Evangelisches Sonntagsblatt aus Bayern
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Hier lesen Sie das Thema der Woche, das sich auf der Seite 3 der aktuellen Sonntagsblatt-Ausgabe befindet, und die wöchentliche Andacht. (Heft 9)

Seelenwanderungsglaube bei Kindern

Längst mischen sich im Schulalter verschiedene Hoffnungsmodelle

„Die Seele kommt in das Himmelreich. Vielleicht kommt sie dann wieder auf die Erde. Das könnte ja fort-laufend so weitergehen...“ Diese Äußerung einer 13-Jährigen ist bezeichnend für Überzeugungen, wie sie etwa ein Viertel heutiger Kinder und Jugendlicher in unserem Land hegen. Das Mädchen merkt noch an, sie habe im Gottesdienst und von den Eltern Gehörtes selber weiterentwickelt. Auch das ist typisch: Elemente christlicher Himmels- und Ewigkeitshoffnung mischen sich bei jungen Menschen oft mit Aspekten esoterischer, keineswegs christlich verankerter Sichtweisen, wie sie manche Eltern oder Elternteile seit Jahrzehnten angenommen haben. Der Glaube an Seelenwanderung, in ganz Europa mittlerweile bei einem Bevölkerungsanteil von über 20 Prozent verbreitet, bestätigt den Traditionsabbruch auf dem Gebiet christlichen Glaubens und Hoffens.

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„Im Alten Kalifornien“ heißt die Story in „Die tollsten Geschichten von Donald Duck“ (Sonderheft Nr. 94), in der die Hauptfiguren nach einem schweren Unfall in einer früheren Zeit aufwachen und hierbei die Überzeugung von „Seelenwanderung“ äußern. Für kindliche Leser(innen) womöglich prägend... Foto: th
   

Hoffnungsinhalte prägen

Kinder haben zum Glauben an Seelenwanderung ein relativ offenes Verhältnis. Denn sie stehen dem mythologischen Denken noch recht nahe. Der verstorbene Großvater kommt auf der anderen Seite der Erdkugel als Baby wieder zur Welt, erklärte mir kürzlich eine 11-jährige Nachbarstochter. Der natürliche Rhythmus von Untergang und Neugeburt wirkt sich in solcher Anschauung aus. Hinzu kommt in unserer Gesellschaft, wie erwähnt, der Einfluss esoterischen Denkens, der meist mit dem festen Glauben an „Reinkarnation“ verknüpft ist.

Immerhin beinhaltet ja der Gedanke an Seelenwanderung grundsätzlich den Glauben, dass mit dem Tod nicht alles aus ist. „Wenn man schlecht ist, dann kommt man gar nicht mehr auf die Welt“, denkt eine zwölfjährige Hauptschülerin. Aber allein die Überzeugung, dass es nach dem Tod irgendwie weitergeht, besagt noch nicht allzu viel; hiermit beginnt ja erst die bunte, konkurrenzreiche Welt der Jenseits-, Himmels- und Auferstehungserwartungen – mit oder ohne Seelenwanderungsvorstellungen. Welche der unterschiedlichen Hoffnungskonzepte auf dem Gebiet der Religionen und Weltanschauungen ein Mensch übernimmt und welche er ablehnt, ist dabei alles andere als gleichgültig. Vielmehr prägen die jeweiligen Inhalte seines Hoffens und Bangens sein Leben stark.

Der Glaube an eine Form von „Seelenwanderung“ verbindet sich mit einem anderen Menschen-, Welt- und Gottesbild als die christliche Auferstehungshoffnung, der an der Einmaligkeit und Ganzheitlichkeit der Menschen als gottgewollter Kreaturen liegt. Wo man mit „Reinkarnation“ rechnet, kommt man in Konflikt mit dem christlichen Schöpfungs- und Erlösungsglauben. „Mit der Aufnahme der Reinkarnationsvorstellung wäre das Christentum eine andere Religion geworden“, erklärt Helmut Zander (1999). Nicht zufällig spielt der Reinkarnationsgedanke in der Bibel keine Rolle. Umso problematischer ist insofern – nämlich unter dem Aspekt christlicher Erziehung – die Verbreitung jenes nichtchristlichen Seelenwanderungskonzepts hierzulande.

... in einen anderen Körper

Im Rahmen einer religionspädagogischen Studie (1991) habe ich an verschiedenen Schulen und Schularten Bayerns eine Umfrage zum Thema „Leben nach dem Tod“ unter fast 900 Schülerinnen und Schülern veranstaltet. Die eingangs genannten Prozentzahlen entstammen ihr und entsprechen durchaus den Ergebnissen anderer, aktueller Untersuchungen in Deutschland und Europa. Immer wieder stieß ich auf Äußerungen wie die eines Achtjährigen: „Ich komme als Tier zurück“, oder wie die einer Neunjährigen: „Ich glaube, dass unsere Seele ein neues Zuhause bekommt. Dass sie in ein lebendes Baby kommt (Wiedergeburt).“ Eine andere Grundschülerin meinte: „Die Seele wird ins Paradies geschickt. Der Mensch wird Diener Gottes. Der Mensch kommt aus dem Himmel zur Erde herab, aber mit einem anderen Namen“. Eine Elfjährige zeigte sich überzeugt: „Die Seele lebt weiter in Menschen, Pflanzen und anderen Lebewesen. Durch den Glauben an Gott bin ich sehr sicher, dass es ein Weiterleben gibt. Wir sehen uns alle wieder.“ Nur zu verständlich, wie sich immer wieder christliche und nichtchristliche Elemente durcheinandermischen! In solchen Mixturen spiegeln sich die unterschiedlichen, zum Teil widersprüchlichen Einflüsse in unserer multikulturellen Gesellschaft. Eine 14-Jährige liefert ein weiteres Beispiel: „Man lebt mit Gott und anderen Seelen zusammen im Himmel. Ich kann mir dann gut vorstellen, dass man öfters auf der Welt lebt als einmal. Denn es gibt ja in der Ostergeschichte auch die Auferstehung...“ Als ob Ostern auch nur das Geringste mit Seelenwanderung zu tun hätte! Aus dieser Äußerung spricht ein erschreckender Mangel an religiöser Grundbildung.

Bezeichnend auch die Logik einer 15-Jährigen: „Ich glaube daran, dass die Menschen als Tiere wieder auf die Welt kommen. Denn wenn nicht, würde es nicht so viele Tiere und Menschen auf der Welt geben. Im Vaterunser steht auch: Dein Wille geschehe wie im Himmel auch auf Erden. Darum glaube ich an ein zweites Leben.“ Welch hilfloses Hantieren mit religiösen Fragmenten! Wo aber keine christliche Grundorientierung vermittelt worden ist, dort macht sich wie von selbst ein Zusammenbasteln von Einzelelementen unter der Vorgabe „natürlicher“, mythisch gefärbter Struk- turen breit. So erhält „Seelenwanderung“ ihre kulturelle Chance hierzulande.

Eine Zwölfjährige hält sich für die „Wiedergeburt“ ihrer Großmutter, bloß weil sie einst als Kleinkind zum Erstaunen der Mutter, die ihr das erzählt hat, den für Oma typischen Satz formuliert hatte: „Ich mache ein Nickerchen.“ Immerhin zeigen verschiedene Äußerungen, dass gerade auch schon jungen Menschen wichtig ist: Irgendwie muss der Tod zu neuer Körperlichkeit führen, wenn das Individuelle bewahrt bleiben soll. Vielen Kindern und Jugendlichen ist dieser Aspekt wichtig, ohne dass sie realisieren, dass er erst in der Auferstehungshoffnung zur klaren Erfüllung kommt.

Mitunter tauchen freilich auch kritischen Anfragen auf. Eine 15-Jährige überlegt: „Vielleicht komme ich als neuer Mensch wieder auf die Erde oder einen anderen Stern. Aber wenn das so ist, wird wieder die Frage aufgeworfen, wozu es gut sein soll, wenn man immer wieder geboren wird und wieder stirbt. Was heißt ewiges Leben?“

Ja, die Frage nach ewigen Leben oder nach einem Jenseits des Todes beschäftigt bereits Kinder und Jugendliche. Doch ihnen fehlt oft genaueres Wissen über die Konturen christlicher Hoffnung. Auf diesem Gebiet herrscht ein Mangel an brauchbaren religionspädagogisch Angeboten für Schule und Elternhaus. In dieses Vakuum stoßen andere religiöse und pseudoreligiöse Konzepte vor. Christliche Erzieher sind hier besonders herausgefordert.

Werner Thiede

Literaturhinweise:
Werner Thiede: Auferstehung der Toten – Hoffnung ohne Attraktivität? Göttingen 1991
Helmut Zander: Geschichte der Seelenwanderung in Europa. Alternative religiöse Traditionen von der Antike bis heute, Darmstadt 1999

 


Der Schatten des Allmächtigen

Wer unter dem Schirm des Höchsten sitzt und unter dem Schatten des Allmächtigen bleibt, der spricht zu dem Herrn: Meine Zuversicht und meine Burg, mein Gott, auf den ich hoffe. Denn er rettet dich vom Strick des Jägers und von der verderblichen Pest. Er wird dich mit seinen Fittichen decken, und Zuflucht wirst du haben unter seinen Flügeln. Seine Wahrheit ist Schirm und Schild. Denn er hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen, dass sie dich auf den Händen tragen und du deinen Fuß nicht an einen Stein stoßest.
Psalm 91, 1-4, 11-12

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Einen Schutzengel an der Seite, Behütung vor Unheil, Krankheit, Armut – das wünschen sich viele Menschen. Aber Fallstricke gehören zum Leben dazu. Die Menschen der Bibel wussten darum, aber auch was vor diesem Hintergrund „Schirm des Höchsten“ bedeutet. Foto: KNA
   

Gerade der 11. Vers des 91. Psalms wird gerne als Tauf- oder Konfirmationsspruch gewünscht: „Denn er hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen.“ Manchmal habe ich dabei den Eindruck, dass diese Worte die Funktion eines Zauberspruches gegen das böse Schicksal gewinnen sollen. Das würde sich dann inhaltlich einreihen in das, was wir uns beispielsweise zum Geburtstag wünschen – und dabei lediglich religiös überhöhen. Gesund sollst du bleiben, glücklich solltst du werden! Und unsere landläufige Vorstellungen vom gelingenden Leben hat ja durchaus etwas Verlockendes: Gesundheit, Glück, genug Geld, eine Arbeit, die Freude macht, wenn man denn schon arbeiten muss. Aber auch: Wertschätzung durch andere, alt werden und jung dabei bleiben und mit 95 gesund sterben, möglichst ohne etwas davon zu merken. Ich will das gar nicht denunzieren. Ich bin auch lieber gesund und reich als arm und krank.

Wenn ich nun aber sage: So ist das Leben aber nicht, so verrate ich nichts Neues. Es ist uns auch in der Bibel nirgendwo ein solches irdisches Glück versprochen! Der, der die Worte unseres Psalms einst gefunden hat – Psalm ist ein griechisches Wort und heißt nichts anderes als Gebet oder Lied – und damit seiner Lebenserfahrung Stimme verliehen hat, meint etwas ganz anderes. Der Beter unsres Psalms weiß vom Strick des Jägers, in dessen Schlinge man sich verfängt. Er hat sich vielleicht auch verfangen, ist errettet worden, obwohl er sich schon tot glaubte. Er war vielleicht auch schwer krank. Auch die Menschen der Bibel und die, die diesen Psalm seitdem mitbeteten, dürften ein tiefes Wissen um die Gefährlichkeit des Lebens gehabt haben. Tiefer als wir doch relativ gut behüteten Mitteleuropäer. Bei uns holen sich gar manche ihre Grenzerfahrungen künstlich und zahlen dafür teuer, um ein bisschen Leben zu spüren. Das Gute gilt bei uns als das Normale, sodass wir Danken verlernt haben. Und wenn einer mit dem Rücken zur Wand steht, gilt er als Sonderfall. Erst seitdem das Raum greift, was wir als „Globalisierung“ zu bezeichnen pflegen, erst seitdem wir auch die hässliche Fratze des Kapitalismus in Deutschland langsam wahrnehmen, dämmert es uns wieder, dass das Leben ein Kampf ist. Was wäre Drangsal, Enge, Bloßsein, Verfolgung, wenn es vor der Tür bliebe?

Mittenhinein können wir da geraten, schneller als wir denken. Aber wenn ich diesen Psalm bete, habe ich vor all dem ein bisschen weniger Angst. Es gibt den Schirm des Höchsten und den Schatten des Allmächtigen, der mich bewahren wird. Auch durch den Tod hindurch! Denn der Herr ist der Vater Jesu Christi. Und nicht selten ist es auch so, dass das, was auf den ersten Blick wie die böse Fratze eines Gespenstes aussieht, sich später als der Schatten des Allmächtigen offenbart. Nicht nur einmal habe ich im Leben erfahren, dass ich genau das, was mir zuerst überhaupt nicht gefallen hat, gebraucht habe.

Ein schöner Tauf- und Konfirmationsspruch ist der 11. Vers des 91. Psalms schon, wenn man die anderen Verse des Psalms auch mitliest und im Hinterkopf behält.

Pfarrer Herbert Sörgel, Flossenbürg

Gebet: Gott, Heiliger Geist, heile und tröste uns, gib uns Kraft, allem Bösen zu widerstehen, und schenke uns am Ende den Sieg und die Auferstehung vom Tode. Amen.
Martin Luther

Lied EG 637: Von guten Mächten treu und still umgeben

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