Evangelisches Sonntagsblatt aus Bayern
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Hier lesen Sie das Thema der Woche, das sich auf der Seite 3 der aktuellen Sonntagsblatt-Ausgabe befindet, und die wöchentliche Andacht. (Heft 24)

Untadelig im Haifischbecken

Christliches Leben und erfolgreiches unternehmerisches Handeln – wie passt das zusammen?

Evangelisches Sonntagsblatt
 
Geld und Christentum: Ausgleich nur durch Zaubertricks?   
Foto:  epd

   

Dem Starken gehört der Erfolg. Viele große Wirtschaftsunternehmen führen uns tagtäglich vor Augen, wie gerissene Machenschaften Gewinne maximieren helfen. Christliche Werte scheinen in dem Haifischbecken der freien Wirtschaft nichts zu suchen zu haben. Dem Konkurrenten die andere Backe hinzuhalten – wie unwirtschaftlich! Und dennoch geht es, zu den erfolgreichen Wirtschaftsführern in unserem Land zu gehören und gleichzeitig christlich zu leben.  

Das behaupten jedenfalls Unternehmer, die in der Organisation „Christen in der Wirtschaft (CiW)“ organisiert sind.  An diesem Wochenende halten sie einen Kongress im Zugspitzdorf Grainau ab. Unter dem Tagungsmotto „Was wirklich zählt: Zeichen setzen – Werte leben – offensiv handeln“ denken sie über die Herausforderung nach, christliche Maßstäbe in die Tat umzusetzen.

Mehr Hilfe wird eingefordert

Zwar forderte Jesus einst vom reichen Jüngling, dass dieser all seinen Besitz aufgeben müsse, um ihm nachfolgen zu können (Markus 10, 17 – 27). Andererseits setzte Josef in Ägypten erfolgreiches, vorausschauendes und verantwortungsvolles Wirtschaften dazu ein, während der sieben mageren Jahre ganz Ägypten und die umliegenden Nomadenvölker vor dem Hungertod zu bewahren (1. Mose 41 ff). Und Josef von Arimathäa setzte seinen Einfluss und Besitz ein, um den gekreuzigten Jesus einen Grabplatz zu verschaffen (Markus 15, 43).

Nicht betrügen oder lügen, keine Schwarzarbeit oder Steuerhinterziehung – für christliche Unternehmen sollte dies selbstverständlich sein. Diese Grundsätze sollten für Unternehmer sowieso schon selbstverständlich sein. „Doch wenn bekannt ist, dass ein Unternehmer Christ ist“, so  Helmut Matthies, Leiter der evangelischen Nachrichtenagentur idea und einer der Referenten beim Kongress, „kann er sich vor lauter Anfragen kaum retten. Das betrifft nicht nur alle möglichen Spendenorganisationen, die das Unternehmen mit Anfragen bombardieren, sondern auch Arbeitssuchende, die sonst nirgendwo mehr unterkommen.“ 

Sie würden gerade bei christlichen Unternehmen auf Barmherzigkeit hoffen. Helmut Matthies fährt fort: „Oder die christlichen Unternehmer leiden darunter, dass sie zu wenig Menschen entlassen.“ Natürlich hätten gerade christliche Unternehmer eine besondere Verantwortung gegenüber ihren Arbeitnehmern. Doch ohne eine gewisse Härte könnten sie nicht am Markt bestehen.

„Andererseits bekommen wir von unseren Mitarbeitern aber auch sehr viel zurück, wenn wir sie nicht nur unter dem Aspekt ihrer Arbeitsleistung begreifen.“ Heinrich Deichmann – der ebenfalls vor dem Kongress der „Christen in der Wirtschaft“ spricht – hat gute Erfahrungen damit gemacht, seine christliche Überzeugung auch als Unternehmer zu leben. Bezahlte Fitness-Urlaube oder eine Unterstützungskasse gehören deshalb zu den Vergünstigungen, die der Schuhhändler seinen Mitarbeitern bietet. Er fährt fort: „Doch wir haben nichts zu verschenken. Natürlich muss auch unser Unternehmen Gewinn abwerfen. Wir fordern deshalb von jedem unserer Mitarbeiter genauso viel Einsatz wie in jedem anderen Unternehmen. Aber wir merken, dass sie sich auch sehr stark mit der Firma identifizieren.“

Ähnlich sieht es sein Kollege Günter Veit, der in Landsberg ein erfolgreiches Unternehmen, unter anderem für Maschinen für Textilpflege, aufgebaut hat. Ein gutes Betriebsklima ist für ihn mit einscheidend für die Freude an Arbeit und ihrer Leistung. Dazu gehört zum Beispiel auch, dass die Vorgesetzten bei Problemen nach Lösungen und nicht nach Schuldigen suchen. Es sollten auch alle Ideen berücksichtigt werden – ganz egal, von wem sie kommen. Interne Mitarbeiterbefragungen belegen, dass die überwiegende Mehrzahl der Beschäftigten sich in seinem Betrieb gut aufgehoben fühlt.
Günter Veit empfiehlt den ständigen Kontakt zu Gott als eine Hilfe, um christliche Werte als Christ und Unternehmer umsetzen zu können. „Praktisch spielt sich dies in so genannten Sekundengebeten ab. Für das, was ich gerade tue, bete ich: Herr, segne diesen Mitarbeiter. Oder: Herr, hilf mir, die Wahrheit in Liebe zu sagen.“

Leistungen schon per Gesetz

Allerdings muss der Unternehmer bei den konkreten Umsetzungsmöglichkeiten eine Einschränkung machen: „Leistungen, die in anderen Ländern aus christlicher Verantwortung gegenüber den Mitarbeitern getan werden, sind hier in Deutschland schon per Gesetz vorgeschrieben. Insofern habe man wenig Spielraum, wenn man noch international konkurrenzfähig bleiben will.“ Ähnliches gelte etwa auch bei der Beschäftigung von Frauen, die nur halbtags arbeiten können, wenn sie gleichzeitig Mütter sind: „Natürlich muss gewährleistet sein, dass den gesamten Arbeitstag über das Telefon besetzt ist.“

„Frauen in Führungsetagen sind meistens keine Mütter“, bestätigt auch Andreas Grabenstein aus Nürnberg. Er bietet mit seinem Projekt „SeitenWechsel“ einen Erfahrungswechsel an. Führungskräfte wagen sich dabei aus ihrer gewohnten Umgebung heraus, um sich eine Woche lang sozial zu engagieren. Überwinden von Schwellenängsten und Vorurteilen sieht der einstige Pfarrer als notwendige Lernschritte an. „Manche Manager bewundern die Konsequenz, mit der Sozialarbeiter gegenüber schwierigem Klientel auftreten können. Diese haben keine Hierarchien hinter sich, sondern nur ihre persönliche Autorität.“

Bereits diese Beispiele zeigen eine breite Spannbreite der Möglichkeiten, aber auch der Grenzen bei der Umsetzung biblischer Werte im wirtschaftlichen Alltag. Ohne Möglichkeiten der Weltflucht müssen wir alle mehr oder weniger Kompromisse mit der Wirklichkeit machen – jedenfalls bis zur Wiederkehr Jesu. Zum Schluss meint Andreas Grabenstein nachdenklich: „Wir wünschen uns immer etwas von anderen oder fordern, was sie tun müssten. Wichtig ist aber: Wie kann ich selbst mein Leben gestalten um Zeugnis abzugeben?“    

Susanne Borée 

Zum Fingerzeig Gottes werden

So spricht der Herr Zebaoth: Hört nicht auf die Worte der Propheten, die euch weissagen! Sie betrügen euch; denn sie verkünden euch Gesichte aus ihrem Herzen und nicht aus dem Mund des Herrn. Sie sagen denen, die des Herrn Wort verachten: Es wird euch wohlgehen –, und allen, die nach ihrem verstockten Herzen wandeln, sagen sie: Es wird kein Unheil über euch kommen. Ich sandte die Propheten nicht, und doch laufen sie; ich redete nicht zu ihnen, und doch weissagen sie. Denn wenn sie in meinem Rat gestanden hätten, so hätten sie meine Worte meinem Volk gepredigt, um es von seinem bösen Wandel und von seinem bösen Tun zu bekehren.

Jeremia 23, 16–17 und 21–22

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Wenn Christen vergeben können, den Glauben ernst nehmen und die Gemeinde als Lebensraum begreifen, dann können ihre Kirchen Fingerzeige Gottes in der Welt werden. Im Bild die Dorfkirche von Gelmeroda, die zur Lichtskulptur wurde.   
Foto: epd

 

Viele Menschen leben heute einen christlichen Glauben, der sich vor allem von der Freiheit her versteht. Nun wissen wir, dass wir die geliebten Kinder Gottes sind, die Gott zur Freiheit berufen hat. Und auch der Heilige Geist macht frei. Doch darf diese Freiheit nicht falsch verstanden werden. Seit einigen Jahren gibt es wieder verstärkt eine Diskussion über die Werte, die unser eigenes Leben, unsere Gesellschaft und Europa bestimmen sollen. Die Menschen suchen wieder verstärkt nach seelischem Halt und geistiger Orientierung. Doch die „Angebote“ sind sehr vielfältig, innerhalb und außerhalb der Kirche. 

Dabei ist es nach wie vor vielen nicht sehr willkommen, wenn die Kirche die Gebote Gottes in aller Klarheit verkündigt. Das ist auch nicht so bequem, wie den Menschen nach dem Mund zu reden. Und doch zeigt ein Blick in das Alte Testament, auf Verse wie hier im Buch des Propheten Jeremia, dass immer wieder auch man-che selbsternannte Propheten am Werk sind, die nicht den Willen und die Gebote des Herrn verkündigen, sondern ihre eigenen populären Ideen. Sie bestärken jene, die des Herrn Wort verachten und einen falschen Lebenswandel führen, dann noch auf ihren Irrwegen. 

Gott geht mit solchen falschen Propheten hart ins Gericht. Er nennt sie Betrüger und sagt klar, dass seine Propheten die Menschen von schlechtem Lebenswandel und bösem Tun abbringen und sie bekehren sollen, statt sie darin zu bestärken. Für uns als Christen und für die Kirche sind solche Mahnungen immer auch eine Anfrage an uns selbst. Erliegen wir den Propheten innerhalb und außerhalb der  Kirche, die uns das Blaue vom Himmel versprechen, unabhängig davon, wie lebendig unser Glaube ist und ob wir Gottes Gebote befolgen?  

Christus spricht: „Das Reich Gottes ist herbeigekommen. Tut Buße und glaubt an das Evangelium!“ Wir müssen auch heute solche Mahnungen Gottes ernst nehmen und von unserem oft lauen Glauben und lockeren Lebenswandel zu einer neuen Spiritualität der Umkehr finden. Zu einer solchen Spiritualität der Umkehr zählt, ob wir Menschen immer wieder vergeben können und ob Menschen uns vergeben können. Dazu zählt, ob wir den Glauben wieder wichtiger nehmen, als so manche der weltlichen Beschäftigungen, die uns in Beschlag nehmen. Und es zählt dazu, ob wir die Kirche und die Gemeinde als unseren Lebensraum begreifen, auch wenn uns die Kirche dann nicht immer bequeme Gebote verkündigt. 

Das ist nicht bequem und es ist nicht einfach. Doch wenn uns das als Christen und als Gemeinde gelingt, dann sind wir das Licht der Welt und das Salz der Erde. Und dann sind auch unsere Kirchen Fingerzeige Gottes in der Welt, nicht nur Tempel der Tradition. 

Pfarrer Jürgen Henkel,

Sibiu, Rumänien


Gebet: Herr, weise uns immer neu deinen Weg, schenke uns immer neu Einsicht in deine Gebote und die Kraft, sie zu leben. Tröste uns, stärke uns, heilige uns. Amen.

Lied 295: Wohl denen, die da wandeln

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