Evangelisches Sonntagsblatt aus Bayern
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Hier lesen Sie das Thema der Woche, das sich auf der Seite 3 der aktuellen Sonntagsblatt-Ausgabe befindet, und die wöchentliche Andacht. (Heft 8)

Ist der "Heidenspaß" nichts für aufrechte Christen?

Die alljährliche Maskerade rund um den Fasching wird oft kritisch beäugt – Eine Gemeinde-Umfrage

„Wenn wir Karneval als Christen nicht feiern, könnten wir streng genommen auch nicht Weihnachten festlich begehen.“ Pfarrer Markus Rhinow aus der Nazarethkirche in München-Bogenhausen hat eine entschiedene Meinung. Für ihn gibt es keinerlei Berührungsängste mit dem Mummenschanz. Heidnische Elemente haben für ihn beide Feste. Doch gerade für Protestanten gibt es seiner Ansicht nach – getreu der Maxime Paul Tillichs – keinen Unterschied zwischen weltlicher und sakraler Sphäre.

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Kinderkarneval: Welche Gesichter verbergen sich hinter den Masken?                                                 Foto: epd
   

So tobte in seiner Gemeinde mitten im Gottesdienst der Maskenball. Selbst er als Pfarrer hängte sich eine rote Pappnase um. Dann durften sich drei unmaskierte Kinder über ihn lustig machen, bis er sich weitere Kinder zur Hilfe holte. „Ausgrenzung – Verschiedenheit – Durchbrechen von Grenzen“ ist für Markus Rhinow das Thema des diesjährigen Fasching-Gottesdienstes.

Gerade wenn wir Menschen unsere festgefügten Rollen durchbrechen, wie es durch die Maskerade geschieht, wird unsere Unterschiedlichkeit deutlich. Sie ist von Gott geschaffen. Jesus selbst durchbricht Grenzen, setzt sich mit den Ausgestoßenen an einen Tisch. „Fast immer ist es abwertend gemeint, wenn man davon spricht, dass sich jemand Masken aufsetze – zumal im christlichen Kontext“, klagt Markus Rhinow. Für den Seelsorger ist es aber auch eine Befreiung, wenn Menschen sich in anderen Rollen ausprobieren können. „Das brave, angepasste Mädchen wird zur Prinzessin oder zur Piratenbraut.“

Austoben vor der Passionszeit

Fasching und Kirche – für viele evangelische Christen schließt sich das gegenseitig aus. Der bunte Mummenschanz scheint eher etwas für Katholiken zu sein: Schließlich toben sie sich – neben den heidnischen Traditionen der Winteraustreibung – noch einmal richtig aus, bevor die lange, öde Fastenzeit beginnt. Danach musste in der mittelalterlichen Kirche der Pfarrer zu Ostern von der Kanzel aus die Gemeinde mit einer fröhlichen Geschichte mitreißen, damit sich der „risus paschalis“, das laute Osterlachen, erhob.

Im „weltlichen“ Bereich der Faschingsfeiern scheint es eine konfessionelle Trennung nicht mehr zu geben. Nachfragen bei verschiedenen Faschingsvereinen gaben ein einheitliches Bild: „Das weiß ich doch nicht, wer von unseren Mitgliedern evangelisch ist.“ Die Aussage dieses Würzburger Vorsitzenden einer Karnevalsgesellschaft steht für viele.

Und wie sieht es in den protestantischen Gemeinden aus? „Wir Evangelischen machen zu Fasching nichts. Fragen Sie lieber einmal bei der katholischen Gemeinde nach“ – so hört man es allerorten. In der Rothenburger Heilig-Geist-Gemeinde etwa verweist Vertrauensfrau Doris Weinreich-Orth auf einen Faschingsball der katholischen St. Johannis-Gemeinde, zu dem in den vergangenen Jahren auch evangelische Kirchenvorsteher eingeladen wurden. Aber auch dieser Ball gehört der Vergangenheit an. Weniger aus grundsätzlichen als aus praktischen Erwägungen: „Zuletzt kamen nur etwa 80 bis 90 Leute. Das lohnt den großen Aufwand der Vorbereitung nicht.“

Natürlich gibt es auch Ausnahmen. In der kleinen evangelischen Gemeinde Laufach im äußersten Nordwesten Bayerns zum Beispiel richtet Monika Bamberg seit 23 Jahren ein Faschingsfest in dem Seniorenkreis aus. Schunkelmusik und Büttenreden – im vergangenen Jahr zur Gesundheitsreform – bestimmen den Nachmittag nach Kaffee und Kräpple. Die Senioren kommen in Verkleidung, „meist mit lustigen Hütchen“. Tänze im Sitzen und ein gemeinsames Abendessen runden den Nachmittag ab. „In der Regel kommen zu dem Faschingsnachmittag mehr Besucher als sonst“, so Monika Bamberg. Sie weiß nur von einer Frau, die aus grundsätzlichen Überlegungen heraus nicht kommt.

Sollen Christen denn lachen?

Nicht umsonst spricht der Volksmund vom „Heidenspaß“, schließlich hätten Christen in diesem Leben nichts zu lachen. Der große dänische Religionsphilosoph Sören Kierkegaard setzte noch eins drauf: Das Lachen habe in einer Religion, die das Leiden so sehr betont wie das Christentum, keinen Raum.

Berndt Mokros, Pastor in der Freikirchlichen Gemeinde in Rothenburg ob der Tauber, weist demgegenüber auf „wahre Freude und echten Spaß“ der Christen hin. „Bei Gott kann man so sein, wie man ist. Trotzdem ist man von ihm angenommen“, erklärt er.

In ähnlicher Weise war für Martin Luther der Satan ein Geist der Traurigkeit und Gott der Geist der Freude. Und in Umberto Eccos berühmten Roman „Der Name der Rose“ ruft William seinem Gegenspieler, dem gebildeten, aber fanatischen Mönch Jorge zu, bevor das Kloster zu einem Flammenmeer wird: „Der Teufel ist nicht der Fürst der Materie, der Teufel ist die Anmaßung des Geistes, der niemals vom Zweifel erfasst wird.“

Im Einklang dazu erklärt der jüdische Religionsphilosoph Martin Buber: „Wenn ein Mensch nur Glauben hat, steht er in Gefahr, bigott zu werden. Hat er nur Humor, läuft er Gefahr, zynisch zu werden.“ Sein Kollege Jakob Petuchowski verurteilte Theologie ohne Humor sogar als Gotteslästerung.

Denn auch im Judentum gibt es den Mummenschanz: das Purimfest, die zweite große Wurzel des Faschings. Die Rettung vor der Vernichtung des Volkes durch den Hass des persischen Potentaten Haman ist Anlass für dieses befreite Fest voller Verkleidung und Lärmen.

Wie für Markus Rhinow ist für Berndt Mokros das Thema der Masken zentral. „Fasching ist ein Spiegelbild unserer Gesellschaft“, meint der freikirchliche Pastor. „Wir tragen unzählige Masken. Und wenn wir aus uns herausgehen wollen, brauchen wir eine weitere – diesmal reelle – Larve, hinter der wir uns verstecken.“ In diesem Sinne gestaltet auch seine Frau Molly ein Treffen zum Thema „Wenn die Masken fallen...“

Indessen thematisiert Linda Hackbarth, Predigerin in der Rothenburger Landeskirchlichen Gemeinschaft, das Fest in ihrer Gemeinde nicht. Denn es bestünde kein großes Interesse daran, „obwohl ein Kinderfasching natürlich eine schöne Sache ist“. Kritisch sieht sie es dann, wenn „das Fest zu einem Anlass für Alkoholmissbrauch gerät. Aber eine solche Gefahr besteht natürlich das ganze Jahr über.“

Damit steht sie auch im Einvernehmen mit den Münchener Pfarrer Markus Rhinow. Trotz seiner theologischen Begründung des Faschings erinnert er sich mit Schaudern an eine Feier, die ihm eindeutig „zu orgiastisch“ war.

Susanne Borée

 


 

Seid Kirche für andere!

So spricht der Herr: Ich bin euren Feiertagen gram und verachte sie und mag eure Versammlungen nicht riechen. Und wenn ihr mir auch Brandopfer und Speisopfer opfert, so habe ich kein Gefallen daran und mag auch eure fetten Dankopfer nicht ansehen. Tu weg von mir das Geplärr deiner Lieder; denn ich mag dein Harfenspiel nicht hören! Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.
Amos 5, 21 - 24

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Unsere Gottesdienste: nur Inszinierung zum Selbstzweck? Kirche sollte stets auch „Kirche für andere“ sein. Beim sehr genauen Hinsehen erkennt man hier einen Eröffnungsgottesdienst zur kirchlichen Hilfsaktion „Brot für die Welt“.   Foto: epd
   

„Damals, im 8. Jahrhundert vor Christus, war vieles wie bei uns heute. Es gab schlimme Naturereignisse, Erdbeben und Dürre, irgendwo in der Ferne schreckte man vor Krieg und Gewalt nicht zurück. Aber im Land selbst – damals in Israel, heute bei uns – herrschten Ruhe und Wohlstand. Vielen ging es gut bis sehr gut. Allerdings klaffte die Schere immer bedrohlicher auseinander zwischen den Reichen mit ihren schönen Luxuswohnungen und den Armen, damals den Bauern, die für ihre Ernte nur einen Hungerlohn erhielten.

Der Prophet Amos ging mit seinem Volk hart ins Gericht. Er stieß bei den Leuten auf Widerspruch: „Du bis ein Nestbeschmutzer. Was willst du denn? Wir sind doch fromm. Wir gehen in den Tempel. Wir feiern Feste. Wir bringen Opfer. Wir machen Musik zur Ehre Gottes. Lass uns in Ruhe!“ Da schleuderte Amos ihnen die größte Anklage ins Gesicht, indem er Gott selbst sagen ließ: „Ich bin euren Feiertagen gram und verachte sie.“

Stellen wir uns vor, Amos würde zu uns so sprechen. Wem würden die Prophetenworte heute gelten? Etwa denen, die Sonntags gerne in die Kirche gehen und denen die christlichen Feste und Lieder noch etwas bedeuten? Oder doch eher jenen – und das ist die Mehrheit im christlichen Deutschland –, die sich zwar über freie Tage an Weihnachten, Ostern und Pfingsten freuen, die aber zum Großteil gar nicht mehr wissen, was da eigentlich gefeiert wird. Tatsächlich lässt gerade das nur wenige Wochen hinter uns liegende Weihnachtsfest Zweifel aufkommen, ob die Hektik und das Getöse und Gedudel wirklich im Sinne des Erfinders ist, oder ob hier nicht die Mahnung angebracht wäre: „Ich verachte eure Feiertage!“

Das hieße in letzter Konsequenz, dass man eigentlich die großen christlichen Feste oder zumindest die zweiten Feiertage, abschaffen müsste, um in aller Stille zum Kern dieser Feste zurückzufinden. Ich weiß, dass die Kirchen sich den Zorn der Menschen, der Gewerkschaften, des Einzelhandels, der Urlaubsorte zuziehen würden, wenn sie mit der Forderung nach Abschaffung der Feiertage an die Öffentlichkeit gingen. Ich glaube auch, dass Amos mit seiner Kritik gar nicht bei den anderen ansetzten wollte, die es nicht besser wissen und die nur das machen, was alle machen.

Vielmehr müssen wir uns als Kirche und Christen selbst einen Spiegel vorhalten lassen und uns fragen: Dienen unsere Gottesdienste mit Liedern, Musik und Opfergaben nur der Selbstbeweihräucherung? Oder lassen wir unsere Herzen und Geldbeutel öffnen für Recht und Gerechtigkeit, für die Menschenrechte weltweit und bei uns? Der in diesen Tagen immer wieder genannte Dietrich Bonhoeffer hat darauf hingewiesen, dass Kirche ihrem Wesen nach „Kirche für andere“ ist. Daran wird das Volk Gottes gemessen, ob es für andere da ist, ob Recht und Gerechtigkeit strömen wie ein nie versiegender Bach, so der Prophet Amos. Durch Christus ist aus dem Bach sogar ein Strom der Liebe geworden. Das können wir an den Sonn- und Festtagen feiern, um uns dann gestärkt denen zuzuwenden, die unsere Hilfe brauchen.

Pfarrer Martin Bogdahn, München
Oberkirchenrat i. R.

Gebet: O Herr, verzeihe uns, wenn wir dir mit unserem Getue auf die Nerven gehen. Zeige und den rechten Weg. Erfülle und mit deiner Gerechtigkeit, dass sie durch uns auf andere überströme. Das bitten wir durch Jesus Christus. Amen.

Lied EG 643: So prüfet euch doch selbst

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