standen hier nebeneinander.
Weltanschaulich kann man von einem „Monismus der Kelten“, also von ihrer mystischen Einheitslehre sprechen: Es handelte sich um die Vorstellung einer lebendigen göttli-chen Natur, deren organischer Prozess als ein stetes Werden und Vergehen aufzufassen, ja religiös zu feiern, freilich auch durch Opferkulte in Gang zu halten war. Gott wurde nicht als bewegungsloses Sein, sondern als dynamische Bewegung verstanden, die sich im Kosmos überall belebend auswirkt.

Göttliche Ursubstanz

Der Kelte Johannes hat auf Grund seiner Nähe zu diesem Denken nicht zufällig die ebenfalls monistische Philosophie des Neuplatonismus aus der Tradition in sich aufgesogen. Nachdem er in Westfranken Vorsteher der kaiserlichen Hofschule geworden war, tat er sich als Übersetzer des Dionysius Areopagita ins Lateinische hervor – wobei er wie alle Zeitgenossen damals meinte, dass dessen Schriften (z.B. „Über die himmlische Hierarchie“ und „Über die mystische Theologie“) ihrem Anspruch gemäß aus dem 1. Jahrhundert stammten und daher eine hohe Autorität besaßen. In Wirklichkeit handelte es sich um Texte aus dem frühen 6. Jahrhundert, welche die Mystik des Neuplatonismus transportierten und christlich salonfähig zu machen suchten.

Johannes war überzeugt, dass allein die Erkenntnis der Wirklichkeit im Ganzen dem einzelnen Menschen Orientierung für seinen äußeren und vor allem inneren Weg zum Glück und zur Seligkeit geben könne. Deshalb suchte der Mystiker die von Gott geoffenbarte und in der Heiligen Schrift überlieferte Weisheitslehre mit der damaligen naturwissenschaftlichen Auffassung vom Kosmos auf einen Nenner zu bringen.

In seinem Hauptwerk von 866 entwarf er auf neuplatonischem Hintergrund ein umfassendes System: In diesem „Lehrbuch der Weisheit“ deutete er die gesamte Wirklichkeit mystisch als stufenweise sich vollziehende Entfaltung der Vielheit aus der Ureinheit und als Rückkehr zu ihr. 

Gott wird hier als überwesentliche Einheit aufgefasst, die zugleich innerste Substanz aller Dinge ist und sie dennoch überragt. Als Ursubstanz erkennt und „schafft“ Gott sich im Akt der Offenbarung gleichsam selbst. In seinem Sohn, dem Logos, in dem die Einheit der Ideen gegeben ist, wird er durch deren Umsetzung zum Schöpfer der Welt.

Eine Natur mit Gott werden

Gott selbst, so lehrt der keltische Theologe, ist in seiner Natur überseiend, weshalb er mit Recht auch als „Nichts“ bezeichnet werden kann. Diese Auffassung Gottes entspricht der neuplatonischen Lehre vom absoluten Einen. Gegen sie steht allerdings die kirchliche Trinitätslehre. Tatsächlich konnte Eriugena betonen: „Die drei Personen der Dreieinigkeit sind weniger Formen des göttlichen Wesens als Formen, unter denen unser Geist das göttliche Wesen begreift.“ Namentlich die Geschichtlichkeit Jesu und überhaupt der Offenbarung Gottes in der Geschichte sind nach seiner Ansicht für die einfachen Gläubigen ein unentbehrliches Transportmittel für übersinnliche Ideen; für den philosophisch geschulten Verstand aber sind sie eine Symbolik, die als solche durchschaut und enträtselt werden muss.
   Der Mensch enthält im Kleinen den ganzen Kosmos. Eriugena unterstreicht die Gottebenbildlichkeit des Menschen: „Der Mensch ist ein ewiger Gedanke Gottes, den der göttliche Geist beständig denkt.“ Der Sündenfall hat dem Menschen den Verlust seiner engel-gleichen Unsterblichkeit und damit Körperlichkeit und Geschlechtlichkeit eingebracht. Doch diese eingeschränkte Zuständlichkeit ist begrenzt: Am Ende wird er eine Natur werden, die wieder mit Gott eins ist. Und das wird dann die endgültige Natur des reichgewordenen Gottes sein. In diesem Endzustand vollendet sich Gott selbst.

Vollendung als Rückkehr?

Als unvollendet erweist sich der Mensch auf Grund seiner Willensfreiheit. Er hat willentlich gesündigt und damit den ganzen Kosmos in die Vergänglichkeit hinabgerissen. Dennoch strebt er zu Gott zurück, denn er trägt in sich das Bild Gottes – und ist also nicht gänzlich verlo-rengegangen; auch diese Rückkehr zu Gott beruht aber auf Freiwilligkeit. Jesus Christus ist als Erlöser notwendig, um dem Menschen bei allem guten Willen die unverzichtbare Hilfe zuteil werden zu lassen. Ist doch das Ziel der Rückkehr zu Gott infolge der Erbsünde und durch die Gewohnheit der Tatsünde für die Menschen verdunkelt! Der göttliche Logos setzt daher die ursprüngliche Dynamik wieder frei, indem er, der Schöpfungsmittler, zum fleischlichen Mittler wird und selbst menschliche Natur, damit aber auch alle außermenschliche Natur annimmt. Denn er steigt ja in jene Natur hinüber und hinab, in der ohnehin alle sichtbare und unsichtbare Kreatur enthalten ist. Auf diese Weise führt er nach seiner menschlichen Natur das wieder zu Gott zurück, was er letztlich selbst verursacht hat. Die Fleischwerdung des Sohnes dient also der Wiederheim-führung der gefallenen Natur. Dabei liegt die erlösende Gnade gewissermaßen in der Natur Gottes: Sein Gnadenwille entspricht der Einheit aller Dinge zutiefst. Diesem Gnadenwillen gemäß eröffnet das Leben und Sterben Jesu Christi der menschlichen Natur ihre Fähigkeit zur Vergöttlichung. 

Nicht zufällig hat Johannes die Bedeutung der Erbsündenlehre letztlich unterbewertet. Er zeigt sich überzeugt, dass in jedem Geschaffenen die Gutheit des Schaffenden zu erblicken sei, die zugleich Gabe und Aufgabe bedeute. Namentlich dem getauften Christen sei die mystische Erkenntnis der Beschaffenheit Gottes zugänglich – und sie werde ihm zur Verpflichtung. Mystik gewinnt dadurch eine gesetzliche Färbung. Außerdem entspricht die mystisch beliebte These, alles Geschaffene müsse zurückkehren in den ewigen Ursprung, eher der neuplatonischen Philosophie als der biblischen Vollendungsperspektive.

Kirchlich nicht geheuer

Schon zu Lebzeiten war der frühmittelalterliche Mystiker Johannes Scotus sehr umstritten. Der Diakon Florus aus Lyon schimpfte bei-spielsweise: „Sitzt da doch ein solches Scheusal und Ungeheuer, das schon längst den Ohren der Gläubigen ferngehalten gehörte, stellt wissenschaftliche Erörterungen an, trägt so viele Unrichtigkeiten an Irrtum zusammen, so viele Schmähungen gegen den Glauben an die Wahrheit, und wird von keinerlei Wachsamkeit der Hirten der Kirche deswegen zurechtgewiesen oder gar verjagt.“ Tatsächlich verbreiteten sich seine Gedanken bereits im 9. Jahrhundert enorm. Sein Hauptwerk wurde schließlich im 13. Jahrhundert offiziell verurteilt, wirkte aber dennoch weiter nach – insbesondere auf die spätmittelalterliche Mystik.         

Werner Thiede

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