Evangelisches Sonntagsblatt aus Bayern
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Hier lesen Sie das Thema der Woche, das sich auf der Seite 3 der aktuellen Sonntagsblatt-Ausgabe befindet, und die wöchentliche Andacht. (Heft 10)

"Schatz für die Protestanten in Franken"

Seit 60 Jahren sind viele Neubürger mit der Evangelischen Kirche verbunden

„Sperrt eure Höfe zu, hier sind Rumänen. Wer weiß, ob das nicht sogar Zigeuner sind.“ An diese Warnung kann sich Wigant Weltzer noch sehr genau erinnern. Der heute 81-Jährige kam nach dem 2. Weltkrieg aus Siebenbürgen nach Rothenburg ob der Tauber. „Bis die Einheimischen akzeptierten, dass wir Deutsche sind, war es eine schwierige Zeit“, fährt er fort. Und dabei kamen die Siebenbürger Sachsen vor 60 Jahren – Anfang April 1946 – extra aus einem Grund aus Niederbayern, wo sie zunächst Zuflucht gefunden hatten, nach Franken: Sie waren genau wie viele Einheimische evangelisch.

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Drei Generationen von Einwanderung nach Rothenburg: Wigant Weltzer kam nach dem Krieg aus Siebenbürgen. Georg Hiesch zeigt ein Foto seines siebenbürgischen Heimatortes Hamlesch. Oliver Huber und Thomas Raithel kümmern sich im Rahmen des Jugendmigrationsdienstes Rothenburg unter anderem um jugendliche Spätaussiedler in Franken. Fotos: bor
   

Inmitten der Nachkriegswirren wurde so noch immer ein Grundsatz beherzigt, der 400 Jahre zurückreicht: die Einteilung der Konfessionen nach Regionen. Im Kern geht diese Regelung auf den „Augsburger Religionsfrieden“ von 1555 zurück. Danach bestimmten die jeweiligen Landesfürsten die Konfession ihrer Untertanen. Wer nicht damit einverstanden war, wie zum Beispiel die Salzburger, musste auswandern. Bei den Siebenbürgern wurde vor 60 Jahren immer noch versucht, ihnen gemäß ihrer Konfession eine neue Heimat zu geben. Allerdings funktionierte dieser Grundsatz nicht mehr in allen Fällen: Denn die katholischen Sudetendeutschen, die nach dem Krieg in Franken gelandet waren und im Austausch mit den Siebenbürger Sachsen nach Niederbayern sollten, wollten in vielfach keinen erneutem Ortswechsel auf sich nehmen.

Kirchentreue Siebenbürger

Flüchtlinge und Vertriebene, „Dispaced Persons“ – im Gefolge des Zweiten Weltkrieges wurde das 20. Jahrhundert in Deutschland zu einer Ära der Wanderung. Vorher waren schon Kriegsgefangene und Verschleppte nach Deutschland geströmt. Und kaum hatten die letzten Vertriebenen die Baracken der Auffanglager verlassen, folgten die ersten Gastarbeiter, die im deutschen Wirtschaftswunder Arbeit suchten.

Gerade die Siebenbürger Sachsen kamen in mehreren „Wellen“ nach Deutschland. Auf die Trecks der Aussiedler zum Kriegsende, die – entgegen der Volksmeinung – nicht aus dem rumänischen, sondern dem ungarischen Teil Siebenbürgens stammten, folgten in den 60er Jahren tröpfchenweise Spätaussiedler aus Rumänien. Weltzer berichtet, dass die rumänische Regierung sich jede Ausreise mit 800 Dollar bezahlen ließ. Und dann kam das Jahr 1989: Nach dem Sturz Ceaucescus waren mit einem Mal alle Schleusen geöffnet! Fast alle Siebenbürger Sachsen leben inzwischen in Deutschland. Nur noch etwa 14.000 von ihnen sind in Rumänien geblieben. Sie hatten zumeist in rumänische Familien eingeheiratet. Insgesamt 200.000 Siebenbürger Sachsen leben heute in Deutschland.

Georg Hiesch kam gleichfalls mit seiner Familie Ende 1990 aus Hamlesch nach Rothenburg. Sein erster Eindruck von der Tauberstadt war –der Weihnachtsmarkt. Er betont, dass er und seine Familie sehr freundlich aufgenommen wurden. Seine Eltern knüpften an die Tradition an, dass viele Siebenbürger besonders begehrt als Mesner waren.

„Früher galt: Auf 20 Rothenburger kommt ein Siebenbürger, aber auf zehn Rothenburger Kirchgänger kommt ebenfalls ein Siebenbürger.“ Die Verbundenheit mit den evangelischen Gemeinden ist Wigant Weltzer wichtig. Allerdings ging diese Bindung bei den späteren Aussiedlern merklich zurück. „Sie waren traditionell Landwirte, wurden aber bereits 1950/51 enteignet und zu Industriearbeitern“, erklärt der Weltzer. „Da ist es nur natürlich, dass sie ihre Verbundenheit mit der Kirche oft nicht aufrecht erhalten konnten.“

Doch auch die Spätaussiedler aus Siebenbürgen waren nicht die letzten Neubürger, die nach Rothenburg kamen. Der Jugendmigrationsdienst der Evangelischen Jugendsozialarbeit setzt sich für die Integration der nachwachsenden Generation von Spätaussiedlern aus den Ländern der Ex-Sowjetunion sowie der Kinder klassischer Gastarbeiter ein. Viele Russlanddeutsche erinnerten sich noch an ihre evangelischen Wurzeln – für Diakon Thomas Raithel vom Rothenburger Jugendmigrationsdienst ein großer Schatz gerade für fränkische Gemeinden. „Bei einer Konfirmandenfreizeit waren plötzlich von 30 Jugendlichen zehn russlanddeutscher Herkunft“, begründet er sein Engagement. Und er fügt hinzu: „Plötzlich ging mir auf: Die verstehen ja kaum etwas.“

Wichtig sind ihm und seinem Kollegen Oliver Huber neben individueller Beratung und Hilfe – etwa bei der Planung des späteren Berufsweges – vor allem interkulturelle Sporttreffs. „Die Hemmschwelle zu einem Beitritt in reguläre Vereine ist oft sehr hoch.“ Streetball bietet sich da an – und wird gerne angenommen.

Der Sport und die Integration: Der neue Beauftragte für Aussiedlerfragen des Bundes, Staatssekretär Christoph Bergner, ist gleichzeitig für die Fußball-Weltmeisterschaft zuständig. Zwar gibt es bei manchen traditionellen Aussiedlerverbänden laut der „Siebenbürgischen Zeitung vom Janaur die Sorge, „dass ihre Angelegenheiten angesichts der Weltmeisterschaftaft vernachlässigt“ würden. Doch im Sinne der Integration ließe sich aus dieser Kombination einiges machen.

Susanne Borée

 


Was zählt am Ende wirklich?

Mein Freund hatte einen Weinberg und wartete darauf, dass er gute Trauben brächte; aber er brachte schlechte. Wohlan, ich will euch zeigen, was ich mit meinem Weinberg tun will! Sein Zaun soll weggenommen werden, dass er verwüstet werde, und seine Mauer soll eingerissen werden, dass er zertreten werde. Ich will ihn wüst liegen lassen, dass er nicht beschnitten noch gehackt werde, sondern Disteln und Dornen darauf wachsen. Des Herrn Zebaoth Weinberg aber ist das Haus Israel und die Männer Judas seine Pflanzung, an der sein Herz hing. Er wartete auf Rechtsspruch, siehe, da war Rechtsbruch, auf Gerechtigkeit, siehe, da war Geschrei über Schlechtigkeit.
Jesaja 5, 1 - 7

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Das Weinberglied des Propheten Jesaja ist ein Gleichnis für unser Leben mit Gott. Alles was wir tun, steht in Zusammenhang mit dem Weinberg Gottes. Foto: epd
   

In Pakistan brennen Kirchen. In Nigeria werden Christen getötet. Aufgebrachte Volksmengen bringen ihren Zorn zum Ausdruck. Verletzte religiöse Empfindungen oder von Verführern aufgehetzte Massen? Was ist wirklich richtig? Auf der einen Seite schlimme Barbareien, auf der anderen Seite das Gefühl, tief gekränkt und in den ureigensten menschlichen Rechten verwundet worden zu sein. Seinen Glauben leben zu dürfen und in der Ausübung des Glaubens anerkannt zu werden, gehört zu den wichtigsten menschlichen Rechten. Im Recht zu sein – das nehmen oft Menschen für sich in Anspruch, die in Grausamkeiten verstrickt sind.

Wer kann wirklich Recht und Gerechtigkeit für sich beanspruchen? Dieser Frage geht der Prophet Jesaja in seinem berühmten Weinberglied nach. Sein Lied knüpft die fröhliche Stimmung des jüdischen Erntedankfestes an: Es besingt die Arbeit eines Winzers. Die Freude am Leben kommt zum Ausdruck: Arbeit und Mühe, Liebe und Glück, Fröhlichkeit und Heiterkeit gehören dazu. Nur das Ende passt nicht ins Bild: Die Belastungen und Anstrengungen waren vergebens. Aber auch das gehört zum Leben, eine fröhliche Stimmung erträgt einigen Ärger und Misserfolg.

Nun wird das fröhliche Lied urplötzlich ernst: Der Winzer gerät in Zorn. Er kündigt die grausame Zerstörung seines geliebten Weinbergs an. Und Gott kommt ins Spiel. Sein Urteil ist hart: „Er wartete auf Rechtsspruch, siehe, da war Rechtsbruch, auf Gerechtigkeit, siehe, da war Geschrei über Schlechtigkeit.“ Was zählt am Ende wirklich? Was ist an dem, das wir Menschen einbringen können, nach den Maßstäben Gottes wertvoll? Nicht die fleißige Arbeit oder der gute Wille, nicht die persönliche Rechtschaffenheit, sondern die auf alle bezogene Gerechtigkeit.

Das Lied vom unfruchtbaren Weinberg ist das Lied einer enttäuschten Liebe. Gott ist enttäuscht von seinem Liebeswerben um die Menschen. Das Lied vom nutzlosen Weinberg will uns vor Augen führen: Eine freundliche, gerechte Welt gibt es nur durch Gott. Wir Menschen können uns für oder gegen Gott entscheiden. Was als Zorn Gottes, als Zerstörung und Gericht beschrieben wird, ist die Folgen unserer Entscheidung gegen Gott.

Trotz dieser Konsequenzen bleiben wir nicht allein, denn Gottes Liebe zu dieser Welt ist unerschöpflich. Was immer Menschen an Verhängnissen und Nöten herbeiführen, Gott nimmt sich seiner gequälten Schöpfung an. Wenn menschliche Ungerechtigkeit alles zu bestimmen scheint, setzt Gott seine neue Gerechtigkeit dagegen. Gott will seinen Weinberg nicht zerstören. Gott hat sich entschieden – für seine Schöpfung. Gott selbst bürgt dafür, dass das Leben weitergeht.

Alles was wir tun und lassen, mit großer oder mit kleiner Anstrengung, steht im Zusammenhang mit dem Weinberg Gottes. Es gibt keine persönliche Rechtschaffenheit an der großen Gerechtigkeit Gottes vorbei. Aber es gibt viele kleine Schritte und Handlungen zu der großen Gerechtigkeit hin. Deshalb ist Gott das scheinbar Unscheinbare wertvoll – die winzige Rebe, die kleine Traube, die bescheidene Tat, ein gutes Wort. So ist der Weinberg ein Gleichnis für unser Leben mit Gott: Wir sind umgeben von Gottes Liebe und wirken in seiner Schöpfung mit als seine Partner, wenn wir den Ruf nach seiner Gerechtigkeit trauen. Pfarrer Dr. Alfred Seiferlein, Bechhofen

Gebet: Herr mache mich zum Werkzeug deines Friedens, dass ich Liebe übe, wo man sich hasst. Amen

Lied EG 96: Du schöner Lebensbaum des Paradieses

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