Evangelisches Sonntagsblatt aus Bayern
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(Heft 17)

Zigeuner im Weltall?

Der Mensch unterm riesigen Himmelszelt

Evangelisches Sonntagsblatt
 
Physiker Herwart Nöldeke am Schaltpult des künstlichen Sternenhimmels im Hamburger Planetarium; über ihm die Projektion einer Ablichtung des Saturn. Foto: epd
   

"Weißt du, wieviel Sternlein stehen an dem blauen Himmelszelt?" Kein Mensch weiß das genau, auch kein Naturwissenschaftler. Aber moderne Forschung hat doch Ahnungen von der Größe des Weltalls gewonnen, die alles Vorstellbare übersteigt. Demnach dürfte das Universum einen "Durchmesser" von ungefähr 30 Milliarden Lichtjahren haben. Ein einziges Lichtjahr bedeutet dabei die Strecke, die ein Lichtstrahl während eines Jahres zurücklegt - nämlich 9 460 500 000 000 Kilometer. Immerhin ist festzuhalten: Unendlich ist dieses riesige Weltall nicht. Insofern ist es auch nicht selber göttlich. Aber es wirft in seiner gigantischen Ausdehnung im Gegenteil die Frage auf, ob überhaupt noch ein Gott als Schöpfer des Universums zu denken sei. Solche Skepsis gilt zumindest einem Gott, der - wie die Bibel es darlegt - wesenhaft auf uns Menschen und damit auf unseren winzigen Planeten bezogen ist.

Unsere Erde bildet ja innerhalb des Weltalls eine verschwindende Größe; der Gedanke ist schwer eingängig, dass die unermessliche Veranstaltung des Universums in sinnvolle Verbindung mit der biblisch beschriebenen Heilsgeschichte gebracht werden kann und soll. Ist christlicher Glaube insofern heutzutage als intellektuell unredlich zu bezeichnen?

Geist als letzte Ursache

Intellektuell unredlich argumentiert jedenfalls umgekehrt, wer seinen Unglauben gegenüber einem Schöpfergott als zwingend ausgibt. So einfach liegen die Dinge keineswegs. Objektives, womöglich beweisbares Wissen über den letzten Hintergrund der Weltwirklichkeit hat niemand vorzuweisen. Insofern bleibt es allemal eine Glaubensentscheidung, ob man als den Grund aller Dinge ein Nichts, einen "Zufall", ein göttliches Etwas oder einen personal gedachten, auf uns Menschen direkt bezogenen Schöpfergott annimmt. Skeptiker müssen sich fragen lassen: Wen sollte das "elegante Universum" - so ein berühmter Sachbuchtitel von Brian Greene - in der Tiefe seines Herzens berühren oder gar erfreuen können, wenn es sich bei aller "Eleganz" doch nur um ein sinnloses Gebilde handeln würdet, das modernsten Spekulationen zufolge nicht nur in endlose Kälte ausliefe, sondern auch aus tiefster Kälte heraus geboren wäre? Der berühmte Philosoph Hans Jonas gibt in dieser Hinsicht zu bedenken: Die Rückfrage nach dem Anfang der Welt und damit nach ihrem Charakter als Schöpfung, die auf einen Schöpfer verweist, entspringt dem menschlichen Geist. Geht man die Evolutionskette immer weiter zurück, stößt man auf immer weniger "Geist"; und doch muss man allem Vorangegangenen zuerkennen, dass es in seiner Konsequenz "Geist" ermöglicht, also bereits verborgen enthalten hat. Man kann Jonas zufolge gewissermaßen sagen, dass "die Materie von Anbeginn schlafender Geist sei". Doch dann muss man sofort hinzufügen, dass "die wirklich erste, die schöpferische Ursache von schlafendem Geist nur wacher Geist sein kann, von potenziellem Geist nur aktueller…" Schöpfung ohne Schöpfer - das ist laut Jonas kein zwingendes, kein überzeugendes Konzept!

Des Schöpfers Gegenüber

Hans Jonas liefert damit eine Variante des so genannten "anthropische Prinzips": Dieses besagt, dass von der faktischen Existenz des Menschen aus angesichts der mannigfaltigen Zufälligkeiten im Werden unserer Gattung, unseres Planeten, unserer Milchstraße, ja des Universums insgesamt auf eine gewisse Lenkung zum Ziel des Menschen hin geschlossen werden kann und muss. Es geht um das "größte Geheimnis: Wer oder was traf die scheinbar unzähligen Entscheidungen, die für die Planung unseres Universums offenbar erforderlich waren?" Der Argumentation des anthropischen Prinzips liegen immerhin die neuesten naturwissenschaftlichen Bestätigungen der Unumkehrbarkeit des Zeitlaufs mit zu Grunde. Dennoch ist sie ihrerseits nicht objektiv beweiskräftig. Aber sie legt eine sehr nachdenkens-werte Sichtweise nahe, die den Sinn des Schöpferglaubens untermauert. Nach heutigem Wissen sind die Wege der Evolution zu verschlungen verlaufen, als dass man eine direkte göttliche Lenkung aus ihnen ableiten könnte. Aber auch aus theologischer Sicht ist die Annahme solch einer steten direkten Lenkung keineswegs zwingend. Der Physikprofessor und anglikanische Gemeindepfarrer John Polkinghorne gibt zu bedenken: Der Schöpfer wird jedenfalls eine vorläufig weitestgehend eigenständige Schöpfung im Sinne eines echten Gegenübers gewollt haben. Dafür bedarf es zunächst "einer Schöpfung, der Gott Raum lässt, sich selbst zu entwickeln... Gott ist im Prozeß der Evolution gegenwärtig nicht als der, der alles bestimmt - denn eine sich entfaltende Schöpfung ist eine solche, der Gott erlaubt hat, sich zu bestimmten Graden durch das Ausprobieren ihrer Möglichkeiten selbst zu entwickeln -, sondern als Quelle ihrer Fruchtbarkeit und als Führer, der das Universum dazu anleitet, diese Fruchtbarkeit zu entfalten."

Tatsächlicht ist aber auch die Wahrscheinlichkeit einer "natürlichen" Entstehung des Menschen derart gering, dass nicht wenige Naturwissenschaftler heute von der Einzigartigkeit des geistbegabten Wesens "Mensch" im riesigen Weltall überzeugt sind. Dementsprechend halten sie dann auch nicht viel von allerlei Spekulationen um intelligentes Leben auf fremden Planeten und um UFOs oder dergleichen. Der Chemie-Nobelpreisträger Ilya Prigogine betont von daher, wir Menschen seien eben "keine Zigeuner am Rande des Universums": "Wenn man aber nun erkennt, dass die grundlegenden Gesetze der Natur durch Nichtlinearität, durch die Schaffung von Neuem charakterisiert sind, dann steht der Mensch … auf der Spitze der Naturgesetze." Zeitlich evolutionär gesehen, ist demnach der Mensch sehr wohl als "Krone der Schöpfung" zu betrachten. Namentlich christlich Glaubende können sagen: Er ist das vom Schöpfer angepeilte Geschöpf. Das ist eine Grundannahme, die theologisch auf der Linie der Lehre von der Menschwerdung des ewigen Gottessohnes, des Logos, liegt.

Der Unendliche - ganz klein

Aus dieser christlichen Perspektive heraus aber fällt auch ein neues Licht auf die zunächst irritierende Größe des Weltalls. Sie ermutigt, zu bedenken, dass das All im Augen-blick des "Urknalls" und kurz danach kleiner war als ein Mensch! So unmöglich ist es folglich keineswegs, den Schöpfer, der in seinem Sohn Mensch werden will, mit der Wirklichkeit des Universums zusammen zu denken. Zum andern entspricht der inzwischen erreichte Umfang des Weltalls der Würde des Schöpfers, der ja mit der Schöpfung insgesamt ein ihm wenigstens entfernt angemessenes "Gegenüber" haben will. Wie unausdenklich groß muss Gott sein, wenn schon seine Schöpfung derart gigantisch ausfällt! Dass seine Unendlichkeit dabei alle Kreatur unsagbar übersteigt, ist eine theologische Aussage, die letztlich unabhängig davon zu machen ist, ob von naturwissenschaftlicher Seite eine Endlichkeit oder Unendlichkeit des Universums behauptet wird. Gott ganz klein und unendlich groß - so bekennt ihn christlicher Glaube auch und gerade angesichts des heutigen Wissens vom Weltall.

Werner Thiede

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