Evangelisches Sonntagsblatt aus Bayern
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(Heft 19)

Mobilfunk auch vom Kirchturm?

Bedenkenträger befinden sich im Vormarsch

Evangelisches Sonntagsblatt
 
Frau mit Kopfschmerzen vor einem Sendemast. Mobilfunk-Sendeanlagen sorgen laut der Internationalen Gesellschaft für Elektrosmog-Forschung (IGEF) in vielen Fällen für gesundheitliche Beschwerden, wie beispielweise Kopfschmerzen und erhöhten Blutdruck. So soll die Informationsvermittlung mit elektromagnetischer Hochfrequenzstrahlung das körpereigene Informationssystem des Menschen mit natürlichen elektromagnetischen Signalen stören. Foto: epd
   

Unter dem Motto "Für Gesundheitsvorsorge beim Mobilfunk" wird vom 5. bis 18. Juli ein Volksbegehren stattfinden. Dessen Initiatoren - ein Bündnis von ÖDP, Freien Wählern und mehreren Bürgerinitiativen - wollen die bayerische Bauordnung ändern: Künftig sollen Handy-Sendemasten baurechtlich genehmigt werden müssen. Bislang sind sie bis zu einer Höhe von zehn Metern genehmigungsfrei.
Das Thema betrifft nicht zuletzt auf Kirchtürmen installierte Mobilfunkmasten. Einige solche Fälle gibt es in der bayerischen Landeskirche. Mit dem jetzt durchgesetzten Volksbegehren, bei dem sich die Wähler in den Rathäusern werden eintragen können, erhöht sich jedenfalls die Sensibilität für eine nach wie vor brisante Streitfrage.

Herzinfarkte, Schlaganfälle

Denn mittlerweile verdichten sich die Anzeichen dafür, dass von Mobilfunkmasten - von ihnen gibt es in Deutschland rund 50.000 - gesundheitliche Schäden ausgehen können. Solche Basisstationen müssen jeweils Radiowellen aussenden, um miteinander in Verbindung zu treten. Dass diese Radiowellen Auswirkungen auf Menschen haben, ist unbestritten! Fraglich ist nur, wie groß der Effekt ist. Und es wird bereits öffentlich die zynische Frage gestellt, ob nicht die Vorteile der Mobilfunknutzung die Schäden, die durch jene Radiowellen entstehen, rechtfertigen. Gewiss, die wissenschaftliche Diskussion ist offen und dürfte sich noch Jahre hinziehen. Doch auch wenn bislang weder die Schädlichkeit noch die Unschädlichkeit bewiesen ist, gewinnen die Bedenkenträger inzwischen an Boden. Und das trotz des Gegenwindes, der ihnen von Seiten jener entgegen weht, die am Auf- und Ausbau des flächendeckenden UMTS-Netzes massiv interessiert sind.

Auf den Umstand, dass eine Gesundheitsgefährdung durch Funkwellen bislang nicht eindeutig nachweisbar sei, hatte sich noch vor drei Jahren das Bundesverfassungsgericht bei der Abweisung einer einschlägigen Klage berufen. Dabei hatte die Strahlenschutzkommission, die das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit berät, bis 2001 zwar keine Nachweise, aber immerhin schon mögliche "Hinweise" auf Beeinträchtigungen der menschlichen Gesundheit gefunden. Seitdem aber ging die Forschung weiter. Ein halbes Jahr nach dem Urteil des höchsten deutschen Gerichts veröffentlichten Ärzte aller Fachrichtungen sowie Umweltmediziner den "Freiburger Appell": "Wir können nicht mehr an ein rein zufälliges Zusammentreffen glauben, denn zu oft beobachten wir eine auffällige Häufung bestimmter Krankheiten in entsprechend funkbelasteten Gebieten oder Wohneinheiten." In den vergangenen Jahren sei ein "dramatischer Anstieg" schwerer und chronischer Erkrankungen wie Überaktivität bei Kindern, Schlaflosigkeit, Erschöpfung, Herzrhythmusstörungen, Herzinfarkte und Schlaganfälle immer jüngerer Menschen sowie von Krebserkrankungen festzustellen gewesen. Als einen wesentlichen Auslöser für all dies sahen die Mediziner die 1992 eingeführte und inzwischen flächendeckende Mobilfunktechnologie sowie die seit 1995 käuflichen Schnurlos-Telefone an.

Krebserkrankungen drohen

Ein Jahr später, im Oktober 2003, erregte die holländische TNO-Studie mit alarmierenden Resultaten international Aufsehen: Erstmals wurden hier Auswirkungen von UMTS-Signalen auf den Menschen im Laborexperiment festgestellt. Man beobachtete eine schwache, aber doch statistisch signifikante Minderung des Wohlbefindens, und zwar sowohl in einer Gruppe bereits Betroffener als auch in einer Vergleichsgruppe von Menschen ohne einschlägige Leiden. Darüber hinaus kam es zu Beeinträchtigungen von erkenntnismäßig-gedanklichen Leistungen.
Bald darauf gab das europäische Verbundprojekt "Reflex" bekannt, dass auch Strahlung unterhalb der politisch festgesetzten Grenzwerte das Erbgut von Zellen schädige. Drei Labore hatten das unabhängig voneinander im Doppel-Blind-Verfahren gemessen. Finanziert worden war das Projekt immerhin zu zwei Dritteln von der Europäischen Union. Bedenklich stimmte, dass elektromagnetische Schwingungen offensichtlich zu Einzel- und Doppelstrangbrüchen im genetischen Code des Menschen führen. Gefährlich sind vor allem die Doppelstrangbrüche: Sie repariert der Körper oft verkehrt. Entdeckt wurde außerdem, dass sich der Schaden schon beschädigter Zellen durch den Einfluss der Strahlung um ein Vielfaches erhöht. Veränderungen am Erbgut aber führen nicht selten zu Krebserkrankungen. Kurze Zeit später, im Januar 2004, wurde bekannt, dass führende Mobilfunk-Firmen und Handy-Hersteller den Versicherungsschutz verloren hatten: Ihre Assekuranzen wollten nicht länger für Gesundheitsschäden haften, die sich möglicherweise auf Grund von elektromagnetischen Strahlungen in der Zukunft herausstellen könnten. Entsprechende Ängste und Befürchtungen in der Bevölkerung lassen sich seither nicht mehr bagatellisieren. Allein in Deutschland kämpfen Hunderte von Bürgerinitiativen gegen den riskanten Ausbau der hinsichtlich ihrer Auswirkungen keineswegs abschließend erforschten Technik.

Symbolkraft des Kirchturms

Angesichts dieser Entwicklung geraten Kirchtürme mit Mobilfunkmasten zunehmend in ein schiefes Licht. Die beträchtlichen Geldsummen, die von den Betreiberfirmen bezahlt werden, sind zwar für die Kirchenkassen oft bestechend, rechtfertigen aber keineswegs die Inkaufnahme von dadurch möglichen Gesundheitsschäden für die umliegende Bevölkerung. Allein der Umstand, dass eine solche Möglichkeit wissenschaftlich nicht ernsthaft ausgeschlossen werden kann, sollte es christlichen Gemeinschaften verbieten, ihre baulichen Symbolträger für Mobilfunkmasten zur Verfügung zu stellen.
Ein wirksames Druckmittel der Betreiber besteht bisweilen in der Drohung, sonst irgendwelche Nachbarhäuser in Kirchennähe mit niedrigerer Dachlage für die Installation vorzusehen; also solle sich doch die Gemeinde wenigstens den finanziellen Ertrag nicht entgehen lassen. Die Landessynode hat den Gemeinden freilich schon vor Jahren empfohlen, sich auf solche Mietverträge nicht einzulassen. Denn die gesundheitlichen Folgen sind offen, der soziale Friede gefährdet. Es ist auch eine Frage des Stilbewusstseins: Kirchtürme sollten ihre positive Symbolkraft nicht gegen eine negative vertauschen.
Im Deutschen Pfarrerblatt hat Pfarrer i.R. Werner Eichelt auf das Problem hingewiesen, dass Menschen mit einem Herzschrittmacher in mobilfunksendenden Kirchengebäuden gefährdet sind: Das hochsensible Programm im Gerät könnte auf bedenkliche Weise gestört werden; 300 Meter Mindestabstand seien zu empfehlen. Zu fragen wäre von daher nicht zuletzt, wie "gesund" wohl solche Pfarrfamilien leben, deren Pfarrhaus sich - bei Residenzpflicht für den/die Amtsinhaber/in - innerhalb einer entsprechenden Strahlungsweite befindet.

Werner Thiede

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