Evangelisches Sonntagsblatt aus Bayern
Grüß Gott, willkommen auf den Internet-Seiten des Evangelischen Sonntagsblattes aus Bayern.
(Heft 28)

Islamistischer Terror - religiös begründet?

Die Anschläge von London lassen verstärkt nach den "Wurzeln des Terrorismus" fragen

Evangelisches Sonntagsblatt
 
Eine Verletzte eines Bombenanschlages in London wird vor der U-Bahn-Station mit einer Kühl-Maske behandelt. Foto: epd
   

Nur einen Tag nach der Bekanntgabe des Olympischen Komitees, dass die Spiele 2012 in London stattfinden würden, saß der Schock tief. Die Londoner hatten schmerzlich zu spüren bekommen, was im Grunde jeder weiß: Irgendwelche Sicherungen gegen die mörderische Entschlossenheit islamistischer Attentäter gibt es nicht. Nato-Generalsekretär de Hoop Scheffer erklärte entschlossen, das Bündnis wolle dazu beitragen, den Kampf gegen den Terrorismus "an den Wurzeln zu beginnen". Doch wo liegen diese Wurzeln? Im Sozialen? Im Ideologischen? Im Religiösen?

"Gotteskrieger" am Werk

"Die Welt" brachte am Tag nach den Londoner Anschlägen auf der Titelseite einen Kommentar von Roger Koppel, in dem es hieß: "Solange die islamischen Gemeinschaften die Ausbreitung des Terrorismus dulden, wird das Unheil weitergehen." Immerhin haben sich der Generalsekretär des "Muslimischen Rates Großbritanniens" und sogar die fundamentalistische "Muslimische Vereinigung Großbritanniens" umgehend von den Anschlägen distanziert. Im Iran tat das auch der Ajatollah Emami Kaschani, der Blair dafür lobte, dass er zwischen dem Islam und radikalen Islamisten unterschieden habe. Gleichwohl ist genau das die Frage, die sich nach jedem islamistischen Terrorakt neu aufdrängt: Was und wieviel hat der Islam mit Islamismus zu tun?
Schon während der internationalen Trauerfeier in New York, die nach den Anschlägen vom 11. 9. 2001 per Funk und Fernsehen in alle Welt übertragen wurde, hatte ein muslimischer Geistlicher beteuert, die Terrorakte seien gewiss nicht von gottesgläubigen Menschen vollbracht worden. Doch das war eine unhaltbare Aussage, wie das Testament von Mohammed Atta belegt - von jenem Piloten also, der die Boeing 757 in den Nordturm des World Trade Center gesteuert hatte: Als guter Muslim zu sterben war sein Bestreben. In seiner Handlungsanweisung hatte gestanden: "Sekunden vor dem Ziel sollten deine letzten Worte sein: Es gibt keinen Gott außer Allah!" Er und die Mittäter wähnten sich paradiesischer Belohnung sicher. Auftraggeber Osama bin Laden, der den USA bereits 1989 einen "Heiligen Krieg" angedroht hatte, soll auf einem Video-Band vom Oktober 2001 gesagt haben, die Türme des World Trade Center seien legitime Ziele gewesen; und die Tötung von Unschuldigen sei als Rache für muslimische Todesopfer "rechtmäßig vom religiösen und logischen Standpunkt" aus.
Wie nahe oder fern liegt es, dass der Islam als Religion eine Legitimationsbasis für Terrorismus bilden kann? Als man in Deutschland den Begriff "Gotteskrieger" zum Unwort des Jahres 2001 erklärte, ging man zweifellos davon aus: Gott und Krieg - das kann und darf nicht zusammenpassen! Gehören nicht seit dem Zeitalter der Aufklärung Religionskriege zumindest im Abendland der Vergangenheit an? Doch weltpolitisch gesehen handelt es sich in unserer Zeit leider um kein Fremdwort. Aufrufe zum "Heiligen Krieg" sind aus islamistischem Mund keine Ausnahme-Erscheinungen mehr. Wer also Terror und Religion sauber trennen zu können meint, verwendet einen wenig durchdachten Begriff von "Religion".

Kämpfen für den Gottesstaat

Außer Frage steht: Es hat nicht etwa der Islam als Religion gegen-über dem Westen den "Heiligen Krieg" erklärt. Es geht um keinen "Zusammenprall der Kulturen". Mit Recht wird der Islam insofern vom "Islamismus" als dessen politischer Ideologisierung unterschieden. Dabei ist der Islamismus für viele Muslime infolge seiner sozialen Unterstützungsleistungen höchst attraktiv. In all seinen Varianten gehört er freilich der Gesamtwelt des Islam an, in dessen Horizont er sich entwickelt hat. Insofern ist es wiederum der Islam als Ganzes, der zur Zeit wie nie zuvor in einer Zerreißprobe steckt. Starke konservative Kräfte versuchen, ihn fundamentalistisch zu vereinnahmen und für entsprechend extremistische Aktivitäten zu funktionalisieren. Gemäßigtere und vor allem liberale Kräfte streben in-dessen danach, die ihm eigenen aufklärerischen Quellen hervorzukehren und ihn dem Geist der Moderne anzupassen. Allerdings leben alle liberalen Reformer heute im Exil!
Einer von ihnen ist der international bekannte Göttinger Professor Bassam Tibi. In zahlreichen Publikationen und Fernseh-Interviews hat er vor und nach dem 11. September 2001 deutlich vor den fundamentalistischen Kräften des Isla-mismus gewarnt: Dessen religiöses Streben nach einer weltweiten Gottesordnung bedrohe den Weltfrieden. Fundamentalismus versteht Tibi als "Politisierung von Religion". Hierbei macht er deutlich, dass sich unter den Fundamentalismen der Weltreligionen die direkte Verbindung von politischer Religion und Weltpolitik allein im besonderen Fall des Islam beobachten lässt. Der Fundamentalismus des Islam ist laut Tibi neben Kommunismus und Faschismus zu einer dritten Spielart des Totalitarismus der neueren Zeit geworden. Und der Unterschied zwischen friedlichen und gewaltbereiten Islamisten beziehe sich "allein auf die Mittel, nicht auf das Ziel", das als Gottesstaat langfristig angesteuert werde.

"Gott hat sie getötet"

Gewiss kennen Muslime in der Regel den Respekt vor Andersgläubigen. Gleichwohl haben sie die Pflicht, sich um die Herstellung der universalen Herrschaft des Islam zu bemühen. Die Ordnungsvorstellungen, die der Islam als Ausgestaltung des göttlichen Gesetzes ausgibt, gelten ihnen oft als die bessere Alternative zu den demokratischen Institutionen des Westens. Angesichts dessen wirkt der Schritt vom gemäßigten Islam zum Islamismus nicht allzu groß. Kleingeredet werden darf er jedoch auch nicht: Gerade gegen einen besonnenen Islam richtet sich der militante Islamismus! Er beansprucht fundamentalistisch ein Recht auf eigenständige Deutung der Quellen. Diese schlachtet er mit extremistischer Leidenschaft aus - etwa Sure 9,112: "Allah hat von den Gläubigen ihr Leben und ihr Gut für das Paradies erkauft. Sie sollen kämpfen in Allahs Weg und töten und getötet werden." Auch das Gotteswort in Sure 8,12 ist terroristisch deutbar: "Wahrlich, in die Herzen der Ungläubigen werfe ich Schrecken. So haut ein auf ihre Hälse und haut ihnen jeden Finger ab." Wenige Sätze später soll den Kämpfern spirituelle Entlastung verschafft werden durch die Beteuerung: "Nicht ihr habt sie getö-tet, sondern Gott hat sie getötet." Von daher verstehen sich Islamisten als legitime Zeugen islamischer Religiosität - bis hin zum "Märtyrertum" in Gestalt von Selbstmordanschlägen.
Den Islamismus "an der Wurzel packen" muss von daher weit mehr umfassen als militärische, polizeiliche oder geheimdienstliche Unternehmungen. Es geht hier im Kern um geistige, um geistliche Auseinandersetzungen. Dabei liegt viel am Islam selbst - nämlich daran, wie deutlich seine maßgeblichen Repräsentanten die Scheidelinie auf dem eigenen Gebiet zu ziehen bereit sind.

Werner Thiede

Diese Woche - Archiv - Editorial - Geschichte - Redaktion - Abo-Service - Anzeigen - Evang. Reisedienst - Impressum
© 2000-2005 ROTABENE! Medienhaus