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Erste
Unterscheidung von geistiger und weltlicher Macht – Canossa
machte es möglich
Es fasziniert die Besucher, dem Kaiser ins Gesicht zu sehen“, erklärt Ellen Horstrup. Die 36-jährige Historikerin hat die große Jubiläumsausstellung zum 900. Todestag Heinrichs IV. am 7. August 2006 im Historischen Museum der Pfalz zu Speyer mit konzipiert. Im ihrem Mittelpunkt stehen drei Rekonstruktionen des kaiserlichen Kopfes – nach unterschiedlichen Methoden gefertigt. Im Gespräch mit dem „Evangelischen Sonntagsblatt“ berichtet sie von den Reaktionen der Museumsbesucher. Manche seien doch etwas enttäuscht, „weil sie sich einen mittelalterlichen Kaiser wie Sean Connery oder einen Herrscher aus dem ‚Herrn der Ringe‘ vorstellen.“ Weder zum Krieger Faramir noch zum Elbenkönig Elrond und schon gar nicht zum weisen Gandalf taugt der Kaiser – obwohl bereits im 18. und 19. Jahrhundert die Dramatiker seine Person ihren Vorstellungen gemäß darstellen wollten. Die Wirklichkeit war weit profaner: Im Investiturstreit rangen Kaiser und Papst als höchste weltliche und geistliche Macht ihrer Epoche um die Oberhoheit. Anlass der Auseinandersetzung war die Frage, wer von beiden über die Einsetzung der Bischöfe bestimmen durfte, die zugleich Reichsfürsten waren. Zum ersten Mal wurde konsequent darüber nachgedacht: Es gibt zwei Gewalten. Ob nun gleichberechtigt oder einander untergeordnet – das musste im Laufe der Jahrhunderte noch ausdiskutiert werden. Bis hin zu Luthers Zwei-Reiche-Lehre und später zur Aufklärung, die die religiöse Bevormundung der Welt grundsätzlich ablehnte, waren die Nachbeben spürbar. Verweltlichung und Säkularisierung – diese Begriffe sind Themen des 18. Jahrhunderts. Im Mittelalter hatten sich nicht weltliche gegen geistliche Ansprüche erhoben, sondern genau umgekehrt. Doch
im 11. Jahrhundert verliefen die Fronten viel unspektakulärer:
Der Investiturstreit eignete sich vortrefflich dazu, interne
Streitereien auszutragen und alte Rechnungen zu begleichen.
Doppelwahlen oder Vakanzen gehörten bei Bischofswahlen zur
Tagesordnung. Selbst die Betroffenen hatten keine einheitliche
Position. Hermann, Bischof von Bamberg, stand zum Beispiel auf Seiten
des Königs. Bischof Adalbero von Würzburg, der den
Kaiser einst getraut hatte, wurde zu einem vehementen
Befürworter der päpstlichen Linie. „Einen
dritten Weg ging hier in der Region die Diözese
Eichstätt“, erklärt der Würzburger
Professor Helmut Flachenecker für Fränkische
Landesgeschichte. Dort verfolgte man zwar die päpstliche
Kirchenreform, hielt aber dem Kaiser die Treue. So blieben die
Verhältnisse stabil – und unspektakulär. Als der Kaiser Ende Januar 1077 in Canossa am Aufenthaltsort des Papstes auftauchte, muss Papst Gregor VII. eher geflucht haben. Seine mühsam ausgehandelten Bündnisse mit den Fürsten nördlich der Alpen gerieten ins Wanken. Der Kaiser gewann wieder die Oberhand, setzte sich zeitweilig gegen Bischof Adalbero und Welf IV. durch. Trotzdem gewannen die Reichsfürsten immer mehr an Gewicht. Sie waren als lachende Dritte die Gewinner des Ringens zwischen Kaiser und Papst. Das Fundament für den bis heute fortwirkenden Föderalismus war gelegt. „Und für die späteren Reichsstädte wie Nürnberg, auf die sich die Kaiser nun immer mehr stützten, ergänzt Helmut Flachenecker. Dennoch bestimmen die prägnanten Bilder die Szene. Der Kaiser im Büßerhemd vor Canossa oder als Überwinder der „Berge, deren Gipfel beinahe an die Wolken des Himmels reichen“. Ellen Horstrup weist darauf hin, dass die Geschichtsforschung allmählich begänne, sich Heinrich IV. neu zu nähern. „Doch unser 21. Jahrhundert ist geprägt durch individuelle Perspektiven“, fügt sie hinzu. Canossa oder das Antlitz des Kaiser sind viel eindrücklicher als etwa das Wormser Konkordat von 1122. Bischof Otto von Bamberg, Hermanns Nachfolger, wirkte an diesem Kompromiss mit, in dem die Rolle der beiden Gewalten fest geschrieben wurde. ReingewaschenWisst ihr nicht, dass die Ungerechten das Reich Gottes nicht ererben werden? Lasst euch nicht irreführen! Weder Unzüchtige noch Götzendiener, Ehebrecher, Lustknaben, Knabenschänder, Diebe, Geizige, Trunkenbolde, Lästerer oder Räuber werden das Reich Gottes ererben. Und solche sind einige von euch gewesen. Aber ihr seid reingewaschen, ihr seid geheiligt, ihr seid gerecht geworden durch den Namen des Herrn Jesus Christus und durch den Geist unseres Gottes. 1.
Korinther 6,9–11
Beim Lesen dieser Verse habe ich mich dabei ertappt, dass mir bei der Auflistung des „Sündenkatalogs“ alle möglichen Namen eingefallen sind. Dabei spricht doch der Text zunächst mich persönlich an: Weißt du eigentlich, dass die Ungerechten das Reich Gottes nicht ererben? Lass dich nicht irreführen! Und jetzt muss ich genau hinschauen, welche „Begriffe“ auf mich zutreffen. Bin ich ein Unzüchtiger, ein Götzendiener, ein Geiziger oder gar ein Lästerer? Sie merken schon, dass ich einige Worte übersprungen habe. Wenn ich mich ertappt fühle, dann fallen mir hundert Gründe ein, warum ich so bin oder dies, oder jenes nicht lassen kann. Ich versuche mich selbst zu entschuldigen. Am Ende stelle ich mich selbst ins rechte Licht und glaube, dass Gott mich so liebt, wie ich bin. Also gibt es überhaupt keinen Grund, mich zu ändern. Weißt du nicht, dass die Ungerechten das Reich Gottes nicht ererben? Was ist eigentlich so unrecht daran, das ich meine Sünde verharmlose und darauf vertraue, dass Gott am Ende alle zehn gerade sein lässt? Die Antwort darauf steht im zweiten Teil des Textes: Ihr seid reingewaschen, ihr seid geheiligt, ihr seid gerecht geworden durch den Namen des Herrn Jesus Christus und durch den Geist unseres Gottes.Auch hier darf ich den Text zunächst auf mich beziehen: Ich bin reingewaschen, ich bin geheiligt, ich bin gerecht geworden. Wenn ich also meine eigene Schuld verharmlose, so verharmlose ich gleichzeitig das, was Gott zu meiner Rettung für mich getan hat. Darin liegt das eigentliche Unrecht. All die kleinen Entschuldigungen, die Ausflüchte bringen mich weiter weg vom Reich Gottes. Natürlich
habe ich gelernt und gehört, dass Jesus für meine
Schuld gestorben ist und dass mich Gott in der Taufe als sein Kind
angenommen hat. Ich weiß auch, dass ich mit Gott immer wieder
neu anfangen darf und dass seine Barmherzigkeit nicht zu fassen ist.
Aber das alles, was das Reich Gottes ausmacht, werde ich nicht
empfangen, so lange ich meine Sünden nicht erkenne und mich Gott wartet darauf, dass ich umkehre: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir, ich bin hinfort nicht mehr wert, dass ich dein Sohn – deine Tochter – heiße. Dann darf ich mich von Gott wirklich reinwaschen lassen, erst dann bin ich wirklich geheiligt und gerecht und würdig für das Reich Gottes. Paulus zwingt mich, genau hinzusehen – in meine eigenen Abgründe. Da soll sich kein anderer Mensch dazwischenschieben, und keine Gründe sollen mich entschuldigen. Gott selbst wird mich entschuldigen und dann in die Arme schließen und mich trösten: Dieser mein Sohn – meine Tochter – war tot und ist wieder lebendig geworden; er – sie – war verloren und ist gefunden worden. Dann
öffnen sich die Tore zum Reich Gottes und das Freudenfest kann
beginnen. Es wäre wirklich schade, wenn bei der Bearbeitung
eines Bibeltextes der Schreiber außen vor bliebe. Ich habe
jedenfalls die Erfahrung gemacht, dass ich in jeder Predigt selbst
vorkomme, auch wenn ich mich noch so sehr bemühe, mich auf
andere Menschen zu konzentrieren. Gott spricht mich immer zuerst selbst
an, und das finde ich beschämend, erheiternd, ermutigend und
tröstlich. |
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