Evangelisches Sonntagsblatt aus Bayern
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Hier lesen Sie das Thema der Woche, das sich auf der Seite 3 der aktuellen Sonntagsblatt-Ausgabe befindet, und die wöchentliche Andacht. (Heft 48)

Mit einem Schlag ist alles anders

Ein Ehepaar berichtet über die Zeit nach der Schädel-Hirn-Verletzung

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Werner Hildebrand bei seiner Lieblingsbeschäftigung: malen.
   

Es ging ganz schnell. Von einer Sekunde auf die andere hat sich das Leben von Gerlinde und Werner Hildebrand drastisch verändert. Gerade betrachteten die beiden beim Spaziergang noch die Schaufensterauslagen einer Apotheke, im nächsten Moment wurden sie hoch geschleudert und landeten unsanft auf dem Boden. Gerlinde Hildebrand kam mit Beinverletzungen davon. Als Werner Hildebrand wieder zu sich kam, waren Tage, fast Wochen, vergangen und er befand sich in der Klinik. Er hatte eine schwere Schädel-Hirn-Verletzung. Erst nach und nach realisierte er, was geschehen war: Ein Auto war auf regennasser Straße mit Straßenbahnschienen ins Schleudern gekommen und erfasste das Ehepaar, das auf dem Gehweg stand. „Es ging alles so schnell“, sagt Gerlinde Hildebrand.

Leben neu eingerichtet

Der Unfall liegt inzwischen über vier Jahre zurück. Hildebrands sind umgezogen, die Wohnung im dritten Stock ohne Aufzug wurde für sie unmöglich. Jetzt wohnen sie im Erdgeschoss. Und Werner Hildebrand ist mit seinen 57 Jahren Frührentner – schweren Herzens. „Ich war 40 Jahre bei Siemens in der Konstruktion und Entwicklung“, seufzt er. „Ich habe meine Arbeit geliebt.“ Seine Frau sitzt daneben und nickt. Mit ihnen am Tisch sitzt Bernhard Geyer von der Beratungsstelle für Menschen mit Schädel-Hirn-Verletzung, eine Einrichtung der Rummelsberger Dienste. Seit einem knappen Jahr begleitet er Hildebrands – seelsorgerlich ebenso wie beratend in rechtlichen und praktischen Fragen.
Hildebrands sind dankbar, dass sie heute wieder ein relativ normales Leben führen können. „Es hätte auch ganz anders kommen können“, sagt Gerlinde Hildebrand. Die Ärzte hatten Anfangs große Bedenken, dass ihr Mann überlebt. Als dann klar war, dass er durch kommt, tauchten jede Menge anderer Probleme auf. „Als ich in der Klinik zu mir kam, war ich nicht mehr derselbe wie vorher“, sagt er. „Ich kannte meine Familie nicht mehr und musste die einfachsten Dinge des Lebens erst wieder lernen – duschen, essen, reden.“

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Das Ehepaar Hildebrand hat Besuch von Bernhard Geyer von der Beratungsstelle für Menschen mit Schädel-Hirn-Verletzung. Fotos: kil
   

Fast vierzig Wochen verbrachte er in Kliniken. Die längste Zeit in Kipfenberg. Manchmal war er ziemlich am Ende. „Ich konnte mir nichts merken, es fiel mir zeitweise schwer mich auf die Therapie einzulassen“, erzählt er. Sozialpädagoge Bernhard Geyer weiß: „Die Konzentrationsschwäche und das Durchhaltevermögen leiden bei einer Schädel-Hirn-Verletzung sehr. Da hilft nur dranbleiben.“

Aber genau das ist eben oft leichter gesagt als getan. Mit am meisten geholfen hätten ihm die Gespräche mit dem Pfarrer in der Klinik, sagt Hildebrand. „Er hat sich für mich interessiert und mir zugehört. Das hat mir sehr gut getan.“ Er habe ein großes Redebedürfnis gehabt. „Und der Pfarrer ließ mich reden und hörte zu. Das war gut.“ Aber nicht nur für ihn, sondern auch für seine Frau Gerlinde war die Zeit sehr schwer. „Er kannte mich anfangs ja nicht mehr. Die ersten Wochen wussten wir nie, ob er uns kennt, ob er uns hört.“ Später dann musste sie sich damit auseinandersetzen, dass sich die Persönlichkeit ihres Mannes verändert hat. „Er war manchmal ganz schön aggressiv.“ – Auch das sei eine typische Verletzungsfolge, weiß Bernhard Geyer. „Viele Ehen gehen nach einer Kopfverletzung, nach einem Schlaganfall auseinander.“ Geholfen haben Gerlinde Hildebrand Freunde und die Familie. „Ganz ehrlich, wenn ich da nicht Menschen gehabt hätte, bei denen ich mich ausheulen kann und reden kann – ich weiß nicht, ob wir dann heute noch zusammen wären.“ Werner Hildebrand schaut seine Frau Gerlinde glücklich an, und auch ein bisschen ängstlich. „Ich bin sehr, sehr froh, dass meine Frau nicht aufgegeben hat. Ich hätte es ohne sie doch nicht geschafft.“ Er ist sich dessen bewusst, dass es für sie auch keine einfache Zeit war. „Aber 37 Jahre Ehe halten einen schon auch zusammen.“

Das Ehepaar musste sich gemeinsam das Leben neu einrichten. Für Werner Hildebrand ist die Kunst eine wichtige Beschäftigung. Seit über 35 Jahren malt er. Seine Bilder waren und sind immer wieder in Ausstellungen zu sehen. Die große Leidenschaft seiner Frau sind Puppen. Eine große Sammlung ziert die Wohnung der Hildebrands. Doch bis heute tauchen immer wieder Probleme auf. Zum Beispiel spürt Werner Hildebrand eine Gesichtshälfte nicht, außerdem ist er oft müde und schläft viel. Besonders schlimm für ihn ist es, dass er nicht mehr Auto fahren kann. „Wenn ich dann sehe, dass eine Achtzigjährige Frau mit dem Auto durch die Gegend kutschiert, kann ich schon mal wütend werden.“ Das ist für Gerlinde Hildebrand manchmal nicht leicht. „Mir hilft aber zu wissen, dass das an der Verletzung liegt. Dass seine negativen Gefühle nichts mit mir zu tun haben.“

Hilfe von der Beratungsstelle

Im Lauf der Zeit hat sie sich viel mit Schädel-Hirn-Verletzungen auseinandergesetzt. Sie war es auch, die die Beratungsstelle ausfindig gemacht und angerufen hat. „Ich habe schnell gemerkt, dass ich dort an der richtigen Adresse bin. Nur schade, dass ich nicht schon viel früher darauf gestoßen bin.“ Bernhard Geyer lacht, räumt aber ein: „Ja, dafür dass es die Beratungsstelle bereits seit 1999 gibt, sind wir ziemlich unbekannt.“ Die Hildebrands sind sich einig: „Wir empfehlen Sie weiter und machen Menschen Mut, sich Hilfe zu holen. Solche Angebote muss man nutzen.“

Karin Ilgenfritz

Hinweis: Eine Beratungsstelle für Menschen mit Schädel-Hirn-Verletzung gibt es in Nürnberg, Marienstraße 16 (0911/2873974), und in Ansbach, Rummelsberger Straße 11 (0981/9508671).

 


 

Der Himmel ist offen

So schau nun vom Himmel und sieh herab von deiner heiligen, herrlichen Wohnung! Wo ist nun dein Eifer und deine Macht? Deine große, herzliche Barmherzigkeit hält sich hart gegen mich. Bist du doch unser Vater; denn Abraham weiß von uns nichts, und Israel kennt uns nicht. Du, Herr, bist unser Vater; „Unser Erlöser“, das ist von alters her dein Name. Warum lässt du uns, Herr, abirren von deinen Wegen und unser Herz verstocken, dass wir dich nicht fürchten ? Ach dass du den Himmel zerrissest und führest herab.
Jesaja 63,15-17a;20a

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Manche Häuser sind in der Vorweihnachtszeit besonders liebevoll geschmückt, als wollten die Bewohner Gott in ganz besonderer Weise auf sich aufmerksam machen. Foto: imago/Kurzendörfer
   

In der vorweihnachtlichen Zeit gehe ich am Abend besonders gern durch die Straßen. Ich genieße die adventlich geschmückten Häuser und Straßen. Durch die Adventsbeleuchtung ist alles viel heller als sonst im Jahr. Ganz individuell ist jedes Haus von seinem Bewohner liebevoll geschmückt. So persönlich wie jeder Mensch, der hinter diesen wunderbar geschmückten Lichterfenstern wohnt, von seinem ihm eigenen Lebensschicksal geprägt ist. Manchmal sind sogar die Häuser mit besonders vielen Lichtern geschmückt, in denen die Not am größten ist. Als wollten diese Bewohner auf sich ganz intensiv aufmerksam machen und sagen: „So schau nun vom Himmel und sieh herab von deiner heiligen, herrlichen Wohnung! Wo ist nun dein Eifer und deine Macht? Deine große Barmherzigkeit hält sich hart gegen mich.“

Immer wieder können wir im Leben Situationen erleben, in denen sich in uns das schmerzliche Gefühl breit macht, nicht nur von der Welt, sondern auch von Gott selbst verlassen zu sein. Es ist das Gefühl, das viele Menschen schon vor uns gemacht haben: dass der Himmel verschlossen ist, dass Gott unser Herz verstockt und uns von seinen Wegen abirren lässt. Und andererseits machen wir wie sie die Erfahrung, von Gott auf wunderbare Weise geführt und bewahrt zu werden. Diese zwiespältige Glaubenserfahrung ist grundlegend und verbindet uns mit unseren Vorfahren. Von ihnen können wir aber auch lernen, mit diesem Zwiespalt umzugehen. Anstatt sich ins stille Kämmerlein zurückzuziehen und sich von Gott abzuwenden, lassen sie nämlich nicht locker. Sie treten mit Gott ins Gespräch. Sie bitten ihn, den Himmel zu zerreisen. Sie erinnern ihn an seinen Namen und weisen ihn so darauf hin, dass sein Name zugleich Programm ist. „Du, Herr, bist unser Vater; „Unser Erlöser“, das ist von alters her dein Name.“

Unseren Erlöser bitten wir in dieser adventlichen Zeit mit dem Lied „O Heiland, reiß die Himmel auf! Herab, herab vom Himmel lauf!“, uns seine Macht ganz deutlich spüren zu lassen. Am liebsten wäre es vielen von uns, wenn dies ganz offensichtlich geschehe. Mit Pauken und Trompeten, als ein großes Medienereignis – eben so wie wir es als Menschen gewohnt sind, wenn jemand seine Macht demonstriert. Aber Gott kommt anders. Er kommt in einem neugeborenen. Kind, das in einem Stall in Bethlehem geboren wird und Jesus von Nazareth heißt. Er kommt unaufdringlich und machtlos, aber voller Liebe. Mit Jesus Christus reißt Gott den Himmel auf für uns. Mit ihm kommt er in unsere Welt, um uns von allem zu befreien, was uns von ihm trennt. Einfach himmlisch! Amen.

Pfarrerin Steffi Beck-Seiferlein, Bechhofen

Wir beten: Lieber Vater im Himmel, mitten in unsere vergängliche Welt willst du kommen. Wir sehnen uns nach dir und warten auf dich. Mache uns feinfühlig, damit wir deine Barmherzigkeit auch in Zeiten der Dunkelheit und Kälte spüren. Erfülle unsere Herzen mit deiner Liebe, die uns stark macht und Wärme schenkt. Amen.

Lied EG7: O Heiland, reiß die Himmel auf

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