Evangelisches Sonntagsblatt aus Bayern
Grüß Gott, willkommen auf den Internet-Seiten des Evangelischen Sonntagsblattes aus Bayern.
Hier lesen Sie das Thema der Woche, das sich auf der Seite 3 der aktuellen Sonntagsblatt-Ausgabe befindet, und die wöchentliche Andacht. (Heft 31)

Himmelsstürmer auf Händen und Knien

Erste Unterscheidung von geistiger und weltlicher Macht – Canossa machte es möglich

Evangelisches Sonntagsblatt
 
Fotos und Messdaten des kaiserlichen Schädels waren die Grundlage, nach der der Kieler Rechtsmediziner Richard Helmer das Gesicht Heinrichs IV. modelliert hat. Normalerweise stellt der Professor seine Kenntnisse der Polizei zur Verfügung, wenn etwa bereits skelettierte Leichen identifiziert werden sollen. Im Falle des Kaisers geht Helmer von 90 Prozent Ähnlichkeit aus. Hier wurde die Rekonstruktion zum Vergleich wieder auf den Schädel montiert.    Foto: Historisches Museum der Pfalz (Montage Paton).

   

Es fasziniert die Besucher, dem Kaiser ins Gesicht zu sehen“, erklärt Ellen Horstrup. Die 36-jährige Historikerin hat die große Jubiläumsausstellung zum 900. Todestag Heinrichs IV. am 7. August 2006 im Historischen Museum der Pfalz zu Speyer mit konzipiert. Im ihrem Mittelpunkt stehen drei Rekonstruktionen des kaiserlichen Kopfes – nach unterschiedlichen Methoden gefertigt. Im Gespräch mit dem „Evangelischen Sonntagsblatt“ berichtet sie von den Reaktionen der Museumsbesucher. Manche seien doch etwas enttäuscht, „weil sie sich einen mittelalterlichen Kaiser wie Sean Connery oder einen Herrscher aus dem ‚Herrn der Ringe‘ vorstellen.“ Weder zum Krieger Faramir noch zum Elbenkönig Elrond und schon gar nicht zum weisen Gandalf taugt der Kaiser – obwohl bereits im 18. und 19. Jahrhundert die Dramatiker seine Person ihren Vorstellungen gemäß darstellen wollten.

Die Wirklichkeit war weit profaner: Im Investiturstreit rangen Kaiser und Papst als höchste weltliche und geistliche Macht ihrer Epoche um die Oberhoheit. Anlass der Auseinandersetzung war die Frage, wer von beiden über die Einsetzung der Bischöfe bestimmen durfte, die zugleich Reichsfürsten waren. 

Zum ersten Mal wurde konsequent darüber nachgedacht: Es gibt zwei Gewalten. Ob nun gleichberechtigt oder einander untergeordnet – das musste im Laufe der Jahrhunderte noch ausdiskutiert werden. Bis hin zu Luthers Zwei-Reiche-Lehre und später zur Aufklärung, die die religiöse Bevormundung der Welt grundsätzlich ablehnte, waren die Nachbeben spürbar. Verweltlichung und Säkularisierung – diese Begriffe sind Themen des 18. Jahrhunderts. Im Mittelalter hatten sich nicht weltliche gegen geistliche Ansprüche erhoben, sondern genau umgekehrt. 

Doch im 11. Jahrhundert verliefen die Fronten viel unspektakulärer: Der Investiturstreit eignete sich vortrefflich dazu, interne Streitereien auszutragen und alte Rechnungen zu begleichen. Doppelwahlen oder Vakanzen gehörten bei Bischofswahlen zur Tagesordnung. Selbst die Betroffenen hatten keine einheitliche Position. Hermann, Bischof von Bamberg, stand zum Beispiel auf Seiten des Königs. Bischof Adalbero von Würzburg, der den Kaiser einst getraut hatte, wurde zu einem vehementen Befürworter der päpstlichen Linie. „Einen dritten Weg ging hier in der Region die Diözese Eichstätt“, erklärt der Würzburger Professor Helmut Flachenecker für Fränkische Landesgeschichte. Dort verfolgte man zwar die päpstliche Kirchenreform, hielt aber dem Kaiser die Treue. So blieben die Verhältnisse stabil – und unspektakulär.

Im Herbst 1076 sperrte der damalige bayerische Herzog Welf IV. von Bayern zusammen mit seinen Kollegen Rudolf von Schwaben und Berthold von Kärnten die Alpenpässe gegen Heinrich IV., der von Papst Gregor VII. bereits exkommuniziert worden war. Nach dem Kirchenbann durch Gregor fielen viele deutsche Fürsten, die Heinrich ehemals unterstützt hatten, von ihm ab und zwangen ihn zu einer Lösung des Problems noch vor dem nächsten Frühjahr. Die gesperrten Alpenpässe und ein besonders harter Winter schienen den Kaiser matt zu setzen.

Doch Heinrich IV. gab sich nicht geschlagen und brach Ende Dezember 1076 auf. Von Burgund aus wagte er sich mit wenigen Getreuen und einheimischen Führern, aber ohne Ritterheer an die Überquerung – „voran getrieben nur durch den Willen des Kaisers“. Der Chronist Lampert von Hersfeld berichtet: „Sie krochen nur auf Händen und Füßen vorwärts oder stützten sich auf die Schultern ihrer Führer. Manches Mal glitt ihr Fuß auf dem glatten Boden aus, sie fielen und rutschten ein ganzes Stück hinunter.“

Bilder prägnanter als Ideen

Als der Kaiser Ende Januar 1077 in Canossa am Aufenthaltsort des Papstes auftauchte, muss Papst Gregor VII. eher geflucht haben. Seine mühsam ausgehandelten Bündnisse mit den Fürsten nördlich der Alpen gerieten ins Wanken. Der Kaiser gewann wieder die Oberhand, setzte sich zeitweilig gegen Bischof Adalbero und Welf IV. durch. Trotzdem gewannen die Reichsfürsten immer mehr an Gewicht. Sie waren als lachende Dritte die Gewinner des Ringens zwischen Kaiser und Papst. Das Fundament für den bis heute fortwirkenden Föderalismus war gelegt. „Und für die späteren Reichsstädte wie Nürnberg, auf die sich die Kaiser nun immer mehr stützten, ergänzt Helmut Flachenecker.

Dennoch bestimmen die prägnanten Bilder die Szene. Der Kaiser im Büßerhemd vor Canossa oder  als Überwinder der „Berge, deren Gipfel beinahe an die Wolken des Himmels reichen“. Ellen Horstrup weist darauf hin, dass die Geschichtsforschung allmählich begänne, sich Heinrich IV. neu zu nähern. „Doch unser 21. Jahrhundert ist geprägt durch individuelle Perspektiven“, fügt sie hinzu. Canossa oder das Antlitz des Kaiser sind viel eindrücklicher als etwa das Wormser Konkordat von 1122. Bischof Otto von Bamberg, Hermanns Nachfolger, wirkte an diesem Kompromiss mit, in dem die Rolle der beiden Gewalten fest geschrieben wurde.

    
Susanne Borée 


Reingewaschen

Wisst ihr nicht, dass die Ungerechten das Reich Gottes nicht ererben werden? Lasst euch nicht irreführen! Weder Unzüchtige noch Götzendiener, Ehebrecher, Lustknaben, Knabenschänder, Diebe, Geizige, Trunkenbolde, Lästerer oder Räuber werden das Reich Gottes ererben. Und solche sind einige von euch gewesen. Aber ihr seid reingewaschen, ihr seid geheiligt, ihr seid gerecht geworden durch den Namen des Herrn Jesus Christus und durch den Geist unseres Gottes.     

1. Korinther 6,9–11

Evangelisches Sonntagsblatt
Paulus zwingt uns auf unsere Abgründe zu sehen. Nur Gott kann uns entschuldigen: Dieser mein Sohn – meine Tochter – war tot und ist wieder lebendig geworden. Gott spricht uns zuerst an. Dann öffnen sich die Tore zum Reich Gottes.  
Foto: Wodicka
 

Beim Lesen dieser Verse habe ich mich dabei ertappt, dass mir bei der Auflistung des „Sündenkatalogs“ alle möglichen Namen eingefallen sind. Dabei spricht doch der Text zunächst mich persönlich an: Weißt du eigentlich, dass die Ungerechten das Reich Gottes nicht ererben? Lass dich nicht irreführen! Und jetzt muss ich genau hinschauen, welche „Begriffe“ auf mich zutreffen. Bin ich ein Unzüchtiger, ein Götzendiener, ein Geiziger oder gar ein Lästerer? Sie merken schon, dass ich einige Worte übersprungen habe.

Wenn ich mich ertappt fühle, dann fallen mir hundert Gründe ein, warum ich so bin oder dies, oder jenes nicht lassen kann. Ich versuche mich selbst zu entschuldigen. Am Ende stelle ich mich selbst ins rechte Licht und glaube, dass Gott mich so liebt, wie ich bin. Also gibt es überhaupt keinen Grund, mich zu ändern.

Weißt du nicht, dass die Ungerechten das Reich Gottes nicht ererben? Was ist eigentlich so unrecht daran, das ich meine Sünde verharmlose und darauf vertraue, dass Gott am Ende alle zehn gerade sein lässt? Die Antwort darauf steht im zweiten Teil des Textes: Ihr seid reingewaschen, ihr seid geheiligt, ihr seid gerecht geworden durch den Namen des Herrn Jesus Christus und durch den Geist unseres Gottes.Auch hier darf ich den Text zunächst auf mich beziehen: Ich bin reingewaschen, ich bin geheiligt, ich bin gerecht geworden. Wenn ich also meine eigene Schuld verharmlose, so verharmlose ich gleichzeitig das, was Gott zu meiner Rettung für mich getan hat. Darin liegt das eigentliche Unrecht. All die kleinen Entschuldigungen, die Ausflüchte bringen mich weiter weg vom Reich Gottes.

Natürlich habe ich gelernt und gehört, dass Jesus für meine Schuld gestorben ist und dass mich Gott in der Taufe als sein Kind angenommen hat. Ich weiß auch, dass ich mit Gott immer wieder neu anfangen darf und dass seine Barmherzigkeit nicht zu fassen ist. Aber das alles, was das Reich Gottes ausmacht, werde ich nicht empfangen, so lange ich meine Sünden nicht erkenne und mich
von Gott selbst dafür entschuldigen lasse.

Gott wartet darauf, dass ich umkehre: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir, ich bin hinfort nicht mehr wert, dass ich dein Sohn – deine Tochter – heiße. Dann darf ich mich von Gott wirklich reinwaschen lassen, erst dann bin ich wirklich geheiligt und gerecht und würdig für das Reich Gottes.

Paulus zwingt mich, genau hinzusehen – in meine eigenen Abgründe. Da soll sich kein anderer Mensch dazwischenschieben, und keine Gründe sollen mich entschuldigen. Gott selbst wird mich entschuldigen und dann in die Arme schließen und mich trösten: Dieser mein Sohn – meine Tochter – war tot und ist wieder lebendig geworden; er – sie  – war verloren und ist gefunden worden.

Dann öffnen sich die Tore zum Reich Gottes und das Freudenfest kann beginnen. Es wäre wirklich schade, wenn bei der Bearbeitung eines Bibeltextes der Schreiber außen vor bliebe. Ich habe jedenfalls die Erfahrung gemacht, dass ich in jeder Predigt selbst vorkomme, auch wenn ich mich noch so sehr bemühe, mich auf andere Menschen zu konzentrieren. Gott spricht mich immer zuerst selbst an, und das finde ich beschämend, erheiternd, ermutigend und tröstlich.
    
Pfarrer Ralph Knoblauch,
Tirschenreuth

Gebet: Vater im Himmel, ich kann mich noch so sehr verstellen oder verstecken. Du wartest auf mich, bis ich den Mut habe, mich selbst zu erkennen, umzukehren und um deine Entschuldigung zu bitten. Schenke mir die Kraft, mich eher auf den Weg zu machen und darauf zu vertrauen, dass deine Liebe alle Abgründe von Schuld und Sünde zu überwinden vermag. Amen.

Lied: 363: Kommt her zu mir, spricht Gottes Sohn

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