Evangelisches Sonntagsblatt aus Bayern
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Hier lesen Sie das Thema der Woche, das sich auf der Seite 3 der aktuellen Sonntagsblatt-Ausgabe befindet, und die wöchentliche Andacht. (Heft 4)

Potenziale des Alters und die Zukunft der Kirche

Wenn es gelingt, die Fähigkeiten der Senioren fruchtbar zu machen, gewinnen beide Seiten

Was wollen Senioren von ihrer Kirche und was können sie in ihrer Kirche tun? Zwei Fragen, die selbstverständlich klingen, in der kirchlichen Arbeit mit Senioren aber noch nicht selbstverständlich sind. Die landläufige Fragestellung lautet bisher, wie die Kirche Senioren einbinden, also grob gesagt „brauchen“ kann. Umdenken in der kirchlichen Arbeit mit Senioren ist notwendig.

Diese Erkenntnis gewannen die 77 Delegierten an der bayerischen „Landeskonferenz für Altersarbeit“ in Nürnberg. Eingeladen hatte das Amt für Gemeindedienst (AfG), die Arbeitsgemeinschaft für Evangelische Erwachsenenbildung (AEEB) und das Diakonische Werk Bayern. Zur Landeskonferenz kamen all diejenigen, die in ihrer Gemeinde, ihrem Dekanat, oder ihrem Werk Verantwortung für das Arbeiten mit alten Menschen übernommen haben. Darunter waren Pfarrer, Diakone oder Sozialpädagogen genauso wie engagierte Ehrenamtliche. Also eine qualifizierte Teilnehmerschaft, die sich in und mit diesem Arbeitsfeld auskennt und sowohl das Wohl der Senioren, als auch das der Kirche im Blick hat.

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Heiner Keupp, Karl Foitzig und Monika Bauer im Gespräch über die Zukunft der Altenarbeit. 77 Teilnehmer der Landeskonferenz „Altenarbeit“ tauschten sich in Nürnberg über Potenziale des Alters und kirchliche Chancen aus. Foto: Bek-Baier
 
   

Von den Senioren her denken

Anstoß für das Thema der Konferenz gab der neuste Altenbericht der Bundesregierung, der den Titel „Potenziale des Alters in Wirtschaft und Gesellschaft“ trägt. „Dieser Bericht denkt zu sehr vom gesellschaftlichen Nutzen her, die Potenziale des Alters werden hier nach ihrer Verwertbarkeit in der Gesellschaft unter starken wirtschaftlichen Bezügen betrachtet“, kritisiert Monika Bauer, Vorsitzende der Evangelischen Arbeitsgemeinschaft für Altenarbeit. Der ältere Mensch selbst wird dabei nicht gesehen. Welche Potenziale können in alten Menschen noch verborgen sein, aber auch was wollen diese Menschen selbst mit ihren Möglichkeiten und Fähigkeiten, die in ihnen schlummern tun? Was brauchen ältere Menschen um ihre Potenziale einsetzten oder ausleben zu können, so dass es ihnen und nicht nur der Gesellschaft gut tut?

Die Potenziale sind da. Die Teilnehmer der Konferenz berichteten von vielfältigen Erfahrungen: da wurde von dem 68 Jahre alten pensionierten Geschäftsführer einer Warenhauskette erzählt, der sich nun als Kirchenpfleger einer Kirchengemeinde „gewinnbringend“ für beide Seiten einbringt. Man hörte von der 88-jährigen Frau, die im Besuchsdienst „alte Leute“ besucht und vom 90-Jährigen, der Schreinerarbeiten in der Kirche erledigt. Doch es schlummern auch andere Möglichkeiten und Kompetenzen in der Generation über 55 Jahren.

Daher beschäftigte sich die Landeskonferenz erst einmal mit den wissenschaftlichen Grundlagen, welche Potenziale in der älteren generation verborgen seien könnten und wie sie fruchtbar zu machen sind. Heiner Keupp ist Professor für Sozial- und Gemeindepsychologie an der Universität München: Er ist der richtige Mann für diese Fragen, denn er untersucht in seiner Arbeit das Leben und Wohnen der Menschen unter den Bedingungen der modernen Gesellschaft. „Es wird in einer modernen Welt keine einfachen Antworten auf Fragen geben, wo ich wohnen werde, wie ich wohnen werde und wie ich für mich sicherstellen kann, dass diese Fragen in Übereinstimmung mit meinen Vorstellungen vom ‘guten Leben’ beantwortet werden können“, sagt er.

Wertewandel bei Senioren

Wir leben in einer „fluiden Gesellschaft“, in der alles am fließen, ja zerfließen ist, was wir einst als stabil erlebt haben – wie das Altwerden in einer Großfamilie. Längst stimmt der Satz, „einen alten Baum verpflanzt man nicht“ für mehr als die Hälfte der Menschen über 55 Jahren nicht mehr. Moderne Senioren können mit einer längeren Lebensphase nach ihrem Beruf rechnen. Sie gestalten ihren Lebensabschnitt aktiv, sind offen für alternative Lebensformen und erheben Anspruch auf vielfältige Lebensgenüsse. Dadurch unterscheiden sie sich wesentlich von jeder Generation vor ihnen. Der Wertewandel wird gemeinhin mit der Jugend in Verbindung gesetzt. Keupp weist nach, dass gerade Senioren andere Werte leben oder ihnen ausgesetzt sind.

„Gesundheit als Basis einer zunehmenden Lebenserwartung ist nur teilweise ein ‚Geschenk’ der Natur oder der ‚Segnungen’ der Medizin. Sie ist vielmehr auch Ausdruck gelingenden Lebens“, erklärt der Psychologe die Idee der „Salutogenese“. Gesundheit sei mehr als nur Abwesenheit von Krankheit, sondern ein Prozess der Lebensbewältigung, in dem es um Lebenssinn, soziale Verortung und Ressourcen ginge. Gesundheit sei also eine Lebenskunst, die sehr davon abhängig ist, ob jemand im Leben Sinn finden, seine Welt verstehen und sein Leben selbst meistern kann. Die Menschen sollten daher auch im Alter die Chance haben, das eigene Leben selbst in die Hand zu nehmen, kreativ zu gestalten und die eigenen Möglichkeiten dazu einzusetzen. Gesundheit wird als auch dadurch gewonnen, dass Menschen sich um sich selbst sorgen können. Die Bedingungen dazu müsse die Gesellschaft stellen.

Hier käme nun der Kirche und ihrer Einrichtungen Bedeutung zu. Wolle die Kirche Senioren unterstützen oder gar zur Mitarbeit anregen, so müsse sie ihnen ermöglichen, für sich selbst zu bestimmen, so Keupp.

Eine Lösung für die Frage vom „guten Leben“ liegt für den Münchner Wissenschaftler besonders in der Antwort der Frage, „wie wir auch im Alter gut leben und wohnen wollen.“ Ein Beispiel ist seine Idee einer gemeinschaftlichen Wohnsiedlung, in der vorwiegend Senioren leben und sich in einer „gut funktionierenden Nachbarschaft“ gegenseitig unterstützen. So könnten alle ihre Autonomie noch bis ins hohe Altern sichern.

Die Potenziale sind da

Die meisten Senioren werden jedoch mit ihren Kompetenzen von der krichlichen Gemeidearbeit ausgeschlossen. Die Kirche geht an ihnen, ihrer Lebenswelt und ihren Interessen vorbei und übergeht ihre Potentiale. Davon ist Theologe Karl Foitzik überzeugt. Foitzik sieht in den „Potenzialen des Alters die Zukunft der Kirche.“ Der pensionierte Professor für Religionspädagogik aus Neuendettelsau ist selbst Betroffener. Er stellt sein Wissen der „Altenarbeit“ der Kirche auf Veranstaltungen wie dieser zur Verfügung und initiierte mit Mitstreitern in Würzburg ein Pilotprojekt für ehrenamtliches Engagement älterer Menschen (siehe unser Interview in Nummer 5). Das Projekt wirbt bei Senioren darum, dass diese ihr Erfahrungswissen in die Kirche einbringen. „Eine vielgestaltige Seniorenarbeit ist nur mit engagierten, selbstverantwortlichen Ehrenamtlichen möglich“, sagte der Theologe. Eine Einzelgemeinde könne die nötige Vielfalt der Seniorenarbeit aber nicht gewährleisten. Kooperationen seien auf regionalen Ebenen angesagt.

Martina Jakubek vom AfG-Arbeitsbereich „Altersarbeit“ fasste die Ergebnisse der Konferenz zusammen: Die Potenziale des Alters seien erkannt. Nun sei ein Wandel im Denken und im Handeln der Kirche notwendig. „Das braucht Zeit, aber es entstehen bereits fruchtbare Initiativen, Vernetzungen und Kooperationen in der kirchlichen Arbeit mit älteren Menschen!“

Martin Bek-Baier

 


Lebenskunst heiliger Menschen

Als gehorsame Kinder gebt euch nicht den Begierden hin, denen ihr früher in der Zeit eurer Unwissenheit dientet; sondern wie der, der euch berufen hat, heilig ist, sollt auch ihr heilig sein in eurem ganzen Wandel. Denn es steht geschrieben: „Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig.“ Und da ihr den als Vater anruft, der ohne Ansehen der Person einen jeden richtet nach seinem Werk, so führt euer Leben, solange ihr in der Fremde weilt in Gottesfurcht; denn ihr wisst, dass ihr nicht mit vergänglichem Silber oder Gold erlöst seid von eurem nichtigen Wandel nach der Väter Weise, sondern mit dem teuren Blut Christi als eines unschuldigen und unbefleckten Lammes.
1. Petrus 1, 14 - 19

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Heiligsein ist für Christen Gabe durch die Taufe in Christus und von daher Aufgabe, Chance zur Lebenskunst, sich als erlöster, heiliger Mensch zu erfahren. Foto: Imago
 
   

Ratgeber gibt es viele. Die besten Wege zur gewünschten Figur, zur idealen Partnerschaft oder zum beruflichen Erfolg – die Zeitschriften sind voll davon. Lebensführung, moderner gesagt: Lebenskunst, ist wieder „in“; ein Blick in eine Internet-Suchmaschine unter dem Stichwort genügt. Sie müssen sich dann nur entscheiden, ob Sie Zenpower oder Klopf-Akupunktur, Lachtraining oder das Buch „Lebenskunst“ von Anselm Grün bevorzugen. Nein, und nun ganz im Ernst, es ist gut, dass die Frage nach dem erfüllten Leben wieder oft und intensiv gestellt wird. Akademisch gesprochen, dass die praktische Philosophie ins Leben zurückkehrt, nachdem sie sich lange im Turm der Theorie versteckt hatte.

Für die griechischen und römischen Zeitgenossen des Verfassers des ersten Petrusbriefes war die Frage nach der Lebenskunst eine ganz selbstverständliche. Von den Sophisten bis zu den Stoikern haben damals die Denker der Frage nachgedacht, wie es aussieht, das richtige Leben. Der biblische Brief an die Christinnen und Christen in Kleinasien am Ende des ersten Jahrhunderts tut nichts anderes. Er fragt nach dem gelingenden, nach dem richtigen Leben. Er fragt nicht nur, er gibt auch eine Antwort. Seid heilig! Was das bedeutet, hat er den Menschen damals in ihrer Situation versucht nahe zu bringen. Die Verse, die hier und jetzt, in unserer Zeit bedacht werden wollen, eröffnen zwei Perspektiven darauf, was es heißt, heilig zu leben. Zum einen ist uns ein Gegensatzpaar vor Augen gestellt. Früher – heute. Das Leben, geprägt von Unwissenheit und nichtigem Wandel früher, heute das Sein als gehorsame Kinder, die erlöst sind. Ein sehr scharfkantiges Modell gelingenden Lebens wird hier vorgestellt, eines, das die Aufforderung Jesu zur Umkehr radikal in das Leben der Gemeinde übersetzt.

Mir als Kind meiner Zeit fällt es meist schwer, derart in Brüchen zu denken. Ich versuche für mich zu übersetzen. Heiliges Leben fängt immer wieder neu an. Ich kann mich auf keine Tradition, nicht auf das Bewährte verlassen. Ganz im Gegenteil. Das, was schon immer wahr war, muss neu, mit kritischen Augen gesehen werden. Neu gesehen nicht durch eine neue Erkenntnis, sondern neu im Licht der Hoffnung und der Erlösung, die Gott schenkt in Jesus Christus. Zum anderen stehen Gabe und Aufgabe Vers an Vers, gleichsam Auge in Auge beieinander. Heiliges Leben kann nur geheiligtes Leben sein, da alles Heilige nach dem Zeugnis der gesamten Bibel immer nur von Gott her kommt. Diese Heiligung des Lebens geschieht in der Erlösung durch Gott im Opfer Jesu Christi. Geheiligtes Leben ist so in seinem Grund einzig Geschenk, Gabe von Gott.

Der gleiche Gott aber ist der, der jeden ohne Ansehen der Person nach seinem Werk richtet. Gnade und Verantwortung, Gabe und Aufgabe stehen hier ganz eng zusammen. Das heilige Leben der Christen steht in dieser Spannung. Es verdankt sich zum einen allein Gott. Es bedeutet zum anderen einen hohen Anspruch an die eigene Lebensführung. Weder billige Gnade noch bloßes Gesetz! Beides verbindet sich im konkreten Leben. Keine leichte Kunst! Aber „Leben – light“ ist ja auch nicht das Ziel. Lebenskunst ist vielmehr die Kunst, sich als von Gott erlöster, heiliger Mensch zu erfahren.

Pfarrer Bernd Reuther
Leiter des Evangelischen Bildungszentrums Hesselberg

Gebet: Quelle unseres Lebens, wir bitten dich, heilige unser Leben, dass wir in allem Wollen, Denken und Tun unserem Herrn und Bruder Jesus Christus immer ähnlicher werden. Amen.

Lied 634: EG 96: Lass uns in deinem Namen, Herr

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