Evangelisches Sonntagsblatt aus Bayern
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Hier lesen Sie das Thema der Woche, das sich auf der Seite 3 der aktuellen Sonntagsblatt-Ausgabe befindet, und die wöchentliche Andacht. (Heft 22)

Auch der Heilige Geist hat sich entäußert

Neues Nachdenken über die Entsprechung des Geistes zur Selbsterniedrigung des Gottessohnes

Evangelisches Sonntagsblatt
 
Taube als Symbol des Heiligen Geistes: Deckengemälde in einer Kirche in Oberbobritzsch, Sachsen.    
Foto: epd

 
   

Pfingsten reizt dazu, die Herrlichkeit des Heiligen Geistes zu feiern: sein Wirken in der weltweiten Christenheit, womöglich insbesondere dort, wo es mit auffälligen Zeichen einhergeht – wie einst zu Beginn der Kirchengeschichte in Jerusalem. Doch dieses Fest kann auch dazu anleiten, einmal über die ganz andere Seite des Gottesgeistes nachzudenken: über seine Selbsterniedrigung, die sein Wirken in dieser Welt ebenso kennzeichnet wie einst den Weg des Gottessohnes in die Niedrigkeit leidvollen Menschseins hinein. Schließlich handelt es sich um göttlichen Geist, der doch in Verborgenheit und Entäußerung gegenwärtig ist in einer von Gott entfremdeten Wirklichkeit! Seine Berührung mit der vergänglichen Welt, mit unseren sündebeladenen Herzen ist eigentlich nichts Selbstverständliches und bedeutet für ihn selbstverständlich Erniedrigung. Und solche Selbsterniedrigung, ja Selbstentleerung entspricht der des vom Vater in die Welt gesandten Sohnes tatsächlich genau.

Leidensgeschichte des Geistes

Der Gedanke der Selbstentäußerung des Heiligen Geistes klingt auf Anhieb spekulativ – und ist es auch. Aber sind nicht Glaubensgedanken  allemal „spekulativ“ in diesem Sinn, wo es doch um die inneren Zusammenhänge und Konsequenzen der christlichen Grundüberzeugungen geht? Die zu diskutierende Frage ist immer nur, was jeweils der Wahrheitsfindung eher dient und der Wahrheit näher kommt. Manche Dogmen brauchten Jahrhunderte, um die inneren Voraussetzungen  überkommener Glaubenssätze  ausformulieren zu können. Und die grundsätzliche Einsicht in die Dynamik göttlicher Selbstentäußerung  ist verstärkt erst in der späten Neuzeit gewachsen. Im Blick auf den Heiligen Geist sind entsprechende Überlegungen noch gar nicht alt.

Im Rahmen einer „trinitarischen Schöpfungslehre“ hat Jürgen Moltmann 1980 formuliert: „Durch seine Herablassung … nimmt der Geist auf seine Weise an der Selbstbeschränkung des Vaters und der Selbstentäußerung des Sohnes teil.“ Ausdrücklich sprach der Tübinger Theologieprofessor von der Selbstentäußerung des Geistes erstmals 1985 in seiner Schöpfungslehre und erläuterte: „Läßt Gott selbst sich auf seine begrenzte Schöpfung ein und wohnt er selbst ihr als ‚Geber des Lebens’ ein, dann setzt dies eine Selbstbeschränkung, eine Selbsterniedrigung und eine Selbsthingabe des Geistes voraus. Mit der Leidensgeschichte der Schöpfung, die der Vergänglichkeit unterworfen ist, entsteht dann auch eine Leidensgeschichte des ihr einwohnenden Geistes.“ 

1991 äußerte sich Moltmann in dem Buch „Der Geist des Lebens“: „Die Erfahrung des lebendig machenden Geistes im Glauben des Herzens und in der Gemeinschaft der Liebe führt darum von selbst über die Grenzen der Kirche hinaus zur Wiederentdeckung desselben Geistes in der Natur, in den Pflanzen, in den Tieren und in den Ökosystemen der Erde.“

Das klingt romantisch. Doch das Reich der Natur ist bei all seinen Herrlichkeiten ja oft auch ein chaotisches und bedrohliches, grausames „Reich“! Nach welchen Kriterien sollte darin der Geist Gottes als leidend oder leitend wiederentdeckt werden können? Drohen da nicht fatale Verwechslungen? Die Rede von der Selbsterniedrigung des Heiligen Geistes bedarf weiterer Präzision.

Gottes Geist als Weltgeist

Zunächst ist mit Moltmann festzuhalten: Der Grundgedanke, dass der Selbstentäußerung  des Sohnes eine solche des Geistes entspricht, ist interessant und aufschlussreich. Werden doch der Sohn wie der Geist beide vom Vater gesandt – nämlich hin zur entfremdeten Kreatur, und das hat für beider Sein einschränkende Folgen. Hingegen wird der Vater nie „gesendet“, so dass von ihm allenfalls eine indirekte Selbstentäußerung auszusagen wäre – insofern er wiederum mit den beiden „Gesandten“ in ihrem Draußen-Sein einfühlsam mitleidet, ja durch die innere Verbundenheit mit ihnen gewissermaßen mit „draußen“ ist. Aber er selbst geht nicht „hinaus“. Vielmehr ist er diejenige trinitarische Person, die die göttlichen Eigenschaften der Allmacht und Allwissenheit immer behält und von daher imstande bleibt, für die Aufhebung der Entäußerung von Sohn und Geist zur gegebenen Zeit zu sorgen. 

Der innere Grund für die Entäußerung des Geistes im Schöpfungszusammenhang muss mit der Selbstentäußerung des Sohnes, der zweiten Person der Gottheit zu tun haben. Geht doch diese einher mit einer weitreichenden Entkleidung von den göttlichen Herrlichkeitseigenschaften im Zuge der Menschwerdung! Da aber Jesu  Menschsein auch in der Erhöhung, also mit seiner Himmelfahrt nicht zurückgenommen wird, ist jene Entkleidung als eine endgültige für die zweite Person der Trinität aufzufassen. Und hierin dürfte überhaupt die Aufgabe des Heiligen Geistes gründen, wie sie innerhalb der Trinität selbst angelegt ist. Denn sie bezieht sich nach innen wie nach außen stets auf die Schöpfung. Der Heilige Geist übernimmt jene kosmischen Aufgaben, die zwar einerseits dem Sohn als dem „Schöpfungsmittler“ zugedacht sind, andererseits aber von diesem zum Zweck seiner Menschwerdung grundsätzlich – insofern schon überzeitlich – an den Geist abgegeben werden, mit dem er freilich wie mit dem Vater stets verbunden bleibt.

„Nicht fern von einem jeden“

Der Selbsterniedrigung des Sohnes in der Hingabe an die von Gott entfremdete Welt entspricht die des Geistes im schöpferischen Setzen und Erhalten des entfremdeten Kosmos insgesamt. Gemeint ist damit der Sachverhalt, dass der Heilige Geist diese Aufgaben nicht vollführen kann ohne eine Selbstzurücknahme der Fülle seiner Offenbarungsmacht und Heiligkeit.

So muss die Schöpfung als entfremdete gesetzt und „gehalten“ werden: „Und der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser“ (1. Mose 1,2). Dieses Halten in Nähe und Distanz vollbringt der Geist, indem er seine Herrlichkeit vor ihr nicht nur verbirgt, sondern sich ihrer auch ein Stück weit entledigt, um ihr im Halten berührend nahe sein zu können, ohne dass sie dabei gewissermaßen von seinem Licht „verbrannt“ wird. Das gilt im Blick auf die Welt insgesamt wie auf alle Menschen: „Fürwahr, er ist nicht ferne von einem jeden unter uns“ (Apostelgeschichte 17,27). Sind die Menschen aber „göttlichen Geschlechts“ (17,28), so sind sie es freilich in „Unwissenheit“ (17,30). 

Insofern ist es aber auch ganz wichtig, dass der Heilige Geist schließlich im Herzen der Glaubenden wirklich entbrennt, dass er aus seiner Verborgenheit heraustritt und das Leben des Christenmenschen erleuchtet. Wer in diesem Sinn die Fülle des Geistes erfährt, darf wiederum wissen, dass ihn derselbe Geist in seiner Liebe schon längst bewegt, gelockt und zum Glauben gebracht hat, als er noch in Unwissenheit war. Die Erkenntnis der Selbsterniedrigung des Heiligen lässt leichter begreifen, wie es wahr sein kann, dass Christen dank des Geistes Christi in ihnen „zugleich Sünder und Gerechte“ sind, wie das Luther formulierte. Pfingsten erweist sich so noch einmal vertieft als ein Fest der göttlichen Liebe und Gnade.      

Werner Thiede

 

Pfingsten 2006

Evangelisches Sonntagsblatt


 

Ruhig macht Gottes Geist und  stark

Wir aber haben nicht empfangen den Geist der Welt, sondern den Geist aus Gott, dass wir wissen können, was uns von Gott geschenkt ist. Und davon reden wir auch nicht mit Worten, welche menschliche Weisheit lehren kann, sondern mit Worten, die der Geist lehrt, und deuten geistliche Sachen für geistliche Menschen. Wir aber haben Christi Sinn.              

1. Kor. 2,12-16

Evangelisches Sonntagsblatt
Foto: Bek-Baier

„Wann haben Sie zuletzt das Wirken des Heiligen Geistes gespürt?“ fragt eine Konfirmandin den Pfarrer, den diese Frage schon etwas verlegen macht. „Beim Beten, heute Morgen“,  antwortet er nach kurzem Überlegen. „Und wie war es? Was haben Sie dabei gefühlt?“ – „Innere Ruhe und eine positive Kraft,“ antwortet er. Die Konfirmandin ist zufrieden und sagt: „Das kenne ich auch.“ 

Carl Gutav Jung, der Tiefenpsychologe, hat einmal gesagt: „Wirklich ist das, was wirkt.“ Die Wirklichkeit des Heiligen Geist spüren wir an seiner Wirkung. Wenn wir in unserem Denken, Reden und Handeln von Christus durchdrungen sind, wenn wir Christi Sinn haben, ist der Heilige Geist am Wirken. 

Damals in Jerusalem haben die Jünger Jesu auch ganz konkret erlebt, was der Heilige Geist vermag. Menschen aus aller Herren Länder verstanden über Sprachgrenzen hinweg das Evangelium von Jesus Christus, und sie verstanden sich untereinander. Sie hatten ein tolles Gemeinschaftserlebnis. 

Die drei Beispiele zeigen drei Richtungen, in die der Heilige Geist wirkt. Das Gespräch Konfirmandin – Pfarrer zeigt: Der Heilige Geist hält uns in Verbindung zu Christus durch das Gebet und macht uns ruhig und stark. Der Apostel Paulus zeigt, dass der Heilige Geist durch uns auch nach außen wirkt, in die Gesellschaft hinein, durch gute Beispiele, durch Früchte des Geistes, durch vorbildliches Handeln im Geiste Jesu. Die Pfingstgeschichte in Jerusalem zeigt: Der Heilige Geist macht uns gemeinschaftsfähig. Er lässt Gemeinschaft mit ganz unterschiedlichen Menschen gelingen im Hören auf das Evangelium. Wo wir dem Heiligen Geist Raum in uns geben, müssen schlechte Geister weichen. Die haben viele Namen: Ärger und Aggression, Neid und Zwietracht, Egoismus und Rechthaberei. Pfingsten ist das Fest des guten Geistes, der von Gott kommt. Er bestimmt unsere Einstellung und  Haltung. Lassen wir uns vom Heiligen Geist berühren! Strecken wir uns ihm entgegen! Stellen wir unser Leben in seinen Dienst. Lassen wir uns bewegen, im Geiste Christi zu leben, Gutes zu tun, Frieden zu stiften und Not zu überwinden. Der Heilige Geist kann viel bewirken, wenn wir uns seiner Dynamik aussetzen. 

Der katholische Theologe Karl Rahner formulierte es so: „Ich glaube an den heiligen Geist. Ich glaube, dass er meine Vorurteile abbauen kann, dass er meine Gewohnheiten ändern kann, dass er meine Gleichgültigkeit überwinden kann, dass er mir Phantasie zur Liebe geben kann, dass er mir Warnung vor dem Bösen geben kann, dass er meine Traurigkeit besiegen kann, dass er mir Liebe zu Gottes Wort geben kann, dass er mir Minderwertigkeits-Gefühle nehmen kann, dass er mir Kraft in meinem Leiden geben kann, dass er mir einen Bruder und eine Schwester an die Seite geben kann, dass er mein Wesen durchdringen und erneuern kann.“ 

Gottes guter Geist in uns allen. Wenn das kein Grund zum feiern ist. Frohe Pfingsten!

Helmut Völkel, Regionalbischof,

Ansbach

Gebet: Du Heilger Geist, bereite ein Pfingstfest nah und fern; mit deiner Kraft begleite das Zeugnis von dem Herrn. O öffne du die Herzen der Welt und uns den Mund, dass wir in Freud und Schmerzen das Heil ihr machen kund. Amen.

Lied 136: O komm, du Geist der Wahrheit

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