Evangelisches Sonntagsblatt aus Bayern
Grüß Gott, willkommen auf den Internet-Seiten des Evangelischen Sonntagsblattes aus Bayern.
(Heft 7)

Wiedergeburt als Revolution?

Wie Immanuel Kant den biblischen Begriff umdeutete

Evangelisches Sonntagsblatt
 
Immanuel Kant, Foto: epd
   

Dem Kalenderer nach ist der große deutsche Philosoph Immanuel Kant (1724-1804) eine Woche nach dem Theologen Philipp Jakob Spener gestorben - freilich 99 Jahre später. Immerhin kann diese jahreszeitliche Nähe der beiden Todestage mit Anlass dafür sein, einmal näher hinzusehen, wie Kant Speners großes Thema der Wiedergeburt (siehe Sonntagsblatt Nummer 4, Seite 7) aufgegriffen und abgeändert hat. Das lohnt sich schon deshalb, weil Vorstellungen und Gedankengänge des bedeutenden Aufklärers vielfach in unseren Köpfen herumspuken, ohne je eigens bedacht worden zu sein.

Von Spener zu Kant

Immanuel Kant hat sich vor allem in seinem Spätwerk auf christliche Glaubensinhalte bezogen: Als fast Siebzigjähriger hat er seine Religionsphilosophie vorgelegt, erschienen 1793 unter dem Titel "Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft". Darin unternimmt er es, die Offenbarungsreligion des Christentums auf die Ebene "natürlicher Religion" herunterzubrechen. Anders ausgedrückt: Er hat eben die ihm geläufigste geschichtliche Religion in den Rahmen einer un-geschichtlich-abstrakten "Religion" übertragen - zu dem Zweck, dass sie in dieser veränderten Gestalt den Anspruch erheben können sollte, jedermann verstandesmäßig einsichtig zu sein. Das tat er in dem Bewusstsein, dass es eine solche "Vernunftreligion" nirgends in reiner Ausprägung gibt und sie immer von konkreten Ausgestaltungen her angegangen werden muss. Immerhin hat er das Christentum für die ihr entsprechendste Religion gehalten und geschätzt.
Allerdings fragt sich, was bei seinem Übertragungsversuch an echtem Gehalt christlicher Überzeugung erhalten geblieben, was verzerrt und was verloren gegangen ist. Dem lässt sich anhand des Begriffs "Wiedergeburt" nachgehen. Kant hat ihn von Kindheit an gekannt, denn er ist pietistisch erzogen worden. Schon in der altprotestantischen Orthodoxie hatte der biblische Begriff im Zusammenhang der Beschreibung des Rechtfertigungsgeschehens im Glauben eine zentrale Rolle gespielt. Vom Vater des Pietismus, dem vor 300 Jahren verstorbenen Philipp Jakob Spener her war die betonte Rede von der Wiedergeburt über Eltern und Förderer an den jungen Kant gekommen. Dass er ihn erst im Alter zur religionsphilosophischen Charakterisierung des Neuwerdens des inneren Menschen aufgegriffen hat, beweist jedenfalls, dass er ihn für geeignet hielt, sein Anliegen zum Ausdruck zu bringen. Spener hatte betont, ein Wiedergeborener sei von Gott als dessen Kind angenommen. Die Verderbnis der menschlichen Vernunft und des Willens durch den Sündenfall sei dadurch anfänglich, aber noch keineswegs vollkommen überwunden: Wie bei der natürlichen Geburt komme nicht sofort ein in jeder Hinsicht fertiger Mensch heraus. Das Wesen des Christentums besteht laut Spener geradezu im mystisch verstandenen Wachsen des neuen Menschen und entsprechend dazu im Absterben des alten.

Selbsterlösung?

Kants philosophische Rede von "Wiedergeburt" klingt ihrerseits erstaunlich fromm: Ähnlich wie die christliche Erbsündenlehre spricht der Königsberger Weise vom "radikalen Bösen", das die "Maxime des Willens" durch die ganze menschliche Gattung hindurch bestimme. Notwendig sei umso mehr die "Heiligkeit der Maximen" und deshalb eine "Art von Wiedergeburt" - und zwar "durch eine Revolution in der Gesinnung im Menschen".
Hinter dieser Ausdrucksweise steckt ein anderes Deutungsschema als in der christlichen Religion. Bei letzterer geht es um das Hereinbrechen der Herrschaft Gottes durch seinen Geist. Bei Kant hingegen dreht sich alles um die im Zeichen der Aufklärung für möglich gehaltene Selbstfindung des Menschen kraft seiner eigenen Vernunft. Von daher geht er das Thema der Wiedergeburt bereits mit der Vorbemerkung an: "Was der Mensch im moralischen Sinne ist oder werden soll, gut oder böse, dazu muß er sich selbst machen oder gemacht haben." Kein Zweifel, hier begegnet in scharfem Kontrast zur christlichen Gnadenlehre - wenngleich unter deren Begrifflichkeit - eine Vorstellung von "Selbsterlösung". Karl Vorländer betont in einem Buch über Kant: "In geradem Gegensatz zu Luthers bekannten Katechismussatz lehrt unser Denker, dass der Mensch aus eigener Vernunft und Kraft dem Schlechten entgegenwirken und zum Guten gelangen kann, dass die ‚völlige Revolution der Denkungsart' durch ihn selbst erfolgen muss…"
Wie aber soll das unter den von Kant selbst genannten Voraussetzungen der Herrschaft des "radikalen Bösen" im Menschen möglich sein? Nach Kant beeinflusst dies Böse nur den Willen und keineswegs die praktische Vernunft selbst. Zu deren vernünftigen Forderungen gehört für den Philosophen nicht nur Gottes Existenz, sondern konsequent auch die notwendige Bereinigung des negativ-sündhaften Verhältnisses zu ihm. Dabei müsse das Neuwerden durch eine "Revolution in der Gesinnung" eigenverantwortlich bewirkt werden. Dass der damit angesprochene Wille die Freiheit dazu habe, sei freilich nicht aufweisbar; es sei jedoch anzunehmen als eine Forderung innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft. Denn da der Mensch zu solcher Heiligkeit laut göttlichem Gebot kommen solle, müsse er es auch können.
Dieser Rückschluss ist allerdings nicht sonderlich konsequent. Theologische Vernunft weiß es anders: Das Gesetz des "Du sollst" kann gerade gegeben sein, um den Menschen am Ende sein Unvermögen und so das Angewiesensein auf Gottes Gnade zu lehren. Das jedenfalls war Teil der reformatorischen Erkenntnis Martin Luthers. Und das neutestamentliche Bild von der Wiedergeburt des Menschen drückt im Grunde dasselbe aus.

Frei im Bann des Bösen?

Kants Aufgreifen des Begriffs "Wiedergeburt" mutet insofern unglücklich an. Schon seine Deutung im Sinne von "Revolution" legt alles Gewicht aufs aktive Selbsttun des Menschen. Wiedergeburt "durch eigene Kraftanwendung" - diese Deutung Kants sprengt das biblische Bildwort, liest es gegen seinen Sinn. Auch wenn bei einer Geburt der Säugling sich nicht völlig passiv verhält, zielt doch Kants Interesse keineswegs auf diesen Aspekt einer schwachen, unbewussten Beteiligung des zu Gebärenden. Sein Konzept der Autonomie stellt sich dementsprechend quer zum lutherischen und pietistischen Verständnis der "Wiedergeburt von oben".
Allerdings dürfte Kant die Rede von der Wiedergeburt nicht nur wegen seiner eigenen frühen Vertrautheit damit aufgegriffen haben. Vielmehr wusste er durchaus: Reine Autonomie ist ohne jegliche Gnade schwerlich denkbar! So war ihm klar, dass die von ihm vertretene "Revolution" im Selbst schon aus Erfahrungsgründen nicht einleuchtet. Das angeblich aus eigener Vernunft und Kraft zu Vollbringende formt keineswegs plötzlich und unwandelbar den "neuen Menschen"!
Für den Blick des ewigen Gottes müsse deshalb, so Kants Ansatz, schon ein allmählicher Fortschritt zum Besseren innerhalb der Zeit durchaus als "Revolution" gelten können. An der menschlichen Leistungsfähigkeit hält Kant fest - in der Annahme einer ursprünglichen "Anlage zum Guten in uns": Um deren Wiederherstellung gehe es bei der Wiedergeburt. Das Problem aber, wie der Mensch, noch ohne wiedergeboren zu sein, also unter der Herrschaft des radikalen Bösen, zu einer solchen Wiederherstellung fähig sein könne, löst Kant am Ende nicht überzeugend.

Werner Thiede

Buchhinweis zur Vertiefung: Werner Thiede (Hg.): Glauben aus eigener Vernunft? Kants Religionsphilosophie und die Theologie, Göttingen 2004

Diese Woche - Archiv - Editorial - Geschichte - Redaktion - Abo-Service - Anzeigen - Evang. Reisedienst - Impressum
© 2000-2005 ROTABENE! Medienhaus