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"An der vordersten Front der Verweltlichung"
Religionsunterricht
in der Bundeshauptstadt findet unter immer härteren
Bedingungen statt
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Anja Lehmann
Foto: Borée
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„Wir
beißen nicht und machen keine Gehirnwäsche. Auf
manchen Elternabenden muss ich die Erziehungsberechtigten erst
mühsam davon überzeugen.“ Die Berlinerin
Anja Lehmann ist Diplom-Religionspädagogin. Als kirchliche
Angestellte gibt sie Religionsunterricht. Es ist in der
Bundeshauptstadt Wahlfach, so dass sie immer erst die Schüler
und ihre Eltern zur Teilnahme an ihrem Fach gewinnen muss. Die Benotung
ist nicht versetzungsrelevant. In der Regel wird sie auch nicht auf dem
regulären Zeugnis vermerkt, sondern auf einem kirchlichem
Dokument. Nur selten wird religiöse Erziehung in der
Bundeshauptstadt von Studienräten oder Pfarrern vermittelt.
Immer strenger eingeforderte Mindestteilnehmerzahlen sowie Schulleiter,
die oft das Wahlfach Religion als Störfaktor bei der
Stundenplangestaltung sehen, sind tägliches Brot.
So
war es bisher. Geradezu paradiesische Verhältnisse –
wenn man es mit dem vergleicht, was nach den Sommerferien auf die
religiöse Schulerziehung zukommt. Dann wird Ethik Pflichtfach
und kann nicht mehr durch den Religionsunterricht ersetzt werden. Die
Schüler können ihn dann nur noch freiwillig und
ergänzend – vorzugsweise im Anschluss an den
Schulunterricht oder gar nachmittags – besuchen.
„Der Religionsunterricht rückt nun in der
Stundenplangestaltung weiter nach hinten“, erklärt
Anja Lehmann.
Während
Berlin gerade jetzt zum Finale der Fußball-Weltmeisterschaft
im Zentrum des allgemeinen Interesses steht, soll dort das Fach
Religion klammheimlich fast ganz aus der Schule verbannt werden. Alle
Proteste der Landeskirche – auch eine erfolgreiche
Unterschriftensammlung – nutzten nichts. Es spielte
auch keine Rolle, dass im vergangenen Jahr 114.000 Berliner
Schüler so religiöse Bildung erhielten.
Weder Enge noch
Beliebigkeit
„An
der vordersten Front der Säkularisierung“ sieht
Birgit Zweigle, Dozentin an der Evangelischen Fachhochschule in
Berlin-Zehlendorf, die Lehrer. Die Fachdidaktikerin macht
zukünftige Religionspädagogen fit für ihr
Berufsleben. Engstirnigkeit ist da genauso wenig gefragt wie
Beliebigkeit. An zwei Fronten stehen die Religionslehrer: Sie
müssen mit beinahe vollständigem religiösen
Nichtwissen ihrer Schüler genauso umgehen können wie
mit religiösem Fundamentalismus gerade aus Migrantenfamilien.
„Wenn ich meine eigenen Wurzeln nicht kenne – wie
kann ich dann in einen Dialog mit anderen treten?“, fragt
Birgit Zweigle. Wichtig ist ihr vor allem, dass die Studierenden
während der Ausbildung „eine starke
Persönlichkeit entwickeln“, um mit ihrer
religiösen Position im Alltag nicht unterzugehen.
„Trotz aller Gesprächsbereitschaft geht es nicht
darum, eine wertneutrale Religionskunde zu unterrichten“,
erklärt die Dozentin. „Allerdings ist es auch ein
Irrtum, dass im Ethikunterricht neutral unterrichtet
wird.“
Zum
Beleg weist Zweigle auf das Brandenburger Fach „Lebenskunde
– Ethik – Religion (LER)“ hin, das dort
zunächst den Religionsunterricht ersetzen sollte. In den
1990er Jahren war vor allem für ehemalige Lehrer der nun weg
gebrochenen Fächer Russisch und Staatsbürgerkunde
– die Domäne der linientreuesten Kommunisten
– eine Zusatzausbildung darin interessant. Aber auch bei der
Ausbildung heutiger Ethiklehrer spiele Wissen über die
Religionen nur eine untergeordnete Rolle.
Und
dabei sieht die Situation heute in Brandenburg im Vergleich zu Berlin
ebenfalls paradiesisch aus. Denn trotz LER hat sich der
Religionsunterricht dort nicht unterkriegen lassen, worauf auch
Winfried Overbeck, Studienleiter am Bildungswerk der Evangelischen
Kirche Berlin-Brandenburg in der Stadt Brandenburg, hinweist. Da diese
Landeskirche zwei Bundesländer – und
zusätzlich noch die Oberlausitz im Osten Sachsens –
überspannt, kann die Situation des Religionsunterrichtes in
der Region nicht isoliert gesehen werden.
In Brandenburg können sich Schüler, die am
Religionsunterricht teilnehmen, von LER befreien lassen. An 40 Prozent
aller Schulen – gerade an Grundschulen – wird
Religion angeboten. Probleme bereiten nicht sinkende
Schülerzahlen, sondern fehlende kirchliche Mittel. Overbeck
rechnet vor, dass die Kirche etwa 45 Prozent der Gehaltskosten
für die Religionslehrer – auch hier kirchliche
Angestellte – trägt.
Auch
Anja Lehmann unterrichtet vier Wochenstunden an einem Gymnasium im
Brandenburgischen Hohen Neuendorf und daneben acht Wochenstunden an
einer Realschule im Berliner Stadtteil Reinickendorf. „Da
sich Hohen Neuendorf ja noch im Berliner Speckgürtel befindet,
sind vor allem bürgerliche Wessie-Familien dorthin
gezogen.“ Gerade in den bürgerlichen Stadtteilen des
alten Westberlin sei es noch üblich, dass man zumindest bis
nach der Konfirmation noch zum Religionsunterricht geht. „Der
Religionsunterricht bietet viele Freiheiten, gerade weil es ein
Wahlfach ist: Man kann darauf eingehen, was den Schülern
wirklich wichtig ist.“ Zum neuen Fach Ethik will Anja Lehmann
kein zu starkes Konkurrenzdenken aufbauen: „Je nachdem, wie
gut die Kollegen miteinander können, wird es Zusammenarbeit
geben.“
„Gewalt
gab es bereits früher“
„Doch
schon jetzt habe ich nur eine halbe Stelle inne“, so Anja
Lehmann weiter. „Das zeigt allein schon die Lage des
Religionsunterrichtes bei uns.“ Sie ist mit ihrem
wöchentlichen Unterricht bereits am Mittwoch fertig. Da damit
keine großen Reichtümer zu verdienen sind, jobbt die
36-Jährige in der Altenpflege und arbeitet freiberuflich als
Kirchenpädagogin. Nicht nur architektonische Details will sie
bei ihren Führungen vermitteln, sondern die Symbolik der
Kirchenräume mit allen Sinnen erfahrbar machen.
Trotzdem hält die Pädagogin ihre jetzige Situation
für sehr viel befriedigender als ihre Anfänge als
Katechetin. Diese berufsbegleitende Ausbildung, die es inzwischen gar
nicht mehr gibt, begann sie 1996 – und sie wurde gleich ins
kalte Wasser geworfen. Denn sofort kam sie in eine Hauptschule des
Ostberliner Problembezirks Hellersdorf. Eine Kollegin wurde von einem
Schüler mit dem Messer bedroht. „Es ist gut, dass
man jetzt mehr über die Gewalt an Schulen redet. Aber es ist
doch nicht so, als wenn es das vor einigen Jahren noch nicht gegeben
hätte.“
Nach
zwei Jahren begann Anja Lehmann mit dem neuen Studiengang zur
Diplom-Religionspädagogin an der Fachhochschule in Zehlendorf.
Ihre bisherige Ausbildung wurde angerechnet, so dass sie bereits im
Jahr 2000 fertig wurde. „Wir waren der erste und einzige
Jahrgang, dem bald darauf Stellen angeboten wurden.“
Auch
Birgit Zweigle rät ihren Studierenden, neben der
Religionspädagogik ein Diplom der Sozialpädagogik mit
einem einjährigen Ergänzungsstudium zu erlangen.
„Dann können sie zusätzlich als
Schulsozialarbeiter arbeiten und haben einen ganz anderen Stand an den
Schulen.“ Wird es bald nur noch Sozialarbeiter anstelle der
Religionspädagogen geben – die gerufen werden, wenn
das Kind schon in den Brunnen gefallen ist, anstatt im Vorfeld
christliche Werte zu vermitteln?
Susanne Borée
Kraft zur Vergebung
Endlich
aber seid allesamt gleichgesinnt, mitleidig, geschwisterlich,
barmherzig, demütig. Vergeltet nicht Böses mit
Bösem oder Scheltwort mit Scheltwort, sondern segnet vielmehr,
weil Ihr dazu berufen seid, dass Ihr den Segen ererbt. Denn
„wer das Leben lieben und gute Tage sehen will, der
hüte seine Zunge, dass sie nichts Böses rede, und
seine Lippen, dass sie nicht betrügen. Er wende sich ab vom
Bösen und tue Gutes; er suche Schalom und jage ihm nach. Denn
die Augen des Herrn merken auf die Gerechten und seine Ohren auf ihr
Schreien; das Angesicht des Herrn aber steht wider die, die
Böses tun“ (Psalm 34, 13–17). Und: Wer
ist’s, der euch schaden könnte, wenn ihr dem Guten
nacheifert? Und wenn Ihr auch leidet um Gerechtigkeit willen, so seid
Ihr doch selig! Fürchtet Euch vor ihrem Drohen nicht und
erschreckt nicht; heiligt aber den Herrn Christus in Euren Herzen.
1. Petrus
3,8–15a
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Josef kann auf den Segen
schauen, den er von Gott erhalten hat. Hier wird die biblische
Geschichte im Musical dargestellt.
Foto: epd
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Wie soll man denn
ungerechte und verletzende Worte oder nicht-wieder-gut-zumachende
Gemeinheiten ohne Hassgefühle und Rachegelüste
wegstecken? Böses nicht mit Bösem vergelten, sondern
alle, auch die Feinde, dem Segen Gottes anbefehlen? Wie sollte das
gehen, ohne sich selbst die Achtung zu verweigern und am Ende
möglicherweise sogar ein scheinheiliger Heuchler zu werden?
Die
alttestamentlichen Lesung für diesen Sonntag gibt uns ein
Beispiel, wie wir diese apostolischen Mahnungen hören sollen:
Der bevorzugte und arrogant träumende Josef hatte sich mit
seinen Brüdern entzweit und in tödlichem Hass
zerstritten; nach vielen Irrungen und Wirrungen im Exil allerdings kann
ausgerechnet er die ganze Familie aus der Hungersnot erretten. Und dann
erzählt die Bibel, dass die Brüder im Namen ihres
verstorbenen Vaters appelieren: „So vergib doch nun
diese Missetat uns, den Dienern des Gottes deines Vaters!“
Darauf geschieht
etwas unerwartetes: Josef weinte und sprach: „Stehe ich denn
an Gottes Statt? Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber
Gott gedachte es gut zu machen, um zu tun, was jetzt am Tage ist,
nämlich am Leben zu erhalten ein großes
Volk.“ (1. Mose 50,15–20)
Der Petrusbrief
meint dies, wenn er sagt: „Ihr seid dazu berufen, dass Ihr
den Segen Gottes ererbt.“ Josef hatte genau diese Berufung
erfahren für sich, für seine zerstrittene Familie und
sogar für das ihm an sich fremde Volk; an ihm also wird der
Segen offensichtlich, den Gott in und durch Abraham für alle
Völker verheißen hatte. Von dieser Berufung als
einem Erbe in Jesus Christus spricht so der 1. Petrusbrief.
Wer aus der
Fülle des Segens Gottes lebt, wer in den Tiefen des Absturzes
in Ungnade und Gefängnis, und in lebensgefährlichen
Versuchungen erlebt hat, dass er durch alle Umwege dennoch Gottes
Gnadenwege geführt wird, der kann zum Thema Rache und
Vergeltung nur sagen: „Stehe ich denn an Gottes
Statt?“ Deshalb weint Josef, als die Brüder im Namen
Gottes und mit der Autorität des letzten Willens des
sterbenden Vaters um Gnade flehen. Nein, er überlässt
das Urteil über seine und der Brüder Bosheiten lieber
dem, dessen Gnade und Segen er so unverdient und überraschend
erfahren hat.
„Weil Ihr
berufen seid, den Segen zu ererben“, sollt und könnt
ihr in der Gemeinde Jesu untereinander geschwisterlich und
demütig sein, und weil „Ihr ja doch selig
seid“ und Ihr Euch Eurer Rettung glücklich
schätzen dürft, braucht ihr Euch selbst bei Angriffen
und Verleumdungen von außen nicht erschrecken und
fürchten!
So und in dieser
Reihenfolge sollen wir diese apostolischen Mahnungen hören.
Über das Scheltwort und die Bosheiten, die uns begegnen, haben
wir meist keinen Einfluss, aber wir können wie Josef auf den
Segen schauen, der uns unverdient umgibt, und wie er sagen:
„Stehe ich denn an Gottes
Statt?“
Pfarrer Martin Wirth,
Selbitz
Gebet:
„Ich will aber doch glauben, dass ich die Güte
Gottes sehen werde im Lande der Lebendigen. Harre des Herrn! Sei
getrost und unverzagt und harre des Herrn!“
Psalm 27,13
Lied 697: Meine
Hoffnung und meine Freude
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