|
Der große Zug zum Kreuz
Auch
die Feier des Karfreitags hat ihre Geschichte
 |
|
| |
Den Karfreitag im
Bild erleben: Die des Lesens unkundigen Menschen des Mittelalters
lernten Jesu Passion vor allem durch kirchliche Tafelbilder kennen.
Foto: Archiv
|
|
|
In
der frühen Christenheit waren bildliche Darstellungen des
Karfreitagsgeschehens unüblich. Doch die Evangelien
führten das Ereignis von Golgatha deutlich genug vor Augen.
Der Freitag wurde schon bald neben dem Mittwoch einer jeden Woche als
Fastentag begangen – zum trauernden Gedenken an den Tod Jesu.
Von Freude geprägt sollte dagegen die Erinnerung an die
Auferstehung sein, wie sie an jedem ersten Tag der Woche gefeiert wurde.
Nur ein
„halber“ Feiertag
Das
vierte Jahrhundert brachte die Anerkennung und bald auch den Sieg des
christlichen Glaubens im römischen Reich. Helena, die Mutter
Kaiser Konstantins, suchte die Gedenkstätten Jesu in
Palästina auf und war so gesehen die erste der zahllosen
Pilger zum Heiligen Land. In Bethlehem und in Jerusalem auf dem
Ölberg wurden auf ihre Veranlassung Kirchen errichtet. Bald
erzählte auch eine Legende, wie sie auf dem Hügel
Golgatha die Überreste von drei Kreuzen entdeckte und
wunderbarerweise das von Jesus herausfand. Verbürgt ist, dass
ihr Sohn Konstantin den Platz von Golgatha feststellen und dort eine
Kirche bauen ließ. Bei Ausschachtungsarbeiten wurden alte
Holzreste gefunden und für Reliquien des Kreuzes
erklärt. Teile davon kamen nach Konstantinopel und Rom, der
größere Rest blieb in Jerusalem und wurde in einem
silbernen Schrein als Heiligtum der Grabeskirche aufbewahrt. Damit gab
es zum Karfreitag einen Gegenstand, der sich mit Augen und
Händen fassen ließ.
Das
mit den Händen durfte wörtlich verstanden werden. Die
Pilgerin Aetheria berichtet um das Jahr 380, wie am Karfreitag der
Jerusalemer Bischof auf seinem Thronstuhl zwischen Grabeskirche und
Golgatha sitzt. Priester bringen den Reliquienbehälter herbei
und öffnen ihn auf einem Altar. Der Bischof nimmt das Heilige
Kreuz in die Hand. Die Pilgerschar zieht andächtig vorbei,
jede und jeder darf die Reliquie küssen. Diakone achten genau
darauf, dass kein Splitterchen abgebissen wird. Dann folgen eine Lesung
des letzten Teils der Leidensgeschichte, Gebete und Gesänge.
Um drei Uhr Mittags verkündet der Bischof unter lauter Klage
des Volkes: „Da nun Jesus den Essig genommen hatte, sprach
er: Es ist vollbracht. Und neigte das Haupt und verschied.“
Was schon Aetheria an dieser Karfreitagsfeier beeindruckte, wirkte
jahrhundertelang auf Jerusalem-Pilger aus allen Ländern
– und regte zur Nachahmung in der Heimat an.
So
kam es in Rom zur feierlichen Karfreitagsprozession mit dem Papst von
der Laterankirche zur Kirche „Vom Heiligen Kreuz in
Jerusalem“. Man besaß ja auch einen Teil des
Heiligen Kreuzes. In den meisten abendländischen Kirchen
bildete sich im Mittelalter eine geregelte Feier des Tages heraus. Ihr
Charakter entsprach dem althochdeutschen Ursprung seines Namens:
„kara“ heißt soviel wie Trauer. Daher
tragen Priester und Ministranten schwarze Gewänder. Glocken
werden nicht geläutet, der Altar bleibt leer, die Orgel
schweigt, sogar die Predigt entfällt. Sänger oder ein
Lektor tragen die Passion nach Johannes vor, denn dieser Evangelist
gilt als Augenzeuge. Es gibt keine Eucharistiefeier, doch werden die am
Gründonnerstag geweihten Hostien gespendet. Auf das Allgemeine
Kirchengebet folgt eine Anbetung des Kreuzes. Der Priester nimmt von
dem vorher verhüllten Kruzifix die Decke ab und zeigt es unter
den Worten „Ecce lignum crucis in quo salus mundi pendit (Das
ist das Holz des Kreuzes, in dem das Heil der Welt beschlossen
ist)“ der Gemeinde. Dann küsst er es unter
dreimaligem Kniebeugen, ebenso die Gläubigen nach ihm.
Während dessen können die „Anklagen Gottes
an sein Volk“ nach Micha 6 gesungen werden. Vielerorts wird
das Kreuz noch feierlich in ein „Heiliges Grab“
gelegt und mit einem Tuch bedeckt.
Auch
manche andere Sitte breitete sich im späten Mittelalter aus.
So die Einrichtung eines Kreuzwegs nach den Maßen der
„Via Dolorosa“ in Jerusalem. An sieben und
später vierzehn Stationen wird Andacht gehalten, zuletzt auf
einem Kalvarienberg, also dem nachgebauten Hügel Golgatha.
Auch dramatisch wird das Geschehen des Karfreitags dargestellt
– in den so genannten Passionsspielen. Dennoch war der
Karfreitag immer nur ein „halber“ Feiertag, da ihm
die Eucharistie fehlte. Arbeit war erlaubt. Das Fasten
freilich wurde streng geübt. Bis drei Uhr
nachmittags mussten sich mit Ausnahme von Kranken, Kindern und Greisen
alle der Nahrung enthalten.
Bleibende
Anziehungskraft
Die Reformation
stand diesen Bräuchen kritisch gegenüber. 1523
schaffte der Rat von Nürnberg das Passionsspiel am Karfreitag
ab, „weil es mehr zu einem Ärgernis und
Leichtfertigkeit als zur Andacht förderlich
gewesen“. Jetzt konzentrieren sich die Gottesdienste am
Vormittag und Nachmittag auf die biblischen Lesungen, die in einer
Predigt ausgelegt werden. Auch von Luther sind Ansprachen am
„Guten Freitag“ erhalten. Ihm war es genau wie
Paulus ein Anliegen, die Bedeutung des Kreuzes herauszustellen:
„Siehst du Christus am Kreuze hängen mit seinen
Wunden, so bedenke: das sind meine Sünden!“ In den
evangelischen Kirchen wurde daher auch am Karfreitag das Abendmahl mit
seinem Zuspruch „für euch“ gefeiert. Doch
galt der Gründonnerstag als Tag der Einsetzung für
gleich bedeutend. Erst nach 1700 bekam der Karfreitag seinen Charakter
als von Arbeit freier, großer Feiertag mit
Bußcharakter. Der Einfluss des Pietismus spielte dabei eine
Rolle. Die Vespergottesdienste zur Todesstunde Jesu wurden musikalisch
ausgestaltet, zunächst im Stil der Motette ohne Instrumente,
später als dramatische Handlung mit Arien und Orchester. Am
Karfreitag 1723 führte Johann Sebastian Bach in der Leipziger
Thomaskirche zum ersten Mal seine „Johannespassion“
auf, 1729 die berühmt gewordene
„Matthäuspassion“.
Eine
Generation später gerieten diese großen Werke fast
in Vergessenheit. Der Karfreitag hatte in der Zeit der
Aufklärung mit ihrer Betonung von Vernunft und praktischer
Moral viel von seiner Ausstrahlung verloren. Die Rückbesinnung
auf das religiöse Gefühl in der Romantik zu Beginn
des 19. Jahrhunderts verhalf ihm wieder zu seinem Recht.
„Christi Kreuz ist das Zeichen, in welchem allein wir alle
überwinden“, heißt es in einer Predigt
Friedrich Schleiermachers. „Die Treue sei ihm von uns allen
aufs Neue gelobt. Und nimmer wird er aufhören, uns von seinem
Kreuze herab zu segnen.“ Die Choräle Paul Gerhardts
und die „Passionen“ Bachs wurden wiederentdeckt.
Immer mehr entwickelte sich der Karfreitag zum Hauptfeiertag der
Protestanten, durch dessen Betonung man sich von den katholischen
Christen unterschied.
Auch
als die Kirchentreue abnahm, behielt der Karfreitag seine
Anziehungskraft. Vor genau hundert Jahren stellte der
Nürnberger Pfarrer Christian Geyer fest: „Die
innerlichste und zarteste Feier wird auch von denen, die sonst gerne
beiseite treten, aufgesucht. Unsere Kirchen fassen kaum die Besucher.
Menschen, die sonst den Leiden in weitem Bogen ausweichen, suchen
unsere Gemeinschaft gerade, wo von dem tiefsten und schwersten Leiden
gepredigt wird.“ Geyer spürte einen
„großen Zug zum Kreuz“.
In
den letzten Jahren ist es um den Karfreitag stiller geworden. Doch wird
man kaum sagen können, die Zeitgenossen
hätten keinen Sinn für die Botschaft vom Kreuz mehr.
Jesus ist für viele nicht bloß ein
„gescheiterter Prophet“. Sie sehen in ihm Gottes
Liebe zum Menschen verwirklicht – und seine
Solidarität mit dem vielfältigen Leid auf der
Welt.
Christoph Schmerl
Dem Auftrag treu
Gott der
Herr hat mir eine Zunge gegeben, wie sie Jünger haben, dass
ich wisse mit den Müden zur rechten Zeit zu reden. Alle Morgen
weckt er mir das Ohr, dass ich höre wie Jünger
hören. Gott der Herr hat mir das Ohr geöffnet. Und
ich bin nicht ungehorsam und weiche nicht zurück.
Jesaja
50, 4 - 5
 |
 |
| |
Nachfolge Christi heißt mit den
„Müden“ reden und ihnen die Botschaft zu
sagen. Nachfolge bedeutet aber auch, sich das Ohr für die
Botschaft öffnen zu lassen.
Bild: epd
|
|
|
Zwischen Jesus in
Jerusalem: Knappe sechs Tage lagen zwischen dem begeis-terten Empfang
und dem Gang zur Hinrichtung, zwischen dem
„Hosianna“ und dem „Kreuzige“.
Zu wenig Zeit, um seine ganze Botschaft zu verkündigen, sein
Werk zu vollbringen. So jedenfalls meinten es die beiden
Jünger, als sie auf dem Weg nach Emmaus den Fremden trafen,
der nicht zu wissen schien, was in diesen Tagen in Jerusalem geschehen
war. „Das mit Jesus von Nazareth, der ein Prophet war,
mächtig in Taten und Worten vor allem Volk; wie ihn unsere
Hohenpriester und Oberen zur Todesstrafe überantwortet und
gekreuzigt haben. Wir aber hofften, er sei es, der Israel
erlösen werde.“ Sie waren nicht die einzigen, die
Jesus für einen gescheiterten Propheten hielten, damals und
bis in unsere Zeit.
Doch diese beiden hörten aufmerksam zu, als der auferstandene
Jesus ihnen auslegte, „was in der ganzen Schrift von ihm
gesagt war.“ Man muss diese Begegnung kennen. Dann haben auch
die Worte im Jesajabuch vom Gottesknecht, dem Beauftragten mit
Vollmacht, eine bleibende Bedeutung. Sie zeigen, wie der Weg Jesu zu
verstehen ist. Sie machen deutlich, wie Nachfolge auf diesem Weg
aussieht.
Immer geht es darum, Ohr und Zunge in den Dienst Gottes zu stellen, zu
hören und zu reden, wie es Jünger tun. Auf solche
Berufstreue kommt es an und nicht auf den sichtbaren Erfolg. Der
Beauftragte kann erleben, dass Menschen von seiner Botschaft ergriffen
werden. Er wird aber auch auf taube Ohren und verschlossene Herzen
stoßen. Und es kann so weit kommen, dass er Spott, Schande
und Misshandlung auf sich nehmen muss. Erst recht gilt dann:
„Ich bin nicht ungehorsam und weiche nicht
zurück.“ Nicht der Misserfolg, aber die Untreue dem
Auftrag gegenüber würde Scheitern bedeuten. Denn das
abschließende Urteil wird von Gott und nicht von Menschen
gefällt. Das galt zuerst für Jesus, und letztlich
darum ging es am Karfreitag. Sogar die Spötter unter dem Kreuz
ahnten etwas davon, als sie sagten: „Er hat Gott vertraut;
der erlöse ihn nun, wenn er Gefallen an ihm hat; denn er hat
gesagt: Ich bin Gottes Sohn.“
Durch die Auferweckung bekannte sich Gott zu seinem Beauftragten und
verlieh ihm die größte Vollmacht. Sein Berufsweg bis
hin zum Kreuz war damit bestätigt und genauso seine Botschaft.
Diese Botschaft geht bis heute Menschen an. „Mit den
Müden zur rechten Zeit reden“, darunter
lässt sich das ganze Evangelium verstehen: Gottes herzliche
Liebe deutlich machen, die Menschen entgegenkommt und auf eine Antwort
wartet. Mitten in dieser Welt Gottes Reich ausrufen, das Wahrheit,
Gerechtigkeit und Frieden bringt. Auf die Vollendung in einem neuen
Himmel und einer neuen Erde vertrauen.
Jesus hat dies seinen
Nachfolgerinnen und Nachfolgern als Auftrag in ihrer Zeit hinterlassen.
Es geht darum, ob sie wie er diesem Auftrag treu sein können.
Sie müssen spüren, wo ihre Mitmenschen
„müde“ sind: Das kann heißen:
angeschlagen, leer und ausgebrannt. Aber auch: unachtsam und
gleichgültig dem Schicksal anderer gegenüber. Nicht
bereit zu verstehen und zu helfen. Müde können die
der Barmherzigkeit Bedürftigen sein, doch auf ihre Weise auch
die Unbarmherzigen. Die einen und die anderen brauchen die Ansprache
durch das Evangelium. „Zu ihrer Zeit“, das meint:
wo und wann immer sie sich finden lassen.
Christoph Schmerl, Dekan i. R., Weimar
Gebet:
Herr Jesus Christus, lass uns immer besser erkennen, wie du deinem
Auftrag bis zuletzt treu geblieben bist. Du willst, dass wir dir
ähnlich werden im gehorsamen Hören auf Gott und im
hilfreichen Umgang mit den Menschen. Gib, dass wir zur rechten Zeit die
rechten Worte finden. Rüste uns aus mit Kraft, Mut und einer
Geduld, die das gute Ende Gott überlässt. Amen.
Lied 452:
Er
weckt mich alle Morgen
|