Evangelisches Sonntagsblatt aus Bayern
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(Heft 30)

Mobilfunksender: ungefährlich oder riskant?

Immer mehr bayerische Mediziner erheben warnend ihre Stimme

Evangelisches Sonntagsblatt
 
"Stoppt den Ausbau des Mobilfunknetzes!" - so die aktuelle Forderung von immer mehr Medizinerinnen und Medizinern. Foto: Wodicka
   

Als das Evangelische Sonntagsblatt in der Pfingstausgabe einen Artikel über die Problematik von Mobilfunkmasten auf Kirchtürmen brachte, war die Reaktion in Leserkreisen heftiger als gewöhnlich. Befürwortende und kritische Leserbriefe zeugten von einem starken, aber gespaltenen Echo. Grund genug, sich des Themas nochmals anzunehmen - zumal inzwischen auch immer mehr Ärzte und Mediziner zu Warnern werden.

Anfangsverdacht eingeräumt

In einer katholischen Gemeinde bei Bamberg konnte jetzt der Abbau einer Mobilfunk-Sendeanlage vom Kirchturm für nächstes Jahr durchgesetzt werden. Neue Anlagen auf Kirchtürmen sollen im gesamten Bistum nicht mehr errichtet werden. Beruhen solch exemplarische Entscheidungen letztlich auf Hysterie, oder sind sie ein Zeichen von Besonnenheit? Wer das entscheiden will, muss sich über die Fakten informieren. Die aber seien nicht "eindeutig", hört man immer wieder. So hat beispielsweise die Initiative "Mobilfunk in Bayern", die mit Netzbetreibern zusammenarbeitet, im Blick auf das kürzlich in Bayern gescheiterte Volksbegehren zu Mobilfunk-Sendemasten den Vorwurf erhoben, es würden Ängste der Bürger intrumentalisiert. Und die Programmgruppe "Mensch Umwelt Technik" (MUT) des Forschungszentrums Jülich hat vom September 2003 bis zum April 2005 einen wissenschaftlichen Dialog durchgeführt, der in das Resultat mündete: Der Verdacht habe sich nicht erhärtet, dass die elektromagnetischen Felder des Mobilfunks gesundheitsschädliche Wirkungen hätten. Demnach verursachen hochfrequente Felder dieser Art in Tierversuchen weder Krebs noch Krebswachstum.
Weiter stellten die Gutachter fest, die experimentell gefundenen Wirkungen des Mobilfunks aufs zentrale Nervensystem seien ohne erkennbare Nachteile für die Gesundheit. Gleiches gelte für die Hinweise auf Erbgut-Schäden. Da keine Schädigung der Zellen entstehe, könne aus den Ergebnissen keine Gefährdung der Gesundheit abgeleitet werden. Im Übrigen ergeben sich für die meisten Befindlichkeitsstörungen, ausgenommen Kopfschmerz, aus Sicht der Gutachter so schwache Befunde, dass eine Bewertung kaum möglich sei.
Als Gutachter oder Berater hatte MUT 25 Experten aus der Schweiz und aus Deutschland gewonnen, die sich durch eigene Forschungsarbeiten ausgewiesen hatten. Inhaltlich konnten durch das Dialogverfahren in einigen Bereichen Klärungen erzielt werden. In anderen Bereichen jedoch - so heißt es - blieben "Widersprüche und Unklarheiten bestehen, die Forschungs-bedarf anzeigen." Also keine eine Rundum-Entwarnung! MUT räumt unter der Internet-Adresse www.emf- risiko.de ein: "Die Frage einer besonderen Empfindlichkeit (Elektrosensibilität) von Personen gegenüber den elektromagnetischen Feldern des Mobilfunks konnte nicht abschließend geklärt werden. Zwar finden sich in den Untersuchungen keine Befunde, die für eine solche besondere Empfindlichkeit sprechen, sie kann aber auch nicht sicher ausgeschlossen werden. Aus dem gleichen Grund kann auch nicht beurteilt werden, ob sich bei kranken Personen möglicherweise Wirkungen ergeben können."
Weiter heißt es: "Die Befunde der epidemiologischen Untersuchungen zu Krebs sind zum Teil widersprüchlich. Deshalb kommen die Gutachter zu unterschiedlichen Bewertungen: Einerseits zu der Einschätzung, dass ein krebsfördernder Effekt eher nicht zu erwarten ist, andererseits zu dem Urteil, dass es einen vagen Anfangsverdacht gibt. Die Wissenschaftler waren sich aber einig, dass nach wenigen Jahren der Handynutzung noch keine erhöhten Tumorrisiken zu erwarten sind." Was gilt nun: "Anfangsverdacht" oder nicht erhärteter Verdacht?

300 Ärzte in Franken warnen

Ärzte und Ärztinnen machen sich indessen zunehmend Sorgen, weil sich seit Jahren in der Nähe von Mobilfunkanlagen Krankheitsfälle häufen und sich Studien mehren, die auf eine schädigende Wirkung elektromagnetischer Strahlung hindeuten. Gleichwohl schreitet der Ausbau des Mobilfunknetzes weiter voran. Schließlich sollen mit der Einführung der UMTS-Technik flächendeckende Hochfrequenzfelder ein störungsfreies Telefonieren, Internet-Surfen und SMS-Verschicken auch in den hintersten Winkeln und tiefsten Kellern des Landes ermöglichen. Kann aber "ein Staat, der mit der Vergabe von UMTS-Lizenzen 50 Milliarden Euro eingenommen hat, seine Bürger noch verlässlich vor den Risiken dieser Technik schützen?" So fragten die bayerischen Journalisten Thomas Grasberger und Franz Kotteder in ihrem Buch "Mobilfunk. Ein Freilandversuch am Menschen" (2003).
In letzter Zeit haben sich immer mehr Ärzte und Ärztinnen in Bayern dem "Bamberger Appell" (2004) angeschlossen, der im Kern auf den "Freiburger Appell" (2002) zurückgeht. Allein in Oberfranken haben über 300 Ärzte unterschrieben - ob aus Hof, Bayreuth, Coburg oder Lichtenfels - und es werden derzeit immer noch mehr! Das sind Zahlen, die ernst genommen werden müssen. All diese Ärzte fordern, dem "Schutz von Leben und Gesundheit von uns allen wieder gebührenden, grundgesetzlich garantierten Wert einzuräumen und sofort zu handeln." Deshalb lautet die erste Forderung im Bamberger Appell: "Kein freiwilliger Ausbau der Mobilfunktechnologie, denn es handelt sich um unfreiwillig eingegangene Risiken mit dauerhaften Belastungen". Zumal Menschen schon bei geringeren Belastungen erkranken können, lautet eine weitere ärztliche Forderung: "Massive Reduzierung der Grenzwerte, Sendeleistungen und Funkbelastungen". Außerdem wird verlangt, dass die Verbraucher mehr über Handys und schnurlose Telefone erfahren sollten - und dass es insbesondere zu "Nutzungseinschränkungen für Kinder und Jugendliche" kommt: In Schulen sollten keine Notebooks mit Mobilfunk-Funktion (WLAN-Karten) angeschafft werden!

Vielfältige Patientenschäden

Einen warnenden Vortrag über Mobilfunk hielt vor einem Vierteljahr im Bayerischen Landtag der Arzt Dr. Horst Eger aus Naila. In den letzten Jahrzehnten, so legte er dar, sei es zu einer sprunghaften Zunahme der Hochfrequenzbelastung des Menschen gekommen. Jegliche Strahlungsart aber führe bei Überdosierung zu gesundheitlichen Schäden. Mobilfunk-Wissenschaft erschöpfe sich bislang oft in der Weigerung, den ursächlichen Zusammenhang der Krankheitsanzeichen Betroffener vor Ort "unter lebensnahen Bedingungen zu untersuchen."
Eine einschlägige Studie aus Naila im Blick auf eine dortige Sende-Anlage habe eine deutlich gestiegene Häufigkeit von Krebsneuerkrankungen im näheren Umfeld festgestellt. Eger und die Mitautoren forderten aus ethischen und juristischen Gründen umgehend weitere wissenschaftliche Untersuchungen an anderen Standorten, um das Risiko für die Bevölkerung in Sendernähe sicherer abschätzen zu können. "Betreibern und Behörden sind seit Jahren vielfältige Patientenschäden bekannt. Dass die Ärzteschaft bisher nicht ausreichend informiert wurde, spricht für sich", so der engagierte Mediziner im Landtag.
Gegenüber dem Evangelischen Sonntagsblatt betont er, christliche Ethik und Kirche seien angesichts der Lage der Dinge herausgefordert, vernehmbar Stellung zu beziehen zu Gunsten der Schwachen: der Gefährdeten, Risiko-Bedrohten und schon Betroffenen.

Werner Thiede

"Zunächst waren wir ratlos"

Interview mit einer mobilfunk-kritischen Ärztin

Evangelisches Sonntagsblatt
 
Dr. Cornelia Waldmann-Selsam engagiert sich gegen den Ausbau des Mobillfunknetzes (näheres unter www.aerzte-warnen-vor-mobilfunk.de). Foto: PS
   

Dr. med. Cornelia Waldmann-Selsam ist Praktische Ärztin in Bamberg und Mitinitiatorin des Bamberger Appells, in dem vor einem Jahr 130 Ärzte einen Ausbaustop der Mobilfunktechnologie forderten. Mit ihr sprach Werner Thiede.

Sonntagsblatt:
Seit Monaten führen Ärzte in Oberfranken Messungen der Funkwellen bei Patienten zu Hause durch. Wie kam es dazu?

Waldmann-Selsam:
Nach der Veröffentlichung des Bamberger Appells erhielten wir viele Berichte und Anfragen von Ärzten und Anwohnern von Mobilfunkanlagen aus ganz Oberfranken. Die Ärzte waren beunruhigt, weil ihnen eine Häufung von unklaren, neuartigen Krankheitsbildern im Umfeld von Sendeanlagen auffiel. Um diese Häufung zu ergründen, schafften sich mehrere Ärzte nach Beratung bei Ingenieuren Messgeräte zur Erfassung der Hochfrequenzbelastung an.

Sonntagsblatt:
Bei wie vielen Menschen wurde bisher gemessen?

Waldmann-Selsam:
Wir haben bis jetzt an 50 Standorten Befragungen und Messungen bei über 500 Personen durchgeführt. Und wir stellten fest, dass es bei vielen Menschen weit unterhalb des Grenzwertes zu einem neuen Krankheitsbild mit einer "Typischen Symptomen-Mischung" gekommen ist. Diese Symptomen-Kombination war für uns Ärzte neu; und so waren wir zunächst ratlos. Bei den Messungen merkten wir, dass in vielen Haushalten zu der Belastung vom Mobilfunksender draußen noch die Belastung vom häuslichen Mobilfunksender, der Basisstation eines DECT-Telefones, hinzukam.

Sonntagsblatt:
Wie stellen sich die häufigsten Symtome dar?

Waldmann-Selsam:
Viele Menschen leiden an mehreren Symptomen: Schlafstörungen, chronische Müdigkeit, Kopfschmerzen, Unruhe, Benommenheit und Reizbarkeit. Dazu kommen oft Konzentrationsstörungen, Vergesslichkeit und Wortfindungsstörungen, aber auch depressive Stimmung, Ohrgeräusche, Hörverlust, Hörsturz, Schwindel, Nasenbluten und Sehstörungen. Infekte häufen sich, Nebenhöhlenentzündungen treten auf, Gelenk- und Gliederschmerzen, Nerven- und Weichteilschmerzen, Taubheitsgefühl, Brennen der Haut, ferner Herzrhythmusstörungen, anfallsweise Blutdruckerhöhung, Hormonstörungen, Gewichtszunahme, Haarausfall, nächtliches Schwitzen und Übelkeit.

Sonntagsblatt:
All diese Symptome können doch viele Ursachen haben!

Waldmann-Selsam:
Natürlich! Wenn ein Patient zum Beispiel mit Rhythmusstörungen, unerträglichen Kopfschmerzen, Schwindel, Vergesslichkeit in jungen Jahren oder rheumatischen Beschwerden zu uns kommt, versuchen wir die Ursache durch verschiedenste Untersuchungen und durch Hinzuziehung von Fachärzten zu finden. Aber in den letzten Jahren konnten wir immer häufiger keine richtige Diagnose stellen. Und doch haben unsere Patienten - häufig mehrere Familienmitglieder - stark gelitten! Da wir sie aus gesunden Tagen kannten, wurden wir stutzig. Zudem beobachteten wir an etlichen Standorten, dass in einer Straße viele Anwohner im gleichen Zeitraum mit diesen Symptomen erkrankten. Einzelne Betroffene sind vorübergehend, manche dauerhaft weggezogen. Diese Menschen haben die meisten Symptome prompt verloren. Nach einer eventuellen Rückkehr sind die Beschwerden wieder aufgetreten.

Sonntagsblatt:
Das klingt eigentlich unglaublich. Was finden denn die offiziellen Studien an den Standorten?

Waldmann-Selsam:
Die zuständigen Behörden - das Bundesamt für Strahlenschutz, das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit, die Strah-lenschutzkommission, die Weltgesundheitsorganisation - weigern sich, Gesundheitserhebungen im Umfeld von Mobilfunksendern durchzuführen. Obwohl sich seit zehn Jahren Betroffene und Ärzte verzweifelt an diese Behörden gewendet haben, wurden von offizieller Seite an keinem einzigen Standort in Deutschland und auch nicht in anderen Ländern Untersuchungen an und mit Langzeit-Anwohnern durchgeführt. Aus ärztlicher Sicht ist das völlig inakzeptabel. Denn wir Ärztinnen und Ärzte vor Ort sind die Experten für Gesundheit - und nicht etwa Physiker, Ingenieure und Techniker.

Sonntagsblatt:
Wie werden die oberfränkischen Ärzte weiter vorgehen?

Waldmann-Selsam:
Mittlerweile melden sich bei uns Ärzte aus ganz Deutschland. Wir verschicken die Tagungsmappe zum Mobilfunk-Symposium und die Broschüre mit Fallbeschreibungen in großer Zahl. Die Messungen werden fortgesetzt, weil es viele Anfragen gibt. Wir versuchen über die Ärztekammern zu erreichen, dass unverzüglich Erhebungen durchgeführt werden. Der Ausbau muss sofort gestoppt werden, da wir sonst Neuerkrankungen von Mitmenschen in Kauf nehmen. Die Grenzwerte müssen drastisch gesenkt werden. Zum Überprüfen ärztlichen Verdachts muss auch das Abschalten einzelner Sender möglich werden. Aus meiner Sicht liegt bereits eine Notfallsituation vor, die rasches Handeln aller politischen Kräfte erfordert. Auch für kirchliche Unterstützung sind wir dankbar.

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