Evangelisches Sonntagsblatt aus Bayern
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Hier lesen Sie das Thema der Woche, das sich auf der Seite 3 der aktuellen Sonntagsblatt-Ausgabe befindet, und die wöchentliche Andacht. (Heft 49)

Advent feiern – ohne Kranz und Kerzen?

Zuerst drückten sich die vorweihnachtliche Erwartung und Freude im Kirchenlied aus

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Vor 70 Jahren hatte sich der Kranz mit seinen vier Kerzen in ganz Deutschland eingebürgert.
   

Jedes Jahr mehr elektronischer Lichtzauber in den Wochen vor Weihnachten! Doch viele zünden immer noch – oder wieder – die Kerzen am Kranz aus Tannenzweigen an. So wie vor kurzem Florian Silbereisen im Fernsehen zum Auftakt beim „Adventsfest der Volksmusik“. Es gibt sie also noch, die Freude an der bescheidenen, natürlichen Dekoration. Ursprünglich war der Adventskranz sogar noch mehr. Er stand im Mittelpunkt der vorweihnachtlichen Feier. Und seine Geschichte ist noch gar nicht so alt. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts kam in Kinderheimen zum Advent die schöne Sitte auf, jeden Abend Kirchenlieder zu singen und an einem großen Kranz aus Tannenzweigen eine neue Kerze zu entzünden. Dabei wurde ein Bibelwort aufgesagt und gelernt. Zum Heiligen Abend erstrahlte der Kranz im Schein von 24 Lichtern mit dem Christbaum um die Wette – und die Kinder konnten viele Verse auswendig. Gruppen der „Jugendbewegung“ vereinfachten dann die Übung, indem sie ihren Kranz nach der Zahl der Adventssonntage mit vier Kerzen bestückten. Die Sitte verbreitete sich. Zuerst in den evangelischen Häusern Norddeutschlands, seit den 1930er Jahren auch im Süden. Bald war der Adventskranz zum Symbol der Vorweihnachtszeit geworden. Keine Konkurrenz, sondern ein stimmungsvoller Begleiter zu den Adventsliedern.

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Kerzen gehören zur Advents- und Weihnachtszeit dazu.
   

Eine lange Geschichte

Diese haben eine viel längere Geschichte und sind in der Kirche daheim. Schon im Mittelalter hatten die vier Sonntage vor dem Christfest einen besonderen Charakter inmitten einer „stillen Zeit“. Als Hymnus wurde „Veni redemptor gentium“ des Kirchenvaters Ambrosius gesungen. Martin Luther hat ihn mit „Nun komm der Heiden Heiland“ verdeutscht und in den evangelischen Gottesdienst übernommen.

Die große Zeit der Kirchenlieder zum Advent kam drei Generationen später, mitten in den Notjahren des Dreißigjährigen Krieges. Wer die Texte genau liest, kann das Elend noch spüren. „Macht hoch die Tür, die Tor macht weit“, dichtete der Königsberger Pfarrer Georg Weißel (1590–1635}. „All unsre Not zum End er bringt“, heißt es im zweiten Vers. Sein Landsmann Valentin Thilo (1607–1662) schrieb zur selben Zeit das Lied „Mit Ernst, o Menschenkinder, das Herz in euch bestellt“. Michael Schirmer (1607–1673), Lehrer am Gymnasium zum Grauen Kloster in Berlin, schrieb den Text von „Nun jauchzet all, ihr Frommen, zu dieser Gnadenzeit“. Vertont hat es sein Kollege Johann Crüger (1598–1662), der zudem Kantor an der Kirche St. Nikolai war. Er schuf auch die Melodie zum Lied „Wie soll ich dich empfangen“. Der Text stammte von seinem Freund Paul Gerhardt. Viele Jahre lang hatte dieser keine Pfarrstelle finden können. Gegen Ende des Krieges war er Hauslehrer in Berlin. „Das schreib dir in dein Herze, du hoch betrübtes Heer, bei denen Gram und Schmerze, sich häuft je mehr und mehr“: solche Worte sind aus dem Herzen geschrieben und gehen zu Herzen. In Straßburg dichtete Daniel Sudermann (1550–1631) nach einem alten Marienlied „Es kommt ein Schiff geladen“. Und der Jesuitenpater Friedrich von Spee drückte seine Sehnsucht nach Gottes Heil in einer heillosen Welt so aus: „O Heiland, reiß die Himmel auf, herab, herab vom Himmel lauf.“ Spee litt besonders mit den Frauen, die damals bei den Hexenprozessen einem verdunkelten Glauben und einer blinden, grausamen Justiz zum Opfer fielen. Deshalb die heiße Bitte: „O Sonn, geh auf, ohn deinen Schein in Finsternis wir alle sein.“

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Von Paul Gerhardt stammt das Lied „Wie soll ich dich empfangen“. Fotos: Archiv (2), Wodicka
   

Alle diese Adventslieder lassen ein Miterleben und Mitleiden menschlichen Elends spüren. Aber auch eine starke Zuversicht auf das Kommen von Christus, der die Not der Welt wenden kann. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts schienen sie ihre Kraft einzubüßen. In den Kirchen machte sich ein aufgeklärter Geist breit, der Religion im Sinn einer bürgerlichen Moral verstand. Die alten Lieder verschwanden aus den Gesangbüchern. Oder sie wurden umgedichtet, weil das schlichte Kirchenvolk sie nicht ganz missen wollte. Da hieß es im „Gesangbuch für die protestantische Kirche im Königreich Bayern“ aus dem Jahre 1815: „Wie soll ich dich empfangen, Heil aller Sterblichen. Du Freude, du Verlangen der Trostbedürftigen.“ Doch nach einigen Jahrzehnten wurden die alten Gesänge wieder entdeckt und bekamen den Platz im Gesangbuch zurück. Dort fanden sich dann auch neue Lieder, wie das bald sehr beliebte „Tochter Zion, freue dich“. Der Text stammt von Friedrich Ranke (1798–1876), die Melodie von Georg Friedrich Händel.

Die Kirchenlieder zum Advent konnten später auch bei den häuslichen Feiern, unter Kranz und Kerzen, einen Platz behaupten. Neben den weltlichen Gesängen vom leise rieselnden Schnee, dem morgen kommenden Weihnachtsmann und dem Tannenbaum mit seinen grünen Blättern. Die Menschen hatten noch ein Gefühl für den tieferen Gehalt der Adventszeit. Besonders trifft das für einen zu, der Kranz und Kerzen liebte und dabei voller Sehnsucht auf das Kommen Christi in einer schlimmen Zeit hoffte: Jochen Klepper (1903–1942) schrieb im Jahre 1938 „Die Nacht ist vorgedrungen, der Tag ist nicht mehr fern.“ Er hat es nicht mehr erlebt, dass sein Lied ins Evangelische Kirchengesangbuch aufgenommen wurde.

Neue Adventslieder

Die christliche Adventsbotschaft lebt auch in Liedern, die in den letzten Jahrzehnten entstanden sind. Zum Beispiel „Seht die gute Zeit ist nah“ mit Text und Melodie von Friedrich Walz (1932–1984). Martin Bogdahn schrieb zu einer alten Weise aus Salzburg „Jetzt fangen wir zum Singen an“. Eine enge Verbindung der christlichen Botschaft mit Adventskranz und Kerzen hat das Lied von Maria Ferschl (1895–1982) „Wir sagen euch an den lieben Advent“. Mit der Melodie von Heinrich Rohr ist es in Kindergärten und Häusern, in Schulzimmern und Familiengottesdiensten daheim. Wer sagt denn, dass der Adventskranz nur noch Dekoration ist! Wo Christinnen und Christen sich etwas einfallen lassen, können Feiern auch heute zugleich fromm und lebendig sein. Als Adventsandacht, zu der sich evangelische und katholische Familien in ihren Wohnungen treffen. Beim „Adventskalender“, wo man jeden Abend durchs Dorf zieht und sich dann jeweils vor einem anderen Haus versammelt. Mit den alten, mit neuen – und vielleicht auch mit ganz neuen Liedern.

Christoph Schmerl

 


 

Nimm mich, wie ich bin!

„Denn was zuvor geschrieben ist, das ist uns zur Lehre geschrieben, damit wir durch Geduld und den Trost der Schrift Hoffnung haben. Der Gott aber der Geduld und des Trostes gebe euch, dass ihr einträchtig gesinnt seid untereinander, Christus Jesus gemäß, damit ihr einmütig mit einem Munde Gott lobt, den Vater unseres Herrn Jesus Christus. Darum nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob. Denn ich sage: Christus ist ein Diener der Juden geworden um der Wahrhaftigkeit willen, um die Verheißungen zu bestätigen, die den Vätern gegeben sind; die Heiden aber sollen Gott loben um der Barmherzigkeit willen, wie geschrieben steht: Darum will ich dich loben unter den Heiden und deinem Namen singen. Und wiederum heißt es: Freut euch ihr Heiden mit seinem Volk! Und wiederum: Lobet den Herrn, alle Heiden, und preist ihn, alle Völker! Und wiederum spricht Jesus: Es wird kommen der Spross aus der Wurzel Isais und wird auferstehen, um zu herrschen über die Heiden; auf den werden die Heiden hoffen. Der Gott der Hoffnung aber erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben, dass ihr immer reicher werdet an Hoffnung durch die Kraft des Heiligen Geistes.“
Römerbrief 15,4-13

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Gerade in der Adventszeit sind kirchliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter besonders eingespannt. Die Erwartungen an sie sind hoch. Konflikte sollten im Sinne des Apostels Paulus gelöst werden: „Nehmt einander an!“ Foto: Wodicka
   

Die Kindergottesdienstkinder haben mit viel Liebe kleine Figuren gebastelt. Sie sind aus Filzresten gemacht und sollen an das Jesuskind erinnern. Im Gottesdienst an Heilig Abend werden sie am Ende an alle Gottesdienstbesucher verteilt. Einige Besucher reagieren freudig überrascht, andere nehmen das Geschenk einfach mit. Einige Wochen später, bei der Auswertung im Mitarbeiterkreis sind die Reaktionen ganz anders: „Das entspricht nicht unserem Auftrag. So ein Kitsch!“ Die zuständigen Mitarbeiterinnen fühlen sich missverstanden, weil sie auf diese Weise ihren Beitrag zum Weihnachtsgottesdienst leisten wollten. Sie sind tief getroffen, auch wenn sie nur zaghaft widersprechen.

Die Advents- und Weihnachtszeit bietet genügend Gelegenheiten für das Aufbrechen von Konflikten. In den Kirchengemeinden werden die Weihnachtsgottesdienste und Adventsfeiern vorbereitet. Dazu kommen Konzerte und manche Geschenke für verdiente Mitarbeiter. Und alles soll besonders schön sein. Da gibt es durchaus den einen oder anderen Konflikt, weil man gerade besonders gereizt ist, oder weil man über Vorbereitung und inhaltliche Gestaltung der adventlichen Gemeindeaktivitäten einfach anderer Auffassung ist. Persönliche Eigenheiten und unterschiedliche geistliche Einstellungen überlagern sich meist.
Hier kann sich entweder der Stärkere gegen den Schwächeren durchsetzen, oder aber man nimmt Rücksicht aufeinander. Das ist das, was Paulus meint, wenn er sagt: „Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob.“

Hier geht es nicht um ein zähneknirschendes Lieb-sein-Müssen oder den plötzlichen Austausch der inneren Gefühle. Es geht darum, dem andern die Tür zu öffnen und ihn hereinzubitten, um ein aufmerksames Einander-Entgegengehen. So wie Christus mit mir umgeht: Er nimmt mich, wie ich bin! Daraus kann ich auch die Kraft für die manchmal nötige Geduld schöpfen.

So eine Atmosphäre in einer Kirchengemeinde oder in einer Gruppe strahlt nach außen aus: Es entsteht ein Zusammengehörigkeitsgefühl, das sich in der Echtheit der Loblieder widerspiegelt. Das ist dann auch ein Nährboden für Freude und Friede im Glauben.
Aus dieser Haltung heraus kann ich auch etwas gut finden und mittragen, was ich selber anders machen würde. Damit könnte die Rückmeldung im Mitarbeiterkreis zum Beispiel so aussehen: „Die Puppen waren mit viel Liebe gemacht und sie haben an das Weihnachtskind erinnert. Eigentlich finde ich solche Puppen kitschig. Für den Heiligen Abend war es ein sinnvoller Beitrag und ich habe mich mit darüber gefreut.“

Pfarrer Wolfram Lehmann, Affalterthal

Wir beten: Du bist auf dem Weg zu uns, Gott. Wir möchten Dir entgegengehen; aber so vieles verstellt uns den Weg für Deine Güte. Überwinde, was uns von dir trennt, damit wir dir begegnen. Amen.

Lied EG 10: Mit Ernst, o Menschenkinder.

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