Evangelisches Sonntagsblatt aus Bayern
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Hier lesen Sie das Thema der Woche, das sich auf der Seite 3 der aktuellen Sonntagsblatt-Ausgabe befindet, und die wöchentliche Andacht. (Heft 14)

Der große Zug zum Kreuz

Auch die Feier des Karfreitags hat ihre Geschichte

Evangelisches Sonntagsblatt
 
Den Karfreitag im Bild erleben: Die des Lesens unkundigen Menschen des Mittelalters lernten Jesu Passion vor allem durch kirchliche Tafelbilder kennen.    
Foto: Archiv
 
   

In der frühen Christenheit waren bildliche Darstellungen des Karfreitagsgeschehens unüblich. Doch die Evangelien führten das Ereignis von Golgatha deutlich genug vor Augen. Der Freitag wurde schon bald neben dem Mittwoch einer jeden Woche als Fastentag begangen – zum trauernden Gedenken an den Tod Jesu. Von Freude geprägt sollte dagegen die Erinnerung an die Auferstehung sein, wie sie an jedem ersten Tag der Woche gefeiert wurde.

Nur ein „halber“ Feiertag

Das vierte Jahrhundert brachte die Anerkennung und bald auch den Sieg des christlichen Glaubens im römischen Reich. Helena, die Mutter Kaiser Konstantins, suchte die Gedenkstätten Jesu in Palästina auf und war so gesehen die erste der zahllosen Pilger zum Heiligen Land. In Bethlehem und in Jerusalem auf dem Ölberg wurden auf ihre Veranlassung Kirchen errichtet. Bald erzählte auch eine Legende, wie sie auf dem Hügel Golgatha die Überreste von drei Kreuzen entdeckte und wunderbarerweise das von Jesus herausfand. Verbürgt ist, dass ihr Sohn Konstantin den Platz von Golgatha feststellen und dort eine Kirche bauen ließ. Bei Ausschachtungsarbeiten wurden alte Holzreste gefunden und für Reliquien des Kreuzes erklärt. Teile davon kamen nach Konstantinopel und Rom, der größere Rest blieb in Jerusalem und wurde in einem silbernen Schrein als Heiligtum der Grabeskirche aufbewahrt. Damit gab es zum Karfreitag einen Gegenstand, der sich mit Augen und Händen fassen ließ.

Das mit den Händen durfte wörtlich verstanden werden. Die Pilgerin Aetheria berichtet um das Jahr 380, wie am Karfreitag der Jerusalemer Bischof auf seinem Thronstuhl zwischen Grabeskirche und Golgatha sitzt. Priester bringen den Reliquienbehälter herbei und öffnen ihn auf einem Altar. Der Bischof nimmt das Heilige Kreuz in die Hand. Die Pilgerschar zieht andächtig vorbei, jede und jeder darf die Reliquie küssen. Diakone achten genau darauf, dass kein Splitterchen abgebissen wird. Dann folgen eine Lesung des letzten Teils der Leidensgeschichte, Gebete und Gesänge. Um drei Uhr Mittags verkündet der Bischof unter lauter Klage des Volkes: „Da nun Jesus den Essig genommen hatte, sprach er: Es ist vollbracht. Und neigte das Haupt und verschied.“ Was schon Aetheria an dieser Karfreitagsfeier beeindruckte, wirkte jahrhundertelang auf Jerusalem-Pilger aus allen Ländern – und regte zur Nachahmung in der Heimat an. 

So kam es in Rom zur feierlichen Karfreitagsprozession mit dem Papst von der Laterankirche zur Kirche „Vom Heiligen Kreuz in Jerusalem“. Man besaß ja auch einen Teil des Heiligen Kreuzes. In den meisten abendländischen Kirchen bildete sich im Mittelalter eine geregelte Feier des Tages heraus. Ihr Charakter entsprach dem althochdeutschen Ursprung seines Namens: „kara“ heißt soviel wie Trauer. Daher tragen Priester und Ministranten schwarze Gewänder. Glocken werden nicht geläutet, der Altar bleibt leer, die Orgel schweigt, sogar die Predigt entfällt. Sänger oder ein Lektor tragen die Passion nach Johannes vor, denn dieser Evangelist gilt als Augenzeuge. Es gibt keine Eucharistiefeier, doch werden die am Gründonnerstag geweihten Hostien gespendet. Auf das Allgemeine Kirchengebet folgt eine Anbetung des Kreuzes. Der Priester nimmt von dem vorher verhüllten Kruzifix die Decke ab und zeigt es unter den Worten „Ecce lignum crucis in quo salus mundi pendit (Das ist das Holz des Kreuzes, in dem das Heil der Welt beschlossen ist)“ der Gemeinde. Dann küsst er es unter dreimaligem Kniebeugen, ebenso die Gläubigen nach ihm. Während dessen können die „Anklagen Gottes an sein Volk“ nach Micha 6 gesungen werden. Vielerorts wird das Kreuz noch feierlich in ein „Heiliges Grab“ gelegt und mit einem Tuch bedeckt.

Auch manche andere Sitte breitete sich im späten Mittelalter aus. So die Einrichtung eines Kreuzwegs nach den Maßen der „Via Dolorosa“ in Jerusalem. An sieben und später vierzehn Stationen wird Andacht gehalten, zuletzt auf einem Kalvarienberg, also dem nachgebauten Hügel Golgatha. Auch dramatisch wird das Geschehen des Karfreitags dargestellt – in den so genannten Passionsspielen. Dennoch war der Karfreitag immer nur ein „halber“ Feiertag, da ihm die Eucharistie fehlte. Arbeit war erlaubt. Das Fasten freilich  wurde streng geübt. Bis drei Uhr nachmittags mussten sich mit Ausnahme von Kranken, Kindern und Greisen alle der Nahrung enthalten.

Bleibende Anziehungskraft

Die Reformation stand diesen Bräuchen kritisch gegenüber. 1523 schaffte der Rat von Nürnberg das Passionsspiel am Karfreitag ab, „weil es mehr zu einem Ärgernis und Leichtfertigkeit als zur Andacht förderlich gewesen“. Jetzt konzentrieren sich die Gottesdienste am Vormittag und Nachmittag auf die biblischen Lesungen, die in einer Predigt ausgelegt werden. Auch von Luther sind Ansprachen am „Guten Freitag“ erhalten. Ihm war es genau wie Paulus ein Anliegen, die Bedeutung des Kreuzes herauszustellen: „Siehst du Christus am Kreuze hängen mit seinen Wunden, so bedenke: das sind meine Sünden!“ In den evangelischen Kirchen wurde daher auch am Karfreitag das Abendmahl mit seinem Zuspruch „für euch“ gefeiert. Doch galt der Gründonnerstag als Tag der Einsetzung für gleich bedeutend. Erst nach 1700 bekam der Karfreitag seinen Charakter als von Arbeit freier, großer Feiertag mit Bußcharakter. Der Einfluss des Pietismus spielte dabei eine Rolle. Die Vespergottesdienste zur Todesstunde Jesu wurden musikalisch ausgestaltet, zunächst im Stil der Motette ohne Instrumente, später als dramatische Handlung mit Arien und Orchester. Am Karfreitag 1723 führte Johann Sebastian Bach in der Leipziger Thomaskirche zum ersten Mal seine „Johannespassion“ auf, 1729 die berühmt gewordene „Matthäuspassion“.

Eine Generation später gerieten diese großen Werke fast in Vergessenheit. Der Karfreitag hatte in der Zeit der Aufklärung mit ihrer Betonung von Vernunft und praktischer Moral viel von seiner Ausstrahlung verloren. Die Rückbesinnung auf das religiöse Gefühl in der Romantik zu Beginn des 19. Jahrhunderts verhalf ihm wieder zu seinem Recht. „Christi Kreuz ist das Zeichen, in welchem allein wir alle überwinden“, heißt es in einer Predigt Friedrich Schleiermachers. „Die Treue sei ihm von uns allen aufs Neue gelobt. Und nimmer wird er aufhören, uns von seinem Kreuze herab zu segnen.“ Die Choräle Paul Gerhardts und die „Passionen“ Bachs wurden wiederentdeckt. Immer mehr entwickelte sich der Karfreitag zum Hauptfeiertag der Protestanten, durch dessen Betonung man sich von den katholischen Christen unterschied. 

Auch als die Kirchentreue abnahm, behielt der Karfreitag seine Anziehungskraft. Vor genau hundert Jahren stellte der Nürnberger Pfarrer Christian Geyer fest: „Die innerlichste und zarteste Feier wird auch von denen, die sonst gerne beiseite treten, aufgesucht. Unsere Kirchen fassen kaum die Besucher. Menschen, die sonst den Leiden in weitem Bogen ausweichen, suchen unsere Gemeinschaft gerade, wo von dem tiefsten und schwersten Leiden gepredigt wird.“ Geyer spürte einen „großen Zug zum Kreuz“.

In den letzten Jahren ist es um den Karfreitag stiller geworden. Doch wird man kaum sagen können,  die Zeitgenossen hätten keinen Sinn für die Botschaft vom Kreuz mehr. Jesus ist für viele nicht bloß ein „gescheiterter Prophet“. Sie sehen in ihm Gottes Liebe zum Menschen verwirklicht – und seine Solidarität mit dem vielfältigen Leid auf der Welt.    

Christoph Schmerl

Dem Auftrag treu

Gott der Herr hat mir eine Zunge gegeben, wie sie Jünger haben, dass ich wisse mit den Müden zur rechten Zeit zu reden. Alle Morgen weckt er mir das Ohr, dass ich höre wie Jünger hören. Gott der Herr hat mir das Ohr geöffnet. Und ich bin nicht ungehorsam und weiche nicht zurück.
Jesaja 50, 4 - 5

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Nachfolge Christi heißt mit den „Müden“ reden und ihnen die Botschaft zu sagen. Nachfolge bedeutet aber auch, sich das Ohr für die Botschaft öffnen zu lassen.
Bild: epd
 
   

Zwischen Jesus in Jerusalem: Knappe sechs Tage lagen zwischen dem begeis-terten Empfang und dem Gang zur Hinrichtung, zwischen dem „Hosianna“ und dem „Kreuzige“. Zu wenig Zeit, um seine ganze Botschaft zu verkündigen, sein Werk zu vollbringen. So jedenfalls meinten es die beiden Jünger, als sie auf dem Weg nach Emmaus den Fremden trafen, der nicht zu wissen schien, was in diesen Tagen in Jerusalem geschehen war. „Das mit Jesus von Nazareth, der ein Prophet war, mächtig in Taten und Worten vor allem Volk; wie ihn unsere Hohenpriester und Oberen zur Todesstrafe überantwortet und gekreuzigt haben. Wir aber hofften, er sei es, der Israel erlösen werde.“ Sie waren nicht die einzigen, die Jesus für einen gescheiterten Propheten hielten, damals und bis in unsere Zeit. 

Doch diese beiden hörten aufmerksam zu, als der auferstandene Jesus ihnen auslegte, „was in der ganzen Schrift von ihm gesagt war.“ Man muss diese Begegnung kennen. Dann haben auch die Worte im Jesajabuch vom Gottesknecht, dem Beauftragten mit Vollmacht, eine bleibende Bedeutung. Sie zeigen, wie der Weg Jesu zu verstehen ist. Sie machen deutlich, wie Nachfolge auf diesem Weg aussieht.

Immer geht es darum, Ohr und Zunge in den Dienst Gottes zu stellen, zu hören und zu reden, wie es Jünger tun. Auf solche Berufstreue kommt es an und nicht auf den sichtbaren Erfolg. Der Beauftragte kann erleben, dass Menschen von seiner Botschaft ergriffen werden. Er wird aber auch auf taube Ohren und verschlossene Herzen stoßen. Und es kann so weit kommen, dass er Spott, Schande und Misshandlung auf sich nehmen muss. Erst recht gilt dann: „Ich bin nicht ungehorsam und weiche nicht zurück.“ Nicht der Misserfolg, aber die Untreue dem Auftrag gegenüber würde Scheitern bedeuten. Denn das abschließende Urteil wird von Gott und nicht von Menschen gefällt. Das galt zuerst für Jesus, und letztlich darum ging es am Karfreitag. Sogar die Spötter unter dem Kreuz ahnten etwas davon, als sie sagten: „Er hat Gott vertraut; der erlöse ihn nun, wenn er Gefallen an ihm hat; denn er hat gesagt: Ich bin Gottes Sohn.“ 

Durch die Auferweckung bekannte sich Gott zu seinem Beauftragten und verlieh ihm die größte Vollmacht. Sein Berufsweg bis hin zum Kreuz war damit bestätigt und genauso seine Botschaft. Diese Botschaft geht bis heute Menschen an. „Mit den Müden zur rechten Zeit reden“, darunter lässt sich das ganze Evangelium verstehen: Gottes herzliche Liebe deutlich machen, die Menschen entgegenkommt und auf eine Antwort wartet. Mitten in dieser Welt Gottes Reich ausrufen, das Wahrheit, Gerechtigkeit und Frieden bringt. Auf die Vollendung in einem neuen Himmel und einer neuen Erde vertrauen. 

Jesus hat dies seinen Nachfolgerinnen und Nachfolgern als Auftrag in ihrer Zeit hinterlassen. Es geht darum, ob sie wie er diesem Auftrag treu sein können. Sie müssen spüren, wo ihre Mitmenschen „müde“ sind: Das kann heißen: angeschlagen, leer und ausgebrannt. Aber auch: unachtsam und gleichgültig dem Schicksal anderer gegenüber. Nicht bereit zu verstehen und zu helfen. Müde können die der Barmherzigkeit Bedürftigen sein, doch auf ihre Weise auch die Unbarmherzigen. Die einen und die anderen brauchen die Ansprache durch das Evangelium. „Zu ihrer Zeit“, das meint: wo und wann immer sie sich finden lassen.

Christoph Schmerl, Dekan i. R., Weimar

Gebet: Herr Jesus Christus, lass uns immer besser erkennen, wie du deinem Auftrag bis zuletzt treu geblieben bist. Du willst, dass wir dir ähnlich werden im gehorsamen Hören auf Gott und im hilfreichen Umgang mit den Menschen. Gib, dass wir zur rechten Zeit die rechten Worte finden. Rüste uns aus mit Kraft, Mut und einer Geduld, die das gute Ende Gott überlässt. Amen.

Lied 452: Er weckt mich alle Morgen

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