Evangelisches Sonntagsblatt aus Bayern
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Hier lesen Sie das Thema der Woche, das sich auf der Seite 3 der aktuellen Sonntagsblatt-Ausgabe befindet, und die wöchentliche Andacht. (Heft 17)

Es gibt kaum noch Arbeit - packen wir sie an!

Kirchliche Einrichtungen beraten bei Arbeitslosigkeit und bieten Möglichkeiten sinnvollen Engagements

Evangelisches Sonntagsblatt
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Der Bauwagen wurde zu einer „Kirche vor Ort“. Ehrenamtliche helfen etwa mit, Gefangenen eine Zukunft zu ermöglichen.     
Fotos: privat (oben) und epd  
 
   

Es gibt zu wenig Arbeit – es gibt zu viel zu tun. Die Arbeitskämpfe der vergangenen Wochen und Monate machten deutlich, wie sehr Arbeit zu einem umstrittenen Gut geworden ist. „Die Veränderungen in der Arbeitswelt haben mittlerweile alle Beschäftigten erreicht“ schreiben der bayerische „Kirchliche Dienst in der Arbeitswelt“ (KDA) und die bayerische „Aktionsgemeinschaft für Arbeitnehmerfragen“ (AfA) in einem gemeinsamen Aufruf. Sie fahren fort: „Die vor 15 Jahren begonnene Umwälzung betrifft alle Tätigkeiten und Branchen. Die fachlichen Anforderungen werden höher und die zeitliche Verdichtung steigt an, während die Sicherheit des Arbeitsplatzes immer mehr gefährdet ist und die Entlohnung nicht mit der Geldentwertung Schritt hält.“

Welche Rechte gibt es?

Das „Ökumenische Arbeitslosenzentrum (ÖAZ)“ in Nürnberg hilft seit zwanzig Jahren Ratsuchenden weiter. Seit der Einführung von Hartz IV sieht Diplompädagoge Bernd Eckhardt, der zusammen mit seiner Kollegin Martina Beckhäuser die Beratungen anbietet, bei den zuständigen Behörden eine "Tendenz, zu wenig zu geben“. Demgegenüber sei man mit Rückforderungen schnell bei der Hand. 

„Hartz IV kann jetzt jeden von uns schnell treffen“, so Bernd Eckardt. „Beim Verlust unserer Arbeit gibt es nur noch ein Jahr Arbeitslosengeld. Dann brauchen wir unsere Ersparnisse auf, und schon ist es geschehen. Was mache ich etwa mit meinem Klavier, wenn dann die Behörden von mir verlangen, in eine billigere Wohnung umzuziehen?“
Das Zentrum bietet regelmäßig Kurzberatungen von 15 Minuten ohne Termin sowie einstündige Treffen mit Anmeldung an. Betroffene werden auf ihre Rechte und auf Einspruchsmöglichkeiten hingewiesen. Neue Mietobergrenzen, ein angebliches „Optimierungsgesetz“ – oft tritt eine neue Bestimmung sofort in Kraft, sobald sie verabschiedet wurde oder gilt sogar rückwirkend. 

Im Fichtelgebirge sieht es besonders düster aus: Viele Arbeitslose und eine große Abwanderung prägen das Bild dort. Engagierte Gemeindemitglieder aus Marktredwitz zusammen mit Freiwilligen aus AfA und KDA lenkten kürzlich mit einem Projekt die Aufmerksamkeit auf die Probleme der strukturschwachen Region an der Grenze zu Tschechien. Sie fuhren mit einem zu einer mobilen Kirche umgerüsteten Bauwagen bei der Frühjahrssynode in Bad Alexandersbad vor. „Mehr als 1000 freiwillige Arbeitsstunden haben wir in den Umbau investiert“, erklärt Karlheinz Seidel, der die Initiative koordinierte. Die Gemeinde will mit dem Bauwagen ein Zeichen setzen, um „ganz nahe bei den Menschen sein.“

„Und was machst du jetzt so?“ Diese Frage fürchten viele Arbeitslose besonders. Deswegen meiden sie häufig den Umgang mit früheren Bekannten und Freunden – „soziale Verelendung“ setzt ein. Die Kirchen haben bereits 1997 in ihrem Sozialwort gefordert, einerseits Arbeit zu teilen und andererseits den Arbeitsbegriff aus seiner ökonomistischen Verengung herauszuführen. Denn Arbeit umfasse jede „tätige Teilhabe am Gesellschaftsprozess“, so der Tübinger Theologe Jürgen Moltmann. Dazu gehören auch ehrenamtliche Tätigkeiten – sie bieten den Engagierten Anerkennung und sind gesellschaftlich wichtiger denn je. 

Doch hier gibt es eine fast unüberschaubare Fülle an Angeboten. Welche Tätigkeiten passen zu den Interessenten am besten? Ehrenamtsbörsen helfen weiter. Eine Initiative des Ansbacher Seniorenbeirats berät zum Beispiel an zwei Vormittagen in der Woche potentielle Ehrenamtliche, welche Möglichkeiten eines Engagements es vor Ort gibt, um Senioren zu helfen. „Wir haben eine Liste freiwilliger Helfer, die dazu bereit sind, mit Alleinstehenden Spaziergänge zu machen oder sie ins Theater zu begleiten“, erklärt Hans Kuhn, der sich dort engagiert. Gerade erst seien zwei neue Helferinnen dazu gekommen.

Was kann ich für andere tun?

In vielen bayerischen Städten finden sich solche Börsen. Die Stadtmission in Nürnberg etwa bietet allein schon viele Möglichkeiten ehrenamtlichen Engagements von der Bahnhofsmission bis zur Telefonseelsorge. Friedrich Leinberger zum Beispiel kümmert sich um Ehrenamtliche, die Inhaftierte und Strafentlassene am Ort betreuen. Er bereitet sie in einem umfassenden Grundkurs darauf vor. 

„Warum möchte ich das tun?“ Gewiss gibt es angenehmere Aufgaben als freiwillig ins Gefängnis zu gehen. Diese Frage ist fester Bestandteil des Vorbereitungskurses. Verantwortung für andere, das Gefühl gebraucht zu werden oder eine sinnvolle Beschäftigung mit Gleichgesinnten. Jeder kann nur persönlich eine Antwort darauf geben.

Gerade eben haben fünf Personen diesen Kurs absolviert. Unter ihnen ist ein Frührentner und eine Rentnerin, die neue Betätigungsfelder suchen. „In der Regel sind unsere Interessenten älter und kommen aus solideren Schichten“, gibt Friedrich Leinberger zu. Dies sei jedoch keinesfalls eine Voraussetzung für ein Engagement. Auch ehemalige Drogenabhängige könnten in der Arbeit wichtige Akzente setzen. Wichtig ist Friedrich Leinberger jedoch eine gewisse innere Stabilität im Leben. 

Ehrenamtliche leiten Gruppen für alleinstehende Gefangene, organisieren Treffen der Inhaftierten mit ihren Partnern oder begleiten Gefangene bei Freigängen. Es sind anspruchsvolle Aufgaben – allerdings können Ehrenamtliche ihr Engagement schnell aufgeben. „In regelmäßigen Gesprächsgruppen arbeiten wir Enttäuschungen auf“, erklärt Friedrich Leinberger. Auch kleine Erfolge seien gute Resultate. Selbst wenn ein entlassener Strafgefangener wieder rückfällig würde, wäre er ohne eine engagierte Begleitung vielleicht gar nicht so weit gekommen.

Eine Konkurrenz zu hauptamtlichen Bewährungshelfern oder Sozialpädagogen kann Friedrich Leinberger trotz knapper werdender Kassen gerade im sozialen Bereich nicht ausmachen: „Die Gefangenen wissen, das jemand aus freien Stücken seine Zeit mit ihnen verbringt.“ Insofern hätten ehrenamtliche Helfer einen „viel intensiveren Zugang“ zu ihnen. Dies sei ein wesentlicher Faktor bei Betreuung von Gefangenen – nicht nur die Zeit, die sie mitbringen und die bei hauptamtlicher Betreuung oft fehlt.

Susanne Borée 

 

Christliches Ehrenamt: Die Herde Gottes weiden

Die Ältesten unter euch ermahne ich: Weidet die Herde Gottes, die euch anbefohlen ist; achtet auf sie, nicht gezwungen, sondern freiwillig, wie es Gott gefällt; nicht um schändlichen Gewinns willen, sondern von Herzensgrund; nicht als Herren über die Gemeinde, sondern als Vorbilder der Herde. 

1. Petrus 5,1–4


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Es ist ein besonderes Ehrenamt die „Herde Gottes“ zu „weiden“. „Herde Gottes“ ist dabei als Ehrentitel zu verstehen.       Foto: Bek-Baier
 
   

Ich will mich nicht dabei aufhalten, zu fragen, wer von uns ein „Ältester“ und deshalb von diesen Worten des Apostels besonders betroffen ist. Ich denke, diese Zeilen gehen uns alle an. Es ist erstaunlich, was der Apostel Menschen zutraut und zumutet: „Weidet die Herde Gottes!“
Die Gemeinde als die Herde Gottes – das mag nicht jedem als freundliches Bild und willkommener Titel erscheinen: Herde, Herdentier, Herdentrieb, Leithammel – was uns da alles einfällt! Ganz falsch! Wie in biblischen Zeiten die Herde Reichtum und Stolz ihres Besitzers war, so sind wir, die Christengemeinde, Reichtum und Stolz Gottes. Wir sind sein Eigentum, für das er alles tun würde und alles getan hat. Nichts in der Gemeinde ist ihm gleichgültig. So ist „Herde Gottes“ ein ausgesprochener Ehrentitel. Und es ist unser gemeinsames Ehrenamt, die „Herde Gottes“ zu „weiden“. 

Manchmal sprechen wir davon, dass einer sich selbst weidet, zum Beispiel am Ärger, an der Verlegenheit, am Missgeschick anderer. Solches schadenfrohe „Sich-selbst-Weiden“ ist die Perversion unseres von Gott gegebenen Ehrenamtes. Wir müssen nicht uns selbst, sondern wir dürfen die Herde Gottes weiden, sein kostbarstes Eigentum! Es ist ihm nicht zu gut und wir sind ihm nicht zu gering dafür.

„Weiden“ ist nicht einfach das Herumtreiben der Herde. Weiden heißt, die Herde zielbewusst dahin zu führen und dort zu lassen, wo sie findet, was sie zum Leben braucht: Zum Weiden gehört der Überblick und die Ortskenntnis und vor allem eine tief reichende Kenntnis der Geschöpfe, die mir anvertraut sind. Der ist noch lange kein guter Hirte, der Befriedigung daran findet, dass die Schafe ihm hinterher laufen.

Deshalb können wir die Herde Gottes nur weiden, wenn wir selbst wissen, was wir zum Leben brauchen. Da gibt es viele Bedürfnisse, die wir nicht gering schätzen werden: nach Nahrung und Gesundheit, nach Bildung und Unterhaltung, nach Gerechtigkeit und Freiheit, nach Liebe und Frieden. Überall hier liegen sozusagen die Weidegründe des Lebens. All dies ist auch gemeint, wenn es im Psalm vom guten Hirten heißt, „er weidet mich auf grüner Aue“. Aber es reicht noch nicht zum Leben,  wenn wir all dies zur Verfügung haben und konsumieren können.

Im Urlaub habe ich einmal einem Jungen zugesehen, der am Ufer eines Flusses stand. Er hatte das Steuergerät einer Funkfernsteuerung in der Hand, und auf dem Wasser bewegte sich ein Modellschiff genau nach seinem Kommando. Es zog Figuren, wich Hindernissen aus, näherte sich dem Land, nahm wieder Kurs „auf See“ – ganz wie der junge Kapitän am Ufer schaltete und waltete. Doch dann geschah es: Zu großzügig bestimmte der Steuermann den Weg des Schiffes. Auf einmal gehorchte es den hilfreichen Anweisungen nicht mehr, nur noch der Strömung und dem Wind. Bei dem Jungen gab es Tränen. Das Schiff war verloren (wenigstens vorläufig).  

Dieses kleine Erlebnis kann verdeutlichen, was wir vor allem brauchen: „Nähe“. Selbst wenn uns alle Lebensmittel, die materiellen und die nichtmateriellen, zur Verfügung stehen, ist unser Leben nicht vor Ziellosigkeit sicher und kann verspielt werden, wenn wir nicht in der leitenden, sichernden, wegweisenden Nähe Gottes bleiben. Das wohl vor allem bedeutet „Weiden der Herde Gottes“: Sich miteinander immer wieder der Nähe Gottes zu vergewissern und darauf zu achten, dass unser Aktionsradius uns nicht über den Bannkreis Gottes hinaus in allerlei Strömungen treibt. 

Dr. Dietrich Wünsch,
Dekan in Rothenburg ob der Tauber

Gebet: Hirte deiner Schafe, der von keinem Schlafe etwas wissen mag,
deine Wundergüte stärkte mein Gemüte jeden neuen Tag.Bleib Tag und Nacht für uns auf Wacht und lass uns von deinen Scharen um und um bewahren!

nach einem Abendlied von Benjamin Schmolck

Lied 594: Der Herr, mein Hirte, führet mich

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