Evangelisches Sonntagsblatt aus Bayern
Grüß Gott, willkommen auf den Internet-Seiten des Evangelischen Sonntagsblattes aus Bayern.
Hier lesen Sie das Thema der Woche, das sich auf der Seite 3 der aktuellen Sonntagsblatt-Ausgabe befindet, und die wöchentliche Andacht. (Heft 1)

Heimat und Welt

Größerer Überblick oder tieferer Einblick?

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Beschauliche Idylle einer Kleinstadt oder doch enge Verhältnissse? Wer nur das große Ganze im Blick hat, kann den tieferen Eindruck verlieren. Fotos: imago
   

Dass die einstmals große, weite Welt ziemlich klein geworden ist, wissen heute schon die Kinder. Sie wird überschaubar auf dem Bildschirm des Fernsehapparats und Computers. Weltweites Wissen lässt sich in beliebiger Menge mitteilen und abrufen. Menschen können jederzeit miteinander in Verbindung treten, auch wenn sie sich persönlich nicht kennen. Und mit dem Flugzeug lassen sich selbst entfernte Ziele in verhältnismäßig kurzer Zeit erreichen. „Globalisierung“ ist heute ein viel gebrauchter Ausdruck. Er steht dafür, dass die Erde so etwas wie ein Dorf ist und beinahe alles Geschehen miteinander verknüpft werden kann.
Doch die Sache hat auch eine andere Seite. So kann der Blick auf das weltweite Wissen, durch das große Fenster des Internets jederzeit möglich, verwirrend sein. „Wir leben im Zeitalter der Verdrehung“, schrieb vor kurzem die amerikanische Zeitung „The New York Times“. Sie stellte fest, dass die ungeheure Menge des zur Information angebotenen Stoffs kaum noch zu kontrollieren ist. Ähnliches gilt für die Kommunikation. Wer sich auf E-Mail eingelassen hat, kann auch von allen Seiten angegangen, erreicht und sogar geschädigt werden.

Heimat heißt Verantwortung

Andere Kehrseiten der Globalisierung sind noch bedenklicher. So breiten sich durch den ständig wachsenden Verkehr gefährliche Infektionskrankheiten schneller aus. Und mit der Angst vor Epidemien geht es ebenso. Verstärkt durch die Massenmedien gerät sie leicht zur weltweiten Hysterie. Ernst zu nehmende Befürchtungen ergeben sich auf Grund der wirtschaftlichen Verflechtungen. International aufgestellte Unternehmen beherrschen als „global players“ die Märkte. Das hat nicht nur Folgen für das Angebot von Waren. Viel einschneidender sind die Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt. Die Produktion wird oft dorthin verlagert, wo sie am billigsten ist. Entscheidungen werden in den obersten Etagen gefällt, wo man dem Vernehmen nach immer das große Ganze im Auge hat. Das Sprichwort „Geld regiert die Welt“ traf wohl nie mehr zu als in der Gegenwart. Auch die politisch Regierenden haben sich an den Blick von oben herab gewöhnt. Die Folge ist eine Großzügigkeit, der die Bodenhaftung fehlt, also das Wissen um die Bedürfnisse und Anliegen der einzelnen Menschen. Es ist heute ein Thema, ob diese einzelnen noch wichtig sind in einer Welt, die zu Beginn des Jahres 2006 wohl 6,5 Milliarden solcher Exemplare zählt. Ob überhaupt noch Platz bleibt für jeden einzelnen Menschen – nicht nur, was seine materiellen Lebensbedürfnisse anbetrifft? Ist er auf dieser großen, weiten Welt irgendwo daheim?

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Wer nur das große Ganze im Blick hat, kann den tieferen Eindruck verlieren. Fotos: imago
   

Es lässt sich darüber streiten, ob die letzte Frage Sinn macht. Das Wort Heimat hat für viele einen altertümlichen Klang. Sie denken dabei an Trachten und Traditionsvereine, vielleicht auch an enge Verhältnisse. Unter Heimat ist die Umwelt zu verstehen, mit der ein Mensch durch Geburt und Lebensumstände verwachsen ist. Dazu gehören äußere Dinge wie ein Haus, eine Landschaft, Städte und Dörfer. Doch vor allem umfasst Heimat geistige Werte, die das Zusammenleben bestimmen, wie Sprache, Recht, Sitte, Kunst und die Religion. Es gibt Heimat im engeren Sinn von Familie, und Wohnort. Aber es gibt auch die weitere Heimat eines ganzen Landes mit seinen politischen und wirtschaftlichen Umständen und seiner Geschichte. In der Heimat hat der einzelne Rechte. Heimat bedeutet aber auch die Übernahme von Pflichten und das Wissen, für vieles zuständig und verantwortlich zu sein. Die Beziehung zur Heimat lässt sich verstandesmäßig bestimmen, ist aber auch im Gefühl verankert. In seiner Heimat fühlt sich ein Mensch wohl und geborgen, ja er kann sie sogar lieben. „Nun Ade, du mein lieb Heimatland“, sangen im 19. Jahrhundert die deutschen Auswanderer, und der Abschied fiel ihnen schwer.

Im Grunde sind das Selbstverständlichkeiten, zumindest waren sie es bisher. Haben sie im Zeitalter weltweiter Vernetzungen noch Gültigkeit? Man sollte sich die Antwort auf eine solche Frage nicht zu leicht machen. Sie wird auch nicht eindeutig ausfallen. Öfter als früher müssen oder wollen Menschen ihre gewohnten Lebensräume verlassen und sich anderswo eine Bleibe schaffen. Besonders in den großen Städten treffen Menschen verschiedenster Herkunft zusammen. Viele Länder haben ihre Grenzen durchlässiger gemacht. Aber es zeigt sich auch und zunehmend mehr, dass es für ein gutes Zusammenleben von Menschen einen engeren Rahmen geben muss. Eine kleinere Welt, die für die einzelnen überschaubar ist. Wo sie sich nahe kommen im Guten und manchmal auch im Schlimmen. Wo es um Bescheidwissen geht, aber auch um Verständnis und Erfahrung im Umgang miteinander. Nur dann lassen sich Aufgaben erkennen und gemeinsam lösen. Und es gibt Verantwortung nicht nur als schönen Anspruch und von oben herab, sondern für den nahen Mitmenschen mit seinen Qualitäten und Problemen.

„Geht hin in alle Welt...“

Ein solch neues Verständnis von Heimat widerspricht dem früheren nicht, sondern bedeutet seine Ausweitung. Es kann helfen, die fragwürdigen Seiten der Globalisierung zu erkennen und zu korrigieren, sich aber auch ihrer guten Möglichkeiten zu bedienen. Heimat und Welt gehören heute mehr denn je zusammen. Auch anderswo haben Menschen das Recht auf ihre Heimat mit allem was dazu gehört. Das zu verstehen und Menschen im Notfall dabei zu helfen, ist eine Aufgabe. Sie wird in unseren Tagen mehr als früher gesehen. Hier lohnen sich die globalen Vernetzungen. Die Tsunami-Katastrophe vor einem Jahr machte das deutlich. In weiten Teilen der Welt fühlten Menschen mit den Betroffenen, deren Lebensraum zerstört worden war. Eine vorher noch nie da gewesene Hilfe setzte ein, damit dort Heimat wieder möglich wird.
Für die christliche Kirche lagen die großen Zusammenhänge von Anfang an im Blick. „Geht hin in alle Welt“ lautet im Matthäusevangelium der Auftrag des auferstandenen Christus an die Jünger. Der Apostel Paulus war auf seinen Missionsreisen innerhalb des römischen Weltreiches von Land zu Land unterwegs. Dabei kümmerte er sich intensiv um die einzelnen Gemeinden mit ihren überschaubaren Verhältnissen. Die Gläubigen durften sich in dieser engeren Gemeinschaft aufgehoben und verantwortlich wissen. Sie sollten aber auch das Ganze, die „Ökumene“, im Auge haben. Dabei gilt für Christen die wichtige Einschränkung, dass es für sie auf der Welt immer nur vorläufige Heimat gibt. „Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir“, heißt es im Hebräerbrief. Das ist keine Abwertung der Formen menschlichen Zusammenlebens hier auf Erden. Es ist ein Vorbehalt, den Heimat und Welt und ihr Verhältnis zueinander immer brauchen.

Christoph Schmerl

 


 

Versprechen Gottes für das neue Jahr

„Ich lasse dich nicht fallen und verlasse dich nicht.
Josua 1, 5b

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Wenn ich mich in den Glauben an Gott "hineinhänge" wie in einen Gleitschirm, dann werde ich selbst im Stürzen von ihm gehalten. Foto: Imago
   

Mit diesem Satz bekommt das neue Jahr 2006 sein biblisches Wortgeländer. Die Jahreslosung ist etwas zum Festhalten, wenn die Wege auf und ab, sonnenbeschienen und in kaltem Schatten, auf moosweichem oder steinigem Boden verlaufen.

Den geschichtlichen Hintergrund für den Vers gibt die Wanderung der Kinder Israels aus der Sklaverei Ägyptens ins Gelobte Land ab. Mose war gestorben und Josua übernimmt die Führung. Ihm wird dieser Satz wie ein Versprechen Gottes gegeben: Ich lasse dich nicht fallen und verlasse dich nicht. Das soll ihm Mut geben für den Weg, der vor ihm liegt. Vor uns liegt wieder ein neues, noch kaum betretenes Zeit-Land. Viele Wege, die wir gehen, werden uns vertraut sein von früher, manche werden wir noch nie beschritten haben. Die Jahreslosung bietet sich da als Geländer an: Greif auf mich zurück, wenn du wacklige Knie bekommst!

Aber kann die Jahreslosung tatsächlich halten, was sie verspricht? Ich habe ein skeptisches Verhältnis zu vollmundigen Versprechen. Ich erfahre immer wieder von Menschen, die fallen gelassen oder verlassen werden. Da trennen sich Eheleute nach über 25 Jahren gemeinsamen Lebens. Da lässt die Werbebranche einen Sportler fallen, weil er nicht mehr die Top-Leistung bringt oder sich etwas hat zuschulden kommen lassen. Da geht eine "Freundschaft' in die Brüche, weil der andere nur solange ein "Freund" war, solange er etwas genützt hat. Da entlässt ein Konzern Tausende von Arbeitnehmern in die Arbeitslosigkeit, weil woanders billiger produziert werden kann. „Ich lasse dich fallen“ ist die Quintessenz dieser Beispiele.

Was gibt uns also das Recht, die Bibel mit ihrem Versprechen ernster zu nehmen? Ich lese deshalb in der Bibel weiter und erfahre, dass auch ein Josua nicht auf Händen getragen wird und dass sein Weg nicht am Milch- und Honig-See vorbei führt; dass im Gelobten Land viel Tadelnswertes geschieht und dass dem Gerechten nicht nur Gerechtigkeit zuteil wird. Und dennoch das kühne Versprechen der Jahreslosung. Wir vertrauen darauf, dass unser Leben in der Dimension Gottes geschieht, Tage und Nächte, Gesundheit und Krankheit, Leben und Tod. Wenn ich mich in diesen Glauben "hineinhänge" wie in einen Gleitschirm, dann werde ich selbst im Stürzen gehalten. Das Aufkommen auf dem Boden der Tatsachen bleibt mir zwar nicht erspart, aber ich weiß, dass der Himmel gehalten hat, auch sein Versprechen, und dass sich dieser Himmel über all dem irdischen Geschehen weiterhin wölben wird, auch 2006.

Peter Noack, Rothenburg

Wir beten: Der du allein der Ewge heißt und Anfang, Ziel und Mitte weißt im Fluge unsrer Zeiten: bleib du uns gnädig zugewandt und führe uns an deiner Hand, damit wir sicher schreiten.

Lied EG 58: Nun lasst uns gehen und treten.

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