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Ist der "Heidenspaß" nichts für
aufrechte Christen?
Die
alljährliche Maskerade rund um den Fasching wird oft kritisch
beäugt – Eine Gemeinde-Umfrage
„Wenn
wir Karneval als Christen nicht feiern, könnten wir streng
genommen auch nicht Weihnachten festlich begehen.“ Pfarrer
Markus Rhinow aus der Nazarethkirche in München-Bogenhausen
hat eine entschiedene Meinung. Für ihn gibt es keinerlei
Berührungsängste mit dem Mummenschanz. Heidnische
Elemente haben für ihn beide Feste. Doch gerade für
Protestanten gibt es seiner Ansicht nach – getreu der Maxime
Paul Tillichs – keinen Unterschied zwischen weltlicher und
sakraler Sphäre.
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Kinderkarneval:
Welche Gesichter verbergen sich hinter den Masken?
Foto:
epd
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So
tobte in seiner Gemeinde mitten im Gottesdienst der Maskenball. Selbst
er als Pfarrer hängte sich eine rote Pappnase um. Dann durften
sich drei unmaskierte Kinder über ihn lustig machen, bis er
sich weitere Kinder zur Hilfe holte. „Ausgrenzung –
Verschiedenheit – Durchbrechen von Grenzen“ ist
für Markus Rhinow das Thema des diesjährigen
Fasching-Gottesdienstes.
Gerade
wenn wir Menschen unsere
festgefügten Rollen durchbrechen, wie es durch die Maskerade
geschieht, wird unsere Unterschiedlichkeit deutlich. Sie ist von Gott
geschaffen. Jesus selbst durchbricht Grenzen, setzt sich mit den
Ausgestoßenen an einen Tisch. „Fast immer ist es
abwertend gemeint, wenn man davon spricht, dass sich jemand Masken
aufsetze – zumal im christlichen Kontext“, klagt
Markus Rhinow. Für den Seelsorger ist es aber auch eine
Befreiung, wenn Menschen sich in anderen Rollen ausprobieren
können. „Das brave, angepasste Mädchen wird
zur Prinzessin oder zur Piratenbraut.“
Austoben
vor der Passionszeit
Fasching
und Kirche – für viele evangelische
Christen schließt sich das gegenseitig aus. Der bunte
Mummenschanz scheint eher etwas für Katholiken zu sein:
Schließlich toben sie sich – neben den heidnischen
Traditionen der Winteraustreibung – noch einmal richtig aus,
bevor die lange, öde Fastenzeit beginnt. Danach musste in der
mittelalterlichen Kirche der Pfarrer zu Ostern von der Kanzel aus die
Gemeinde mit einer fröhlichen Geschichte mitreißen,
damit sich der „risus paschalis“, das laute
Osterlachen, erhob.
Im
„weltlichen“ Bereich der Faschingsfeiern scheint es
eine
konfessionelle Trennung nicht mehr zu geben. Nachfragen bei
verschiedenen Faschingsvereinen gaben ein einheitliches Bild:
„Das weiß ich doch nicht, wer von unseren
Mitgliedern
evangelisch ist.“ Die Aussage dieses Würzburger
Vorsitzenden
einer Karnevalsgesellschaft steht für viele.
Und
wie sieht es in den protestantischen Gemeinden aus? „Wir
Evangelischen machen zu Fasching nichts. Fragen Sie lieber einmal bei
der katholischen Gemeinde nach“ – so hört
man es
allerorten. In der Rothenburger Heilig-Geist-Gemeinde etwa verweist
Vertrauensfrau Doris Weinreich-Orth auf einen Faschingsball der
katholischen St. Johannis-Gemeinde, zu dem in den vergangenen Jahren
auch evangelische Kirchenvorsteher eingeladen wurden. Aber auch dieser
Ball gehört der Vergangenheit an. Weniger aus
grundsätzlichen
als aus praktischen Erwägungen: „Zuletzt kamen nur
etwa 80
bis 90 Leute. Das lohnt den großen Aufwand der Vorbereitung
nicht.“
Natürlich
gibt es auch Ausnahmen. In der
kleinen
evangelischen Gemeinde Laufach im äußersten
Nordwesten
Bayerns zum Beispiel richtet Monika Bamberg seit 23 Jahren ein
Faschingsfest in dem Seniorenkreis aus. Schunkelmusik und
Büttenreden – im vergangenen Jahr zur
Gesundheitsreform
– bestimmen den Nachmittag nach Kaffee und Kräpple.
Die
Senioren kommen in Verkleidung, „meist mit lustigen
Hütchen“. Tänze im Sitzen und ein
gemeinsames
Abendessen runden den Nachmittag ab. „In der Regel kommen zu
dem
Faschingsnachmittag mehr Besucher als sonst“, so Monika
Bamberg.
Sie weiß nur von einer Frau, die aus grundsätzlichen
Überlegungen heraus nicht kommt.
Sollen
Christen denn lachen?
Nicht
umsonst spricht der Volksmund vom
„Heidenspaß“,
schließlich hätten Christen in diesem Leben nichts
zu
lachen. Der große dänische Religionsphilosoph
Sören
Kierkegaard setzte noch eins drauf: Das Lachen habe in einer Religion,
die das Leiden so sehr betont wie das Christentum, keinen Raum.
Berndt
Mokros, Pastor in der Freikirchlichen Gemeinde in Rothenburg ob der
Tauber, weist demgegenüber auf „wahre Freude und
echten
Spaß“ der Christen hin. „Bei Gott kann
man so sein,
wie man ist. Trotzdem ist man von ihm angenommen“,
erklärt
er.
In
ähnlicher Weise war für Martin Luther der
Satan ein
Geist der Traurigkeit und Gott der Geist der Freude. Und in Umberto
Eccos berühmten Roman „Der Name der Rose“
ruft William
seinem Gegenspieler, dem gebildeten, aber fanatischen Mönch
Jorge
zu, bevor das Kloster zu einem Flammenmeer wird: „Der Teufel
ist
nicht der Fürst der Materie, der Teufel ist die
Anmaßung des
Geistes, der niemals vom Zweifel erfasst wird.“
Im
Einklang
dazu
erklärt der jüdische Religionsphilosoph Martin Buber:
„Wenn ein Mensch nur Glauben hat, steht er in Gefahr, bigott
zu
werden. Hat er nur Humor, läuft er Gefahr, zynisch zu
werden.“ Sein Kollege Jakob Petuchowski verurteilte Theologie
ohne Humor sogar als Gotteslästerung.
Denn
auch im Judentum
gibt
es den Mummenschanz: das Purimfest, die zweite große Wurzel
des
Faschings. Die Rettung vor der Vernichtung des Volkes durch den Hass
des persischen Potentaten Haman ist Anlass für dieses befreite
Fest voller Verkleidung und Lärmen.
Wie
für Markus
Rhinow ist
für Berndt Mokros das Thema der Masken zentral.
„Fasching
ist ein Spiegelbild unserer Gesellschaft“, meint der
freikirchliche Pastor. „Wir tragen unzählige Masken.
Und
wenn wir aus uns herausgehen wollen, brauchen wir eine weitere
–
diesmal reelle – Larve, hinter der wir uns
verstecken.“ In
diesem Sinne gestaltet auch seine Frau Molly ein Treffen zum Thema
„Wenn die Masken fallen...“
Indessen
thematisiert Linda Hackbarth, Predigerin in der Rothenburger
Landeskirchlichen Gemeinschaft, das Fest in ihrer Gemeinde nicht. Denn
es bestünde kein großes Interesse daran,
„obwohl ein
Kinderfasching natürlich eine schöne Sache
ist“.
Kritisch sieht sie es dann, wenn „das Fest zu einem Anlass
für Alkoholmissbrauch gerät. Aber eine solche Gefahr
besteht
natürlich das ganze Jahr über.“
Damit
steht
sie auch im
Einvernehmen mit den Münchener Pfarrer Markus Rhinow. Trotz
seiner
theologischen Begründung des Faschings erinnert er sich mit
Schaudern an eine Feier, die ihm eindeutig „zu
orgiastisch“
war.
Susanne Borée
Seid Kirche für andere!
So
spricht der Herr: Ich bin euren Feiertagen gram und verachte sie und
mag eure Versammlungen nicht riechen. Und wenn ihr mir auch Brandopfer
und Speisopfer opfert, so habe ich kein Gefallen daran und mag auch
eure fetten Dankopfer nicht ansehen. Tu weg von mir das
Geplärr deiner Lieder; denn ich mag dein Harfenspiel nicht
hören! Es ströme aber das Recht wie Wasser und die
Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.
Amos 5,
21 - 24
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Unsere
Gottesdienste: nur Inszinierung zum Selbstzweck? Kirche sollte stets
auch „Kirche für andere“ sein. Beim sehr
genauen Hinsehen erkennt man hier einen Eröffnungsgottesdienst
zur kirchlichen Hilfsaktion „Brot für die
Welt“.
Foto:
epd
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„Damals,
im 8. Jahrhundert vor Christus, war vieles wie bei uns heute. Es gab
schlimme Naturereignisse, Erdbeben und Dürre, irgendwo in der
Ferne schreckte man vor Krieg und Gewalt nicht zurück. Aber im
Land selbst – damals in Israel, heute bei uns –
herrschten Ruhe und Wohlstand. Vielen ging es gut bis sehr gut.
Allerdings klaffte die Schere immer bedrohlicher auseinander zwischen
den Reichen mit ihren schönen Luxuswohnungen und den Armen,
damals den Bauern, die für ihre Ernte nur einen Hungerlohn
erhielten.
Der Prophet Amos
ging mit seinem Volk hart ins Gericht. Er stieß bei den
Leuten auf Widerspruch: „Du bis ein Nestbeschmutzer. Was
willst du denn? Wir sind doch fromm. Wir gehen in den Tempel. Wir
feiern Feste. Wir bringen Opfer. Wir machen Musik zur Ehre Gottes. Lass
uns in Ruhe!“ Da schleuderte Amos ihnen die
größte Anklage ins Gesicht, indem er Gott selbst
sagen ließ: „Ich bin euren Feiertagen gram und
verachte sie.“
Stellen wir uns
vor, Amos würde zu uns so sprechen. Wem würden die
Prophetenworte heute gelten? Etwa denen, die Sonntags gerne in die
Kirche gehen und denen die christlichen Feste und Lieder noch etwas
bedeuten? Oder doch eher jenen – und das ist die Mehrheit im
christlichen Deutschland –, die sich zwar über freie
Tage an Weihnachten, Ostern und Pfingsten freuen, die aber zum
Großteil gar nicht mehr wissen, was da eigentlich gefeiert
wird. Tatsächlich lässt gerade das nur wenige Wochen
hinter uns liegende Weihnachtsfest Zweifel aufkommen, ob die Hektik und
das Getöse und Gedudel wirklich im Sinne des Erfinders ist,
oder ob hier nicht die Mahnung angebracht wäre: „Ich
verachte eure Feiertage!“
Das hieße
in letzter Konsequenz, dass man eigentlich die
großen christlichen Feste oder zumindest die zweiten
Feiertage, abschaffen müsste, um in aller Stille zum Kern
dieser Feste zurückzufinden. Ich weiß, dass die
Kirchen sich den Zorn der Menschen, der Gewerkschaften, des
Einzelhandels, der Urlaubsorte zuziehen würden, wenn sie mit
der Forderung nach Abschaffung der Feiertage an die
Öffentlichkeit gingen. Ich glaube auch, dass Amos mit seiner
Kritik gar nicht bei den anderen ansetzten wollte, die es nicht besser
wissen und die nur das machen, was alle machen.
Vielmehr
müssen wir uns als Kirche und Christen selbst einen Spiegel
vorhalten lassen und uns fragen: Dienen unsere Gottesdienste mit
Liedern, Musik und Opfergaben nur der Selbstbeweihräucherung?
Oder lassen wir unsere Herzen und Geldbeutel öffnen
für Recht und Gerechtigkeit, für die Menschenrechte
weltweit und bei uns? Der in diesen Tagen immer wieder genannte
Dietrich Bonhoeffer hat darauf hingewiesen, dass Kirche ihrem Wesen
nach „Kirche für andere“ ist. Daran wird
das Volk Gottes gemessen, ob es für andere da ist, ob Recht
und Gerechtigkeit strömen wie ein nie versiegender Bach, so
der Prophet Amos. Durch Christus ist aus dem Bach sogar ein Strom der
Liebe geworden. Das können wir an den Sonn- und Festtagen
feiern, um uns dann gestärkt denen zuzuwenden, die unsere
Hilfe brauchen.
Pfarrer
Martin Bogdahn, München
Oberkirchenrat i. R.
Gebet: O
Herr, verzeihe uns, wenn wir dir mit unserem Getue
auf die Nerven gehen. Zeige und den rechten Weg. Erfülle und
mit deiner Gerechtigkeit, dass sie durch uns auf andere
überströme. Das bitten wir durch Jesus Christus. Amen.
Lied
EG 643: So prüfet euch doch selbst
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