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Auch der Heilige Geist hat sich
entäußert
Neues
Nachdenken über die Entsprechung des Geistes zur
Selbsterniedrigung des Gottessohnes
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Taube als Symbol
des Heiligen Geistes: Deckengemälde in einer Kirche in
Oberbobritzsch, Sachsen.
Foto: epd
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Pfingsten
reizt dazu, die Herrlichkeit des Heiligen Geistes zu feiern: sein
Wirken in der weltweiten Christenheit, womöglich insbesondere
dort, wo es mit auffälligen Zeichen einhergeht – wie
einst zu Beginn der Kirchengeschichte in Jerusalem. Doch dieses Fest
kann auch dazu anleiten, einmal über die ganz andere Seite des
Gottesgeistes nachzudenken: über seine Selbsterniedrigung, die
sein Wirken in dieser Welt ebenso kennzeichnet wie einst den Weg des
Gottessohnes in die Niedrigkeit leidvollen Menschseins hinein.
Schließlich handelt es sich um göttlichen Geist, der
doch in Verborgenheit und Entäußerung
gegenwärtig ist in einer von Gott entfremdeten Wirklichkeit!
Seine Berührung mit der vergänglichen Welt, mit
unseren sündebeladenen Herzen ist eigentlich nichts
Selbstverständliches und bedeutet für ihn
selbstverständlich Erniedrigung. Und solche
Selbsterniedrigung, ja Selbstentleerung entspricht der des vom Vater in
die Welt gesandten Sohnes tatsächlich genau.
Leidensgeschichte
des Geistes
Der
Gedanke der Selbstentäußerung des Heiligen Geistes
klingt auf Anhieb spekulativ – und ist es auch. Aber sind
nicht Glaubensgedanken allemal
„spekulativ“ in diesem Sinn, wo es doch um die
inneren Zusammenhänge und Konsequenzen der christlichen
Grundüberzeugungen geht? Die zu diskutierende Frage ist immer
nur, was jeweils der Wahrheitsfindung eher dient und der Wahrheit
näher kommt. Manche Dogmen brauchten Jahrhunderte, um die
inneren Voraussetzungen überkommener
Glaubenssätze ausformulieren zu können. Und
die grundsätzliche Einsicht in die Dynamik göttlicher
Selbstentäußerung ist verstärkt
erst in der späten Neuzeit gewachsen. Im Blick auf den
Heiligen Geist sind entsprechende Überlegungen noch gar nicht
alt.
Im
Rahmen einer „trinitarischen
Schöpfungslehre“ hat Jürgen Moltmann 1980
formuliert: „Durch seine Herablassung … nimmt der
Geist auf seine Weise an der Selbstbeschränkung des Vaters und
der Selbstentäußerung des Sohnes teil.“
Ausdrücklich sprach der Tübinger Theologieprofessor
von der Selbstentäußerung des Geistes erstmals 1985
in seiner Schöpfungslehre und erläuterte:
„Läßt Gott selbst sich auf seine begrenzte
Schöpfung ein und wohnt er selbst ihr als ‚Geber des
Lebens’ ein, dann setzt dies eine
Selbstbeschränkung, eine Selbsterniedrigung und eine
Selbsthingabe des Geistes voraus. Mit der Leidensgeschichte der
Schöpfung, die der Vergänglichkeit unterworfen ist,
entsteht dann auch eine Leidensgeschichte des ihr einwohnenden
Geistes.“
1991
äußerte sich Moltmann in dem Buch „Der
Geist des Lebens“: „Die Erfahrung des lebendig
machenden Geistes im Glauben des Herzens und in der Gemeinschaft der
Liebe führt darum von selbst über die Grenzen der
Kirche hinaus zur Wiederentdeckung desselben Geistes in der Natur, in
den Pflanzen, in den Tieren und in den Ökosystemen der
Erde.“
Das
klingt romantisch. Doch das Reich der Natur ist bei all seinen
Herrlichkeiten ja oft auch ein chaotisches und bedrohliches, grausames
„Reich“! Nach welchen Kriterien sollte darin der
Geist Gottes als leidend oder leitend wiederentdeckt werden
können? Drohen da nicht fatale Verwechslungen? Die Rede von
der Selbsterniedrigung des Heiligen Geistes bedarf weiterer
Präzision.
Gottes Geist als
Weltgeist
Zunächst
ist mit Moltmann festzuhalten: Der Grundgedanke, dass der
Selbstentäußerung des Sohnes eine solche
des Geistes entspricht, ist interessant und aufschlussreich. Werden
doch der Sohn wie der Geist beide vom Vater gesandt –
nämlich hin zur entfremdeten Kreatur, und das hat für
beider Sein einschränkende Folgen. Hingegen wird der Vater nie
„gesendet“, so dass von ihm allenfalls eine
indirekte Selbstentäußerung auszusagen wäre
– insofern er wiederum mit den beiden
„Gesandten“ in ihrem Draußen-Sein
einfühlsam mitleidet, ja durch die innere Verbundenheit mit
ihnen gewissermaßen mit
„draußen“ ist. Aber er selbst geht nicht
„hinaus“. Vielmehr ist er diejenige trinitarische
Person, die die göttlichen Eigenschaften der Allmacht und
Allwissenheit immer behält und von daher imstande bleibt,
für die Aufhebung der Entäußerung von Sohn
und Geist zur gegebenen Zeit zu sorgen.
Der
innere Grund für die Entäußerung des
Geistes im Schöpfungszusammenhang muss mit der
Selbstentäußerung des Sohnes, der zweiten Person der
Gottheit zu tun haben. Geht doch diese einher mit einer weitreichenden
Entkleidung von den göttlichen Herrlichkeitseigenschaften im
Zuge der Menschwerdung! Da aber Jesu Menschsein auch in der
Erhöhung, also mit seiner Himmelfahrt nicht
zurückgenommen wird, ist jene Entkleidung als eine
endgültige für die zweite Person der
Trinität aufzufassen. Und hierin dürfte
überhaupt die Aufgabe des Heiligen Geistes gründen,
wie sie innerhalb der Trinität selbst angelegt ist. Denn sie
bezieht sich nach innen wie nach außen stets auf die
Schöpfung. Der Heilige Geist übernimmt jene
kosmischen Aufgaben, die zwar einerseits dem Sohn als dem
„Schöpfungsmittler“ zugedacht sind,
andererseits aber von diesem zum Zweck seiner Menschwerdung
grundsätzlich – insofern schon überzeitlich
– an den Geist abgegeben werden, mit dem er freilich wie mit
dem Vater stets verbunden bleibt.
„Nicht
fern von einem jeden“
Der
Selbsterniedrigung des Sohnes in der Hingabe an die von Gott
entfremdete Welt entspricht die des Geistes im schöpferischen
Setzen und Erhalten des entfremdeten Kosmos insgesamt. Gemeint ist
damit der Sachverhalt, dass der Heilige Geist diese Aufgaben nicht
vollführen kann ohne eine Selbstzurücknahme der
Fülle seiner Offenbarungsmacht und Heiligkeit.
So
muss die Schöpfung als entfremdete gesetzt und
„gehalten“ werden: „Und der Geist Gottes
schwebte auf dem Wasser“ (1. Mose 1,2). Dieses Halten in
Nähe und Distanz vollbringt der Geist, indem er seine
Herrlichkeit vor ihr nicht nur verbirgt, sondern sich ihrer auch ein
Stück weit entledigt, um ihr im Halten berührend nahe
sein zu können, ohne dass sie dabei gewissermaßen
von seinem Licht „verbrannt“ wird. Das gilt im
Blick auf die Welt insgesamt wie auf alle Menschen:
„Fürwahr, er ist nicht ferne von einem jeden unter
uns“ (Apostelgeschichte 17,27). Sind die Menschen aber
„göttlichen Geschlechts“ (17,28), so sind
sie es freilich in „Unwissenheit“ (17,30).
Insofern
ist es aber auch ganz wichtig, dass der Heilige Geist
schließlich im Herzen der Glaubenden wirklich entbrennt, dass
er aus seiner Verborgenheit heraustritt und das Leben des
Christenmenschen erleuchtet. Wer in diesem Sinn die Fülle des
Geistes erfährt, darf wiederum wissen, dass ihn derselbe Geist
in seiner Liebe schon längst bewegt, gelockt und zum Glauben
gebracht hat, als er noch in Unwissenheit war. Die Erkenntnis der
Selbsterniedrigung des Heiligen lässt leichter begreifen, wie
es wahr sein kann, dass Christen dank des Geistes Christi in ihnen
„zugleich Sünder und Gerechte“ sind, wie
das Luther formulierte. Pfingsten erweist sich so noch einmal vertieft
als ein Fest der göttlichen Liebe und Gnade.
Werner Thiede
Pfingsten 2006
Ruhig macht Gottes Geist und stark
Wir aber
haben nicht empfangen den Geist der Welt, sondern den Geist aus Gott,
dass wir wissen können, was uns von Gott geschenkt ist. Und
davon reden wir auch nicht mit Worten, welche menschliche Weisheit
lehren kann, sondern mit Worten, die der Geist lehrt, und deuten
geistliche Sachen für geistliche Menschen. Wir aber haben
Christi Sinn.
1. Kor.
2,12-16
Foto: Bek-Baier
„Wann
haben Sie zuletzt das Wirken des Heiligen Geistes
gespürt?“ fragt eine Konfirmandin den Pfarrer, den
diese Frage schon etwas verlegen macht. „Beim Beten, heute
Morgen“, antwortet er nach kurzem
Überlegen. „Und wie war es? Was haben Sie dabei
gefühlt?“ – „Innere Ruhe und
eine positive Kraft,“ antwortet er. Die Konfirmandin ist
zufrieden und sagt: „Das kenne ich auch.“
Carl Gutav Jung,
der Tiefenpsychologe, hat einmal gesagt: „Wirklich ist das,
was wirkt.“ Die Wirklichkeit des Heiligen Geist
spüren wir an seiner Wirkung. Wenn wir in unserem Denken,
Reden und Handeln von Christus durchdrungen sind, wenn wir Christi Sinn
haben, ist der Heilige Geist am Wirken.
Damals in Jerusalem
haben die Jünger Jesu auch ganz konkret erlebt, was der
Heilige Geist vermag. Menschen aus aller Herren Länder
verstanden über Sprachgrenzen hinweg das Evangelium von Jesus
Christus, und sie verstanden sich untereinander. Sie hatten ein tolles
Gemeinschaftserlebnis.
Die drei Beispiele
zeigen drei Richtungen, in die der Heilige Geist wirkt. Das
Gespräch Konfirmandin – Pfarrer zeigt: Der Heilige
Geist hält uns in Verbindung zu Christus durch das Gebet und
macht uns ruhig und stark. Der Apostel Paulus zeigt, dass der Heilige
Geist durch uns auch nach außen wirkt, in die Gesellschaft
hinein, durch gute Beispiele, durch Früchte des Geistes, durch
vorbildliches Handeln im Geiste Jesu. Die Pfingstgeschichte in
Jerusalem zeigt: Der Heilige Geist macht uns
gemeinschaftsfähig. Er lässt Gemeinschaft mit ganz
unterschiedlichen Menschen gelingen im Hören auf das
Evangelium. Wo wir dem Heiligen Geist Raum in uns geben,
müssen schlechte Geister weichen. Die haben viele Namen:
Ärger und Aggression, Neid und Zwietracht, Egoismus und
Rechthaberei. Pfingsten ist das Fest des guten Geistes, der von Gott
kommt. Er bestimmt unsere Einstellung und Haltung. Lassen wir
uns vom Heiligen Geist berühren! Strecken wir uns ihm
entgegen! Stellen wir unser Leben in seinen Dienst. Lassen wir uns
bewegen, im Geiste Christi zu leben, Gutes zu tun, Frieden zu stiften
und Not zu überwinden. Der Heilige Geist kann viel bewirken,
wenn wir uns seiner Dynamik aussetzen.
Der katholische
Theologe Karl Rahner formulierte es so: „Ich glaube an den
heiligen Geist. Ich glaube, dass er meine Vorurteile abbauen kann, dass
er meine Gewohnheiten ändern kann, dass er meine
Gleichgültigkeit überwinden kann, dass er mir
Phantasie zur Liebe geben kann, dass er mir Warnung vor dem
Bösen geben kann, dass er meine Traurigkeit besiegen kann,
dass er mir Liebe zu Gottes Wort geben kann, dass er mir
Minderwertigkeits-Gefühle nehmen kann, dass er mir Kraft in
meinem Leiden geben kann, dass er mir einen Bruder und eine Schwester
an die Seite geben kann, dass er mein Wesen durchdringen und erneuern
kann.“
Gottes guter Geist
in uns allen. Wenn das kein Grund zum feiern ist. Frohe Pfingsten!
Helmut Völkel,
Regionalbischof,
Ansbach
Gebet:
Du Heilger Geist, bereite ein Pfingstfest nah und fern; mit deiner
Kraft begleite das Zeugnis von dem Herrn. O öffne du die
Herzen der Welt und uns den Mund, dass wir in Freud und Schmerzen das
Heil ihr machen kund. Amen.
Lied 136: O komm,
du Geist der Wahrheit
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