Evangelisches Sonntagsblatt aus Bayern
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Hier lesen Sie das Thema der Woche, das sich auf der Seite 3 der aktuellen Sonntagsblatt-Ausgabe befindet, und die wöchentliche Andacht. (Heft 19)

"Hilfe, ich habe zwei Mütter ..."

Diakonie hilft Adoptierten, sich zurecht zu finden

Evangelisches Sonntagsblatt
 
Zwei Mütter und ein Kind –  eine Zerreißprobe für das Mädchen? Foto: epd 
 
   

„Deine Mutter hat dich geliebt – aber sie konnte dir nicht mehr geben.“ Diesen Satz hörte das kleine Mädchen – nennen wir sie Steffi – immer wieder. Schon auf dem Wickeltisch wurde es ihr oft erzählt. Weiter hieß es: „Du hast nur gebrüllt, als wir dich das erste Mal sahen. Tortzdem warst du mit deinem Stubsnäschen und der faltigen Stirn einer Neugeborenen so süß!“ Nur über eines kann die Lehrerin ihrem Wunschkind nie etwas erzählen: Sie weiß nichts darüber, wie Steffis Geburt verlief oder wann sich das Mädchen das erste Mal im Mutterleib bewegte. Zusammen mit ihrem Mann adoptierte sie Steffi wenige Tage nach der Geburt.

Poststelle zwischen Müttern

Ganz hat ihre leibliche Mutter Steffi nicht vergessen. Während ihrer ersten Lebensjahre schickte sie ihr regelmäßig Briefe zu ihrem Geburtstag und zu Weihnachten. Natürlich könnte die Adoptivfamilie einen solchen Kontakt mit der Kindsmutter verweigern. „Sie tun es aber so gut wie gar nicht“, berichtet Elke Breunig von ihren jahrelangen Vermittlungserfahrungen zwischen leiblicher Mutter und der Pflegefamilie. Die Psychologin arbeitet seit 18 Jahren bei der diakonischen „Beratung und Nachbetreuung für leibliche Eltern und Adoptivfamilien“ in Nürnberg. Schließlich können sie so wenigstens etwas über die Herkunft ihres Kindes zu erfahren. 

„Wir spielen Poststelle“. Mit diesen nüchternen Worten beschreibt Elke Breunig ihre Hauptaufgabe. Über ihren Schreibtisch gehen Briefe zwischen der leiblichen Mutter und der Adoptivfamilie. Manchmal bevorzugen beide Seiten doch eher das Telefon. Dann nimmt Elke Breunig die Nachrichten der einen Mutter auf und gibt sie an die andere weiter.

Doch würden sich beide Seiten zufällig beim Einkaufen treffen – könnten sie sich nicht erkennen. Denn der Kontakt zwischen Mutter und Pflegemutter ist vollständig anonym. „Die Mutter kennt nur den Vornamen ihres Kindes und natürlich das Geburtsdatum“, erklärt Elke Breunig. Nur unter dieser Voraussetzung ist es oft möglich, dass sich ein gemeinsames Band ohne Ängste zwischen den beiden Müttern entwickeln kann. Der Vater, selbst wenn er bekannt ist und von der Schwangerschaft weiß, tritt seltener in Kontakt zu seinem Kind.

Steffi kam, wie die meisten Babys, die adoptiert werden sollen, direkt nach der Geburt zu ihrer Pflegefamilie. Aber erst frühestens nach acht Wochen darf die leibliche Mutter ihr Kind endgültig freigeben. Elke Breunig muss überlegen, ob sie während ihrer gesamten Tätigkeit Rückführungen zu der leiblichen Mutter erlebt hat. „Vielleicht vier oder fünfmal“, meint sie dann. Nach der Freigabe ist die Adoption endgültig.  

Das Kind wächst mit der Geschichte seiner Adoption auf. Bevor es laufen lernt, sollte es schon darüber Bescheid wissen – das ist Elke Breunig wichtig. Offenheit damit war eines der wichtigsten Kriterien der Betreuungsstelle, die bis vor drei Jahren selbst Adoptionen vermittelte. „Die Pflegeeltern haben dann die Worte dafür schon gefunden.“
Werde die Adoption vor dem Kind verborgen gehalten, dann geschehe eine solche Offenbarung oft abrupt und misslinge. Spätestens in der Pubertät sollte der Jugendliche genau erfahren, warum er von seiner Mutter abgegeben worden sei – sofern natürlich die Gründe bekannt sind. „Oft grault es den Adoptiveltern natürlich davor, berichten zu müssen, dass ihr Kind einer Vergewaltigung entstammt oder die Mutter Prostituierte gewesen ist.“ Das kann Elke Breunig gut nachempfinden.

Auch bei Steffi war es nicht ganz leicht. Während ihrer Grundschulzeit hatte ihre leibliche Mutter den Kontakt zu ihr abgebrochen. Was war geschehen? Elke Breunig streckte dezent ihre Fühler aus. Aber auch sie konnte nur weitergeben, dass es der Mutter gut gehe.    

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Elke Breunig spielt unter anderem „Poststelle“ zwischen der Adoptivfamilie und der leiblichen Mutter.    Foto: Borée
 

Mit 16 Jahren hatte Steffi wie jedes adoptierte Kind ein Recht darauf, mehr über ihre Herkunft zu erfahren. Nun saß sie im Büro Elke Breunigs, obwohl ihre Adoptiveltern jetzt nach all den Jahren befürchteten, dass sich „Blut doch dicker als Wasser“ erweise. „Wenn deine Mutter nicht davor Angst hätte, wäre eher etwas faul“, beruhigte die Psychologin das junge Mädchen.
    

Steffis leibliche Mutter hatte offenbar versucht, mit der „alten Geschichte” abzuschließen und war eine feste Beziehung eingegangen. Die Mutter blieb kein namenloser Schatten mehr. Damals hatte der leibliche Vater Steffis sie überstürzt und verlassen und war eine Beziehung zu ihrer besten Freundin eingegangen. Steffis Mutter hatte danach jeglichen Kontakt mit ihrem gesamten damaligen Freundeskreis abgebrochen. Nun holte sie die Vergangenheit wieder ein – trotz allen Zögerns. Natürlich hätte die Tochter das Recht gehabt, jetzt an der Haustür ihrer leiblichen Mutter zu klingeln. Zum Glück war sie zu feinfühlig dazu. „Meine Familie, das ist ja meine Pflegefamilie.“

Steffi ist kein Einzelfall

Jahrelang verhandelte Elke Breunig hin und her. Inzwischen meldete sich Steffis leiblicher Vater zu Wort. Als er damals seine Partnerin überstürzt verlassen hatte, wusste er offenbar gar nichts von ihrer Schwangerschaft. Die Kindsmutter wiederum hatte seine Identität bei der Geburt nicht angegeben. Durch Zufall erfuhr der Vater von Freunden bei einer Jubiläumsparty von seiner nun erwachsenen Tochter. Nach der Zustimmung der Tochter vermittelte Elke Breunig den Kontakt.

Nach vier Jahren mühsamer Verhandlungen und vieler Beratungen fand sich Steffis Mutter zu einem Treffen mit ihrer Tochter bereit – in den Räumen der Betreuungsstelle und unter Betreuung von Elke Breunig. „Du hast die Augen deines Vaters“, entfuhr es der leiblichen Mutter vorwurfsvoll...      

Susanne Borée  
    

 

Gott loben befreit

Der Aufseher warf sie in das innerste Gefängnis. Um Mitternacht aber beteten Paulus und Silas und lobten Gott. Und die Gefangenen hörten sie. Plötzlich aber geschah ein großes Erdbeben, so dass die Grundmauern des Gefängnisses wankten. Und es öffneten sich alle Türen und von allen fielen die Fesseln ab. Als aber der Aufseher aus dem Schlaf auffuhr und sah die Türen  offen stehen, zog er das Schwert und wollte sich selbst töten; denn er meinte, die Gefangenen wären entflohen. Paulus aber rief laut: „Tu dir nichts an; denn wir sind alle hier!“ Da führte der Aufseher Paulus und Silas heraus und sprach: „Liebe Herren, was muss ich tun, dass ich gerettet werde?“ Sie sprachen: „Glaube an den Herrn Jesus, so wirst du und dein Haus selig!“ Und er ließ sich und alle die Seinen sogleich taufen und führte sie in sein Haus und freute sich mit seinem ganzen Hause, dass er zum Glauben an Gott gekommen war.

Aus Apostelgeschichte 16,23–24


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Ungewohnte Bilder in einem afrikanischen Gefägnis: eine Anwältin und ein zum Lob Gottes auffordernder Christus. Beide können befreien.    
Foto: KNA
 
   

Dietrich Bonhoeffer erlebte es aus eigener Erfahrung als Gefangener des Nazi-Regimes in Berlin-Tegel: Wenn nachts die Sirenen ertönten, weil sich die alliierten Bombengeschwader Berlin näherten und schließlich die Einschläge immer näher an das Gefängnis heranrückten, dann lagen selbst die hartgesottensten Spötter und Atheisten auf ihren Knien und flehten zu Gott, dass doch das Gefängnis vom Bombenhagel verschont bliebe. Sobald aber Entwarnung gegeben war, dankten sie weder Gott noch zeigten sie sonst eine religiöse Regung. Wie bei vielen Menschen – und vielleicht auch bei uns – war Gott nur ein religiöser Notnagel, an dem man seine Sorgen und Ängste aufhängen konnte. Ja, Bittgebete stehen hoch im Kurs. Wie aber auch Luther bemerkte, ist Danken keine menschliche Stärke. Schon bei Jesus kam von den zehn geheilten Aussätzigen nur einer zurück, um sich bei ihm für die Heilung zu bedanken. 

Dabei sollte Lob und Dank zu den Grundcharakteristiken eines Christen, ja eines Menschen überhaupt gehören. Wer lobt und dankt ist freudig gestimmt. Und wie uns Mediziner versichern, trägt eine freudige Grundstimmung zum Wohlbefinden eines Menschen bei. 

Wenn wir Paulus und Silas im Gefängnis betrachten, so hätten sie nach öffentlicher Auspeitschung und Demütigung keinen Grund gehabt, Gott zu loben und zu preisen. Doch Tränen und Jubel gehen oft miteinander einher. Auch bei Paulus und Silas war es nicht anders, als sie um Mitternacht beteten und Loblieder sangen. Sie konnten es einfach nicht glauben, dass Gott sie so hängen lassen würde. In der Tat merkten die Verwaltungsbeamten in Philippi sehr bald, dass sie sich an Paulus und Silas vergriffen hatten, und ließen sie frei.

Zuvor aber ereignete sich noch Wunderbares. Der mitternächtliche Lobgesang wird zu einem Erdbeben, das alle normalen Verhältnisse und Maßstäbe durcheinanderwirft. Der Kerkermeister, der das Schicksal seiner Gefangenen in den Händen hatte, wird nun selbst der, der um sein Schicksal bangt und Paulus und Silas zitternd fragt: „Liebe Herren, was muss ich tun, um gerettet zu werden?“ Er hatte keine um Gnade und Haftverschonung winselnden Gefangenen vor sich, sondern zwei Menschen, die wussten, dass sie in Gott geborgen sind, komme was will! Dies erschütterte sein Selbstverständnis so sehr, dass er bemerkte: Hinter ihnen muss eine Kraft stehen, die Ruhe, Gelassenheit und Zuversicht bringt. Dieser Kraft, dem lebendigen Gott, vertraute er sich und alle in seinem Haus an.

Die damalige römische Zivilisation war, ähnlich wie unsere eigene, zutiefst pessimistisch. Da passte ein von innen kommender Lobpreis so gar nicht dazu. Er erstaunte ebenso wie auch das soziale Engagement der frühen Christen. Ja, Gott loben und preisen verwundert nicht nur, es steckt auch an. Wenn aber Menschen bemerken, dass in Christen eine andere Lebensqualität steckt, werden sie nachdenklich und oft auch von dieser Lebensqualität, dem befreienden Evangelium überzeugt. Deshalb darf uns dieser Kantate-Sonntag wieder dazu ermuntern, Gott zu loben und zu preisen, damit wir fröhliche und Gott vertrauende Menschen bleiben und auch andere mit diesem Gottvertrauen anstecken.
 

Professor Dr. Hans Schwarz

Lappersdorf

Gebet: Herr, du bist der Gott, auf den wir uns in guten wie in schlechten Tagen verlassen können. Amen.


Lied 289: Nun lob, mein Seel

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