Evangelisches Sonntagsblatt aus Bayern
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Hier lesen Sie das Thema der Woche, das sich auf der Seite 3 der aktuellen Sonntagsblatt-Ausgabe befindet, und die wöchentliche Andacht. (Heft 2)

„Du, Michael?“ oder „Sie, Herr Pfarrer?“

Die vertrauliche Anrede in der Kirchengemeinde: Drückt ein „Sie“ mehr Respekt vor dem Amt aus?

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Das „Du“ zwischen Mitarbeitenden und Pfarrerinnen oder Pfarrern ist in manchen Gemeinden selbstverständlich. Ist diese Beziehung gewachsen, können die Gemeindeglieder meistens damit gut umgehen. Foto: Bek-Baier
   

„Du, Sabine!“ oder „Du, Michael!“: Anredeformen für Pfarrerinnen oder Pfarrer, die für manche Gemeindeglieder undenkbar wären. Für andere ist das vertrauensvolle „Du“ zu ihrem Pfarrer ganz selbstverständlich. Ein Thema, dass in den Gemeinden ganz unterschiedlich gesehen wird: Darf oder soll man sich in der Kirchengemeinde untereinander und insbesondere mit der Pfarrerin oder dem Pfarrer duzen? Ist Distanz erwünscht oder störend im Miteinander in der Gemeinde? Für manchen hängt der Respekt vor der Pfarrerin oder dem Pfarrer und dem Amt an der förmlichen Anrede „Sie“. Das „Du“ ist ungezwungener und baut Distanz ab. Die Frage ist, welches Pfarrerbild man hat. Was ist üblich, wie sehen es Amtsvertreter und wie Gemeindeglieder?
„Man ist geneigt, zu denen, mit denen man ständig zu tun hat, ,Du‘ zu sagen“, so Dekan i.R. Wolfgang-Jürgen Stark aus Günzburg. Als Pfarrer sei man aber das Gegenüber der ganzen Gemeinde. „Dann kann es geschehen, dass argwöhnisch beobachtet wird, mit wem der Pfarrer per ,Du‘ ist und mit wem nicht“, so Stark. Natürlich wird dann von den Gemeindegliedern bald überlegt: „Warum duzt er den oder die und mich nicht?“ Eine Pfarrerin oder ein Pfarrer vertritt ein Amt. Viele Menschen wollen sich den Respekt vor dem Amt bewahren. Da gibt es vor allem Unterschiede zwischen dem Dorf und der Stadt. Am Dorf duzen sich die meisten Leute untereinander. Ein Pfarrer freut sich dann sehr, wenn er mit „Du“ angesprochen wird und damit dazugehört. „In der Stadt sieht es ganz anders aus“, so Stark.

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In einer Kirchengemeinde arbeiten oft Jung und Alt zusammen oder begegnen sich auf Veranstaltungen. Ein „Du“ kann die Bais für vertrauensvolle Zusammenarbeit schaffen. Foto: epd
   

„Man kann da keine generelle Linie festlegen. Es ist sehr situationsabhängig, wie man sich begegnet“, findet Gemeindeglied und Synodaler Walter Schnell, der Bürgermeister in der Gemeinde Kammerstein (Dekanat Schwabach) ist. Das „Du“ und „Sie“ habe mit dem Wertschätzen einer Person und der Ehrerbietung, die man sich entgegenbringt, nichts zu tun. Man könne sehr viel Respekt für jemanden empfinden und ihn dennoch mit „Du“ anreden, und andersherum gälte dasselbe. „Wenn ein Pfarrer allerdings neu in eine Gemeinde kommt, und er würde als allererstes von der Kanzel verkünden: ,Ihr könnt du zu mir sagen‘, dann würde der Großteil der Gemeinde nichts damit anfangen können“, vermutet der Synodale.

Genau dieses Thema bespricht Martin Hoffmann, Rektor am Predigerseminar Nürnberg, stets zu Beginn des Vikariats mit den angehenden Pfarrerinnen und Pfarrern. Er rät seinen Vikarinnen und Vikaren, zuerst eine ganz klare Arbeitsstruktur herzustellen: Zuständigkeiten, die eigenen Kompetenzen, die neue Rolle und eben auch Beziehungen zu den Menschen in einer Gemeinde sind aufzubauen. „Jeder Zug fährt langsam an, starten Sie daher nicht mit dem ,Du‘ , sondern versuchen Sie zunächst Strukturen zu schaffen“, sei der Satz, mit dem er dieses Thema dem Theologennachwuchs vermittele. Auch viele Mentoren, die Lehrpfarrer der Vikarinnen und Vikare, würden die Rollen unsauber vermischen. „Sie möchten der Freund des Vikars sein, bieten gleich zu Anfang das ,Du‘ an und vergessen, dass sie vor allem Dienstvorgesetzte sind“, sagt Hoffmann. Im Konfliktfall erschwere das kumpelhafte Verhalten solcher Mentoren der Aufarbeitung eines Problems, das ansonsten auf der Sachebene bearbeitet werden könnte. Hoffmann schließt aber keineswegs aus, dass Pfarrerinnen und Pfarrer sich mit Gemeindegliedern duzen. „Wenn Beziehungen und Strukturen gewachsen sind und es auf einem Dorf üblich ist, sich zu duzen, wird das ohne größere Probleme möglich sein und akzeptiert werden“, weiß der Rektor.

„Wenn sich ein Pfarrer mit Ehrenamtlichen auf den Weg begibt, und im Zuge des Miteinanders ergeben sich gute Gespräche und es entwickelt sich eine Vertraulichkeit, wäre es nicht natürlich, wenn man nicht zum vertrauten ,Du‘ finden würde“, sagt auch Walter Schnell. Es gebe Menschen, die auf Grund ihrer Sozialisation Probleme damit hätten, zu einem Pfarrer, einem Vorgesetzten oder einem Bürgermeister „Du“ zu sagen. Denen sollte man es nicht aufdrängen, so Schnell. Das respektvolle „Sie“ könne auch mit viel Zuneigung verbunden sein, sagt der Bürgermeister.
Nicht so einfach ist es mit der korrekten Anrede im Umgang mit Jugendlichen. In der Jugend und der Jugendarbeit duzt man sich vorwiegend. Viele junge Menschen empfinden das „Sie“ als distanzierend und viel zu förmlich. Spricht sie ein Erwachsener – hier der Pfarrer, die Pfarrerin – mit „Sie“ an, fühlen sie sich laut einer Untersuchung nicht innerlich betrofffen. In einem gewissen Alter halten Jugendliche das „Sie“ für sich auch für nicht angemessen, obwohl in der Schule das „Sie“ für Schülerinnen und Schüler ab dem 16. Lebensjahr gilt. Gelingt es erwachsenen Mitarbeitern oder Pfarrerinnen und Pfarrern, ein Vertrauensverhältnis zu Jugendlichen aufzubauen, dann ist ein „Du“ vertrauensfördernd.

„Aber da gab es auch einen Fall, bei dem eine Religionspädagogin sich mit den Jugendlichen in der Jugendgruppe geduzt hatte. Als sie die Jugendlichen dann in der Schule hatte, gab es gewaltige Probleme. Die aus der Gruppe duzten sie, und die anderen mussten ,Sie‘ sagen“, erinnert sich Wolfgang-Jürgen Stark.

„Ich hab es meistens so gemacht, dass ich alle mit ,Sie‘ angeredet habe“, sagt der ehemalige Dekan. „Wenn ich dann von einer Pfarr- oder Dekansstelle weggegangen bin, habe ich denen, zu denen sich eine Beziehung aufgebaut hatte, erst das ,Du‘ angeboten. Auch mit den Kollegen im Pfarrkapitel habe ich das so gehalten.“ Ausnahme habe er einzig bei einem Kollegen gemacht, mit dem ihn eine jahrzehntelange Freundschaft verband. Es sei nicht immer leichtgefallen, das durchzuhalten, zumal zwischen gleichaltrigen und gleichrangigen Menschen.

Rektor Hoffmann stimmt diesen Argumenten „im Prinzip“ zu. „Aber das Leben läuft meistens nicht nach Prinzipien, und wenn Beziehungen wachsen, dann wird das ,Du‘ unvermeidbar sein – man kann sowas nicht gesetzlich fassen!“

Martin Bek-Baier

 


 

Glauben, Denken und Handeln

„Auch ich, liebe Brüder, als ich zu euch kam, kam nicht mit hohen Worten und hoher Weisheit, euch das Geheimnis Gottes zu verkündigen. Denn ich hielt es für richtig, unter euch nichts zu wissen als allein Jesus Christus, dem Gekreuzigten. Und ich war bei euch in Schwachheit und in Furcht und mit großem Zittern, und mein Wort und meine Pre-digt geschahen nicht mit überredenden Worten menschlicher Weisheit, sondern in Erweisung des Geistes und der Kraft, damit euer Glaube nicht stehe auf Menschenweisheit, sondern auf Gottes Kraft.
1. Korinther 2, 1–5

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Die Wahl des Paulus zwischen Menschenwerk und Gott ist klar: Jesus Christus, auf dessen Kraft und Geist verlässt er sich. Foto: M. Noack
   

Einen scharfen Gegensatz reißt Paulus in diesen Versen auf. Auf der einen Seite, so kann man es deuten, stehen die Menschen – mit ihrer Weisheit und Philosophie, mit Schwachheit, Furcht und Zittern. Dem gegenüber steht auf der anderen Seite Jesus Christus allein, sein Geist und seine Kraft. Bemerkenswert, dass sich Paulus dabei so stark gegen alle menschliche Weisheit und Redekunst stellt! Das wird von den Glaubensauseinandersetzungen seiner Zeit geprägt sein: Paulus stellt den Glauben an Jesus Christus in einen krassen Gegensatz zu den damaligen Philosophien, Lehren und Weisheiten. Die stuft er als Menschenwerk ein. Und wenn er dann wählen muss zwischen Menschenwerk und Gott, ist seine Wahl klar: Jesus Christus. Lieber verlässt er sich auf dessen Kraft und Geist statt auf jede noch so brillante Religion, Logik und Ethik, die menschliche Vernunft ersinnt. Warum? „Damit euer Glaube nicht stehe auf Menschenweisheit, sondern auf Gottes Kraft.“

Damit entzieht er den Glauben an Jesus Christus der intellektuellen Beweisführung. Keine Logik der Welt wird Gott begreifen oder beweisen können. Und in der Tat gibt keine zwingenden Argumente menschlicher Vernunft, mit der man beweisen könnte: Nur Jesus Christus ist Gott, jeder andere Glaube sei unlogisch, falsch gedacht und deshalb nicht überzeugend. Glaube ist ein Geschenk, gegeben aus Gottes Geist und Kraft; danach freilich greift der menschliche Verstand. Er tastet sich immer neu suchend an die Wahrheit Gottes heran, so gut er es kann.

Das gilt für alle Religionen. Aber keine noch so kluge Rede wird die Überzeugungskraft ersetzen, die ein tief gläubiger Mensch ausstrahlt, dieses Geschenk Gottes, das er oder sie von Herzen weitergibt. So sind diese Verse kein Freifahrtschein für einen biblizistischen Glauben, der den Verstand ausschaltet; sie liefern auch keine Begründung dafür, ein Glaubensgespräch, eine Andacht oder eine Predigt mit wirren Worten und nebulösen Zusammenhängen zu halten. Paulus betont, dass ihre Grundla- ge der Glaube sein muss. Und auf dieser Grundlage hat er sich selbst oft mit scharfem Verstand mit den Weisheiten seiner Zeit auseinandergesetzt. Diese Aufgabe stellt sich uns bis heute. Zum Beispiel in der Auseinandersetzung um die Verwendung embryonaler Stammzellen in der Forschung. Oder im kirchlichen Beharren auf Gerechtigkeit und Verantwortung, wenn Unternehmen fantastischeGewinne ausweisen und gleichzeitig Menschen in die Arbeitslosigkeit stürzen. Hier gilt es, auf dem Boden des Glaubens beherzt und mit klaren Argumenten im Sinne Jesu für die Schwachen einzutreten.

Pfarrer Frank Nie, Nürnberg

Gebet: Guter Gott, wir bitten dich: schenke uns den Glauben. Offenbare uns deine Herrlichkeit jenseits der Grenzen unseres Denkens. Begabe uns, mit klaren Worten und Taten als Zeuginnen und Zeugen Jesu Christi zu leben. Amen.

Lied EG 398: In dir ist Freude in allem Leide

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