Evangelisches Sonntagsblatt aus Bayern
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Hier lesen Sie das Thema der Woche, das sich auf der Seite 3 der aktuellen Sonntagsblatt-Ausgabe befindet, und die wöchentliche Andacht. (Heft 51/52)

Weihnachtsgeschichten – nicht aus der Bibel

Auch nichtbiblische Erzählungen können sehr weihnachtlich sein

Evangelisches Sonntagsblatt
 
Weihnachtsbaum und Weihnachtsgeschichten sind oft nicht nur dem Namen nach verwandt. Das Bild von Ludwig Richter stammt aus der Mitte des 19. Jahrhunderts und „erzählt“ eine recht bibelferne Christbaum-Geschichte. Bild: Archiv
   

Für viele ist das Weihnachtsevangelium immer noch die schönste Geschichte der Welt. So wie Lukas die Geburt Jesu erzählt, kommt vieles zusammen was Menschen bewegt. Besonders wirkungsvoll sind die Gegensätze: Der mächtige Kaiser in Rom und das scheinbar armselige Ereignis in einem Stall am Rand der Welt. Angst und Freude bei den Augenzeugen. Im Mittelpunkt aber steht das große Geschenk Gottes an die ganze Menschheit: „Euch ist heute der Heiland geboren!“ So lautet der entscheidende Satz in der Übersetzung Martin Luthers. Nirgendwo klingt die deutsche Sprache schöner. Und haben Menschen nicht bis heute eine tiefe Sehnsucht nach Rettung für sich und ihre Welt? Dass die Geschichten rund um die Geburt Jesu bei Matthäus und Lukas zugleich anrührend und dramatisch sind, wurde auch in der Kirche des Mittelalters empfunden. Weil die Gläubigen das lateinische Evangelium meistens nicht verstanden, hat man es ihnen vorgespielt. Manchmal soll in der Krippe sogar ein richtiges Kind gelegen – und geschrieen – haben.

Das Fest verlor an Glanz

Mit der Reformation fanden in den evangelischen Gebieten die Weih-nachtsspiele ein Ende. Die Gläubigen hörten oder lasen das Evangelium in ihrer Muttersprache.Und schon Luther fasste das Geschehen in Gedicht und Melodie. Sein Kinderlied „Vom Himmel hoch, da komm ich her“ ist bis heute lebendig. Die Kirchenmusik schuf noch weitere Ausgestaltungen. Das Weihnachtsoratorium von Johann Sebastian Bach ist das berühmteste dieser Werke.
In der Zeit der Aufklärung verlor die Festfeier dann vieles von ihrem Glanz. Es soll Pfarrer gegeben haben, die an Weihnachten über die Vorteile der Stallfütterung predigten. Seit Beginn des 19. Jahrhunderts war Stimmung wieder gefragt: in der Kirche und vor allem außerhalb. Damals begannen mit dem Siegeszug des Christbaums auch die Weih-nachtsfeiern in den Familien. Die Zimmer wurden stimmungsvoll geschmückt, wohlerzogene Kinder durften sich über liebevoll verpackte Geschenke freuen. Romantische Weih-nachtslieder wie „Ihr Kinderlein kommet“ erklärten die Krippe, andere besangen den Tannenbaum oder den rieselnden Schnee.
Da war es kein Wunder, dass die biblische Weihnachtsgeschichte auch weltliche Geschwister bekam. Der österreichische Dichter Adalbert Stifter erzählte unter dem Titel „Bergkristall“ das Abenteuer von zwei Kindern aus einem Bergdorf. Sie hatten sich am Heiligen Abend auf dem Heimweg ins Gletschereis verirrt, wurden auf wundersame Weise gerettet. Der Däne Hans Christian Andersen erfand das Märchen vom Tannenbaum, der sich daran erinnert, wie er als Christbaum im Mittelpunkt der Feier stand. Damals um die Mitte des 19. Jahrhunderts schrieb auch Charles Dickens die Geschichte „Ein Weih-nachtslied“, die bald weltbekannt wurde. Da hält der alte Geizhals Scrooge nichts vom Fest der Liebe. Doch in der Christnacht erscheinen ihm die Weihnachtsgeister und zeigen, wie weit er sich von seinen Mitmenschen und seinem besseren Ich entfernt hat. Scrooge lässt sich bekehren. Diesen missionarischen Zug sollten später viele Weihnachtsgeschichten annehmen: Das Fest muss doch die Menschen und ihre Welt besser machen!

Es gab auch Dichter, die sich und ihre Leser solcher Hoffnung nicht hingeben wollten. Wilhelm Raabe blickte in „Else von der Tanne“ auf die schlimme Zeit des 30-jährigen Krieges zurück. Die abergläubigen Bewohner eines Walddorfes bringen kurz vor Weihnachten ein schönes fremdes Mädchen um, weil sie es für eine Hexe halten. Der russische Dichter Anton Tschechow erzählte von dem kleinen Jungen Wanka, der zu einem strengen Schuhmacher in die Lehre gegeben war. Am Heiligen Abend schreibt er seinem einzigen Angehörigen einen Brief über das ganze Elend und wirft ihn in den Postkasten.Auf dem Umschlag steht: „An das Dorf. An meinen Großvater.“ Mit den Jahren wuchs die Produktion von Weihnachtsgeschichten schier ins Unermessliche. Das lag am Bedarf in den Dezember-Ausgaben der Familien-Illustrierten, der Tages- und Wochenzeitungen. Man muss nur in den Jahrgängen von „Gartenlaube“, „Daheim“, „Jugendlust“ oder auch vom „Sonntagsblatt“ nachschlagen. Und gelegentlich finden sich noch vergilbte Heftchen mit schönen Titeln wie „Liebe Weihnachtszeit“, „Das Brot der Heimat“ oder „Käptn Johns Weihnachtsgarn“. Manche Merkmale dieser Erzählungen gehen auf das Evangelium zurück: ein himmlisches Licht in dunkler Nacht, Gottes Nähe bei den Armen, die Liebe als Geschenk und Aufgabe zugleich. Anderes geht vom Brauchtum oder dem Volksglauben aus, der nicht erst im Dritten Reich fragwürdige Urständ feierte. Im Grunde wollen die Geschichten immer dasselbe: das Gefühl anrühren und an das Gute im Menschen appellieren. Oft machen sie dabei die Natur zur Bundesgenossin, durch einen Traum von Winter oder das Auftreten lieber Tiere. Bei Lukas wird zwar außer der Herde vor den Toren Bethlehems noch keines erwähnt. Bei den Dichtern bevölkern sie die Legenden, von Ochs und Esel bis zum winzigen Floh im Stall. Legenden geben sich zeitlos. Die sonstigen Weihnachtsgeschichten tragen den Zeitumständen Rechnung. Deshalb kommen auch die schweren Erlebnisse der beiden Weltkriege in den Erzählungen vor: Wie Soldaten an der Front das Fest erlebten, wie Frauen und Kinder unter dem Christbaum ihrer gedachten. Beschrieben werden auch die Erlebnisse von Ausgrenzung und Verfolgung im Dritten Reich. So erzählt Rudolf Otto Wiemer in der „Reise nach Bethlehem“ die bewegende Geschichte vom jüdischen Straßenhändler Mausche Grendel, dessen Esel jedes Jahr beim dörflichen Krippenspiel mitwirken darf. Doch eines Tages ist für die beiden kein Platz mehr im Spiel – und im Leben. Später setzen sich die Dichter rechtzeitig zum Fest mit Wirtschaftswunder, Wohlstand und Konsumverhalten auseinander. Berühmt ist Heinrich Bölls Satire „Nicht nur zur Weihnachtszeit“, in der eine verwirrte alte Dame jeden Tag zur Feier mit dem Christbaum bittet. Anderswo heißt es: „Ganz und gar nicht heilige Nacht“. Die „Weihnachtskitscher“ werden aufs Korn genommen und zur Abwechslung gibt es „13 Horrorgeschichten zum Fest der Liebe“.

Mehr Besinnlichkeit

In den letzten Jahren ist man wieder besinnlicher geworden. Beliebt sind Sammelbände mit so verheißungsvollen Titeln wie „Großmutters Geschichten zur Weihnachtszeit“, „Weihnacht wird es wieder“ und „Das große Weihnachtsbuch“. Da können die Erwachsenen nachlesen, was Theodor Storm, Theodor Fontane und Thomas Mann über Weihnachten zu schreiben wussten. Die Kinder dürfen sich über die Festerlebnisse von Astrid Lindgrens Heldinnen und Helden oder über die Streiche von Ellis Kauts „Pumuckl“ freuen. Und die ursprünglich in der DDR beheimatete „Weihnachtsgans Auguste“ hat ihren Siegeszug in ganz Deutschland angetreten. Zum Lesen gibt es mehr als genug. Und wer das noch nicht kann oder nicht mehr will, bekommt vieles als Hörbuch oder Film angeboten.

Fazit: Weihnachtsgeschichten sind auch im 21. Jahrhundert gefragt und lebendig. Man sollte ihnen gegenüber nicht allzu kritisch sein. Verglichen mit dem heute üblichen Glanz und Glitzer sind viele von ihnen ein guter Beitrag zum Fest. Sie können den Geschichten im Evangelium keine Konkurrenz machen. Was sie zu sagen haben und wie sie es tun, darf daran gemessen werden.

Christoph Schmerl

 

Wir beten: Himmlischer Vater, wir danken Dir für Dein Ja in Jesus Christus, mit dem Du die Verheißungen des alten Bundes erfüllt hast. Wir danken Dir für den Taufbund, mit dem Du dieses Ja mit jedem Einzelnen von uns bekräftigt hast und uns an die Erfüllung der Kindschaft in Deinem Reich erinnerst. Amen.

Lied EG 16: Die Nacht ist vorgedrungen.

 


 

“Gottes großes „Ja“ ist verwirklicht

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Bild:„Der Engel erscheint den Hirten und verkündet die Geburt des Herrn“ von Reinhard Zimmermann.
   
Und es waren Hirten in derselben Gegend auf dem Felde bei den Hürden, die hüteten des Nachts ihre Herde.

Und der Engel des Herrn trat zu ihnen, und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie; und sie fürchteten sich sehr.

Und der Engel sprach zu ihnen:
Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird.

Denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids.

Lukas 2, 8–11

„...werdet wie die Kinder!

Seht, welch eine Liebe hat uns der Vater erwiesen, dass wir Gottes Kinder heißen sollen – und wir sind es auch! Darum kennt uns die Welt nicht; denn sie kennt ihn nicht. Meine Lieben, wir sind schon Gottes Kinder; es ist aber noch nicht offenbar geworden, was wir sein werden. Wir wissen aber: wenn es offenbar wird, werden wir ihm gleich sein; denn wir werden ihn sehen, wie er ist.
1. Johannes 3, 1–2

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Sich auch als Erwachsener wieder einmal in den Schoß eines anderen fallen zu lassen, wünschen sich auch noch manche „Große“. Foto: Imago
   

Im Urlaub beobachtete ich einen Vater und sein Kind. Müde geworden von dem gemeinsamen Ausflug, war das Kind auf den Schoß des Vaters geklettert und in seinen Armen eingeschlafen. Das sah eine Frau am Nachbartisch. Sie sagte: „Ach, wenn man das noch einmal könnte, so geborgen in Vaters Armen sein.“

Die Frau sprach aus, was ich auch manchmal ersehne: Sich auch als Erwachsener wieder einmal zurücklehnen und fallen lassen zu können wie früher, wissend, jemand anderes, ein Vater oder eine Mutter, sind für mich da. Das ist ein Teil dieses Gottes-Kind-Seins: wir dürfen uns zurücklehnen. Wir dürfen uns in Gottes Schoß fallen lassen. Wir dürfen ihm alles anvertrauen, auch unsere Sorgen. Wir dürfen erfahren, was es heißt: „Seht, welch eine Liebe hat uns der Vater erwiesen, dass wir Gottes Kinder heißen sollen – und wir sind es auch!“ Die Weihnachtsbotschaft ruft uns das in Erinnerung.

Zum Kind-Sein gehört es aber auch, dass wir uns langsam abnabeln, dass wir anfangen selbständig zu sein. Ich erinnere mich noch an die Zeit, als unsere Tochter zwei Jahre alt war: Sie spielte alleine und zufrieden im Wohnzimmer, durch das Esszimmer von der Küche getrennt, wo die Mutter arbeitete. Aber zwischendurch, so alle halbe Stunde, rief sie laut zur Küche hinüber: „Mama!“ – „Ja, was ist?“ „Wollte nur wissen, ob du noch da bist.“ – „Ich bin da!“ – „Ist guhuut!“
Diese Vergewisserung des Kindes – sie ist notwendig, damit Abnabelung gelingen kann. Diese Vergewisserung ist uns darum auch Gott gegenüber nicht nur erlaubt, sie ist uns geboten. Wenn mir der Kleinkram des Alltags die Kraft und die Gelassenheit raubt, dann genügt manchmal schon ein Seufzer in Richtung unseres göttlichen Vaters: Oh Gott – und ich verspüre neuen Mut. Ich fühle mich geborgen.

Aber niemand bleibt in diesem Stadium seines Kindseins stecken. Wir alle werden erwachsen. Auf Vergewisserung und Abnabeln folgen noch ganz andere Phasen. Und es kommen Zeiten, in denen Gott in eine unendliche Ferne rückt. Es ist wie mit den Kindern: Wenn sie erwachsen werden, verlieren sie oft den Kontakt mit ihren Eltern.

Nicht anders ist es mit unserer Beziehung zu Gott. Es gibt viele Menschen, die nur an Weihnachten und Ostern in die Kirche kommen. Vielleicht ist es für manchen oder manche auch gar nicht so einfach, nach langer Zeit einmal wieder den Fuß über die Schwelle einer Kirche zu setzen. Das ist so, wie wenn man über längere Zeit nicht mehr zu Hause war. Man freut sich auf die Eltern, aber sie sind einem auch fremd.
Doch wie ein Kind zu seinen Eltern gehört, so gehören wir als Kinder Gottes zu unserem himmlischen Vater. Auch dann, wenn wir eigene Wege gehen. Auch dann, wenn wir einander fremd werden. Er kettet uns nicht an, er lässt uns die Freiheit, bei ihm zu leben oder sich von ihm zu entfernen – für kurze oder für längere Zeit. Eines jedoch gilt immer: „Wir sollen Gottes Kinder nicht nur heißen, sondern wir sind es auch“. Daran ändert sich nichts. Solange wir leben. Gott gibt uns nicht auf, genauso wenig wie gute Eltern je ihre Kinder aufgeben. Darauf ist Verlass.

Vielleicht haben Sie Lust, an Weihnachten im Gottesdienst mit vielen anderen gemeinsam dies zu feiern: die Gewissheit, dass wir Gottes Kinder sind, gleich wie wir uns benehmen: er ist unser Vater. Gott sei Dank!

Landesbischof Johannes Friedrich

Gebet: Gott, der du uns Vater und Mutter bist, wir danken dir, dass du in Jesus Mensch und Kind geworden bist. Wir danken dir, dass wir deine Kinder sind, von dir geliebt, von dir angenommen und gestärkt, wo immer wir sind, was immer wir sind, was immer wir tun. Schenke uns ein frohes Weihnachtsfest, das uns in unserer Glaubensgewissheit bestärkt, von dir angenommen zu sein, wie Kinder von ihren Eltern angenommen werden, weil du uns liebst. Amen.

Lied EG 547, 8: Und mancher, dessen Leben verkehrt.

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