Evangelisches Sonntagsblatt aus Bayern
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Hier lesen Sie das Thema der Woche, das sich auf der Seite 3 der aktuellen Sonntagsblatt-Ausgabe befindet, und die wöchentliche Andacht. (Heft 27)

"An der vordersten Front der Verweltlichung"

Religionsunterricht in der Bundeshauptstadt findet unter immer härteren Bedingungen statt

Evangelisches Sonntagsblatt
 
Anja Lehmann    
Foto: Borée
 
   

„Wir beißen nicht und machen keine Gehirnwäsche. Auf manchen Elternabenden muss ich die Erziehungsberechtigten erst mühsam davon überzeugen.“ Die Berlinerin Anja Lehmann ist Diplom-Religionspädagogin. Als kirchliche Angestellte gibt sie Religionsunterricht. Es ist in der Bundeshauptstadt Wahlfach, so dass sie immer erst die Schüler und ihre Eltern zur Teilnahme an ihrem Fach gewinnen muss. Die Benotung ist nicht versetzungsrelevant. In der Regel wird sie auch nicht auf dem regulären Zeugnis vermerkt, sondern auf einem kirchlichem Dokument. Nur selten wird religiöse Erziehung in der Bundeshauptstadt von Studienräten oder Pfarrern vermittelt. Immer strenger eingeforderte Mindestteilnehmerzahlen sowie Schulleiter, die oft das Wahlfach Religion als Störfaktor bei der Stundenplangestaltung sehen, sind tägliches Brot. 

So war es bisher. Geradezu paradiesische Verhältnisse – wenn man es mit dem vergleicht, was nach den Sommerferien auf die religiöse Schulerziehung zukommt. Dann wird Ethik Pflichtfach und kann nicht mehr durch den Religionsunterricht ersetzt werden. Die Schüler können ihn dann nur noch freiwillig und ergänzend – vorzugsweise im Anschluss an den Schulunterricht oder gar nachmittags – besuchen. „Der Religionsunterricht rückt nun in der Stundenplangestaltung weiter nach hinten“, erklärt Anja Lehmann.

Während Berlin gerade jetzt zum Finale der Fußball-Weltmeisterschaft im Zentrum des allgemeinen Interesses steht, soll dort das Fach Religion klammheimlich fast ganz aus der Schule verbannt werden. Alle Proteste der Landeskirche – auch eine erfolgreiche Unterschriftensammlung – nutzten nichts. Es spielte auch keine Rolle, dass im vergangenen Jahr 114.000 Berliner Schüler so religiöse Bildung erhielten.

Weder Enge noch Beliebigkeit

„An der vordersten Front der Säkularisierung“ sieht Birgit Zweigle, Dozentin an der Evangelischen Fachhochschule in Berlin-Zehlendorf, die Lehrer. Die Fachdidaktikerin macht zukünftige Religionspädagogen fit für ihr Berufsleben. Engstirnigkeit ist da genauso wenig gefragt wie Beliebigkeit. An zwei Fronten stehen die Religionslehrer: Sie müssen mit beinahe vollständigem religiösen Nichtwissen ihrer Schüler genauso umgehen können wie mit religiösem Fundamentalismus gerade aus Migrantenfamilien.
„Wenn ich meine eigenen Wurzeln nicht kenne – wie kann ich dann in einen Dialog mit anderen treten?“, fragt Birgit Zweigle. Wichtig ist ihr vor allem, dass die Studierenden während der Ausbildung „eine starke Persönlichkeit entwickeln“, um mit ihrer religiösen Position im Alltag nicht unterzugehen. „Trotz aller Gesprächsbereitschaft geht es nicht darum, eine wertneutrale Religionskunde zu unterrichten“, erklärt die Dozentin. „Allerdings ist es auch ein Irrtum, dass im Ethikunterricht neutral unterrichtet wird.“ 

Zum Beleg weist Zweigle auf das Brandenburger Fach „Lebenskunde – Ethik – Religion (LER)“ hin, das dort zunächst den Religionsunterricht ersetzen sollte. In den 1990er Jahren war vor allem für ehemalige Lehrer der nun weg gebrochenen Fächer Russisch und Staatsbürgerkunde – die Domäne der linientreuesten Kommunisten – eine Zusatzausbildung darin interessant. Aber auch bei der Ausbildung heutiger Ethiklehrer spiele Wissen über die Religionen nur eine untergeordnete Rolle.

Und dabei sieht die Situation heute in Brandenburg im Vergleich zu Berlin ebenfalls paradiesisch aus. Denn trotz LER hat sich der Religionsunterricht dort nicht unterkriegen lassen, worauf auch Winfried Overbeck, Studienleiter am Bildungswerk der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg in der Stadt Brandenburg, hinweist. Da diese Landeskirche zwei Bundesländer – und zusätzlich noch die Oberlausitz im Osten Sachsens – überspannt, kann die Situation des Religionsunterrichtes in der Region nicht isoliert gesehen werden. 

   In Brandenburg können sich Schüler, die am Religionsunterricht teilnehmen, von LER befreien lassen. An 40 Prozent aller Schulen – gerade an Grundschulen – wird Religion angeboten. Probleme bereiten nicht sinkende Schülerzahlen, sondern fehlende kirchliche Mittel. Overbeck rechnet vor, dass die Kirche etwa 45 Prozent der Gehaltskosten für die Religionslehrer – auch hier kirchliche Angestellte – trägt. 

Auch Anja Lehmann unterrichtet vier Wochenstunden an einem Gymnasium im Brandenburgischen Hohen Neuendorf und daneben acht Wochenstunden an einer Realschule im Berliner Stadtteil Reinickendorf. „Da sich Hohen Neuendorf ja noch im Berliner Speckgürtel befindet, sind vor allem bürgerliche Wessie-Familien dorthin gezogen.“ Gerade in den bürgerlichen Stadtteilen des alten Westberlin sei es noch üblich, dass man zumindest bis nach der Konfirmation noch zum Religionsunterricht geht. „Der Religionsunterricht bietet viele Freiheiten, gerade weil es ein Wahlfach ist: Man kann darauf eingehen, was den Schülern wirklich wichtig ist.“ Zum neuen Fach Ethik will Anja Lehmann kein zu starkes Konkurrenzdenken aufbauen: „Je nachdem, wie gut die Kollegen miteinander können, wird es Zusammenarbeit geben.“

„Gewalt gab es bereits früher“

„Doch schon jetzt habe ich nur eine halbe Stelle inne“, so Anja Lehmann weiter. „Das zeigt allein schon die Lage des Religionsunterrichtes bei uns.“ Sie ist mit ihrem wöchentlichen Unterricht bereits am Mittwoch fertig. Da damit keine großen Reichtümer zu verdienen sind, jobbt die 36-Jährige in der Altenpflege und arbeitet freiberuflich als Kirchenpädagogin. Nicht nur architektonische Details will sie bei ihren Führungen vermitteln, sondern die Symbolik der Kirchenräume mit allen Sinnen erfahrbar machen.
Trotzdem hält die Pädagogin ihre jetzige Situation für sehr viel befriedigender als ihre Anfänge als Katechetin. Diese berufsbegleitende Ausbildung, die es inzwischen gar nicht mehr gibt, begann sie 1996 – und sie wurde gleich ins kalte Wasser geworfen. Denn sofort kam sie in eine Hauptschule des Ostberliner Problembezirks Hellersdorf. Eine Kollegin wurde von einem Schüler mit dem Messer bedroht. „Es ist gut, dass man jetzt mehr über die Gewalt an Schulen redet. Aber es ist doch nicht so, als wenn es das vor einigen Jahren noch nicht gegeben hätte.“ 

Nach zwei Jahren begann Anja Lehmann mit dem neuen Studiengang zur Diplom-Religionspädagogin an der Fachhochschule in Zehlendorf. Ihre bisherige Ausbildung wurde angerechnet, so dass sie bereits im Jahr 2000 fertig wurde. „Wir waren der erste und einzige Jahrgang, dem bald darauf Stellen angeboten wurden.“ 

Auch Birgit Zweigle rät ihren Studierenden, neben der Religionspädagogik ein Diplom der Sozialpädagogik mit einem einjährigen Ergänzungsstudium zu erlangen. „Dann können sie zusätzlich als Schulsozialarbeiter arbeiten und haben einen ganz anderen Stand an den Schulen.“ Wird es bald nur noch Sozialarbeiter anstelle der Religionspädagogen geben – die gerufen werden, wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist, anstatt im Vorfeld christliche Werte zu vermitteln?  

  
Susanne Borée

 

Kraft zur Vergebung

Endlich aber seid allesamt gleichgesinnt, mitleidig, geschwisterlich, barmherzig, demütig. Vergeltet nicht Böses mit Bösem oder Scheltwort mit Scheltwort, sondern segnet vielmehr, weil Ihr dazu berufen seid, dass Ihr den Segen ererbt. Denn „wer das Leben lieben und gute Tage sehen will, der hüte seine Zunge, dass sie nichts Böses rede, und seine Lippen, dass sie nicht betrügen. Er wende sich ab vom Bösen und tue Gutes; er suche Schalom und jage ihm nach. Denn die Augen des Herrn merken auf die Gerechten und seine Ohren auf ihr Schreien; das Angesicht des Herrn aber steht wider die, die Böses tun“ (Psalm 34, 13–17). Und: Wer ist’s, der euch schaden könnte, wenn ihr dem Guten nacheifert? Und wenn Ihr auch leidet um Gerechtigkeit willen, so seid Ihr doch selig! Fürchtet Euch vor ihrem Drohen nicht und erschreckt nicht; heiligt aber den Herrn Christus in Euren Herzen.     
     

1. Petrus 3,8–15a

Evangelisches Sonntagsblatt
Josef kann auf den Segen schauen, den er von Gott erhalten hat. Hier wird die biblische Geschichte im Musical dargestellt.
 Foto: epd

 

Wie soll man denn ungerechte und verletzende Worte oder nicht-wieder-gut-zumachende Gemeinheiten ohne Hassgefühle und Rachegelüste wegstecken? Böses nicht mit Bösem vergelten, sondern alle, auch die Feinde, dem Segen Gottes anbefehlen? Wie sollte das gehen, ohne sich selbst die Achtung zu verweigern und am Ende möglicherweise sogar ein scheinheiliger Heuchler zu werden?

Die alttestamentlichen Lesung für diesen Sonntag gibt uns ein Beispiel, wie wir diese apostolischen Mahnungen hören sollen: Der bevorzugte und arrogant träumende Josef hatte sich mit seinen Brüdern entzweit und in tödlichem Hass zerstritten; nach vielen Irrungen und Wirrungen im Exil allerdings kann ausgerechnet er die ganze Familie aus der Hungersnot erretten. Und dann erzählt die Bibel, dass die Brüder im Namen ihres verstorbenen Vaters appelieren:  „So vergib doch nun diese Missetat uns, den Dienern des Gottes deines Vaters!“

Darauf geschieht etwas unerwartetes: Josef weinte und sprach: „Stehe ich denn an Gottes Statt? Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen, um zu tun, was jetzt am Tage ist, nämlich am Leben zu erhalten ein großes Volk.“ (1. Mose 50,15–20) 

Der Petrusbrief meint dies, wenn er sagt: „Ihr seid dazu berufen, dass Ihr den Segen Gottes ererbt.“ Josef hatte genau diese Berufung erfahren für sich, für seine zerstrittene Familie und sogar für das ihm an sich fremde Volk; an ihm also wird der Segen offensichtlich, den Gott in und durch Abraham für alle Völker verheißen hatte. Von dieser Berufung als einem Erbe in Jesus Christus spricht so der 1. Petrusbrief. 

Wer aus der Fülle des Segens Gottes lebt, wer in den Tiefen des Absturzes in Ungnade und Gefängnis, und in lebensgefährlichen Versuchungen erlebt hat, dass er durch alle Umwege dennoch Gottes Gnadenwege geführt wird, der kann zum Thema Rache und Vergeltung nur sagen: „Stehe ich denn an Gottes Statt?“ Deshalb weint Josef, als die Brüder im Namen Gottes und mit der Autorität des letzten Willens des sterbenden Vaters um Gnade flehen. Nein, er überlässt das Urteil über seine und der Brüder Bosheiten lieber dem, dessen Gnade und Segen er so unverdient und überraschend erfahren hat.

„Weil Ihr berufen seid, den Segen zu ererben“, sollt und könnt ihr in der Gemeinde Jesu untereinander geschwisterlich und demütig sein, und weil „Ihr ja doch selig seid“ und Ihr Euch Eurer Rettung glücklich schätzen dürft, braucht ihr Euch selbst bei Angriffen und Verleumdungen von außen nicht erschrecken und fürchten! 

So und in dieser Reihenfolge sollen wir diese apostolischen Mahnungen hören. Über das Scheltwort und die Bosheiten, die uns begegnen, haben wir meist keinen Einfluss, aber wir können wie Josef auf den Segen schauen, der uns unverdient umgibt, und wie er sagen: „Stehe ich denn an Gottes Statt?“   
   
Pfarrer Martin Wirth, 

Selbitz


Gebet: „Ich will aber doch glauben, dass ich die Güte Gottes sehen werde im Lande der Lebendigen. Harre des Herrn! Sei getrost und unverzagt und harre des Herrn!“    

Psalm 27,13
 

Lied 697: Meine Hoffnung und meine Freude

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